Home » Home » Der ideale Sündenbock?

Der ideale Sündenbock?

Sechs Monate nach Ende des Prozesses ist es still geworden in der „Affär Bommeleeër“. Nun hat sich Ben Geiben zu Wort gemeldet. Der ehemalige Hauptverdächtige hat zumindest viel zu erzählen.

Paris, vor ein paar Tagen. In der Lobby eines Hotels, einen Steinwurf vom Disneyland entfernt. Ein Mann Mitte 60 wartet dort bereits auf uns. Begleitet von seinem Hund. Der Labrador hört auf den Namen Ike, benannt nach dem US-Präsident Dwight D. „Ike“ Eisenhower. Müde sieht er aus. Irgendwie übernächtigt und zudem schlecht rasiert. Es ist gegen 11.30 Uhr als Ben Geiben, die ehemals „heißeste Spur“ in der „Affär Bommeleeër“, loslegt. Er, der Dauer-Verdächtige. Er, dem ständig nachgesagt wird, wenn nicht Mittäter, dann zumindest Mitwisser zu sein. Erst nach mehrfachen Anfragen hatte er zugesagt. Jetzt legt er los. Ohne Punkt und Komma.

Ob es nicht eine komische Situation sei, dass die Staatsanwaltschaft jetzt gegen sechs seiner früheren Chefs bzw. Mitarbeiter ermittele und dass diese sechs gegebenenfalls angeklagt werden könnten. Vorausgesetzt, die Verdachtsmomente erhärten sich und es reicht für eine Anklage. Die Rede ist von Aloyse Harpes, Charles Bourg, Pierre Reuland, Guy Stebens, Armand Schockweiler sowie Marcel Weydert, den Geiben einst bei der Gründung der Brigade Mobile rekrutiert hatte. „Das kann und will ich nicht kommentieren, da es sich um laufende Ermittlungen handelt. Ich kann auch keine Namen nennen. Weil ich nicht weiß, wer es war und wie es sich ereignet hat.“ Diese Sätze wird er im weiteren Verlauf mehrfach wiederholen. Das einzige, was man ihm entlocken kann, ist ein „inquiétant“. Ja, es sei bedenklich, wenn sechs seiner früheren Chefs bzw. Mitarbeiter angeklagt würden. Bedenklich sei auch, dass er es gewesen sei, der „an d‘Pan geklaakt ginn ass. Bewosst oder onbewosst“.
„Dysfonctionnement“ und „Sabotage“. Diese zwei Begriffe tauchen ebenfalls häufig auf. Er unterstellt dem Justiz- und Sicherheitsapparat zwar keine Absicht, dennoch sei es offensichtlich, dass vieles nicht so funktioniert hat, wie es hätte müssen. Dass es jede Menge Pannen gab und die Ermittlungen schlampig durchgeführt wurden, wurde während der 177 Prozesstage noch einmal sonnenklar. „Ich behalte mir gegebenenfalls rechtliche Schritte vor“, fügt er hinzu. Es gehe um Verantwortung. Darum, wer die Verantwortung dafür übernimmt, für all das, was mit seiner Person passiert sei. „Ich bin es schließlich, der seit 30 Jahren unter dieser Situation zu leiden hat. Der Prozess war teilweise hochpeinlich. Seriöse Anwälte haben mich attackiert. Es wurden Dinge über mich in die Welt gesetzt, die so nicht stimmen.“ Hypothesen. Mutmaßungen. Vermutungen. All das könne nicht ohne Konsequenzen bleiben. Dann folgen die bereits oben erwähnten Sätze, die er im weiteren Verlauf mehrfach wiederholen wird. Und noch etwas: „Ich war vorgewarnt worden, dass sich die Verteidigung von Scheer und Wilmes auf mich einschießen würde. Dass es aber so heftig kommen würde, damit habe ich nicht gerechnet.“ Es sei versucht worden, einen Sündenbock zu finden. Und er habe dafür herhalten müssen. Ben Geiben – der ideale Sündenbock?

Überall war Geiben im Bereich Sicherheit tätig und überall war ihm seine Erfahrung, die er zuvor als „Super-Flic“ und als Personenschützer von zahlreichen VIPs gesammelt hatte, von großem Nutzen.

Nun geht es um die Zeit bei der Gendarmerie als Jean-Pierre Wagner von Aloyse Harpes an der Spitze ersetzt wurde. Ab da habe man sich auf ihn „eingeschossen“. Das sei ihm aber erst im Nachhinein klar geworden. Es geht um die „Filature“ in Brüssel, vor allem aber um jene in der Nacht vom 19. zum 20. Oktober 1985 als ein Sprengsatz am Palais de Justice in der hauptstädtischen Rue du Nord detoniert. In dieser Nacht wird Geiben observiert. Vier oder fünf Stunden lang. Doch die Observierung verläuft nicht so wie sie hätte laufen sollen. Irgendwann wird sie abgebrochen. Bis heute weiß niemand warum und auch nicht, wer den Befehl dazu gab. „Und ab da war ich verdächtig. Ab da hatte ich etwas mit den Attentaten zu tun. Bei Derrick oder beim Tatort werden die Verdächtigen immer gleich befragt, was sie zur Tatzeit gemacht haben.“ Aber in diesem Fall passiert das nicht. Geibens „emploi du temps“ wird nicht überprüft.

Da wird also einerseits ein Mann einer Tat verdächtigt, aber andererseits unterlässt man es, zu überprüfen, was er zur Tatzeit tat. „Warum wurde nicht kontrolliert, wo ich zur Tatzeit war? Es wäre ein Leichtes gewesen, da ich mich in einem Zimmer im Holiday Inn befand, zusammen mit meinem Freund“. Die Tatsache, dass diese an sich banale Polizeiarbeit nicht stattfand, machte aus ihm einen Verdächtigen oder besser gesagt, die ehemals „heißeste Spur“ in der „Affär Bommeleeër“. Gegenwärtig sieht es gut aus für ihn. „De Ben Geiben ass net aus dem Dossier“, hatte der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald während der Pressekonferenz nach der vorläufig letzten Sitzung im Prozess am vergangenen 2. Juli gesagt. Wenn aber neue Elemente auftauchen, die zur Anklage genügen, will die Staatsanwaltschaft auch gegen ihn vorgehen. Oswald betonte, dass die Staatsanwaltschaft in der „Bommeleeër“-Affäre alles tun werde, um sie aufzuklären „Nichts ist vom Tisch. Alle Pisten bleiben offen für die Staatsanwaltschaft“, hatte Oswald am 2. Juli betont. Doch zurück zum Gründer der Brigade Mobile. „Ech war deen, wou an d’Pan geklaakt ginn ass“, sagt er erneut. Allein die Tatsache, dass eine solche Ungeheuerlichkeit passiert sei, stelle ein „dysfonctionnement grave“ dar. Und wenn eine Absicht dahinter gewesen sei, müsse von Sabotage oder von einem Komplott ausgegangen werden. So oder so sei er aber ein Opfer geworden.

Ben Geiben war und ist nicht irgendwer. Jahrelang galt er als der Coming Man in der Gendarmerie. Ihm standen alle Türen offen, zumal er der Ziehsohn des damaligen Armeeministers Emile Krieps (DP) war. Wenn alles seinen normalen Lauf genommen hätte, wäre er wohl irgendwann als Kommandant der Gendarmerie in Rente gegangen. So aber hat er viele Leben gelebt. Nach seinem Abschied aus der Gendarmerie im Herbst 1984 heuerte er in Brüssel bei einer Sicherheitsfirma an. Es folgten unter anderem Stationen bei Disneyland und bei einer französischen Supermarktkette. Überall war Geiben im Bereich Sicherheit tätig und überall war ihm seine Erfahrung, die er zuvor als „Super-Flic“ und als Personenschützer von zahlreichen VIPs gesammelt hatte, von großem Nutzen.
Irgendwann sind wir auch bei seinem Auftritt am 173. Prozesstag angelangt. Jenem Tag also, über den die Kommentatoren später schrieben, dass er „da schlecht ausgesehen habe“. Auch die Verteidigung von Marc Scheer und Jos Wilmes sah dies so. Es ging um seinen Besuch in der Villa Chomé in Dommeldingen am 20. Oktober 1985. Auch an diesem Morgen sind die Beschatter vom SREL Geiben auf den Fersen. Sie beobachten wie er in die Villa geht und nach fast zwei Stunden wieder rauskommt. Mit Topfpflanzen, die er in sein Auto trägt, um, wie er sagt, „seine etwas karg ausgestattete Dienstwohnung in Brüssel freundlicher zu gestalten“. In der Villa wohnte Jos Steil, die Nummer zwei der Brigade Mobile. Gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin Alice Fuchs. Geiben gibt vor, mit ihm an dem Morgen geplaudert und Kaffee getrunken zu haben. Die Späher vor der Haustür sagen aus, dass sie die Anwesenheit von Steil nicht hätten feststellen können. Auch Alice Fuchs kann sich nicht daran erinnern. Was tat Geiben in der Villa? War er alleine? „Ich habe mich damals in der Villa Chomé mit Steil getroffen. Anschließend sind wir auf den Schießstand im Reckenthal gefahren.“ Steil habe die Villa eben durch den Hinterausgang verlassen. Unbeobachtet von den SREL-Leuten.

Das ist der Punkt, wo es schwierig wird. Geiben erzählt, dass er nicht im Keller der Villa war. Dort befand sich neben weitläufigen Kellerräumen unter anderem auch ein gewölbter Lagerraum, der als Schießstand genutzt wurde. Geiben bestreitet, an dem Morgen im Keller gewesen zu sein, und sagt daraufhin folgenden Satz: „Ech sinn net an de Keller gaangen, ech sinn net an de Bunker gaangen, well ech näischt mat der Affär ze dinn hunn“. In diesen Satz kann man alles hineininterpretieren. Nachdem er Steil besucht hat in der Villa Chomé, fahren beide, so jedenfalls die Aussage von Ben Geiben, in den Reckenthal. „Wahrscheinlich hatte Jos Steil mir vorgeschlagen, dorthin zu fahren, um bei ein paar früheren Kollegen vorbeizuschauen. Vielleicht hat er mich aber auch dahin gelockt.“ Um ihn vielleicht „an d’Pan ze klaken“? Die entscheidende Frage ist die nach dem Warum. Darauf hat Geiben jedoch keine Antwort und auch keine Theorie parat. Zu Spekulationen äußert er sich nicht. Er sagt nur Folgendes: „Dann ass dat a mengem Kapp an da bleift dat fir de Moment a mengem Kapp.“ Auch in diesen Satz kann man wieder alles hineininterpretieren.

Das einzige, was ihm zu entlocken ist, ist ein „inquiétant“. Ja, es sei bedenklich, wenn sechs seiner früheren Chefs bzw. Mitarbeiter angeklagt würden.

Gemütliches Beisammensein in der Villa Chomé: Ben Geiben (l.),Alice Fuchs, die einstige Lebensgefährtin von Jos Steil (r.).

Gemütliches Beisammensein in der Villa Chomé: Ben Geiben (l.),Alice Fuchs, die einstige Lebensgefährtin von Jos Steil (r.).

Nachdem der Name Jos Steil bis gefallen ist, sagt Geiben, dass in der Hinsicht sehr viele Unwahrheiten veröffentlicht worden seien. Auch damit müsse er aufräumen. Es sei nicht so gewesen, dass er und Steil sich gut kannten und auch privat Umgang miteinander gehabt hätten. Und geduzt hätten sie sich auch nicht. Schließlich sei er Steils Vorgesetzter gewesen. Damals sei es lediglich Usus gewesen, die Mitglieder der Brigade Mobile mit dem Vornamen anzureden, dann aber zu siezen. „Das hatte ich eingeführt. Und diese Umgangsform war völlig neu innerhalb der Gendarmerie.“ Jos Steil kann all dies nicht mehr bestätigen, da er verstorben ist. Ben Geiben ist derweil wieder bei den Begriffen „Dysfonctionnement“ und „Sabotage“ gelandet. Er sei der ideale Sündenbock. Aber warum sei er überhaupt verdächtig? Weil Bomben hochgingen? Weil er das Profil zum Mastermind hatte? Weil er offene Rechnungen hatte? Weil man ihn rausgemobbt hatte aufgrund seiner Homosexualität? Weil er in einem Bericht den schlechten Zustand des Sicherheitsapparates angeprangert habe? Alles ganz schön dünn als Argument, sagt er und fügt hinzu, dass er keinen anderen schütze und weder Mitwisser noch Täter sei.

Das Gespräch geht noch eine Weile weiter. Am Ende wird das Interview exakt eine Stunde, 39 Minuten und 38 Sekunden gedauert haben. Zum Schluss sagt Geiben, dass er für keinen die Hand ins Feuer legen wolle. Wir auch nicht. Und auch für ihn nicht. Es ist schließlich Ben Geiben, der seit 30 Jahren in der „Affär Bommeleeër“ herumspukt. Der Mann mit den vielen Leben…

Das Interview mit Ben Geiben führten wir zusammen mit den RTL-Journalisten Marc Thoma und Nico Graf. Es kam auf Initiative der Revue zustande, die zurzeit gemeinsam mit dem Lëtzebuerger Journal ein Buch über den Bommeleeër-Prozess schreibt, das Mitte Dezember veröffentlicht wird. Das Buch wird den Titel „Wat net däerf sinn, ass net – d’Buch iwwert de Bommeleeër-Prozess“ tragen.

Beim Interview: revue-Chefredakteur Laurent Graaff im Gespräch mit Ben Geiben.

Beim Interview: revue-Chefredakteur Laurent Graaff im Gespräch mit Ben Geiben.

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?