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Der Wetterfreak

Vor neun Jahren wollte Philippe Ernzer mehr über Tornados erfahren. Der Zehnjährige entdeckte prompt seine Leidenschaft fürs Wetter und errichtete seine eigene kleine Wetterstation. Heute zählt seine Facebookseite „Météo Boulaide“ rund 44.000 Abonnenten.

Bauschleiden, die pure Idylle im Luxemburger Norden. Nichts sieht auf den ersten Blick danach aus, als würden von hier aus viele Luxemburger übers Wetter informiert werden. In einer ruhigen Wohnsiedlung wohnt Philippe Ernzer mit seiner Familie und einigen Haustieren. Alles scheint wie bei einer ganz normalen Familie in einem ganz normalen Familienhaus. Doch der Schein trügt. Beim Betreten des Gartens fällt direkt eine Stange auf, die in den Himmel ragt, bestückt mit Instrumenten, die ein Laie nicht einordnen kann. So ganz gewöhnlich scheint dieses Zuhause also nicht zu sein. Auch Philippes Zimmer hat wenig mit dem eines durchschnittlichen Teenager zu tun. Hier stehen ein paar Computer, ein Laptop, eine Kamera, ein Mikrofon… Und das sind nur einige Elemente, die zu der Grundausstattung des Wetterstudios gehören. Das Zimmer sieht eigentlich aus wie eine Kontrollstation mit Bett.

“Ich sehe es als meine Pflicht an, die Menschen über die Wetterereignisse auf dem Laufenden zu halten.”
Philippe Ernzer, Wetterfreak

„Als Kind habe ich mir gerne Discovery Channel angeschaut. Vor allem Tornados hatten es mir angetan. Es war faszinierend zu sehen, wie die Menschen in den Videos den Wetterereignissen nachreisten und sie dokumentierten. Ich wollte unbedingt verstehen, wie diese extremen Ereignisse überhaupt entstehen“, erzählt der 19-Jährige, der früher ständig „Was ist was“-Bücher las. Um seinen Forschungsdrang zu unterstützen, schenkten ihm die Eltern vor neun Jahren zu Weihnachten dann eine kleine Wetterstation. „Ich konnte mit der Amateur-Anlage nur die Windstärke und die Feuchtigkeit messen und das auch nur sehr bedingt“, sagt er. Er gründete trotzdem seine eigene Facebookseite und stellte seine Prognosen dort online: „Am Anfang improvisierte ich, da ich vieles noch nicht verstand. Bis ich mir immer mehr Wissen aneignete.“ Philippe informierte sich auf Webseiten oder kaufte sich Bücher. Im Internet fand er Seiten mit Satellitenbildern, Seiten, die er auch heute noch nutzt. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf, und immer mehr Menschen folgten ihm im Netz.

2011 kaufte er sich eine neue, größere und performantere Wetterstation. Als er dann bei einem größeren Event mit seiner Wetterprognose als einziger im Land Recht behielt, wurde seine Web- und Facebookseite gefeiert. Seine Community wuchs täglich. Heute zählt er über 44.000 Abonnenten. „Ich sehe es als meine Pflicht an, die Menschen über die Wetterereignisse auf dem Laufenden zu halten“, stellt der selbsternannte Experte fest.

Philippe betreibt seine Seiten zurzeit als Hobby, Sponsoren greifen ihm unter die Arme. Fast sein ganzes Leben dreht sich um „Météo Boulaide“. „Dieses Jahr mache ich meinen Schulabschluss, doch es ist schwer, neben meiner Wetterstation Zeit für die Schule zu finden“, erläutert Ernzer, der das „Lycée du Nord“ in Wiltz besucht. Seine Recherchen, die Berechnungen, das Aufnehmen der Videos, das Schreiben der Wetterberichte und das Posten rauben ihm sechs bis sieben Stunden jeden Tag: „Wenn ich aus der Schule komme, setze ich mich sofort an meine Computer, danach schreibe ich die Berichte, auch schon die für den nächsten Morgen, falls das Wetter sich nicht stark ändert“. Bis spät in die Nacht beschäftigt er sich mit dem Wetter. Für ihn ist es ganz normal, dass er nur ein paar Stunden schläft. Sich mit Freunden treffen oder Ausgehen kommt bei ihm nur sehr selten vor: „Ich habe immer Angst, dass sich gerade dann, wenn ich nicht Zuhause bin, eine Unwetterfront entwickelt und ich meine Community nicht davor warnen kann. Wenn ich nicht in meinem Studio sitze, kann ich an nichts anderes denken“.

“Ich habe mir als Kind gerne Discovery Channel angeschaut.” Philippe Ernzer, Wetterfreak

2014 musste der Wetterfreak einen Shitstorm über sich ergehen lassen. Fürs Musikfestival „Rock A Field“, sagte er starke Unwetter mit Hagel voraus. Diese trafen nicht ein. „Es kam zu Unwettern, die aber sehr knapp an Luxemburg vorbeizogen. Da Luxemburg so klein ist, ist es sehr schwer eine genaue Prognose zu machen“, gesteht er. Zahlreiche Fans beleidigten ihn und erklärten Philippe für unfähig. „Ich rechtfertigte mich kurz nach dem Event mit einem Selfie und einer Erklärung, sah jedoch, dass meine Follower hinter mir stehen“, erzählt er weiter. Philippe lernte daraus und bildete sich weiter: „Heute würde ich mich nicht mehr rechtfertigen, da ich mir noch mehr Wissen angeeignet habe und jetzt weiß, dass wir oft großes Glück haben und meistens von Wetterkatastrophen verschont bleiben“.

Dies ist jedoch nicht immer der Fall, denn vor zwei Wochen wurde Luxemburg von katastrophalen Unwettern heimgesucht. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich saß Tag und Nacht am Computer und bekam Hunderte von Nachrichten, die ich nicht alle beantworten konnte“, erklärt Philippe, der während der Unwetter-Zeit über 300.000 Menschen erreichte. Laut seiner Aussagen, kommt es öfters zu solchen Wetterlagen, nur ziehen diese meistens an Luxemburg vorbei. „Viele fragen mich, ob das nun die Auswirkungen des Klimawandels seien. Doch den Klimawandel gibt es nicht erst seit den Überschwemmungen von vor zwei Wochen“, stellt er kopfschüttelnd fest.

Von anderen luxemburgischen Wetterstationen zeigt er sich enttäuscht: „Man merkt ihnen an, dass es nicht ihre Leidenschaft ist“. Außerdem interpretieren die Medien in Philippes Augen auch oft Wettervorhersagen falsch. Er kann zudem nicht verstehen, warum nur wenige sich wirklich für das Wetter als Ganzes interessieren. Nicht jeder kann seine Leidenschaft nachvollziehen. „Viele Menschen halten mich für verrückt, das bin ich wahrscheinlich auch“, gesteht er lachend.

Sein Erfolg bringt jedoch auch Neider mit sich. Das hält den Wetterbesessenen aber nicht vom Weitermachen ab. Denn der „Météo Boulaide“-Mann hat herausgefunden, dass es möglicherweise bereits Tornados in Luxemburg gibt, jedoch keiner sie bis jetzt sehen konnte, da sie womöglich an Orten wüteten, an die man nur schwer herankommt.

„Letztens bekam ich ein Video geschickt, in dem Umrisse eines Tornados zu sehen waren, ich bin immer froh, wenn meine Community mir Bilder und Videos zusendet, das hilft mir bei meinen Recherchen“, fährt er fort. Neben den Neidern gibt es aber auch noch seine richtigen Fans, die ihn nach einem Selfie fragen, wenn sie Philippe – wenn er das Haus einmal verlässt – antreffen.

Was er macht, wenn er seinen Schulabschluss in der Tasche hat? Das weiß er noch nicht: „Ich will irgendwann etwas mit Medien machen, oder mit dem Wetter den Sprung in die Selbständigkeit wagen“. Eine zweite Wetterstation steht auch noch auf seiner Wunschliste. Diese will er in Grevels anbringen, einer der höchsten Punkte Luxemburgs. Vor allem aber will er die Menschen in Luxemburg weiter fürs Wetter begeistern und sie, wie er selbst sagt, über die Ereignisse auf dem Laufenden halten. Damit jeder vor einer Katastrophe gewarnt ist. „Am Anfang habe ich die Wetterlage oft dramatisiert, das mache ich jetzt nicht mehr“, fügt er mit einem Schmunzeln hinzu, bevor er sich wieder an seine Computer setzt.

Fotos: Philippe Reuter, Dan Castiglia, Christophe Groben, Guy Kneip

Mady Lutgen

Journalistin / Lifestyle

Ressort: Lifestyle

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Author: Martine Decker

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