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Der Schlüssel zum Glück?

Der Mond steht schon seit Stunden hoch am Himmel und in den Nachbarhäusern brennt schon seit einer Ewigkeit kein Licht mehr. Trotzdem tanzen die prickelnden Champagner-Bläschen in meinem Glas heiter weiter. Es herrscht Totenstille auf meinem Balkon und eigentlich fehlt jetzt nur noch, dass der Wind Tumbleweed durch die verlassene Straße treibt, so wie in einem billigen Westernfilm. Als Zeichen dafür, dass jede Form von Zivilisation für alle Ewigkeit ausgelöscht wurde. Doch soweit soll es in meinen morbiden Gedanken nicht kommen, denn durch die Glastür lenkt mich aus dem Wohnzimmer kommend, ein heiteres Flimmern davon ab. Es ist keine Bildstörung des Fernsehgerätes, auch keine Halluzination, sondern ein Sprung in eine Welt, die, so schätze ich der Bildqualität nach, nicht von heute, auch nicht von gestern, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit eher von vorgestern stammt.

„Rosen Tulpen Nelken, alle Blumen welken. Stahl und Eisen bricht, doch meine Liebe nicht“, singen in einem nur halbwegs beherrschten Play-Back Maria und Margot Hellwig. Das Publikum schunkelt begeistert mit.
„Holalahidi…Holadihi, holadihi, holadiaho“. Es wird geklatscht was das Zeug hält und überall sind nur strahlend lachende Gesichter zu sehen. Trachtenanzug und Dirndl sitzen wie angegossen. Ungereimtheiten gibt es in diesem aus Pappe geschaffenen idyllische Alpenländchen, mit seiner künstlichen Beleuchtung, nicht. Alle Klischeevorstellungen einer heilen Welt, auf ein paar Quadratmetern in einem Fernsehstudio verteilt. Herrlich. Eine Faszination, die noch ein Glas Champagner verlangt, begleitet von diesem permanenten Mitklatschen der Zuschauer.

Eine Art Fata Morgana in Form einer Schlagerparade, wo einfache Texte und aufheiternde Melodien für eine heile Welt ausreichen und der Druck der Realität nicht mehr existiert. Warum eigentlich nicht? „Im Leben, im Leben, da ist nicht alles eben. Und darum braucht im Leben, der Mensch ein bisschen Glück.“

In diesem wunderschönen Land, nicht ganz frei von Kitsch, gibt es keine bitteren Tränen, kein Liebeskummer und sicherlich auch kein tödliches Virus. Hier steht die Sonne immer hoch am blauen Himmel. Platz für kleine graue Wölkchen ist hier keiner. Es ist nun eben das Basismaterial, einer artgerechten Heimatschnulze.

„So a Stückerl heile Welt, hab’ ich beim Himmel heut’ bestellt. (…) Wo einer fest zum Ander’n hält
So a Platzerl halt wo’s Herz allein nur zählt.“

Diesen Platz gibt es natürlich nicht. Alles ist nur die Illusion einer heilen Welt, ohne echte Realitätsbezüge. Alles nur Volksverblödung und Jodel-Musik aus der Konservendose, meinen die Kritiker. Doch wie lässt sich dann erklären, dass seit Jahrzehnten Millionen Zuschauer mit tobendem Applaus dem Heile-Welt-Kitsch nacheifern und zu einer Mehrheit gehören, die jedes andere TV-Programm der Konkurrenz in die Knie zwingt? Die Hoffnung… ja, das Prinzip der Hoffnung. Der Traum von einem besseren Leben, wo alle Sorgen längst vergessen sind. Das muss es wohl sein, das Geheimrezept. Prosit! Darauf muss ich anstoßen… aber mit wem? Mit einem Schlag bin ich zurück in der Realität. Ich ertappe mich, mir die Frage stellend, ob es eigentlich egoistisch oder sogar unsolidarisch ist, sich tief in der Nacht für ein paar Gläser Champagner und alte Schlagerschnulzen zu begeistern und das auch noch aus purer Langweile. Natürlich ist das erlaubt. Natürlich darf jeder sich mal von der Realität der Tatsachen abkapseln. Permanent an der Front der schlechten Nachrichten zu stehen, bekommt sicherlich keinem. Der Realität ist man nicht gezwungen permanent ins Auge zu blicken, schon gar nicht, wenn sie vielleicht für eine Weile zu unerträglich wird. Und schon wieder jodelt es aus einer Ecke, unter tobendem Applaus, als sei schlussendlich alles nur ein schlechter Traum gewesen, denn „Solang noch rote Rosen blüh‘n, solang ein Lied erklingt, solang am Himmel Sterne glüh‘n, (…)wird uns‘re Welt sich weiter dreh‘n, auch in der dunklen Nacht.“

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Martine Decker

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