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Der Überflieger

Einst als Asylbewerber ins Großherzogtum gekommen, ist Danel Sinani heute Luxemburgs bester Fußballer und spielt im Nationalteam. Der Spieler des Jahres 2019 ist nun auf dem Sprung nach England.

Als nichts mehr zu verlieren ist, schlägt „Mister Europapokal“ doppelt zu, heißt es später in der Zeitung. Zwei Tore gegen den FC Sevilla und Danel Sinani hat im vergangenen Herbst einmal mehr mit zwei Treffern auf sich aufmerksam gemacht. Dass Luxemburgs Fußballer des Jahres mit neun Toren in der Europa League, drei davon im Doppelpack, aufwartete, hat entscheidend dazu beigetragen, dass der 22-Jährige seine Kickschuhe bald in einer englischen Profiliga schnüren wird.

Ob dies in der Premier League oder in der Championship sein wird, hängt nicht so sehr von dem derzeitigen Topspieler des F91 Düdelingen ab, sondern von seinem neuen Club, zu dem er im Sommer nach Ablauf der aktuellen Spielzeit wechseln wird. Norwich City rangiert momentan auf dem 20. und letzten Platz im englischen Oberhaus, der zurzeit wohl stärksten Liga der Welt. Aber auch die Championship kann sich sowohl finanziell wie qualitativ international durchaus sehen lassen. Jedenfalls ist es Sinanis definitiver Durchbruch und Einstieg ins Profigeschäft.

Danel-Sinani-20---001-KopieFreundlich und bescheiden kommt er daher und trotzdem selbstbewusst in seiner Ausstrahlung, als Sinani die revue-Redaktion besucht. Hier in Differdingen begann seine fußballerische Laufbahn im luxemburgischen Vereinsfußball. Auf dem Thillenberg wurde das erste Kapitel einer noch jungen Erfolgsgeschichte geschrieben. „Hier bin ich aufgewachsen“, sagt Sinani, der einst als Schüler für den FC Differdingen 03 antrat, „hier bin ich zu Hause.“

Meine Eltern wollten uns Stabilität und Sicherheit bieten, in einem Land, das sich nicht im Krieg befindet.

Geboren ist er wie sein vier Jahre älterer Bruder Dejvid, der heute bei Fola Esch spielt, in Belgrad. In der serbischen Hauptstadt verbrachte er die ersten fünf Jahre seines Lebens, bevor die Familie – drei Jahre nach Ausbruch des Kosovo-Krieges, das Land verließ. „Weil meine Cousins in Luxemburg lebten, sind wir hierhergekommen“, erzählt er. „Meine Eltern wollten uns Stabilität und Sicherheit bieten, in einem Land, das sich nicht im Krieg befindet.“ Die Sinanis, eine ursprünglich aus dem Dorf Dragash im Kosovo stammende Familie aus der Minderheit der Goranen, bei denen man noch heute zu Hause Mazedonisch spricht, beantragten im Großherzogtum Asyl. Nachdem sie einige Wochen in einem Flüchtlingsheim in Bourscheid verbracht hatten, zogen sie nach Differdingen um, in die Nähe des alten Stadions am Thillenberg, die Heimat der Red Boys.

1711LuxPortu-50-KopieNoch heute sei Roter Stern Belgrad sein Lieblingsverein, wie Sinani bekennt. „Neben dem FC Barcelona“, fügt er hinzu. Zwar hatte er mit Betis Sevilla – die Kulisse von 50.000 Zuschauern hatte ihn besonders fasziniert – und dem FC Sevilla schon zwei spanische Teams als Gegner, aber einmal gegen Barça und Lionel Messi zu spielen, „ist der Traum eines jeden Fußballspielers“. Gegen einen anderen Großen, Christiano Ronaldo, hat er im vergangenen Herbst gespielt. Beim 0:2 gegen Portugal in der EM-Qualifikation blieb ihm ein Treffer verwehrt. Sein großes Idol sei aber Zinedine Zidane, sagt Sinani. Ein fabelhafter Spieler.

Die Europa League als Bühne war sicherlich ein Sprungbrett, und die Spiele der Düdelinger gegen hochkarätige Kontrahenten wie die beiden genannten Teams aus Andalusien oder den AC Milan bleiben in Erinnerung. Am liebsten denkt er jedoch an das Auswärtsspiel gegen Olympiakos Piräus. Der griechische Verein habe viel gemein mit Roter Stern Belgrad. Trotz der internationalen Erfahrungen mit F91 und den bisher 14 Länderspielen war Sinani bereits vorher schon im Gespräch bei ausländischen Proficlubs, so zum Beispiel beim 1. FC Nürnberg. Letzterer klopfte bei ihm an, als Sinani von 2014 bis 2017 beim RFC Union Luxemburg spielte, und wollte ihn in seine zweite Mannschaft holen. Er winkte ab und ging schließlich nach Düdelingen. Dino Toppmöller, der frühere Spielertrainer von Hamm Benfica, der bei F91 angeheuert hatte, holte ihn zu dem von Mäzen Flavio Becca finanzierten Erfolgsteam ins Jos-Nosbaum-Stadion. „Ich wollte mich vor allem weiterentwickeln“, erklärt Sinani. „Außerdem hielt ich es für einfacher, von dort aus den Sprung ins Profigeschäft zu schaffen.“

33 Spiele in sechs Monaten ist ein Rhythmus, der es in sich hat.

Der 22-Jährige hat sich dem Fußball verschrieben und kann sich durchaus vorstellen, nach seiner aktiven Spielerkarriere als Trainer tätig zu sein. Eben wie Zidane. „Noch heute sind meine besten Freunde Fußballspieler“, sagt er. „Mein Traum war es immer, einmal Profi zu werden.“ Trotzdem hat sich Sinani ein zweites Standbein neben dem Fußball geschaffen. Nach dem Abitur im Escher Jungenlyzeum begann er ein Studium der Wirtschaft an der Uni Luxemburg. Nur an den Fußball zu denken wäre ein Fehler, ist er sich bewusst. Eine gute Schulausbildung sei ihm immer wichtig gewesen. „Nicht jeder schafft den Sprung“, weiß er.

Zwar hatte Sinani bereits in der Saison 2018/19 mit Düdelingen Aufsehen erregt und manchen Fußballexperten aus dem Ausland überrascht – der junge Stürmer mit dem starken linken Fuß hatte seine Mannschaft mit drei Toren in zwei Spielen gegen das rumänische Team aus Cluj fast im Alleingang als erste luxemburgische Mannschaft in die Gruppenphase der Europa League geschossen. Zuerst den kosovarischen Meister, dann den polnischen und schließlich den rumänischen – der Höhenflug hat nicht nur F91 weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht, sondern auch den ambitionierten Linksfüßler. So interviewte zum Beispiel das deutsche Fußballmagazin „11Freunde“ den jungen Stürmer.

LMP02648-KopieAus einem Wechsel zu dem belgischen Erstligisten VV St. Truiden im letzten Sommer wurde nichts, aber nun Norwich City: ein englischer Traditionsverein, einst Ligapokalsieger und sogar Dritter 1992/93 in der damals neu gegründeten Premier League. Nach dem Wiederaufstieg ins Oberhaus unter dem deutschen Cheftrainer Daniel Farke, der früher die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund trainierte, müssen die Kanarienvögel, so der Spitzname des Teams aus Ostengland, zwar Lehrgeld bezahlen. Zusammen mit dem Schweizer Nationalspieler Josip Drmic und einigen deutschen Spielern wie dem Schalker Torhüter Ralf Fährmann und dem Ex-Stuttgarter und Ex-Hoffenheimer Lukas Rupp erwartet den baldigen Neuzugang bei den Grün-Gelben ein ambitioniertes Team und ein interessantes Umfeld. 2018/19 dominierte City die Championship.

An der Seite von Sinani wirken vor allem Vater Arif und der Spielerberater Edin Ahmeti. Trainer wie Toppmöller und Manuel Cardoni als Jugendnationaltrainer haben ihn besonders geprägt. Erster luxemburgischer Spieler in der Premier League wäre der Noch-F91er im Falle eines Klassenerhalts, in der Championship spielt bereits Enes Mahmutovic. „Es wird schwer sein“, sagt Sinani, „aber ich muss mich daran gewöhnen. Das Spiel ist physischer.“ In der Hinsicht gelte es noch einiges zu tun. „Auch defensiv muss ich mich noch verbessern“, weiß er. Zumindest hat er sich in dieser und in der Vorsaison an die „englischen“ Wochen mit der Doppelbelastung von Europa League und BGL Ligue für F91 Düdelingen gewöhnt. 33 Spiele in sechs Monaten ist ein Rhythmus, der es in sich hat.

Wie in der Vorsaison sind die Düdelinger in der zweiten Hälfte der Spielzeit (am Sonntag muss der F91 gegen Tabellenführer Titus Petingen ran) auf der Aufholjagd nach dem Meistertitel. „Vom Gejagten zum Jäger“, fasst es der Überflieger der vergangenen beiden Spielzeiten zusammen. Die Rolle als Underdog auf internationalem Terrain habe der Mannschaft sicherlich zum Vorteil gereicht, weiß Sinani. Ähnlich war es mit der Nationalmannschaft. Seinen Einstand für die Roude Léiw gab er auswärts gegen Frankreich. „Ein 0:0 war für uns ein großer Erfolg“, sagt er. Während der gebürtige Bosnier und in Luxemburg aufgewachsene Miralem Pjanic, der unter anderem bei Juventus Turin Karriere gemacht hat, sich für das bosnische Nationalteam entschied, gab Sinani, der die luxemburgische und serbische Staatsbürgerschaft hat, dem Großherzogtum den Vorzug. Ob Underdog oder Favorit – „der Druck ist immer da“, weiß er.

Fotos: Georges Noesen, Jeff Lahr (Editpress), Luis Mangorrinha, Gerry Schmit (Editpress)

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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