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Der Vulkan

In der Öffentlichkeit pflegt er das Bild des unsympathischen Wüterichs. Im persönlichen Gespräch zeigt sich Gaston Vogel von einer ganz anderen Seite. Der Rechtsanwalt hat viele Facetten – und doch ist und bleibt er unverwechselbar ein großer Individualist mit Hang zu Kunst, Musik und Literatur.

Fotos: Isabella Finzi (3), Pierre Matgé (2) (beide Editpress-Archiv), Christophe Olinger

Haben Sie jemals über wirkliche Freiheit nachgedacht? Freiheit von den Meinungen der anderen. Sogar von den eigenen Meinungen.“ Als ich das Bild an der Wand von Gaston Vogels Kanzlei sehe, muss ich an die Worte von Walter E. Kurtz, gespielt von Marlon Brando, aus „Apocalypse Now“ denken. Der Hell-Dunkel-Kontrast des Gemäldes erinnert mich an die berühmte Szene der filmischen Interpretation von Joseph Conrads Buch „Herz der Finsternis“: Captain Benjamin L. Willard macht sich während des Vietnamkrieges auf die Suche nach dem abtrünnigen Colonel Kurtz, der im Dschungel von Vietnam lebt. Willard begegnet Kurtz. Ob er ihn versteht, bleibt ungeklärt.

Das Bild der Künstlerin Lea Schock, auf dem Vogel schemenhaft zu erkennen ist, zeigt mit malerischen Mitteln auf eindrucksvolle Weise die Vielschichtigkeit des wohl bekanntesten Luxemburger Rechtsanwalts. Das künstlerische Abbild einer Person ist immer nur eine Interpretation, so wie auch die journalistische Recherche immer nur eine Annäherung ist. Wir nähern uns dem Ziel, der Wahrheit, aber wir werden sie nie ganz finden. Das Bild zeigt das Gesicht des Anwalts in vielen Schattierungen. Aus der Ferne wirkt es umso deutlicher. Es verschwimmt in Nuancen und Pinselstrichen, je mehr man sich ihm nähert. „Kunst ist etwas Ernsthaftes“, sagt Vogel. Sie gehe in die Tiefe, entspreche einer Empfindung des inneren Feuers. Sie sei alles andere als etwas Oberflächliches, von dem man heutzutage viel zu viel habe.

Maître Vogel sitzt, als ich hereintrete, an seinem Schreibtisch, auf dem eine Buddha-Figur aus Jade thront. Der Gastgeber richtet sich langsam auf und bietet mir mit einer einladenden Geste einen Stuhl an. Dann geht er, leicht schlurfend, hinüber zu einem Bücherschrank, in dem sich eine imponierende Sammlung von Pléiade-Ausgaben verschiedener Klassiker befindet. Überhaupt ist der Raum voller Bücher. Klassische Literatur und Philosophie befinden sich ebenso darunter wie Bildbände über berühmte Künstler sowie ferne und weniger ferne Länder. Während mein Blick über die Bücherregale schweift, bekomme ich einen Vorgeschmack auf das Universum des Maîtres, auf den gesamten Kosmos seines Denkens.

Mir fällt eine Sammlung von kugelförmigen Steinen auf, die den Blick des Betrachters wie magnetisch anziehen. Die glatt geschliffenen Kugeln wirken geheimnisvoll. „Das ist versteinertes Holz“, sagt Vogel, während er mich durch seine Brillengläser mustert. Es ist nichts zu spüren von dem berserkerhaften Wüterich, als der er häufig beschrieben wird, von jenem polternden Unikum, der manchmal lauthals, aber fast immer mit brillanter Eloquenz die rhetorische Hegemonie der Gerichtssäle ergreift und nicht selten den hiesigen Justizapparat mit seinen Wortsalven verdammt. Ganz im Gegenteil: Eine unerwartete Ruhe geht von dem Ruhelosen aus, die nur andeutungsweise etwas Angespanntes hat, als würde es tief in seinem Innern brodeln. Ich muss an jene Sitzungen des Bommeleeër-Prozesses denken, denen ich einst beiwohnte und in denen Vogel nuanciert und pointiert seine Ausführungen machte, leise ansetzend, als wäre jedes einzelne Wort eigens von einem Wörterschmied geschliffen worden – und nicht selten in einem furiosen Gewitterfinale endend.

„Das Wort hat etwas Magisches. Ich ziseliere die Wörter und gebrauche sie gezielt. Sie müssen so kommen, dass sie einschlagen und dass sie den Geist betören.“ Gaston Vogel

„Dans la tourmente judiciaire“: Maître Vogel und Lydie Lorang, die beiden Verteidiger im Bommeleeër-Prozess (Februar 2013 bis Juli 2014).

„Dans la tourmente judiciaire“: Maître Vogel und Lydie Lorang, die beiden Verteidiger im Bommeleeër-Prozess (Februar 2013 bis Juli 2014).


Leidenschaft Literatur: Vor allem Dostojewski ist für Vogel eine unerschöpfliche Quelle.

Leidenschaft Literatur: Vor allem Dostojewski ist für Vogel eine unerschöpfliche Quelle.

Vogel ist sowohl berühmt als auch berüchtigt für seine wortgewaltigen Auftritte und pointierten Plädoyers bei Gericht und in aller Öffentlichkeit. Er nehme kein Blatt vor den Mund, heißt es. Er kann aus der Rolle fallen, wenn er sagt, es sei ihm „esou schäissegal, wéi dat mir nëmme schäissegal ka sinn“, dass ihn ein Zeuge verklagte, weil er diesen der Lüge bezichtigt hatte. Viele stimmen ihm zu, weil sich endlich einer zu sagen traut, was andere nur denken. Andererseits kultiviere er die Antipathie, sagt er über sich selbst. „Ich will keinem sympathisch sein“, sagt er, „ich will ich sein.“ Vogel schaut oft mürrisch. Auch jetzt, in diesem Moment in seinem Büro. „Ich lache nicht“, sagt er zum Fotografen. „Jene, die lachen, sind hypokritisch.“ Er hält nichts von Maskerade. Doch spielt er nicht selbst jedes Mal eine Rolle – im Gericht und anderswo als öffentliche Person? Spielt er nicht gerade das, was die anderen Menschen von ihm erwarten?

Seine Wortmeldungen im Bommeleeër-Prozess, der während unseres Gesprächs kein einziges Mal erwähnt wird, wirken wie inszenierte Monologe. „Alles kommt aus dem Bauch“, beteuert er. „Es gibt keine Inszenierung. Ich spiele kein Theater. Ich reagiere vulkanisch.“ Dostojewski, Proust, Mandelstam – er bezeichnet seine Lieblingsschriftsteller als seine Freunde. In Vogels Kanzlei hängen mehrere Fotos – unter anderem einige Porträts seiner Idole. „Der Widerspenstige“ wurde er einmal genannt. Vogel ist Pessimist. Und er misstraut den Menschen. Umso mehr gewährt er ihnen Freiheit. Er legt sie nicht fest. Fast anmaßend ist es, von einem Menschen zu behaupten, ihn zu kennen, geschweige denn, sich selbst. Der Mensch ist voller Tiefen. Und Tiefen sind gefährlich, weiß Vogel. Vogel kennen alle. Doch niemand scheint ihn wirklich zu kennen. Vielleicht nicht mal er selbst. Seine Freunde, die großen Poeten und Romanciers, haben es geschafft, die Tiefe der menschlichen Psyche zu ergründen. Unter den Lebenden zählt er nur wenige Menschen zu seinen Freunden.

Vogel bezeichnet sich als ein Fan alter asiatischer Kulturen. Er begeistert sich für das China der Mandarine. Taoismus und Konfuzianismus faszinieren ihn. Mehrere chinesische Möbelstücke und andere Gegenstände aus Asien stehen in seinem Büro. Er bittet mich, auf einem kostbaren alten Stuhl Platz zu nehmen und bleibt kurz vor einem mächtigen Block stehen. „Die zu Stein gewordenen Überreste eines Baumes aus Sumatra, 250 Millionen Jahre alt“, sagt er. Vogel ist als Sammler asiatischer Kunst bekannt. Mineralien faszinieren ihn ebenso. Er hat unzählige. Sie sind Zeugen einer vergangenen, menschlich kaum fassbaren Zeit, die sie überdauert haben, wie sie auch die Menschheit überdauern werden. Sie sind aus der Zeit gefallen. Bevor er sich setzt, hält er inne. Er hasse die Zeit, hat er einmal in einem früheren Interview gesagt. Vogel ist 78 Jahre alt. Seine ergrauten Locken lassen ihn jünger erscheinen. Einen alten Mann stellt man sich anders vor.

Die Ewigkeit scheint seinen Sammlerstücken innezuwohnen. Sammeln heißt Bewahren. Es ist ein Aufbäumen gegen die Vergänglichkeit, als sollten die gesammelten Objekte vor ihr gerettet werden. Vogel sammelt aus Leidenschaft – wie er vieles aus Leidenschaft macht. 1937 geboren und aufgewachsen ist er in Walferdingen. Sein Vater sei ein großer Latinist und Kenner der altgriechischen Philologie gewesen, beginnt er zu erzählen. „Er war irgendwie ein wenig meschugge“, erinnert sich Vogel. „Mein Vater kannte den ‚Faust’ und mochte Goethe, also die Klassiker. Er übersetzte Teile des ‚Faust’ auf Latein. Aber er hatte überhaupt keinen Bezug zur Moderne. Die interessierte ihn nicht. Das war für mich ein Problem. In dieser verrückten Atmosphäre wuchs ich auf.“ Seine Mutter sei eine liebevolle Frau gewesen. Aber intellektuelle Impulse habe er von ihr nicht erhalten. Geschwister hat er keine. Vogel besuchte das Athenäum, seinen Worten nach das beste Lyzeum in Luxemburg. „Es war eine wunderbare Zeit“, erinnert er sich. „Eine zwar sehr harte, aber auch starke Schule. Ich hatte exzellente Professoren. Wir kamen an die französischen Universitäten und wussten mehr als die anderen.“

In Bildungsfragen hält er sich für konservativ: „Ich bin nicht für die Nivellierung nach unten, bin aber auch nicht elitär.“ Für die Monarchie ist er schon gar nicht. Er ist ein überzeugter Antimonarchist. Anlässlich der Heirat des Erbgroßherzogs Guillaume verfasste er einen offenen Brief an den damaligen Premier Jean-Claude Juncker und empörte sich darüber, dass staatliche Räume für die Hochzeit des Prinzenpaares zur Verfügung gestellt und eine Menge Geld dafür ausgegeben würde. Damals kündigte er die Gründung einer republikanischen Partei an. Auch schrieb einen harschen Brief an den Großherzog, als dieser das Gesetz über Euthanasie nicht unterzeichnen wollte.

„Ein Anwalt ist Anarchist oder er ist kein Anwalt. Er kann niemals auf der Seite der Ordnung sein.“ Gaston Vogel

Er sei „jedenfalls nicht damit einverstanden, dass man eine schlechte Note in Französisch mit einer guten in Sport kompensieren kann“, fährt er fort. „Es schien mir immer so, dass in der Schule die Zivilisation bei der Akropolis aufhörte und dahinter nichts sei. Das hat mich gestört und dazu bewogen herauszufinden, was dahinter steckt. So interessierte ich mich mehr und mehr für Asien.“ Er entwickelte sich zu einem ausgeprägten Kenner der asiatischen Kultur. Später gab er Kurse über chinesische, japanische und indische Geschichte. Mehr als 30 Mal war er in Indien, einem seiner bevorzugten Länder.

Die Examen der „Cours Supérieurs“, damals das erste Universitätsjahr in Luxemburg, schloss er im Jahr 1958 ab und studierte danach Recht in Nancy und Kriminologie in Laxou-Maréville. Warum er nicht Literaturprofessor geworden sei? „Es hätte mich krank gemacht“, antwortet er. Jules Prussen, sein Philosophieprofessor am „Stater Kolléisch“, für Vogel der größte philosophische Lehrer hierzulande, habe ihn das auch gefragt. Die nötige Distanz hätte ihm gefehlt, erklärt Vogel. „Ich brauchte festen Boden. Hätte ich Literatur studiert, hätte ich Angst gehabt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich wäre an der Literatur zerbrochen. Deshalb wählte ich das Recht. Aber nicht das Recht der Paragrafen.“

Rechtsanwalt sei für ihn vielmehr eine „literarische Profession“. Im Laufe der mehr als 50 Jahre, die er als Anwalt arbeitet, hat Vogel nach eigenen Worten „dauernd“ aus seinen literarischen Kenntnissen geschöpft. Vor allem Dostojewski war für ihn eine unerschöpfliche Quelle. Keiner habe die Abgründe der menschlichen Seele und die existenziellen Ängste besser zu beschreiben gewusst als der russische Schriftsteller. Die Literatur lehrte ihn die Bedeutung der Wörter wertzuschätzen und sie als Waffe des Anwalts zu benutzen. „Sehr schlimme Literatur“, sagt er, „aber schlimm im guten Sinne des Wortes.“ Wie Dostojewski die Psyche seiner Romanfiguren ergründete, wie jene des Mörders Raskolnikow aus „Verbrechen und Strafe“, das war Vogel hilfreich, seine Mandanten zu verstehen.

Dostojewski entdeckte er früh, als er 17 Jahre alt war und nachts „mit einer enormen Angst“ Romane wie „Die Gebrüder Karamasow“ verschlang. „Damals lernte ich Russisch. Ich las ‚Der Idiot’. Das bewegte mich stark. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass Dostojewski der Himalaya der Literatur ist und Tolstoi nur ein Berg. Als ich in den 70er Jahren in der Sowjetunion war, konnte man Tolstoi kaufen, aber keinen Dostojewski. Letzterer wurde mit ‚depressiv‘ gleichgesetzt. Schon damals wurde mir schnell klar, dass ich auf der richtigen Fährte war. Denn jeder Große in der deutschen und französischen Literatur stand unter dem Einfluss von Dostojewski. Proust sagte dies, Gide und Kafka auch.“ Wenn Vogel mehrmals pro Jahr nach Sankt Petersburg fährt, ist es für ihn wie eine Wallfahrt.

Durch die Kurse in Kriminologie, die er während seines Studiums belegt hatte, habe er Krankheiten wie die Epilepsie näher kennengelernt, sagt Vogel. Diese Krankheit, einst „Fallsucht“ genannt und in der griechischen Antike als „heilige Krankheit“ gedeutet, sei gekennzeichnet durch eine Aura, in der man alles blühend sehe. „Danach kommt der Zusammenbruch, der Wochen und Wochen dauert“, sagt Vogel. „Dostojewski sagte, allein für diesen Moment würde er sein ganzes Leben geben. Das erklärte auch seine Spielsucht. Er verspielte sogar die Ohrringe seiner Frau. Als er das Klicken der Jetons und der Münzen in Baden-Baden hörte, kam er einer epileptischen Krise nah. Das Spielen war auch Aura und Fall. Wenn er nicht epileptisch gewesen wäre, dann wäre er nicht das geworden, was er war.“ Vogel nennt weitere bedeutende Persönlichkeiten, die Epileptiker waren: „Paulus, der Heilige Johannes, Mohammed, Peter der Große, selbst Napoleon soll einer gewesen sein“, zählt er auf. „Alle Epileptiker sind exzessive Menschen. Das Christentum ist in einer epileptischen Krise geboren, als Paulus vor Damaskus vom Pferd fiel. Es wurde propagiert von einem der größten Verbrecher der Welt, Konstantin dem Großen.“

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Intensiv hat sich Vogel mit dem Christentum beschäftigt und mehrere Bücher darüber geschrieben. Eines seiner ersten Bücher handelt von Jesus: „Pour Jésus, le parent pauvre du christianisme“ aus dem Jahr 1989. „Schließlich ist es die Religion des Westens. Ich habe schon immer gesagt, dass die christliche Religion nicht die Religion von Jesus ist. Jesus zählt ja nicht, sondern Paulus, der das Ganze in die Welt gesetzt hat.“ Vogel sagt, er sei ein „absoluter Anti-Christ“. Die asiatische Gedankenwelt sei viel interessanter als die verkrustete christliche. „Sie ist viel offener. Der Taoismus ist eine fantastische Philosophie, in der die kosmische Energie im Mittelpunkt steht und nicht über Gott gefaselt wird mit seinem Mitleid und seiner falschen Liebe. In Indien haben sie einen Gott namens Shiva. Für die Intellektuellen ist er ein Symbol sowie Mann und Frau zugleich. Die komplette Einheit. Er ist Zerstörer, aber auch ein Aufbauender. Alles zusammen.“

Für den Buddhismus habe er sich interessiert, weil es eben keine Religion sei. In ihm gebe es weder Gott noch Seele. „Le Bouddhisme, ni dieu, ni âme“ heißt das Buch, das er über den Buddhismus geschrieben hat. „Die meisten kennen nur den Lamaismus und den Dalai Lama“, sagt er, „und haben damit eine falsche Vorstellung vom Buddhismus der ersten Stunde.“ Er selbst sei „weder Buddhist noch irgendetwas anderes. Ich bin totaler Agnostiker.“

Früh habe ihn auch die deutsche Literatur bewegt, sagt er. „Besonders durch diesen Faden, der von Hölderlin über Novalis zu Rilke und dann in den deutschen Expressionismus führt“, erklärt Vogel. „Leute wie Georg Heym, Georg Trakl, Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn sind für mich immer noch das Beste, was es in der Literatur gab. Die deutsche Literatur hat eine tragische Geschichte, aber sehr weit vom Theatralischen. Das ist das Beste, was ich je in Deutsch gelesen habe“. Und das Beste, was er überhaupt an Aphorismen kenne, sei von Nietzsche, den er neben Georg Christoph Lichtenberg als größten Aphoristiker betrachtet. Vogel bezeichnet sich als „absoluten Nietzscheaner“. Anlässlich des hundertsten Todestages des deutschen Philosophen veröffentlichte er ein Buch über diesen. Was er an dem oft missverstandenen und falsch interpretierten Denker bewundert, „ist diese tropische Feuersbrunst. Es funkelt von allen Seiten und widerspricht sich dauernd. Nicht Stein auf Stein wie in der normalen traditionellen Philosophie.“ Es sind die Widersprüche, die auch die Person Gaston Vogel ausmachen und die es womöglich auch so schwierig machen, mit ihm zusammenzuleben, wie er zugibt und dabei noch nachdenklicher erscheint als zuvor. Er erzählt von einer Konferenz in einer Synagoge, „eine Rehabilitation Nietzsches“. Nietzsche sei zudem alles andere als ein Antisemit gewesen.

Für den Buddhismus interessierte er sich, weil es eben keine Religion sei. In ihm gebe es weder Gott noch Seele.

Vorurteile, wie viele, mit denen Vogel zu tun hat. Als er gegen die organisierten Bettelbanden in den Fußgängerzonen polterte, warf man ihm vor, Vorurteile gegen Roma und Sinti zu schüren. Dabei sei er ein glühender Verehrer der „Zigeuner“, verteidigte er sich damals. Dass sich ein Vorurteil schnell verbreite, weiß Vogel bestens. Das liege vor allem daran, dass die meisten Menschen zu wenig lesen. Sie wollten nur Bestätigung. „Und Nietzsche bedeutet dauernder Widerspruch. Die Wahrheit ist nichts als eine Illusion. Es gibt keine Wahrheit.“ Dies von einem Rechtsanwalt zu hören, überrascht. Es von Vogel zu hören, verwundert nicht. „Ich bin Anwalt. Ich bin nicht Jurist. Ich hasse die Paragrafen, sie sind trocken und langweilig, obwohl ich, so paradoxal das nun klingt, diesen Monat sieben Rechtsbücher herausgegeben habe. „Sieben Totschläger“, nennt er sie. „Langweilig, aber notwendig. Am Anfang machte ich das nur für uns hier in der Kanzlei, wenn wir was suchen mussten. Nur Gerichtsurteile. Die Kommentare zählen sowieso nicht.“

Gerechtigkeit gebe es gar nicht. Doch warum ist er dann Rechtsanwalt? „Als Anwalt bin ich immer für den, der allein ist und gegen den alle sind“, antwortet Vogel. Allein gegen die Institutionen, gegen ein System der Heuchelei? „Ja, natürlich. Ein Anwalt ist Anarchist oder er ist kein Anwalt. Er kann niemals auf der Seite der Ordnung sein. Er muss unabhängig sein und diese Unabhängigkeit von Anfang an pflegen. Ich mache keine Finanzsachen, gründe keine Gesellschaft und bin in keiner Gesellschaft.“ Und Freundschaften zu anderen Anwälten pflegt er schon gar nicht.

Ob er Josef K. in Kafkas „Der Prozess“ vertreten hätte? „Ja“, sagt Vogel, dessen erfolgreichstes Buch wohl „Dans la tourmente judiciaire de 1962 à ce jour“ heißt, in dem er ein halbes Jahrhundert Berufserfahrung niederschrieb. „Ich hätte noch eine ganze Reihe anderer vertreten“, sagt er. „Zum Beispiel Adolf Eichmann in Jerusalem. Und zwar ohne die allergeringste Empathie. Ich hätte erklärt, dass Eichmann das Opfer einer christlichen Erziehung war, die 2.000 Jahre lang darin bestand, dass man sagte, das oberste Gesetz sei absoluter Gehorsam. Ich hätte nachgewiesen, dass die Kirche 2.000 Jahre lang den Holocaust vorbereitet hatte.“ Vogels Menschenbild ist negativ, „absolut pessimistisch“, wiederholt er. „Ich glaube an gar nichts Gutes“, sagt Vogel. „Meine Theorie bewahrheitet sich jeden Tag. Der Mensch ist ein Affe, den man Homo Sapiens nennt, der Schlimmste im zoologischen Garten.“ Der Mensch sei aus krummem Holz geschnitzt, schrieb der große Aufklärer Immanuel Kant. Also könne man nichts vom Menschen erwarten, schlussfolgert Vogel daraus. Doch Kant habe auch geschrieben, der Mensch sei ein vernunftbegabtes Wesen, entgegne ich. „Sie sehen ja, wie vernünftig er war“, entgegnet Vogel. „Vor 70 Jahren hat er sechs Millionen Juden umgebracht und eine Million Zigeuner. Eine große Vernünftigkeit?“

Vogel ist kein Parteigänger. Er würde sich niemals einer Parteihierarchie fügen.

Vogel scheint in Fahrt zu kommen. Doch er bleibt ruhig, fast bedächtig. Der Vulkan brodelt, aber er bricht nicht aus. Er verteidige keine Philosophie, erklärt er, „keinen Guten oder Schlechten, sondern einen Menschen, der wie ich ein Seiltänzer ist“. Warum nennt er sich einen Seiltänzer? „Einige haben die Chance, über das Seil zu gehen, ohne zu fallen. Es gibt die anderen, die fallen. Was hat dazu geführt? In welche Scheißexistenzsituation sind sie geboren? Ich stellte mir oft die Frage über mich selbst: Wenn du in der Schule nicht so gewesen wärst, wie du warst, und es wäre nicht das aus dir geworden, und mit dem Charakter, den ich habe, der sehr vulkanisch ist.“ Da habe ich die Bestätigung: Vogel ist ein Mensch wie ein Vulkan. Vogel spricht von der „Geburt als einem spermatischen Zufall“. Er fährt fort: „Mich hätte wohl kaum ein Arbeitgeber drei Wochen bei sich behalten. Dann wäre ich wie viele andere Menschen geworden, die ihren Fuß nicht auf dem Seil behalten können.“ Wenn er manchmal darüber nachdenke, bekomme er „kalten Schweiß“. Keiner von uns sei ein Mensch, der behaupten könne, dass er gut sei, sagt Vogel. „Jeder von uns ist sehr schwach. Extrem schwach. Man muss wissen, dass das Leben von einer Sekunde anders werden kann.“ Es gibt also weder das Gute noch das Böse im Denken Gaston Vogels. „Wir sind jenseits von Gut und Böse“, sagt er. Wie bei Nietzsche.

Der Maître erscheint als jemand, der wenig für Institutionen übrig hat. „Ich hasse sie. Ich hasse auch Politik. Sie ist notwendig. Aber die Leute, die sie machen, sind oft kulturlose, ungebildete Gestalten ohne Charisma. So kommt es, dass eine ganze Menge von ihnen Minister in Ressorts sind, in denen sie keine Sachkenntnis haben.“ Für Politiker hat er in der Tat nicht viel übrig. Ein paar wenige schätzt er. Einer davon ist Jean-Claude Juncker. Ein feiner Kerl sei dieser, der nicht sympathisch wirken wolle, sagt Vogel. Im Gegensatz dazu hat er nichts für Nicolas Sarkozy übrig, dessen „unerträgliche Arroganz“ er nicht mag, und rein gar nichts für François Hollande. Viele Politiker seien nur Mittelmaß. Umso mehr verehrt er Fidel Castro, als Politiker wie als großen Redner.

In den 50ern war Vogel für die Algerier, die im Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich kämpften, während der kubanischen Revolution war er auf der Seite Castros, der wie er kein Kommunist sei. Und während des Vietnamkrieges vertrat er leidenschaftlich die Seite Ho Chi Minhs gegen die Amerikaner. Als die US-Truppen aus Vietnam abzogen, war das für Vogel einer der schönsten Momente. Er legt den Finger in die Wunde der Amerikaner, die ihr Land auf dem Genozid an den Indianern aufgebaut hätten, und kritisiert heftig die Kriegspolitik George W. Bushs – nach Vogels Worten nichts anderes als ein durch Lügen gerechtfertigter Massenmord und zum großen Teil die Ursache der heutigen Flüchtlingskrise.

490_0008_10752716_Proces_Proces_Bommelee_r_13Vor gut einem Jahrzehnt polemisierte er gegen den Europäischen Verfassungsvertrag, den er ablehnte. In einer Fernsehsendung, wenige Tage vor dem Luxemburger Europareferendum vom 10. Juli 2005, kriegte er sich darüber mit Außenminister Jean Asselborn in die Haare. Es habe durchaus charismatische Politiker gegeben, die über eine ungewöhnliche Rhetorik verfügten, gibt Vogel zu. Der deutsche SPD-Politiker Herbert Wehner sei sein „absolutes Idol an Rhetorik“. Vogel erinnert sich, wie begeistert er damals Wehners Reden im Fernsehen verfolgte. „Um mich von ihm berauschen zu lassen“, sagt der bekennende Hedonist und gerät ins Schwärmen. „Ich hätte auch Politik machen können. Aber dann hätte ich meine Existenz aufgeben müssen.“ Vogel würde sich niemals einer Parteihierarchie fügen. Er ist kein Parteigänger. Das widerspreche seinem Naturell. Er genieße die „Vogelfreiheit“.

Vogel hat drei Kinder und zwölf Enkel. Was hält den 78-jährigen Witwer jung? Sport sicher nicht, denn Sport jedweder Art ist ihm fremd. Seine junge Partnerin Tania womöglich. Oder die Leidenschaft, mit der er sich seinen Hobbys widmet. Den Mineralien zum Beispiel, die er aus allernächster Nähe fotografiert, „um ganz viel rauszuholen“. Vogel liest, schreibt und reist. Er hat einen prächtigen Bildband über eine seiner Asienreisen unter dem Titel „Au pays du jade“ herausgebracht. „Das Wort hat etwas Magisches“, gesteht er. Es sei die einzige Partikularität des Homo Sapiens. „Das Wort“, wiederholt er. „Das pflege ich. Ich ziseliere die Wörter und gebrauche sie gezielt. Aber sie müssen so kommen, dass sie einschlagen und dass sie den Geist betören. Denn das Wort ist schamanisch. Es hat etwas Magisches, Übersinnliches.“

Über Marcel Proust veröffentlichte Vogel, der einst selbst eine Zeit lang in Paris gewohnt hat, eine Anthologie: „Als ich das Buch schrieb, stand ich morgens um vier auf und las „plume à la main“ langsam Seite für Seite, vielleicht 30 am Tag. Wie ist dieses Pensum möglich mit nur drei bis vier Stunden Schlaf? „Ich kann nicht schlafen“, gesteht er. „Mein Kopf ist immer wie ein Kaleidoskop voll mit Dingen.“ Wenn er vor der Morgendämmerung aufsteht, lerne er manchmal ein Gedicht auswendig. „Soll ich Ihnen eines von Rilke vortragen?“, fragt er. Langsam sagt er ein Rilke-Gedicht auf: „Und Du erbst das Grün vergangener Gärten. Und das stille Blau zerfallener Himmel…“ Es folgt „Tristesse“ von Gottfried Benn. Schließlich endet er mit einem Auszug aus einem Brief Rilkes: „So ausgedehnt das Außen ist, es verträgt mit allen seinen siderischen Distanzen kaum einen Vergleich mit den Dimensionen, mit der Tiefendimension unseres Inneren, das nicht einmal die Geräumigkeit des Weltalls nötig hat, um in sich fast unabsehlich zu sein.“ Die Tiefe des Menschen, das Universum – in diesem Moment ist Gaston Vogel ganz bei sich selbst. Da, wo ihn kaum jemand kennt.

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Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

Comments (1)

  1. […] Reaktion auf die revue Coverstory der Ausgabe Nr. 10 des […]

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