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„Der Mensch ist nicht zum Töten geboren“

Wie lässt sich die Angst vor Fremden überwinden, und wie kommt es dazu, dass Menschen zu Terroristen werden? Der Psychologe Fari Khabirpour rät zu einem vorurteilsfreien Umgang mit Migranten und sieht in der Erziehung einen Schlüssel für die Lösung vieler Probleme.

Foto: Didier Sylvestre (Editpress)

Welche Rolle spielt die Angst im Umgang mit Fremden?
Die Bilder von Terrorattentaten, die durch die Medien vermittelt werden, erzeugen sicherlich Ängste. Und die Angst sorgt für Schlafstörungen und andere psychologische Probleme. Diese Angst wird immer größer.

Was kann man dagegen tun?
Man muss darüber berichten, aber nicht nur mit dem Schwerpunkt auf den Attentaten selbst. Man sollte auch zeigen, dass es immer wieder Formen von Solidarität gibt – von Menschen, die eingreifen und helfen. Auch diese Bilder gibt es. Doch im Verhältnis zu den Anschlägen und den Tätern zeigt man sie zu wenig. Auch die positiven menschlichen Eigenschaften sollten gezeigt werden. Ansonsten wird das Bild vom bösen Menschen noch verstärkt. Hat man nur dieses Bild, könnte auch ein negatives Selbstbild entstehen. Wir bekommen immer diese negativen Bilder vom Menschen vermittelt. Da sehe ich auch die Verantwortung der Medien.

Fasziniert uns das Böse mehr als das Gute?
Ich glaube nicht, dass der Mensch sich a priori mehr vom Bösen als vom Guten faszinieren lässt. Es gibt auch Menschen, die nichts mit dem Bösen zu tun haben wollen. Die haben einen Punkt erreicht, an dem sie sagen, dass sie das seelisch belastet. Sie interessieren sich nicht mehr für die negativen Nachrichten, weil ihr inneres Wohlgefühl dadurch ins Wanken gerät. Und sie wissen, dass ihnen das Schöne und Harmonische guttut. Der Mensch interessiert sich nicht nur für das Böse, sondern auch für das Positive.

Tatsache ist, dass die Terroranschläge die Gesellschaft spalten. Gerade ein Attentat wie das in Nizza, das inmitten einer Feier stattfindet.
Es zeigt aber auch, dass immer noch Menschen in unserer Gesellschaft leben , die sich nicht mit den Werten dieser Gesellschaft verbunden fühlen…

„Manche Flüchtlinge sind so stark traumatisiert, dass sie therapeutische Hilfe brauchen.“

…Liberté, égalité, fraternité…
Oder eines von den drei Prinzipien. Sie werden doch in Frage gestellt. Diese Menschen fühlen sich weder frei noch gleich noch brüderlich behandelt. Vor allem, wenn jemand einen arabischen Namen hat und deshalb zehn Mal weniger Chancen auf eine Arbeit hat. Das ist nur ein Beispiel. Aber diese Menschen fühlen sich als Außenseiter. Sie entwickeln einen Groll und eine Wut auf diese Gesellschaft, deren Symbol dieser Feiertag ist. Sie sagen: „Was feiern die hier? Sie feiern ihr Fest, mit dem wir nichts zu tun haben.“ Also stellt sich für mich die Frage, etwas zu tun, damit jeder in dieser Gesellschaft seinen Platz hat.

Es ist doch wohl kaum möglich, dass jeder integriert sein kann. „Einsame Wölfe“, wie der Attentäter von Nizza, scheint es immer wieder zu geben.
Mit dem Begriff des Integriert-Seins habe ich meine Schwierigkeiten. Was bedeutet es überhaupt? Dass jeder gleich denken und leben soll? Davon halte ich nicht viel. Aber von der Diversität. Was ich an Luxemburg zum Beispiel besonders schätze, ist diese Vielfalt. Anzustreben ist vielmehr, dass jeder seinen Platz findet in der Gemeinschaft – und dass jeder akzeptiert wird und das Gefühl hat, nicht mehr oder nicht weniger als die anderen zu sein.

Wo muss angesetzt werden?
Bereits in der Erziehung. Allein die Sprache zu erlernen bringt nichts. Damit hat ein Mensch seine falschen Wertvorstellungen, die sich vielleicht nicht mit den demokratischen Prinzipien vereinbaren lassen, noch nicht geändert. Das Problem ist für mich nicht die Sache der Integration, sondern dass jemand seinen Platz in der Gemeinschaft findet. Eine Gefahr stellt es dar, alle in einen Topf zu werfen. Zum Beispiel die Muslime, denn es gibt auch viele Nicht-Muslime, deren Wertvorstellungen schädlich sind. Muslime oder Nicht-Muslime, Christen oder Nicht-Christen, Atheisten oder Nicht-Atheisten – alle Menschen in unserer Gesellschaft benötigen eine Erziehung, die Humanität vermittelt. Unabhängig von Rasse, Nationalität und Sprache.

Hunderttausende von Flüchtlingen können aber nicht in ein paar Monaten „umgeschult“ werden.
Zuerst sollte vermieden werden, von „unseren“ und „deren“ Wertvorstellungen zu sprechen. Werte wie Respekt und Solidarität sowie die Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen, müssen wir erzieherisch vermitteln. Es sind universelle Werte. Diese kann man bei der Jugendarbeit ebenso fördern wie in der Arbeit mit Familien. Dies gilt für die Migranten ebenso wie für die Luxemburger. Wenn wir von unseren Werten und unserem „way of life“ sprechen, dann muss ich sagen: Unser „way of life“ hat auch viele Haken. Die Werte, die im Westen sehr stark sind, sind vor allem materielle Werte: Besitz, Geld, aber auch Macht. Wir werden regelrecht „drogiert“ durch den Konsum. Diese Werte sind genauso schädlich wie die angeblichen archaischen, mittelalterlichen Werte. Und ich weiß nicht, ob unsere politischen Systeme immer so demokratisch sind.

Flüchtlinge haben oftmals viel Leid erlebt, kommen aus Kriegen und aus der Not. Nicht wenige sind traumatisiert. Wie kann ihnen geholfen werden?
Indem man mit ihnen redet und indem sie hier auf eine Gemeinschaft stoßen, die sie willkommen heißt und die sie nicht als Bedrohung erlebt. Das fängt an bei den Beamten in den Behörden, die mit ihnen zu tun haben. Jedenfalls hilft es ihnen, besser Fuß zu fassen. Manche sind allerdings so sehr traumatisiert, dass sie ein Leben lang unter ihren Traumata zu leiden haben. Sie brauchen therapeutische Hilfe.

Gibt es diese?
Noch nicht, aber es gibt zumindest Bestrebungen, dass man solche schafft. Für Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, die traumatisiert sind, reicht es nicht aus, wenn sie nett empfangen werden. Es reicht aber auch nicht, dass man Therapeut bzw. Psychologe ist. Wichtig ist der interkulturelle Ansatz. Man muss sich mit der Kultur, aus der diese Menschen kommen, auseinandersetzen. Das ist eine Herausforderung. Dies wäre übrigens auch die beste Vorbeugung gegen die Entwicklung einer Kriminalität, die solche Auswüchse haben kann, wie wir sie in letzter Zeit erlebt haben. Ein Mensch wird nicht als Krimineller und zum Töten geboren. Die äußeren Umstände, unter anderem soziale, tragen dazu bei, in welche Richtung er sich entwickelt. Wenn er seinen Platz findet und respektiert wird, gehen die Chancen gegen null, dass er irgendwann mal zur Waffe greift und andere Menschen umbringt oder dass er innerhalb kürzester Zeit von gewissen Ideologien fanatisiert wird.

Zur Person: Fari Khabirpour

Fari Khabirpour kam als Kind iranischer Eltern nach Luxemburg. Der Psychologe und Psychotherapeut war unter anderem Direktor des „Centre de psychologie et d’orientation scolaire“ (CPOS) und danach des „Centre de rétention“ für abgelehnte Asylbewerber. Seit
er 2012 in Rente gegangen ist, arbeitet Khabirpour weiterhin als freischaffender Psychotherapeut.

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Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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