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Der Pionier-Bus

Fahren, steuern und einparken, ganz autonom und ohne Fahrer. Hightech-Fahrzeuge, die sich ganz von alleine fortbewegen, waren vor einigen Jahren noch pure Science-Fiction aus der Hollywood-Filmfabrik. Jetzt sind sie im luxemburgischen Straßenverkehr zu Hause. Willkommen in der Zukunft.

In Contern und im Pfaffenthal, neben dem Panorama-Aufzug, entlang der Alzette, ist den Bewohnern und den Touristen in den letzten Tagen ein eigenartiger Minibus aufgefallen. Staunend bewundern sie den Personentransporter und trauen ihren Augen fast nicht: Das Fahrzeug fährt ganz von alleine, ohne Chauffeur und hat nicht einmal ein Lenkrad. Einen Fahrersitz, einen Rückspiegel, Gas- und Bremspedale sind auch nicht vorhanden. Trotzdem bewegt sich der autonome Shuttle problemlos durch den üblichen Straßenverkehr.

„Der Bus verfügt über eine Navigationssoftware, in die sein Fahrziel einprogrammiert wurde“, erklärt Georges Hilbert, der Generaldirektor von Sales-Lentz Technik. „Die Fahrstrecke wurde digitalisiert und in den Bordcomputer eingelesen.“ Ähnlich als würde man dem fahrerlosen Personentransporter die Strecke beibringen. So kann er dann autonom fahren, bremsen, lenken und sogar den Blinker benutzen. Und natürlich reagiert er auf andere Fahrzeuge, Passanten und sonstige Hindernisse. „Das funktioniert dank der Sensoren, die sich vorne und hinten, aber auch an den Seiten des Busses befinden.“ Wird das autonome Fahrzeug mit einem unvorhergesehenen Ereignis auf seiner Strecke konfrontiert, bleibt es stehen. Klingt total futuristisch und zu gleich richtig spannend. Trotzdem hat die moderne Technologie noch einige Grenzen. Zum Beispiel kann der Kleinbus, der von der französischen Firma Navya entwickelt wurde, ohne menschliche Einwirkung, Hindernisse momentan noch nicht umfahren. Und ganz fahrerlos sind die Passagiere auch nicht unterwegs. An Bord ist immer ein Busfahrer, auch Operator genannt.

„Aus gesetzlichen Gründen muss immer ein Fahrtbegleiter an Bord sein, der sofort ins Fahrgeschehen eingreifen kann, falls es ein Problem geben sollte. Das ist aufgrund des Wiener Abkommens Pflicht“, betont Georges Hilbert. „Es gibt fünf Automatisierungsgrade bei Fahrzeugen. Wir befinden uns auf Autonomiestufe vier. Das heißt, dass die Führung unseres Buses dauerhaft automatisch ist. Trotzdem muss ein Fahrer vorhanden sein, der die Führung zu jedem Zeitpunkt übernehmen kann. Von einem vollautonomen Fahren, ohne Operator, ist bis jetzt noch keine Rede. Das muss der Gesetzgeber entscheiden. Vielleicht wird das in drei oder vier Jahren möglich sein.“

Aus gesetzlichen Gründen muss immer ein Fahrtbegleiter an Bord sein, der sofort ins Fahrgeschehen eingreifen kann, falls es ein Problem geben sollte. Georges Hilbert, Generaldirektor von Sales-Lentz Technik

Trotzdem haben wir uns in der Redaktion entschieden, den autonomen Shuttle zu testen. An einem sonnigen Morgen am Fuße des Panorama-Aufzuges im Pfaffenthal. Eine Touristen-Horde steigt gerade aus dem Lift und fängt sofort an den smarten Minibus auszukundschaften. „Wo ist denn die Kabine für den Fahrer?“, wundert sich jemand. Andere lichten das Fahrzeug mit ihrer Kamera ab. Im kompakten Personentransporter ist Platz für elf Passagiere und für den Operator. Der fordert uns sofort auf, uns anzuschnallen. „Das Fahrzeug kann ziemlich heftig bremsen“, teilt er uns mit. Der autonome Shuttle rollt übrigens elektrisch. Das bedeutet, dass das Fahrzeug emissionsfrei ist. Es stößt keine Schadstoffe aus und es ist lautlos. Seine Autonomie liegt bei acht bis neun Stunden und zum Aufladen benötigt der Kleinbus knappe zwei Stunden. In der Theorie soll unsere Fahrt bis zur Standseilbahn, die den Bahnhof-Pfaffenthal mit dem Plateau von Kirchberg verbindet, ohne menschlichen Einfluss ablaufen. Doch der Bus will nicht abfahren. Der Operator greift zu seinem Controller, der dem einer Spielkonsole ähnelt. Ich bin begeistert. „Manchmal gibt es Probleme mit dem Netz“, verrät er uns. „Da wir uns hier in einem Tal befinden, klappt es nicht immer.“ Das Projekt ist nun eben noch in der Pilotphase. Im Stehen und mit seinem Joystick in der Hand manövriert er das Fahrzeug im Schritttempo entlang der Alzette. „Um kein Risiko einzugehen, fährt der Shuttle mit einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometer“, verrät Georges Hilbert von Sales-Lentz. Der Operator hatte Recht. Der Bremsvorgang ist tatsächlich ein bisschen unsanft, doch diese kleine Unannehmlichkeit ist schnell vergessen, als der Bus plötzlich doch noch in den autonomen Modus übergeht. Es ist ein eigenartiges Empfinden. Obwohl wir im Schneckentempo durch die Straßen tuckern, fasziniert mich die Zielsicherheit des Busses. Doch nicht jeder freut sich über die die rasche Entwicklung der autonomen Fahrzeuge. Der FNCTTFEL-Landesverband zeigt sich in einer Pressemitteilung besorgt um die Zukunft der Busfahrer. Die Einführung von fahrerlosen Bussen bedrohe hunderte von Arbeitsplätzen in Luxemburg.

„Diese Busse werden nicht entwickelt, um menschliche Arbeitskraft unnötig zu machen“, betont Georges Hilbert. „Im Gegenteil. Die autonomen Fahrzeuge werden neue Arbeitsplätze schaffen. Zwölf unserer Busfahrer sind alle von dem neuen Projekt begeistert und haben während zwei Wochen eine Ausbildung beim Hersteller gemacht, um sich mit dieser neuen Technologie bekannt zu machen. Auch in Zukunft wird es immer Operators geben, die einen oder mehrere autonome Shuttle überwachen und an Ort und Stelle eingreifen können“

Fotos: Philippe Reuter

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: Philippe Reuter

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