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Der Minimalist

Im Mai 1990 fliegt Fernand Zeimes nach Alaska, um von dort bis nach Mexiko zu radeln. Sechs Monate später kehrt er nach Luxemburg zurück. Weitere 28 Jahre vergehen, bis seine Reisenotizen in Buchform erscheinen. Alles zur richtigen Zeit.

Wie ein Draufgänger sieht er nicht aus. Der Händedruck ist zwar fest, das Gesicht drückt indes eine gewisse Sanftheit aus. Auch redet Fernand Zeimes nicht aufgeregt, sondern sehr leise. Zudem langsam und bedächtig. Dass er als junger Mann über 7.000 Kilometer von Anchorage bis an die mexikanische Grenze geradelt ist, scheint beinahe unglaublich. Doch es stimmt, und wenn der heute 50-Jährige von dieser Reise erzählt, beginnen seine Augen zu leuchten. „Ech denken nach bal all Dag un déi Rees zréck.“ Nicht aus Nostalgie oder Melancholie, eher um Kraft zu schöpfen. Um sich daran zu erinnern, dass kein Leben einem vorgezeichneten Weg folgt. Stattdessen darf man jederzeit ausbrechen, Grenzen ausloten und Neues entdecken.

Es vergeht fast kein Tag, an dem Fernand Zeimes nicht an seine Reise vor 29 Jahren denkt. Trotzdem lebt er resolut im Jetzt.

Von dem Plan, allein nach Alaska aufzubrechen, sind die Eltern alles andere als begeistert gewesen. Doch der damals 22-Jährige setzt sich durch. Dass die Reise nicht einfach wird, ist er sich bewusst. Damit, dass er bereits an den ersten Tagen zurückschalten muss, hat er allerdings nicht wirklich gerechnet. „Ech wollt all Dag souvill Kilometer fueren wéi nëmme méiglech. Ech wollt virun allem virukommen.“ Da Fernand Zeimes als Jugendlicher an Straßenrennen teilgenommen hat und Mitglied der Junior-Nationalmannschaft gewesen ist, hätte es ihm eigentlich nichts ausmachen dürfen, zehn Stunden am Tag in die Pedalen zu treten. Aber ein Rennrad ist nicht mit einem Fahrrad zu vergleichen, das mit Kleidung, einem Schlafsack, einem Ersatzrad, einem Erste-Hilfe-Kasten, einem Wasserfilter, Kochgeschirr und Proviant beladen ist. Dazu kommen noch eine Fototasche, 200 Diafilme und Kartenmaterial. Kurzum: Das Knie schmerzt bereits am dritten Tag. Da hilft auch kein aufmunterndes „Take it easy“.

Warum es 28 Jahre dauert, bis Fernand Zeimes seine Tagebuchnotizen in Buchform veröffentlicht, hat mit seinem Drang zu tun, alles in Eigenregie zu bewerkstelligen. „Dofir brauch een Zäit. Déi hat ech awer net.“ Der Job, die Familie, andere Projekte und Prioritäten. Erst als er 2015 schwer krank und mit dem Tod konfrontiert wird, nimmt er sich vor: „Wann ech nees gutt ginn, maachen ech all dat, wat bis elo opstoe bliwwen ass.“ Und so schreibt er die umfangreichen Notizen ins Reine. „E puer Anekdoten hunn ech awer ewechgelooss. Zevill Perséinleches ass och net am Buch.“ Dennoch lernt man den Autor beim Lesen schon ziemlich gut kennen. Fernand Zeimes ist ein unglaublich offener Mensch. Ein Mensch, mit dem man sofort ins Gespräch kommt. Was auch erklärt, dass er während seiner Reise oft von völlig fremden Menschen zum Essen und sogar zum Übernachten im eigenen Haus eingeladen wird. Verschiedene Kontakte sind mittlerweile eingeschlafen, den anderen möchte er in diesem Herbst ein besonderes Geschenk machen: „Alaska-Mexiko“. Mit den beiden Söhnen (und der englischen Übersetzung des Buches) ist eine Reise in die USA geplant. Zu einigen der Orte, an denen er 1990 gewesen ist. Der Älteste hat übrigens schon angekündigt, dass er nach dem Abitur ein Jahr lang reisen und die Welt kennenlernen möchte. „Ech wäert hien dobäi ënnerstetzen“, so der Vater.

Reisen sei nämlich ungemein wichtig. Er hätte so viel in den sechs Monaten, in denen er unterwegs gewesen ist, gelernt. Nicht allein über die unterschiedlichen Stationen, vor allem über sich selbst. „Et léiert een, mat sech eens ze ginn. An et wiisst een a gewësser Hisiicht iwwert sech eraus.“ Soll heißen, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt, die man zu meistern imstande ist. Gibt es auf dem Campingplatz kein fließendes Wasser, wäscht Fernand Zeimes sich in einem Fluss. Macht der Autofahrer, der ihn mitnimmt, suspekte Anspielungen, steigt er bei der nächsten Gelegenheit wieder aus dem Wagen aus. Ist ihm kalt, zieht er zum Schlafen die Wollmütze an. Wird er im Supermarkt von zwei Hausdetektiven gebeten, seine Taschen zu leeren, nimmt er ihnen dies nicht übel. „Ech hu mech zënter e puer Deeg mol nees eng Kéier an engem Spigel gesinn, an den alleréischte Moment hunn ech deen op däer anerer Säit net direkt erëmerkannt“, hält Fernand Zeimes in seinem Tagebuch fest. „(…) kee Baart gemaach, de Rescht vum Gesiicht an d’Oueren hunn en heftege Sonnebrand. Meng Lëpse si gebascht an dat gedrëschent Blutt drop ass schwaarz.“

In diesem nüchternen und minimalistischen Stil ist das gesamte Buch verfasst, und es macht Spaß, den Autor auf seiner Reise durch die USA und Kanada und irgendwie auch durchs Menschsein zu begleiten. Recht regelmäßig schickt er Pakete mit den Sachen, die er nicht mehr braucht, nach Hause. Einmal wöchentlich telefoniert er mit seiner Familie. In Silver City bleibt das Fahrrad schließlich zurück. In Mexiko will er lediglich als Backpacker unterwegs sein. In San Carlos sehnt er sich zum ersten Mal nach Zuhause. In La Paz lernt er Xaver Matt aus Offenburg kennen. Beide werden die kommenden Wochen zusammen reisen. Zu den tragischsten Vorfällen, die in „Alaska-Mexiko“ festgehalten sind, zählt zweifellos der Unfalltod eines jungen Schweizers bei den Wasserfällen in Agua Azul. Damals ertrinken dort jede Woche zwei bis drei Übermutige. Heute sind die fünf bis sechs Meter tiefen Becken mit Holzgeländern abgesperrt. Darauf angesprochen, was die schönste Erinnerung an diese doch außergewöhnliche Reise sei, überlegt Fernand Zeimes eine ganze Weile.

Es sei nicht ein bestimmter Ort, denn einzigartige Landschaften hätte er jede Menge gesehen. Es sei vielmehr dieses Gefühl von Freiheit, das ihn geprägt hätte und immer noch prägen würde. Dieses Nicht-Wissen, was morgen oder übermorgen sein wird. „Ech hat virun der Rees grouss Angscht, mee um Enn huet mir d‘Rees d‘Angscht, fir eppes an Ugrëff ze huelen, geholl. Ech si kee Mënsch, dee gäer no hanne kuckt. Ech kucke léiwer no vir.“ Er hätte vor kurzem ein Sprichwort gefunden, das seine Einstellung zum Leben und zur Vergangenheit genau übersetzt: „Make the past a place worth visiting“. Auf ein ähnliches Abenteuer wie die Reise von Alaska bis nach Mexiko hat Fernand Zeimes sich kein zweites Mal eingelassen. Er hätte auch nie das Bedürfnis danach gehabt. Er sei überaus zufrieden mit seinem Leben und dem Jetzt.

Gewidmet hat er das Buch seiner älteren Schwester, die er nie gekannt hat, weil sie tot geboren worden ist. Eine Tatsache, über die lange Zeit geschwiegen worden ist. Was ihn gestört hat. „Ech hunn nach zwee Bridder, mee mir sinn awer ëmmer véier Geschwester, wann ee mech freet.“ Es stimmt ihn auch nicht traurig, dass er dem frühen Tod eines anderen sein Leben verdankt. Im Gegenteil. „Alaska-Mexiko“ ist ein wunderbares Dankeschön und ein gleichermaßen schönes Geschenk an die Leser und alle, die gern unterwegs sind.

Fotos: Fernand Zeimes (5), Rom Helbach

Erhältlich im Fachhandel,
mit zahlreichen Fotos,
19,90 Euro,
www.alaskamexico.com

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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