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Der Referee im Visier

Von einer zunehmenden Gewalt gegen Schiedsrichter ist in jüngster Zeit häufig die Rede. Haben die Übergriffen gegen die Unparteiischen wirklich zugenommen? Und wie gehen diese damit um?

Pokalfieber! Von wegen! Es war eher ein Fight Club, der sich da vergangene Woche in der pfälzischen Provinz zwischen dem TuS Rüssingen und Alemannia Waldalgesheim entwickelt hat. Beim Stand von 1:0 und nach der zweiten roten Karte für die Hausherren ging der Assistent des Schiedsrichters zu Boden. Ein Rüssinger Spieler hatte ihn niedergeschlagen. Das Verbandspokalspiel wurde abgebrochen. Raue Sitten zwischen Rhein und Mosel. Nicht nur dort: In Hessen war Ende Oktober ein Referee bewusstlos geschlagen und per Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht worden. Der Verband belegte den Übeltäter mit einer dreijährigen Sperre sowie einer Geldstrafe. Sein Klub wurde für sechs Monate aus dem Spielbetrieb ausgeschlossen. Die Gewalt gegen die Unparteiischen habe zugenommen, ist in mehreren Presseberichten der jüngsten Zeit zu lesen. Von einer „gewissen Verrohung“ sprach ein junger Schiedsrichter im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. In Köln streikten die Unparteiischen in den Kreisligen, in Berlin fielen Spiele aus, weil die Schiedsrichter in den Ausstand gegangen waren.

Doch nicht nur im deutschen Fußball gab es wiederholt Angriffe auf Schiedsrichter. In Frankreich landete im Département Marne ein Spieler deshalb vor Gericht. Wie in Deutschland beklagt auch der französische Fußball die zunehmende Gewalt. Wie im Nachbarland sind auch hier vor allem die unteren Amateurligen betroffen. Mehr als zehntausend Vorfälle registriert das „Observatoire des comportements“ des französischen Fußballverbands pro Jahr. Vier von zehn Aggressionen richten sich dabei gegen die Schiedsrichter. Einer wurde zum Beispiel von einem Spieler gewürgt, nachdem er ihm die gelbe Karte gezeigt hatte. „Bedarf es härterer Strafen?“, fragte der Radiosender France-Info. „Oder müssen die Vereine stärker zur Rechenschaft gezogen werden?“

Nach den Angriffen sind jedenfalls Konzepte gegen die Gewalt gefragt, meint die deutsche Psychologin und Sportwissenschaftlerin Angelika Ribler, die mehrere Fußballklubs und ein entsprechendes Projekt betreut. Sie kann zwar keine Zunahme der Gewalt feststellen, die Konflikte seien allerdings komplexer geworden, weil „so viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen gemeinsam Fußball spielen beziehungsweise Sport treiben“.

„Die Spieler wollen über alles diskutieren, und wenn die Emotionen hochkochen, lassen sie sich vielleicht zu Unsportlichkeiten hinreißen.“ Charles Schaack, Präsident des „Comité des Arbitres Fédéraux“ (CAF)

1-PR2_1249-KopieDabei wird nicht selten die Aggression mit dem angeblich „südländischen Temperament“ mancher Spieler mit Migrationshintergrund in Zusammenhang gebracht. Ein Stereotyp, das der Freiburger Bundesligatrainer Christian Streich, der von dem Frankfurter Mannschaftskapitän, dem Argentinier David Abraham, kurz zuvor umgerannt worden war, gegenüber einem Fernsehreporter entschärfte. Auf dessen Frage, ob es wohl am argentinischen Heißblut Abrahams liege, dass dieser impulsiver sei, antwortete Streich: „Egal ob argentinisches Blut oder deutsches.“ Streich ging jedenfalls nicht weiter auf die rassistisch konnotierte Bemerkung des Journalisten ein und nahm die Entschuldigung des Eintracht-Spielers an.

„Miteinander ins Gespräch kommen“, verlangt Angelika Ribler, „statt übereinander – und nicht nur Strafen aussprechen“. Auf dem Platz oder in der Sporthalle konzentriere sich alles – die ganze Welt und mit ihr auch die Vorurteile und Diskriminierungen. Ob auf den Zuschauerrängen unbelehrbare rassistische Hooligans diskriminierende Laute gegen dunkelhäutige Spieler von sich geben oder bei Attacken von Fußballern gegenüber Gegnern oder Schiedsrichtern – Letztere müssen durchaus auf mögliche Konfliktsituationen vorbereitet sein.

So auch die Luxemburger Unparteiischen. „Allerdings nicht genügend“, weiß Charles Schaack, Präsident des „Comité des Arbitres Fédéraux“ (CAF). Der Fußball hierzulande blieb von Aggressionen gegenüber Schiedsrichtern nicht verschont, wie zum Beispiel im Oktober bei dem Spiel Lasauvage gegen Aspelt. „Es gab zwar schon immer Tätlichkeiten am Schiedsrichter“, weiß Schaack. „Ich denke aber nicht, dass bei uns die Brutalität, also die physische Gewalt, gegenüber ihm zugenommen hat. Eher der psychische Druck, dem er ausgesetzt ist. All das, was er sich anhören muss. Das Anpöbeln, die Beleidigungen – die Hemmschwelle ist gesunken. Dabei spielen die sozialen Medien eine negative Rolle, wenn Schiedsrichter über Facebook beleidigt werden oder Spielszenen gepostet werden, über die andere ihre Kommentare abgeben. In diese Richtung muss etwas geschehen.“

Allgemein sei die Akzeptanz des Spielleiters, der Respekt vor ihm, nicht mehr so, wie er etwa vor zwanzig Jahren gewesen sei, stellt Schaack fest. Momentan werde alles hinterfragt. „Die Spieler wollen über alles diskutieren, und wenn die Emotionen hochkochen, lassen sie sich vielleicht zu Unsportlichkeiten hinreißen. Das kann vom Bedrängen des Schiedsrichters über Rudelbildungen bis hin zum Anfassen oder gar Stoßen gehen.“ Allerdings sei es nicht zu brutalen Tätlichkeiten wie vor rund zehn Jahren gekommen, als ein Schiedsrichter in der dritten Liga krankenhausreif geschlagen wurde. Schaack wurde nach eigenen Worten vor ein paar Jahren angegriffen. Doch dass der Referee unter Polizeischutz aus dem Stadion geführt werden müsse, komme in Luxemburg eher selten vor.

Richtige Problemspiele, die vor allem zwischen den einzelnen Fanlagern eskalieren können und wie sie aus dem Ausland bekannt sind, gebe es hierzulande nicht, stellt Laurent Kopriwa fest, seit 2001 Referee und seit 2012 FIFA-Schiedsrichter. Wie CAF-Präsident Schaack hat auch er körperliche Aggressionen vor allem in den unteren Ligen beobachtet. Erst am vergangenen Wochenende wurde in der dritten Division ein Spiel abgebrochen: In der Partei zwischen Moutfort-Medingen und Dalheim wurde der Schiedsrichter von einem Spieler der Gästemannschaft gestoßen, nachdem er ihm die Rote Karte gezeigt hatte. Warum aber ist die Gewalt gerade in den schwächeren Klassen größer, also ausgerechnet dort, wo weniger auf dem Spiel steht? „Schließlich gibt es in der Champions League kaum roten Karten. Es hat eher mit der mangelnden sportlichen Einstellung zun tun“, mutmaßt Schaack, der mehr als 1.500 Spiele leitete.

Laurent Kopriwa, FIFA-Schiedsrichter

Laurent Kopriwa, FIFA-Schiedsrichter

Bei all den Anfeindungen – der Schiedsrichter als Buhmann oder Buhfrau bei Spielern, Trainern und Fans – stellt sich die Frage, warum jemand noch überhaupt Referee wird. „Aus Idealismus“, sagt der frühere FIFA-Schiedsrichter Sven Bindels, der mehr als tausend Spiel gepfiffen hat, „und aus Spaß am Fußball.“ Mittlerweile hat er das Schiedsrichteramt an den Nagel gehängt. Doch nicht etwa wegen der Beleidigungen. „Ich wollte der Familie zuliebe kürzertreten“, erklärt Bindels. „Schließlich war ich Vater geworden.“ Zwar gibt es in vielen Ländern ein Nachwuchsproblem unter Schiedsrichtern, aber nicht die vermeintlich gestiegene Gewalt im Sport sei die Hauptursache für den Ausstieg von Schiedsrichtern, sondern berufliche und private Gründe, fand die Kriminologin Thaya Vester von der Juristischen Fakultät der Universität Tübingen heraus. Die Forscherin hat ihre Dissertation zu dem Thema „Zielscheibe Schiedsrichter“ geschrieben.

„Mit Kritik muss man leben und umgehen können, allerdings mit konstruktiver Kritik.“ Laurent Kopriwa, FIFA-Schiedsrichter

Für Tania Fernandes Morais hat eine mögliche erhöhte Gewaltbereitschaft gegenüber den Unparteiischen hierzulande ihren Ursprung vor ungefähr sieben Jahren. „Damals gab es einen Fall derber Kritik an einem Schiedsrichter seitens eines Trainers von Käerjeng“, erklärt die 37-Jährige, die bereits Erfahrungen als FIFA-Schiedsrichterin gesammtelt hat. Das große Problem in ihren Augen war allerdings weniger die Kritik als die fehlende Rückendeckung des Fußballverbandes (FLF) für den Schiedsrichter. „Das hat den Spielern und Trainern irgendwie signalisiert, dass die Grenzen dessen, was man sich gegenüber uns leisten kann, verschwommen sind“, erklärt Fernandes Morais. Die fehlende Unterstützung der FLF sei auch einer der Gründe dafür gewesen, dass sie selbst momentan eine Pause eingelegt habe. Als einen weiteren Grund nennt sie das Benehmen der Zuschauer und deren Einfluss auf die Spieler. Doch Fernandes Morais sieht das Problem nicht alleine beim Umfeld, sondern rät auch zur Selbstreflektion. „Emotionen gehören im Sport dazu“, sagt sie, „dass da mal Wörter fallen, die nicht so schön sind, ist normal und diese darf man als Schiedsrichter nicht persönlich nehmen“, erklärt sie, fügt jedoch hinzu, dass die FLF seit Jahren daran scheitert, ihren Schiedsrichtern hierfür die richtigen „Soft-Skills“ zu vermitteln, um damit auch umgehen zu können. Hinzu kommen, dass es Kollegen gebe, welche die erforderliche Autorität auf dem Platz mit Arroganz verwechseln, somit den Spielern ein falsches Signal senden und teils mitverantwortlich für deren Reaktionen sind.“

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Die „natürliche Autorität“ dürfe nicht mit autoritärem Verhalten verwechselt werden, weiß Sven Bindels. „Der erste Eindruck sei immer der wichtigste. Schon vor dem Spiel sollte der erste Kontakt zu den Trainern und Spielern hergestellt werden.“ Darauf werde aber in den Kursen der FLF eingegangen. Der Schiedsrichter müsse bestimmt sein, was den Spielablauf nach den Regeln angeht, aber wenn er zu übertrieben autoritär auftrete, werde er das Gegenteil bewirken, merkt Charles Schaack an. In den Schiedsrichterkursen werde nicht zuletzt auch Fehleranalyse betrieben, so der CAF-Präsident. „Wir diskutieren darüber, wie wir Fehler künftig vermeiden können. Unsere Philosophie ist, aus ihnen zu lernen.“

Sven Bindels, früherer FIFA-Schiedsrichter

Sven Bindels, früherer FIFA-Schiedsrichter

Man dürfe die Beleidigungen „nicht zu sehr an sich heranlassen“, sagt Laurent Kopriwa. „Denn viele lassen nur ihren Frust ab und wollen pöbeln.“ Mit Kritik müsse man leben und umgehen können, allerdings mit konstruktiver Kritik, fügt der FIFA-Referee hinzu. „Sonst ist man in dem Beruf fehl am Platze.“ „Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dann geht es zum einen Ohr rein und zum anderen raus“, weiß Mike Lima, langjähriger Schiedsrichter, zuletzt im Hallenfußball (Futsal). „Mehr Aggressivität“, aber nicht nur gegen den Referee, hat auch er beobachtet. „Immer mehr Wettkampf, immer mehr Druck, und im Mittelpunkt steht der Schiedsrichter“, stellt der 30-Jährige fest. Besonders der Futsal hat aufgrund von Ausschreitungen hierzulande ein schlechtes Image. Bei mehreren Spielen kam es zu Beginn dieses Jahres zu Übergriffen. Das Playoff-Finale zwischen Differdingen und Racing mündete in einem Faustkampf, ein Zuschauer warf einen Trommelstock auf einen der Unparteiischen. Und das Derby zwischen Wilwerwiltz und Wiltz verwandelte sich in eine Schlägerei, wobei ein Spieler den Schiedsrichter mit einem Faustschlag niederstreckte. Der Fußballverband (FLF) zog daher die Reißleine und beendete die Futsal-Meisterschaft 2018/2019 vorzeitig.

„Die ‚natürliche Autorität‘ darf nicht mit autoritärem Verhalten verwechselt werden.“ Sven Bindels, früherer FIFA-Schiedsrichter

Wer Schiedsrichter werden will, muss den Sport mögen, lautet die einhellige Meinung der Befragten, und muss damit rechnen, jede Woche oder jedes Wochenende auf dem Fußballplatz zu stehen. Was andererseits natürlich viele positive Seiten hat. Laurent Kopriwa zum Beispiel erklärt: „Als Schüler oder Student kann man sich sein Taschengeld aufbessern und trifft Leute rund um den Fußball.“ Und man könne in „Sphären gelangen, in die man als Spieler höchstwahrscheinlich nie kommt, wenn man internationale Spiele pfeift“, fügt Charles Schaack hinzu. Dann lässt sich für einen Schiedsrichter auf der Karriereleiter ein Traum schneller verwirklichen als anderswo. „Je höher man kommt, desto interessanter ist es“, weiß der langjährige Referee. „Man kann nicht nur hinter die Kulissen des Fußballs schauen, sondern ist mittendrin. Und nicht zuletzt überwiegen die schönen Erfahrungen. Das sind Erinnerungen, die bleiben.“

Text: Stefan Kunzmann, Daniel Baltes / Fotos: Philippe Reuter (2), Gerry Schmit (3), Marcel Nickels (beide Editpress)

490_0008_15173744_06_12_2015_Editpress_-KopieBlau für schwere Fälle

Der Handball sei schneller geworden, es gebe mehr Körperkontakt, unser Sport ist allgemein körperbetonter geworden, stellt Branko Sarac fest. Der frühere Spieler, in den 80er Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Luxemburg gekommen, leitet seit zwölf Jahren Spiele als Schiedsrichter. Zwar würden das eine oder andere Mal Schiedsrichter beleidigt, aber physische Gewalt komme dabei extrem selten vor. Dies kann Jean-Marc Facchin (Foto) bestätigen. „Die Spieler wollen heute viel häufiger als früher über jede Entscheidung diskutieren.“ Der 62-Jährige ist seit vielen Jahren als Referee tätig und erklärt, dass der Internationale Handballverband (IHF) für schwere Verstöße wie grobe Fouls oder besonders unsportliches Vergehen, zu dem auch Beleidigungen gehören, die Blaue Karte eingeführt habe. Diese signalisiere eine Disqualifikation, verbunden mit einem schriftlichem Bericht. Im Gegensatz zur Roten Karten führt die Blaue Karte zu einem Disziplinarverfahren. Viel Wert werde auf die Ausbildung der Schiedsrichter gelegt, erklärt Patrick Simonelli, für die Formation der Unparteiischen im Handball verantwortlich. Wichtig sei auch die Analyse der Schiedsrichterarbeit. Der 45-Jährige weiß, dass seine Kollegen und er sich unterschiedlich auf eine Partie vorbereiten. „Man lässt am besten alle Faktoren von außerhalb des Matches draußen“, erklärt er. Und Branko Sarac: „Ich versuche immer die Ruhe zu bewahren.“ Umso mehr, wenn die Stimmung im Spiel angespannt und hitzig ist.

Author: Martine Decker

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