Bob Bertemes ist dieses Jahr der Durchbruch in die Weltelite gelungen. Der Kugelstoßer aus Beles steht nun vor dem Saisonhöhepunkt, den Weltmeisterschaften in Doha.
Ein Sommernachmittag – und ein freundlich lächelnder Athlet, der gerade chillt. Bob Bertemes wartet auf uns in einem Café in Belval und hat sich gerade von einer Bekannten verabschiedet. Nicht weit von hier, in Beles, ist er aufgewachsen. Er wirkt locker und entspannt. Am Tag zuvor hat er bei einem Wettkampf in Schifflingen seine gute Form unterstrichen. Auch wenn sein Trainer nicht zufrieden war, musste Bertemes nur dem Nigerianer Chukwueba Enekwechi den Vortritt lassen und wurde mit 21,55 Metern Zweiter – einmal mehr eine Klasseweite und eine Leistung, die er momentan ohne Probleme jederzeit abrufen zu können scheint.
Er habe ein gutes Gefühl, sagt Bertemes. Der Wettkampf folgte einer harten Trainingswoche. Ist der 26-Jährige in der Form seines Lebens? Zumindest zeichnete sich der Aufwärtstrend bereits im vergangenen Jahr ab, als er bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin die Kugel genau 21 Meter weit stieß und seinen eigenen Landesrekord deutlich verbesserte, was den sechsten Platz bedeutete. Seither ist der zurzeit erfolgreichste Leichtathlet Luxemburgs in eine neue Dimension vorgestoßen. Ein ums andere Mal übertraf er seine Bestmarke und katapultierte sich Anfang August bei einem Meeting in Zessingen mit 22,22 Metern in die Weltspitze.
Alles ist möglich. Nur wenige Kugelstoßer liegen dieses Jahr noch vor Bertemes.
„Ich habe einiges umgestellt“, erklärt er, „zum Beispiel das Warm-up. Das macht viel aus. Ich habe da eine Checkliste: Wie sind die Beine? Wie ist der Oberkörper.“ So gelang es ihm nach und nach, seine Beweglichkeit zu steigern. Auf Letztere kommt es bei der Drehstoßtechnik, auf die er vor zwei Jahren umgestiegen ist, ebenso an wie auf die Koordination des Bewegungsablaufs. Der kräftige Hüne, der dem neuen athletischen Typ Kugelstoßer entspricht, beherrscht mittlerweile die im Vergleich zur Angleittechnik anspruchsvollere Drehstoßtechnik, obwohl sie eher kleineren, besonders schweren Athleten entgegenkommt. Als er vor zwei Jahren die Zusammenarbeit mit seiner damaligen Trainerin Sonia Iliava beendete, steckte er in einer Sackgasse. Mit dem neuen Coach, dem Iraker Khalid Alqawati, gelang ihm die Wende.
Der erfahrende Trainer arbeitete mit ihm zusammen systematisch an der Drehstoßtechnik. „Hin und wieder schleichen sich ein paar Schnitzer ein“, weiß Bertemes, der zusammen mit seinem Trainer immer wieder an der Verfeinerung der Technik feilt. „Das Ziel ist die Perfektion, der perfekte Stoß“, weiß der Athlet vom CA Beles. Dabei kommt es außer auf die Kraft vor allem auf einen optimalen Bewegungsablauf und eine gute Koordination dieses Ablaufs an: also darauf, dass bei der eineinhalbfachen Drehung, bei der das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagert und die Beschleunigung des Körpers auf die Kugel übertragen wird.
Nach und nach merzte Bertemes die Anfängerfehler aus. Doch wie kam es zu der Leistungsexplosion in diesem Jahr? Das hat außer mit der neuen Technik, mit Khalid Alqawati und mit der Vorbereitung im Trainingszentrum von Mannheim am deutschen Olympiastützpunkt zu tun. Ein maltesischer Hammerwerfer habe ihm den Standort empfohlen. „Hier treffe ich auf ein ideales Umfeld“, erklärt der Sportsoldat. „Ich kann mich in Mannheim voll und ganz auf das Training konzentrieren.“ Alqawati hat mit ihm dort nicht nur an der Drehstoßtechnik gefeilt, sondern ihm auch zu einer neuen mentalen Stärke verholfen. Er kann besser Ruhe bewahren, bleibt gelassen. Schließlich spielt sich auch beim Kugelstoßen vieles im Kopf ab.
Dass er 2019 zur großen Form auflaufen sollte, zeichnete sich bereits im Januar bei den Hallenmeisterschaften in der Coque ab, wo er gleich mit dem ersten Versuch eine neue landesweite In-Door-Bestmarke aufstellte. Wobei die fünf folgenden Versuche ungültig blieben. Und bei der Hallen-Europameisterschaft in Glasgow Anfang März verlief es zwar in der Qualifikation noch nach Plan, aber im Finale kam er nicht über 20,70 Meter hinaus. Mit dem fünften Platz zeigte er sich zwar zufrieden. „Aber eine Weite von über 21 Meter hätte ich mir schon gewünscht“, sagte er später etwas enttäuscht. Dieses Gefühl, nach einer an sich gut begonnenen Saison nicht das Potenzial abgerufen zu haben, nagte an ihm. Wieder lag es wohl an der Umsetzung der schwierigen Technik.
„In Mannheim habe ich ein ideales Umfeld und kann mich voll und ganz auf das Training konzentrieren.“ Bob Bertemes
Auch wenn ein missglückter Wettkampf oder ein wenig zufrieden stellendes Training die Gründe sein können, wütend zu sein, zu brüllen oder die Kugel in den Boden zu rammen – Bertemes kann gut damit umgehen. Das zeigt nicht zuletzt die Abgeklärtheit, die er im Gespräch an den Tag legt. Der 1,87 Meter große und 118 Kilogramm schwere Leichtathlet scheint in sich zu ruhen. Gelassen erzählt er von seinem Alltag in Mannheim, wo er direkt neben dem Trainingszentrum lebt und sich daran gewöhnt hat, den Haushalt zu erledigen. Er erzählt von Trainingseinheiten mit verschiedenen Kugeln, in denen es um Technik geht, dann um andere Aspekte wie Kraft und Schnellkraft. Während des Interviews kommt ein Paar vorbei und grüßt ihn. „Was für ein Zufall“, sagt Bertemes, „das war mein ehemaliger Sportlehrer.“ Er kommt darauf zu sprechen, wie er als Schüler mit der Leichtathletik anfing und sich mit 13 Jahren auf die Wurfdisziplinen spezialisiert.
Doch zurück zu diesem so entscheidenden Jahr für den Ausnahmesportler: Richtig in Fahrt ist der Beleser im Juni gekommen, als er im bosnischen Zenica auf eine Weite von 21,29 Metern kam und damit seinen eigenen Landesrekord um 26 Zentimeter verbesserte. Was nicht nur den Sieg bedeutete, sondern auch die frühzeitige Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio. „Das gibt Sicherheit“, weiß Bertemes. Hinzu kommt, dass er in den vergangenen Monaten genügend Wettkampfpraxis gesammelt hat, um die guten Leistungen im Training auch dann umzusetzen, wenn es um Medaillen geht.







sehr schöner Artikel der die tolle Entwicklung eines sehr sympatischen Athleten sehr schön skizziert. hoffe für ihn und seinem Trainer, dass es sich die harte Arbeit bei der Weltmeisterschaft auszahlt