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Der Literat im Zentrum

Als Claude Wiseler die Tür seines Hauses in Belair öffnet, begrüßt ihn Mambo. Der Mischling aus Husky und Schäferhund freut sich. Sein Herrchen streichelt ihn kurz und geht die Treppe hoch ins Arbeitszimmer. Wiseler legt sein Sakko in der Bibliothek ab, befreit sich von der Krawatte und setzt sich an seinen Schreibtisch. Zwischen all den Büchern ist er ganz bei sich. „Das ist meine Welt“, sagt er. „Hier kann ich abschalten.“ Der CSV-Politiker hat an der Pariser Sorbonne Literatur studiert. Seine Doktorarbeit schrieb er über das politische Engagement französischer Schriftsteller in der Zwischenkriegszeit. „Die Literatur hat mich bis heute nicht losgelassen“, gesteht Wiseler. „Ich lese mindestens eine Stunde pro Tag. Es ist wie eine Sucht.“ Auch nach einem Arbeitstag mit nicht selten 14 Stunden.

CHO07768Eine Wand mit Pleiade-Klassikern, an den anderen befindet sich neben französischer Literatur ebenso chinesische, die er besonders mag, aber auch Karl May und Tom Clancey, dazu Politikerbiographien von Helmut Kohl bis Mao. Zu den Autoren, die ihm viel bedeuten, gehören André Malraux, Albert Camus und Antoine de Saint-Exupéry – politische Autoren, ein Kommunist und späterer Gaullist, ein Existenzialist und ein Anti-Gaullist. Ihr Ruhm geht weit über die Zeit ihres Wirkens im 20. Jahrhundert hinaus. Zu den Perönlichkeiten, die Wiseler besonders schätzt, zählt auch René Rémond, der einst seine Dissertation gegenlas, ein maßgeblicher französischer Historiker und Politologe.

„Meine Kinder sind meine stärksten Kritiker“, sagt Wiseler. An einer Wand ist sein Sohn Frank auf einem Foto im Basketballdress der Drake University in Iowa zu sehen. Bereits mit 14 ging er in die Urspringschule, das Basketball-Internat im baden-württembergischen Schelklingen. Danach spielte er in der Zweiten Bundesliga ebenso wie für die Drake Bulldogs, das Team seines Colleges. Auf der Wand gegenüber hängen Porträts des 25-Jährigen sowie seiner beiden Geschwister, des vier Jahre älteren Marc, der am Trinity College in Dublin studierte, und der 27-jährigen Cathy, die die École Supérieur de Commerce in Paris besuchte. Alle drei Kinder haben Basketball gespielt – und Wiseler war eine Zeit lang Präsident des nationalen Basketballverbandes, hat aber selbst nie aktiv gespielt. Und alle drei Wiseler-Sprösslinge haben Wirtschaft studiert – und nicht Literatur wie die Eltern. „Unsere Kinder sind früh aus dem Haus gegangen“, sagt Wiseler. „Vielleicht ist das ein Grund, weshalb wir so ein gutes Verhältnis zueinander haben.“

Literatur und Natur:  Der Politiker sucht Entspannung  beim Lesen und im Wald. Foto: Christophe Olinger

Literatur und Natur: Der Politiker sucht Entspannung beim Lesen und im Wald. Foto: Christophe Olinger

Das Verhältnis von Literatur und Politik beschäftigt ihn noch heute. Erstere ist für ihn mehr als ein Ausgleich. Sie ist für den Fraktionspräsidenten der CSV eine Leidenschaft, ebenso wie die politische Arbeit. „Ich habe mich früh eingemischt“, sagt der als Einzelkind in Belair aufgewachsene Sohn eines Beamten im Bildungsministeriums und einer Lehrbeauftragten. Sein politisches Interesse wurde in der Zeit der sozialliberalen Koalition unter DP-Premierminister Gaston Thorn von 1974 bis 1979 geweckt – „als die CSV in der Opposition war“, fügt Wiseler hinzu. Es war eine Zeit der Erneuerung seiner Partei. Nun ist sie wieder in der Opposition. Ist Claude Wiseler, der schon lange als „Coming Man“ der Christsozialen gilt, der bereits zwei Legislaturperioden als Minister tätig war und kürzlich von Jean-Claude Juncker das Zepter als Fraktionschef übernommen hat, der politische Erneuerer?

„ Die Literatur hat mich bis heute nicht losgelassen. Lesen ist wie eine Sucht.“ Claude Wiseler

Sein eigentliches Engagement begann, als er 1985 nach dem Studium in seine Heimat zurückkehrte. Der Französischlehrer unterrichtete zuerst im hauptstädtischen Athénée, das er einst selbst besucht hatte. Danach ging er ans Bildungsministerium. Der damalige Ressortleiter Fernand Boden hatte den jungen Parteifreund gefragt. Bis 1999 arbeitete Wiseler als Beamter für mehrere Ministerien. In dieser Zeit war er bereits Generalsekretär der Christlich-Sozialen. Im Jahr darauf wechselte er ins Rathaus, wo er Schöffe unter Paul Helminger (DP) wurde. Bleibt anzumerken, dass sowohl sein Großvater als auch sein Urgroßvater Bürgermeister von Walfer waren – für die Liberalen.
Als Schöffe zeichnete Wiseler erneut für Bildungsfragen verantwortlich. Er hatte das Amt bis 2004 inne, als er zum Minister für den öffentlichen Dienst und für öffentliche Bauten in der ersten Juncker-Asselborn-Regierung avancierte. Natürlich wäre ihm das Bildungsressort am liebsten gewesen. Doch dies blieb Mady Delvaux-Stehres vom kleinen Koalitionspartner LSAP vorbehalten. Nach der Wiederwahl 2009 übernahm Wiseler das neu geschaffene Ministerium für Nachhaltigkeit.

Politik und Liebe: Während ihr Ehemann die Geschicke der CSV im Parlament leitet,  steht Isabel Wiseler-Santos Lima an der Spitze der Hauptstadtsektion der Partei. Foto: Christophe Olinger

Politik und Liebe: Während ihr Ehemann die Geschicke der CSV im Parlament leitet, steht Isabel Wiseler-Santos Lima an der Spitze der Hauptstadtsektion der Partei. Foto: Christophe Olinger

Fast zehn Jahre lang war Wiseler Minister. Dem mittlerweile 54-Jährigen schien für den ganz großen Durchbruch allmählich die Zeit davon zu laufen. An der Spitze stand immer Juncker, und als dessen Nachfolger wurde lange Zeit Luc Frieden gehandelt. Doch mit Ende der Ära Juncker im Staatsministerium ist auch Friedens Stern gesunken. Seine Rolle als Justizminister in der Aufarbeitung der Bommeleeër-Affäre und sein unglückliches Handeln im Cargolux-Deal mit Katar brachte den Kronprinzen des Premiers ins politische Aus. Umso heller erstrahlte beim ersten Parteikongress nach dem Machtverlust im Februar der Stern Wiselers, als er zum neuen starken Mann der CSV erkoren wurde, der die Fraktion leitete, während Juncker in den europäischen Wahlkampf zog.

Führungswechsel: Claude Wiseler hat Jean-Claude Juncker  als Fraktionschef abgelöst. Foto: Christophe Olinger

Führungswechsel: Claude Wiseler hat Jean-Claude Juncker als Fraktionschef abgelöst. Foto: Christophe Olinger

Den Sturz der CSV nach 34 Jahren nonstop in der Regierung sieht Wiseler weniger dramatisch als manch einer in den Reihen der Partei. Er verzichtet auf den Habitus des hintergangenen Wahlgewinners. „Wir haben die Wahlen nicht gewonnen“, sagt er unumwunden, „sondern drei Sitze verloren. Dafür kann ich 20 Gründe nennen.“ Dass er sie dann doch nicht nennt, ist eine andere Sache. Aber erinnert noch einmal, dass sich auch seine Partei in jener Zeit in der Opposition befand, als der damalige Teenager Wiseler politisiert wurde. „Vielleicht tut es uns gut“, sinniert er. Er begreift die Opposition als „Gelegenheit“. Auch für sich selbst? Das käme einem wie ihm, einem Charmeur mit Understatement, nicht in den Sinn zu sagen. Die ersten Monate, in denen die Christsozialen ihre Wunden leckten, nennt er eine „Adaptationszeit“. Jean-Claude Junckers kurze Zeit als Fraktionschef betrachtet er „jedenfalls nicht als verlorene Zeit“. Im Gegenteil: „Er hat uns viel geholfen“, sagt Wiseler und ergänzt bezüglich der zu Ende gegangenen Juncker-Ära: „Er hat die Partei meilenweit nach vorne gebracht.“

Als Fraktionschef habe er nun die große Chance mitzugestalten, sagt Wiseler. Seine Partei habe nun Zeit, ein Programm aufzustellen, „von dem wir überzeugt sind“. In welche Richtung die luxemburgische Christdemokratie unter dem Führungsduo Spautz und Wiseler steuert, wird nicht die sein, in die sie unter dem liberalkonservativen Frieden gesteuert hätte. „Wir sind eine Partei des Zentrums“, betont Wiseler, der sich selbst als „Zentrumspolitiker“ versteht. „Wir stehen in der Mitte der Gesellschaft.“ Die CSV muss sich mit der Gesellschaft verändern. „Wir sind dabei, uns zu bewegen“, so Wiseler, „auf vielen Feldern haben wir das bereits getan.“ In einer ganzen Reihe von Arbeitsgruppen werde an der Zukunft geschmiedet.

Dem 54-Jährigen schien für den ganz großen Durchbruch die Zeit davon zu laufen.

Woher Wiseler seine Inspiration nimmt? Aus den Büchern? Oder vielleicht bei den morgendlichen Läufen mit Hund Mambo oder den Spaziergängen? „Dann kommen einem die besten Ideen“, sagt er. Mit seiner Frau ist er gelegentlich im Leudelinger Wald unterwegs. „Wir reden dann aber nicht so sehr über Politik“, sagt er und lächelt. Obwohl die ein Jahr jüngere Isabel Wiseler-Santos Lima, mit der er seit bald 30 Jahren verheiratet ist, selbst politisch aktiv ist und für die CSV im hauptstädtischen Gemeinderat sitzt. Er genießt es, mit ihr in ihre Geburtsstadt Lissabon zu reisen, die auch seine Lieblingsstadt ist, neben New York und natürlich Luxemburg, wo beide aufgewachsen sind. Wenn das Wetter mitspielt, machen sie einen Ausflug auf dem Motorrad, einer 800er BMW. Seine Frau begleitet ihn als Beifahrerin.

Biker Wiseler: Der CSV-Fraktionschef unternimmt gelegentlich Ausflüge  auf zwei Rädern. Foto: Christophe Olinger

Biker Wiseler: Der CSV-Fraktionschef unternimmt gelegentlich Ausflüge auf zwei Rädern. Foto: Christophe Olinger

Wiseler ist kein Raser. Aber er liebt die Freiheit. In welche Richtung führt er die CSV-Fraktion? Nächstes Jahr steht das Referendum über einige wichtige politische Fragen an. Was das erweiterte Ausländerwahlrecht angeht, hätte es die CSV lieber, den Zugang zum Wahlrecht über die Erleichterung des Zugangs zur luxemburgischen Nationalität umgesetzt gesehen. „Wir müssen viel tun, um die Partizipation zu erhöhen“, sagt er. Auch über die Finanzierung der Kirchen wolle seine Partei diskutieren. Die von Vizepremier Étienne Schneider aufgeworfene Frage über die Begrenzung der Mandatszeiten für Minister hält Wiseler für populistisch. „Wenn die Leute mich nicht mehr wollen, dann sollen sie mich nicht mehr wählen“, sagt er. Der starke Mann der CSV kann sich auch ein Leben ohne Politik vorstellen und durchaus wieder „Schülern den Subjonctif beibringen“. Für sie gilt demnach nicht, was für die Literatur gilt: dass sie eine Sucht sei.

Biografische Daten

CHO0783130 Januar 1960

geboren in Luxemburg

1972-1979

Besuch des Athenée in Luxemburg

1979 – 1983

Studium der Literaturwissenschaften an der Sorbonne in Paris

1983 – 1987

Französischlehrer am Athenée und am Lycée Technique du Centre

1987 – 1989

Doktorat

1989 -1999

Regierungsrat im Familien- Mittelstands und Tourismusministerium

1995 -2000

Generalsekretär der CSV

1999 – 2004

Parlementsabgeordneter; Wiseler ist stellvertretender Fraktionschef sowie Vizepräsident der Komissionen für Bildung, Berufsausbildung und Sport

2000-2004

Schöffe in der Hauptstadt; verantwortlich für Unterricht und Soziales

2004-2009

Minister für den öffentlichen Dienst und Bauten sowie für administrative Reformen

2009-2013

Minister für Nachhalige Entwicklung nd Infrastrukturen

Oktober 2013

zum vierten Mal als Abgeordneter ins Parlament gewählt

Oktober 2014

Übernahme der Geschäfte als Fraktionsvorsitzender er CSV

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Georges Noesen

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