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Der Musterschüler

Trotz einiger starker Auftritte bleibt Bob Jungels im zweiten Profijahr bescheiden. Bei seinem bisher größten Rennen, der Vuelta a España, macht er einfach den nächsten Lernschritt.

Die Ansage der Teamverantwortlichen von Trek ist klar: Diese Saison soll der 21-Jährige ausschließlich lernen. Obwohl er sich sehr hohe Ziele setzt, vermeidet Bob Jungels übermäßigen Ehrgeiz. Das Gesamtklassement hat er nicht im Blick: „Auf die Gesamtwertung zu Fahren bringt einen Riesendruck. Und noch weiß ich nicht, wie mein Körper auf diese Anstrengungen über drei Wochen reagiert.“

Entspannt lächelnd kommt er am vorvergangen Montag mit den Teamgefährten von der anderthalbstündigen Ausfahrt zurück, stellt das Rad zur Seite und klönt kurz mit den Mechanikern. Jungels feierte soeben eine Premiere: seinen ersten Ruhetag in einem Rennen. Den hatte er sich redlich verdient. Am Sonntag noch war er in einer 31-köpfigen Ausreißergruppe vertreten, setzte sich am vorletzten Anstieg mit dem späteren Etappensieger Winner Anacona sowie Dani Moreno ab und wurde letztlich Neunter. „Im Schlußanstieg bekam ich Krämpfe, wahrscheinlich wegen dem Sturz am ersten Samstag“, bedauert er den Unfall des gesamten Teams vorm Mannschaftszeitfahren und fährt fort: „Hoffentlich kann ich demnächst aber wieder an mein Limit gehen.“ Dass Stürze zum Radsport leider dazugehören, hat er längst gelernt, wie die Wunden und Vernarbungen an Knien und Ellbogen zeigen.

Später vielleicht einmal entscheidende Details schaut er sich aufmerksam ab: „Haimar Zubeldia ist jetzt 17 Jahre dabei. Der sagt auch mal, man solle länger schlafen. Eine halbe Stunde täglich macht später eine komplette Nacht“, rechnet Bob Jungels vor. Trotzdem rollt er am Dienstag zusammen mit Fabian Cancellara bereits gegen 9 Uhr früh als einer der Ersten über die Zeitfahrstrecke. Von einem der weltbesten Spezialisten kann auch ein früherer Junioren-Weltmeister auf dieser Strecke mit verwinkelten Anfangsmetern durch ein Kloster, schlechtem Asphalt und einer gefährlichen Abfahrt, die dem Gesamtführenden Nairo Quintano zum Verhängnis werden wird, noch Einiges lernen.

Weiß, was er will: Obwohl er erst 21 Jahre alt ist, fährt Bob Jungels eine klare Linie.

Weiß, was er will: Obwohl er erst 21 Jahre alt ist, fährt Bob Jungels eine klare Linie.

„Im Vorfeld habe ich mir vorgenommen, vor allem in den Bergen zu lernen und mich dort zu zeigen“, ist ihm der dreizehnte Platz in seiner Paradedisziplin nicht so wichtig. Für die Steigerung im Hochgebirge ist der Zielstrebige ins schweizerische Zug gezogen und stolz drauf: „Das war schon ein drastischer Schritt. Ich wohne alleine und bezahle das als 21-Jähriger mit meiner eigenen Arbeit. Das bringt mich im Sport und auch als Lebenserfahrung weiter.“
Das Leben bestehe nicht nur aus Radfahren, ist sich der ehrgeizige Sportler bewußt: „Mit dem Radsport liegt aber eine Gelegenheit auf dem Tisch und die will ich nutzen. Ich wurde so erzogen, dass ich machen soll, was mich zufrieden stellt. Das dann aber ordentlich. Wenn ich bei solch einem WorldTour-Rennen merke, dass ich vorne mitfahren kann, dann sind das unbezahlbare Momente. Im Teambus bin ich danach komplett kaputt, aber glücklich. Das ist der Lohn für so viel Quälerei.“

„Man muss immer ein Ziel haben, für die nächsten drei Wochen und für die nächsten drei Jahre“, führt die Nachwuchshoffnung weiter aus. Bereits als er in der Yuppie-Trophy mit dem Radfahren anfing, sagte er den Eltern: „Ich will eine Legende werden.“ Dieser Kindheitstraum sei noch immer irgendwo im Hinterkopf und helfe ihm in schwierigen Momenten auf dem Weg zu bleiben. Dabei geht der starke Zeitfahrer und Nachwuchssieger des recht flachen Kopfsteinklassikers Paris-Roubaix nicht den leichtesten Weg. „Mit den hügeligen Ardennenklassikern und vor allem den Etappenrennen steht die Richtung. Ich muss jetzt sehen, wie ich mich die nächsten Jahre weiterentwickele.“ In Spanien fühlt er sich nach den anstrengenden ersten zehn Renntagen jedenfalls noch wohl. „Entscheidend aber ist die letzte Woche, was hintenraus noch kommt. Da merkt man, was man hätte besser machen können“, zeigt sich der Ehrgeizige eher lernbeflissen als verbissen.

Bob Jungels

Am 22. September 1992 kommt Bob Jungels in Luxemburg zur Welt. Einem ersten Landesmeistertitel im Cyclocross 2008 läßt er zahlreiche nationale Jugendtitel folgen und im Zeitfahren den europäischen Vizemeistertitel 2009, 2011 und 2012 sowie den Weltmeistertitel der Junioren 2010. 2012 wird um ihn herum die luxemburgische Nachwuchsmannschaft Leopard Continental-Team aufgebaut, in welchem er die Flèche du Sud und Paris-Roubaix der U23 gewinnt. 2013 wechselt er ins Trek-Profiteam und lässt dieses Jahr mit dritten Plätzen im Zeitfahren des Critérium du Dauphiné und Critérium International, sowie einem zweiten Platz auf der 5. Etappe von Paris-Nice aufhorchen.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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