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Der Riese und das Rinnsal

Aire de Contrôle: Messstation und Rückhaltebecken in unmittelbarer Nähe zur Autobahnraststätte.

Aire de Contrôle: Messstation und Rückhaltebecken in unmittelbarer Nähe zur Autobahnraststätte.

Nachdem an der Aire de Berchem zigtausend Liter der Harnstofflösung AdBlue ausgelaufen sind, reagieren die Behörden schnell und der Betreiberkonzern Shell sensibel. Schließlich ist die Großtankstelle eine bedeutende Geldquelle.

Fotos: Philippe Reuter

Die Aire de Berchem ist ein Ort der Superlative. Die Raststätte ist weit über die Grenzen hinaus bekannt. Denn auf dem Areal an der Autobahn A3 unweit der Ausfahrt Liwingen befindet sich die angeblich größte Tankstelle der Welt. Im Jahr tanken auf der einen Seite in Fahrtrichtung Frankreich bei Aral etwa eine Million Autos und 200.000 Lastwagen, auf der anderen, nach Norden, kommen in Spitzenzeiten rund 25.000 Kunden pro Tag zur Shell-Station. Für Shell ist der Standort eine Goldgrube. An der Aire de Berchem setzt das Unternehmen jährlich 260 Millionen Liter Kraftstoff ab, nach der Erweiterung hat Shell das Ziel von 300 Millionen Liter anvisiert.

Guy Conrady liebt die Natur. Manchmal ist der 65-jährige ehemalige Lehrer stundenlang im Wald und sitzt auf der Lauer, um Vögel zu beobachten und zu fotografieren. Spechte, Meisen, Finken – in dem Waldstück in der Nähe seines Hauses in Berchem, wo er seit Ende der 70er Jahre mit seiner Familie wohnt, tummelt sich eine vielfältige Vogelpopulation. Conrady lebt nur wenige hundert Meter von der Aire de Berchem entfernt. Der Mann mit dem Schnauzbart hat als Gemeinderat von „déi Gréng“ und in der lokalen Bürgerinitiative jahrelang für ökologische Belange gekämpft. Seit Jahrzehnten ist der Naturschützer und Familienvater in der Umweltbewegung aktiv. Während er sich den Weg durchs Dickicht bahnt, erzählt er, wie er seit der Eröffnung der Tankstelle im Jahr 1983 den Ölmulti in seiner Nachbarschaft kritisch beobachtet. „Da hinten befindet sich ein Fuchsbau“, sagt er und zeigt in ein Gebüsch. Ein paar Meter weiter, auf der anderen Seite eines Bachbetts, in dem ein Rinnsal fließt, im von Laub bedeckten, morastigen Boden ist ein Stück von einer blauen Tonne zu sehen. „Früher war hier eine Mülldeponie“, sagt Conrady und geht weiter zu einem umzäunten Gelände. Hinter dem Zaun sind ein Regenwasser- und ein Filterbecken zu sehen. Drei Männer betreten derweil das Gelände, einer davon trägt eine Weste mit Shell-Logo.

Hat AdBlue etwas mit dem Fischsterben in der Alzette zu tun?

Conrady erinnert sich an jenen Skandal, auf den er vor rund fünf Jahren aufmerksam gemacht hatte, als Öl ins Berchemer Kanalisationsnetz gelangt war. Damals waren die Filter der Ölabscheider der Oberflächenbehandlung an der Aire de Berchem verstopft. Spuren von umweltschädlichen Kohlenwasserstoffen gelangten in den nahen Bach. Die Straßenbauverwaltung hat ein deutsches Kontrollbüro mit Analysen an einem Regenwasserrückhaltebecken und Filterbecken mit Schilf unterhalb der Aire de Berchem beauftragt. Das Büro aus dem badischen Sinsheim kontrolliert regelmäßig den Standort.

Im Juli dieses Jahres kam die Aire de Berchem erneut in die Schlagzeilen, nachdem mehr als 50.000 Liter AdBlue ausgelaufen waren: Die Lösung, bestehend aus rund einem Drittel Harnstoff und zwei Drittel demineralisiertem Wasser, wird als Einspritzflüssigkeit zur Nachbehandlung von Abgasen der Dieselmotoren benutzt und reduziert den Ausstoß von Stickoxiden um bis zu 90 Prozent, indem sich Ammoniak bildet und sich die Stickoxide in Wasserdampf und Stickstoff verwandeln. In der Fachsprache heißt die Methode „Selective Catalytic Reduction“ (SCR). Der Dieselzusatzstoff ist an Tankstellen zu bekommen und wird dort vor allem von LKW-Fahrern gekauft: Während ein Auto, bezogen auf den Kraftstoffverbrauch, einen AdBlue-Anteil von etwa einem halben Prozent hat, braucht ein Brummi einen Anteil von bis zu sieben Prozent, um sauber zu sein.

Besonders begehrt ist AdBlue am Trucker-Treffpunkt Aire de Berchem. Am 4. Juli wurde von Shell ein unterirdisches Leck festgestellt, das durch ein defektes Stück an einem Rohr entstanden war. Das AdBlue soll auf dem Parkplatz der Raststätte über mehrere Wochen in die Kanalisation des Oberflächenwassers gelangt sein. Nach revue-Informationen war der Konzern von einer geringeren Menge der ausgelaufenen Flüssigkeit ausgegangen. Das Umweltministerium forderte den Konzern daraufhin am 22. Juli schriftlich auf, so schnell wie möglich detaillierte Einzelheiten zu dem Vorfall zu liefern. Das Ministerium bemängelte zudem, dass Shell nicht umgehend den Zivilschutz benachrichtigt und erst verspätet die zuständigen Behörden informiert hatte.

„Eine an sich ungefährliche Lösung“, sagt Paul Mangen von der Administration des ponts et chaussées und nimmt eine Flasche mit AdBlue vom Schrank seines Büros. Er öffnet die Flasche: „Überzeugen Sie sich selbst, sie riecht nach nichts und ist auch ansonsten unbedenklich“, erklärt er, „allerdings entsteht in Verbindung mit Wasser Ammoniak.“ Oder anders gesagt: Der im AdBlue enthaltene Harnstoff wird zu Ammonium und danach zu Nitrit und Nitrat. Nachdem auch das deutsche Kontrollbüro darauf aufmerksam geworden war, wurde die zuständige Umweltbehörde hellhörig.

phr_0856Nicht nur auf dem Gelände der Aire de Berchem wurden Proben genommen, von denen noch die zugeschütteten Löcher zeugen. Das Rinnsal im angrenzenden Waldstück floss in Berchem weiter in die Alzette. Beamte des Wasserwirtschaftsamt untersuchten den Fluss. Ein paar Kilometer flussabwärts war es zu einem Fischsterben in der Alzette gekommen. Bei Proben wurden hohe Ammonium-, Nitrit- und Nitrat-Werte festgestellt. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es eine Verbindung zwischen dem AdBlue-Austritt an der Aire de Berchem und dem Fischsterben gebe. Nur sagt der zuständige Beamte: „Wir können es aber nicht beweisen.“ Zwar wird AdBlue in die Wassergefährdungsklasse eins eingestuft, als gering wassergefährdend. Tatsache jedoch ist, dass Ammoniak für Fische giftig ist – und tödlich sein kann.

AdBlue sei zwar für den Menschen nicht toxisch, könne aber für Fauna und Flora schädlich sein, sagt Olaf Münichsdorfer vom Umweltministerium. Mit Spannung werden für Oktober die Untersuchungsresultate des Wasserwirtschaftsamtes erwartet. Auch die Situation an den anderen Tankstellen soll überprüft werden. Für konkrete Aussagen sei es aber noch zu früh. Bisher war es auf der gegenüberliegenden Araltankstelle noch zu keinem ähnlichen Problem gekommen. Die grün-geführten Ministerien sind jedenfalls sensibilisiert und wollen sich nichts zuschulden kommen lassen. Der Fall AdBlue hat bereits zwei Abgeordnete, Gusty Graas (DP) und David Wagner (déi Lénk) zu parlamentarischen Anfragen an das Ministerium veranlasst.

„Wir selbst sind die Geschädigten“, sagt Tom Weisgerber, Erster Regierungsrat von der Abteilung für Travaux Publics im Nachhaltigkeitsressort. Das Areal ist in Besitz des Staates, Shell ist nur Pächter. Das Umweltministerium verordnete dem Tankstellenbetreiber strenge Auflagen und ordnete an, „detaillierte Maßnahmen“ zu ergreifen, um Lecks künftig zu vermeiden. Außerdem muss der Konzern seine Kraftstoff- und AdBlue-Zapfsäulen besser überwachen. Für die Anpassungen auf dem Gelände, zum Beispiel im Leitungssystem, soll Shell ein genaues Programm vorlegen. Der Multi nimmt die Auflagen ernst. Schließlich geht es an der Aire de Berchem um eine Menge Geld. Seit Anfang August hat Shell den Verkauf von AdBlue an den Zapfsäulen vorübergehend gestoppt.

phr_0846Während der Regierung an einer gründlichen Aufklärung gelegen ist, nimmt auch Shell nach anfänglichen internen Kommunikationsproblemen den Fall „AdBlue“ ernst. Wie sensibel der Konzern mittlerweile ist, wenn es ums eigene Image geht, zeigt die schnelle Reaktion von Domitille Fafin, Shell-Sprecherin für Frankreich und Benelux, auf eine revue-Anfrage: „Der größte Teil der AdBlue-Infrastruktur ist bereits angepasst. Wir arbeiten Hand in Hand mit der Regierung, um die Auflagen zu erfüllen.“ Das AdBlue-Leck ist längst behoben, mit den weiteren Arbeiten auf dem Areal sind noch mehrere Firmen beschäftigt. Der Konzern, weltweit wegen Umweltfrevel am Pranger, ist auf Image-Pflege aus. Er bot sogar an, sich an der Wiederaufstockung des Fischbestandes in der Alzette zu beteiligen.

phr_0824„Eine gute Absicht“, sagt Guy Conrady, „ich habe aber meine Zweifel.“ Ist das Angebot von Shell nicht sogar indirekt ein Schuldeingeständnis? Der erfahrene Umweltschützer hat schon viele Kämpfe mit Autoritäten und Konzernen ausgefochten. Mittlerweile hat sich deren Strategie geändert. Auch wenn die betroffenen Ministerien nun grün geführt sind: Die Probleme, das zeigt der Fall AdBlue, sind geblieben. Das Bachbett, das von der Aire de Berchem durch das Waldstück führt, ist inzwischen fast ohne Wasser. Das Rinnsal versiegt, bevor es – teils unterirdisch – in die Alzette fließen kann. Zumindest jetzt besteht keine Gefahr.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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