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Der Hölle nah

Als Marius von Mayenburg seine Boulevardsatire „Stück Plastik“ in Berlin inszenierte, flogen Spaghetti durch die Luft. Ob Regisseurin Marion Poppenborg ähnlich mutig ist?

Ulrike und Michael sind am Ende ihrer Kräfte. Die Arbeit und die Herausforderungen des Alltags wachsen der Assistentin eines angesagten Künstlers und dem Arzt gehörig über den Kopf. Und als auch noch Sohn Vincent viel zu früh zu pubertieren beginnt, gerät die bereits angeknabberte Familienidylle vollends in Gefahr. So wird – als vermeintliche Rettung – eine Haushaltshilfe eingestellt. Jessica soll den Eheleuten, die ihr Bestes geben und trotzdem immer wieder scheitern, den Rücken frei halten, und das tut die junge Frau ziemlich erfolgreich. Sie räumt auf, wäscht ab, versorgt das Kind und hat stets ein offenes Ohr für alle Sorgen.

Auf die Frage, warum er ein abendfüllendes Stück über die schmutzige Beziehung zwischen einer reichen Familie, in der keine Kommunikation mehr stattfindet, und ihrer stillen und fleißigen Bediensteten geschrieben hätte, antwortete Marius von Mayenburg, dass er eine Schwäche für Putzfrauen habe und dass er schon seit längerer Zeit von Menschen fasziniert sei, die eine bestimmte politische Identität haben, sich beispielsweise als linksliberal bezeichnen und an den Kampf für die Rechte von Unterprivilegierten glauben würden, gewisse Hausarbeiten jedoch auf keinen Fall selbst übernehmen wollen und bei der Erziehung ihrer Kinderund in ihrem Privatleben völlig verunsichert sind. Diese Doppelmoral hätte ihn beim Schreiben des Stückes am meisten interessiert: Wie kann man Ideale verteidigen, denen man selbst nicht gerecht wird?

In „Stück Plastik“ (auf Französisch: „Pièce en plastique“) ist es – für Ulrike – selbstverständlich, dass Jessica nicht studiert hat, und wenn Jessica in einer anderen Szene gefragt wird, ob sie aus Polen oder aus der Ukraine kommt, ist man als Zuschauer schon ziemlich peinlich berührt, aber Marius von Mayenburg treibt alles noch ein bisschen mehr auf die Spitze. Für ihn ist es eine Sache, Bargeld in der Wohnung herumliegen zu lassen, eine ganz andere Sache ist es indes, darüber zu sprechen und die Situation dadurch noch zu verschlimmern. Ein weiterer unangenehmer Aspekt des Stückes ist das Verhältnis des Paares zu ihrem heranwachsenden Kind. Beide wissen nicht so recht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Dazu kommt, dass sowohl der Vater als auch der Sohn sich für die hübsche Putzfrau interessieren. Eine komplexe Angelegenheit.

Irgendwann fliegen Spaghetti durch die Luft. Nicht während eines Ehestreits, sondern als Performance von Konzeptkünstler Serge Haulupa. „Aber damit nicht genug“, verrät Regisseurin Marion Poppenborg. Eine Bratpfanne wird ebenfalls zweckentfremdet. Was ihr an der Satire gut gefällt, ist der moralische Spiegel, den Marius von Mayenburg der bürgerlichen Gesellschaft – also uns – vorhält. „Wir werden hochgenommen, und dabei geht der Autor sogar noch einen Schritt weiter. Er macht das Publikum nämlich zu seinen Verbündeten. Die Zuschauer sind Teil des Stückes.“ Und das Schöne daran ist wiederum, dass man – wie übrigens auch Ulrike und Michael – nicht so richtig weiß, wie man reagieren soll. Es gibt in „Stück Plastik“ eine Menge ziemlich beschämender Situationen, die sich als noch deplazierter entpuppen, sobald man darüber nachzudenken beginnt, warum sie eigentlich derart bloßstellend sind.

Im Mittelpunkt des Stücks steht die schmutzige Beziehung zwischen einer reichen Familie und ihrer umkämpften Putzfrau.

Dass das deutschsprachige Stück mit den Luxemburger Schauspielern Sascha Ley und Marc Baum in den Hauptrollen auf Französisch inszeniert wird, stört Marion Poppenborg nicht. Die Übersetzung von Mathilde Sobottke sei ganz in Ordnung, und das Wechseln von einer Sprache in eine andere ist sie seit Jahren gewohnt. Nicht nur beruflich. Die in der westfälischen Provinz aufgewachsene Theaterregisseurin, die früher auch als Darstellerin auf der Bühne stand, lebt heute im französischen Aveyron. Arbeitet sie in Luxemburg, wohnen sie und ihr Hund, der bei den Proben stets dabei ist, bei einer befreundeten Schauspielerin. Baden-Baden, Bamberg, Stuttgart, Regensburg und Karlsruhe sind nur einige Stationen der engagierten Autodidaktin, die in Münster Germanistik und Sport studiert hat und mitunter bedauert, dass es nicht mehr Frauen im Regiefach gibt. Auf der Bühne interessieren sie vor allem subtile Gefechte. In „Stück Plastik“ kämpft das Ehepaar zwar nicht so sehr gegeneinander, sondern eher füreinander, trotzdem geht es zwischen den beiden mitunter hoch her. Der Konflikt zwischen dem nach Hilfe suchenden Sohn und seinen Eltern ist derweil schon komplexer, und was die Figur des lauten und aggressiven Haulupa betrifft, sind dessen Provokationen mitunter purer Genuss.

Den Titel des Stücks interpretiert Marion Poppenborg folgendermaßen: Inmitten des Chaos, das sich in der schicken Designer-Wohnung von Ulrike und Michael ausbreitet, ist die Putzfrau der ruhende Pol. An ihr tropft alles ab. Sie macht alles, was man ihr aufträgt. Sie ist bemüht, beschwert sich nie. Sie hört allen aufmerksam zu, mischt sich nicht ein. Alle weinen sich bei ihr aus, doch Jessica nutzt dies nicht aus. Sie lässt sich hässliche, abgetragene Kleider schenken, lässt sich duzen und demütigen, erledigt dennoch ihre Arbeit ohne zu mucken – mehr hingegen nicht. Die Dummen und Bösen sind die anderen, das heißt: wir. Marius von Mayenburg zwingt die Zuschauer, auf sich selbst zu schauen und über sich selbst zu lachen. Dieses Lachen ist indes nicht immer befreiend.

Autor Marius von Mayenburg zwingt die Zuschauer, auf sich selbst zu schauen.

Was die Vielzahl an aufgegriffenen Themen (Ausbeutung, Kunstverständnis, soziale Schere, Verantwortung…) in „Stück Plastik“ betrifft, vergleicht Marion Poppenborg die schwarzhumorige Gesellschafts-, Konversations- und Beziehungskomödie mit einem Würfelbecher. Würfel rein, kräftig schütteln und dann auswerfen. Mitunter erinnert das Stück an die Dramen „Gott des Gemetzels“ und „Kunst“, in denen die französische Erfolgsautorin Yasmina Reza die obere Mittelschicht als extrem lächerlich und beziehungsunfähig darstellt und den Kunstbetrieb auf die Schippe nimmt, doch trotz formaler Entsprechungen drückt Marius von Mayenburg etwas kräftiger auf die Boulevard-Tube.

Wie Marion Poppenborg das klinisch reine Zuhause von Ulrike und Michael, das sich allmählich in einen Saustall verwandelt, auf die doch begrenzte Bühne des hauptstädtischen Centaure transponiert? Mit einem überdimensionalem Kunstbild und ein paar roten Plastikstühlen, lautet die Antwort. Mehr braucht es nicht. Über die Inszenierung selbst möchte die Regisseurin allerdings nicht allzu viele Details ausplaudern, um den Überraschungseffekt nicht zu verraten. Aha, es gibt demnach- wie bei der Uraufführung an der Berliner Schaubühne – Knalleffekte. „Jaja“, bestätigt Marion Poppenborg. Und lächelt.

Fotos: Julien Becker, Antoine de Saint Phalle

Premiere ist am 16. Januar um 20 Uhr im hauptstädtischen Centaure. Weitere Vorstellungen am 17., 18., 25., 27., 29., 30. & 31. Januar sowie am 1. & 2. Februar (donnerstags und sonntags jeweils um 18.30 Uhr).

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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