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Der Himmel über Lhasa

Die Farbe Kobaltblau, fröhliche Häuser und chinesische Polizisten an jeder wichtigen Straßenkreuzung. Wer Tibets Hauptstadt besucht, wird nicht nur über die Pracht des Potala-Palastes staunen, sondern ebenfalls über das verzwickte Verhältnis zwischen Besatzern und Besetzten.

Herr Li ist Chinese und eigentlich ein sehr mieser Reiseführer. Andernfalls hätte er nicht ungefragt zugegeben, dass er die Tibeter nicht mag. Schlimmer noch: Von nichts, was wir während unseres fünftägigen Aufenthalts in Lhasa erleben und sehen, wird er auch nur annähernd begeistert sein. Ihm schmeckt das Yak-Fleisch nicht. Das tibetische Nationalgericht Tsampa, ein Brei aus Getreide und leicht gezuckertem Wasser, von dem die Einheimischen oft eine Notration in einem kleinen Lederbeutel am Gürtel tragen, sei eine Zumutung. Und sogar für den wunderschönen Potala-Palast auf dem Hügel Marpori findet er keine Worte der Entzückung. Dabei ist der ehemalige offizielle Regierungssitz der Dalai Lamas ein wahrer Prachtbau, der heute als Museum genutzt wird und – neben dem Jokhang-Tempel – weiterhin zu den wichtigsten Pilgerstätten der tibetischen Buddhisten zählt.

Davon will Herr Li natürlich nichts wissen. Hätten der Palast und seine Nebengebäude, die seit 1994 auf der UNESCO-Liste des Welterbes stehen, die chinesische Kulturrevolution in Tibet nicht unversehrt überstanden, weil sie der Besatzungsarmee als Unterkunft dienten, er würde dem Kulturdenkmal wahrscheinlich keine Träne nachweinen. Dass ein Mensch derart hasserfüllt sein kann, ist für Westeuropäer unbegreiflich und nicht zu entschuldigen. Genauso unverständlich ist die Tatsache, dass unser Reisebegleiter die Beschwerden seiner Gäste nicht ernst nimmt. Im Hotel, in dem – wie hätte es auch anders sein können – ein Manager aus Peking das Sagen hat, ist es nämlich eiskalt. Nicht nur in den Zimmern und im Bad, auch im Speisesaal. Die Heizung funktioniert nur stundenweise, eine warme Dusche zu erwischen, wird zur Glückssache. Das Personal schaltet auf stur. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als im Anorak und mit Wollmütze auf dem Kopf zu frühstücken und über einen möglichen Rachefeldzug nachzudenken. Ungeschoren soll Herr Li jedenfalls nicht davonkommen.

Der Jokhang-Tempel in Lhasa gilt als spirituelles Herz Tibets und wird wegen seiner goldenen Statue des jungen Buddhas verehrt.

Doch dann tritt ein anderer Feind auf den Plan: die Höhenluft. Lhasa liegt zwar „nur“ 3.700 Meter über dem Meeresspiegel, der Ausflug ins Hinterland führt die Gruppe indes noch ein paar hundert Meter höher – und lässt den Reiseführer einen weiteren Triumph einfahren. Die einen klagen über plötzliche Kopfschmerzen, andere sind schon beim Aussteigen aus dem Bus völlig atemlos. Am liebsten hätte Herr Li freudestrahlend zum Abbruch geblasen, aber die Landschaft ist derart beeindruckend, dass das Picknick im Freien trotz aller Widrigkeiten stattfindet. Und das auch noch in tibetischer Gesellschaft. Eine Frau und drei Kinder sind aus dem Nichts aufgetaucht und strecken bettelnd die Hände nach den gebratenen Hähnchenschenkeln und Äpfeln aus. Sorgsam wird die Beute in ein großes Tuch gepackt, und dann verschwindet das Quartett erneut im Nirgendwo. Herr Li setzt zum Schimpfen an, aber niemand hört ihm zu.

Ein weiteres Must in der tibetischen Hauptstadt ist der Norbulingka. Über rund 250 Jahre wurde der Palast von den verschiedenen Dalai Lamas immer wieder erweitert und umgebaut. Unter welchen Umständen der gegenwärtige 14. Dalai Lama 1959 seine Residenz verlassen musste, erzählt Herr Li nur schleppend. Als würde er nicht wissen, dass man die Fakten jederzeit im Internet googeln kann. Also: Die 1950 erfolgte Eingliederung Tibets in die Volksrepublik China garantierte der sogenannten autonomen Region durch ein Abkommen kulturelle und religiöse Souveränität, im Alltag jedoch nahmen Repressalien, Unterdrückung und Verbote zu. Als sich das Gerücht verbreitete, dass man den damals jungen Tenzin Gyatso ausschalten wollte, umstellten 30.000 Tibeter den Palast, um ein menschliches Schutzschild für das höchste Oberhaupt des Buddhismus zu bilden. Fünf Tage später wurden trotzdem zwei Mörsergranaten auf den Norbulingka abgeschossen. Noch am gleichen Abend verkleidete sich der Dalai Lama als einfacher Landarbeiter und floh ins Exil nach Indien. Die 800 Granaten, die im Nachhinein abgefeuert wurden, töteten Tausende Menschen. Am Ende lag der Palast in Schutt und Asche. Erst in den 1980er Jahren begann der Wiederaufbau der Anlage.

In der mehrheitlich von Tibetern bewohnten Hauptstadt lebt ein Drittel Han.

Der Ramoche-Tempel ist einer der wichtigsten in Lhasa.

Jede dunkle Wolke hat einen silbernen Rand, besagt ein Sprichwort. Soll heißen: Man kann Glück im Unglück haben. Genau das hat unsere Reisegruppe, denn Herr Li ist nicht nur ein chauvinistischer Chinese, sondern noch dazu ein arbeitsfauler. Wir haben demnach viel freie Zeit. Gottseidank. Da wir darüber hinaus eine Genehmigung haben, uns in Lhasa aufzuhalten, brauchen wir uns nicht zu verstecken und keine Angst vor den chinesischen Uniformierten zu haben, die an jeder Straßenkreuzung auf und ab marschieren. Dennoch schüchtern einen deren unverwandten Blicke ziemlich ein. Ihren letzten gewaltsamen Einsatz hatten die Besatzer im Jahr 2008, als Mönche und Jugendliche die Innenstadt verwüsteten, um auf ihre Diskriminierung aufmerksam zu machen. Tibeter hätten keine Chance auf eine ordentliche Schulbildung, würden immer schwieriger einen anständig bezahlten Job finden, während Chinesen zur gleichen Zeit auf ihre Kosten reich werden würden. Und so wurden kurzerhand Läden geplündert, Hotellobbys und Autos angezündet, Reifen auf der Straße verbrannt und mit Steinen geworfen. China schickte daraufhin Panzer, drei Menschen kamen ums Leben, die Apartheid geht weiter.

Selbstverständlich stellt sich die Frage, ob man als Tourist eine Regierung unterstützen darf, die Teile ihrer Bevölkerung unterjocht. Andererseits sind Berichterstattungen über Länder, in denen Menschenrechtsverletzungen auf der Tagesordnung stehen, wichtig. Damit sie nicht vollends aus der internationalen Öffentlichkeit verschwinden. Der Konflikt zwischen Tibet und China wird vermutlich noch lange nicht aus der Welt geschafft sein. Derweil wächst der Widerstand im indischen Dharamsala, der Hochburg der Exiltibeter. Junge Aktivisten kämpfen dort nach wie vor für eine vollkommene Unabhängigkeit ihres Volkes. Herr Li kann darüber nur entsetzt den Kopf schütteln. Ihm zufolge hätte Tibet sich nach dem Sturz des letzten Manchu-Kaisers im Jahr 1911 nie selbst verwalten dürfen.

Seit Jahrzehnten leisten die Tibeter mehr oder weniger friedlichen Widerstand gegen die chinesische Regierung.

Angesichts derartiger Aussagen haben wir uns mitunter gefragt, ob Herr Li etwa unter Beobachtung steht, doch so konzentriert wir uns auch umgeschaut haben, eine zwielichtige Person ist uns nie aufgefallen. Demnach muss der Reiseführer tatsächlich überzeugt sein von dem, was er predigt. Im Flieger nach Peking ist er übrigens wie verwandelt. Er neckt die Stewardessen, lacht sein schrilles Lachen und zeigt sich von seiner besten Seite. Der Rest der Reise verläuft recht angenehm. Schließlich ist Herr Li endlich wieder zu Hause.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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