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Der wilde Nordkanal

Pläne hierzu gibt es schon seit rund 40 Jahren. Eine moderne, nationale Kajak-Anlage entsteht an der Diekircher „Al Schwemm“ jedoch erst, als im traditionsreichen lokalen Club vorerst kein Paddler mehr Slalomwettkämpfe bestreitet.

Fotos: Chrëscht Beneké, Manou Peiffer, Archiv Erny Klares

Einmal noch, zur Feier des Tages, des Sports, der neuen Strecke sucht Erny Klares das ganze alte Zeug von der Weltmeisterschaft 1981 im britischen Bala zusammen und zwängt die langen Beine in das enge Wettkampfboot. Nur der originale Helm lässt sich erst mal nicht auftreiben, einfach zu viele Paddelsachen haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte angesammelt. Bereits sein Onkel Will und sein Vater Léi starteten, als Diekircher Quartett mit John Lucas und Léon Roth 1953 im italienischen Meran bei der erst dritten Slalomweltmeisterschaft überhaupt. Erny Klares selber nahm nach seinen WM-Einsätzen im Slalom 1981 und 1983 noch 1987 und 1989 an der Abfahrtsweltmeisterschaft teil und ist dem Paddelsport bis heute als professioneller touristischer Anbieter und Ausbilder treu.

„Mir hate Leit, awer keng Streck.“ Erny Klares

Der Kajaksport kennt in Luxemburg eine lange und erfolgreiche Tradition mit sogar 15 Olympiateilnehmern auf dem Flachwasser. Doch gerade die technisch anspruchsvollste Disziplin Slalom bekam nach ihren erfolgversprechenden Anfängen dann in den siebziger und frühen achtziger Jahren Oberwasser. Es sind tragische Ereignisse mit der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968, die diesen Aufschwung erklären. Der tschechische Nationaltrainer Karel Knap befand sich gerade im Land und traute sich nicht mehr nach Hause. „Säi Pech war fir eis eng enorm Chance, hie gouf bei ons an an Holland Nationaltrainer. Alles wat ech konnt, hat ech bei him geléiert“, erinnert sich Romain Engels. Mit mindestens einer täglichen Trainingseinheit muss er ziemlich viel gelernt haben, denn als 1972 in München der spektakuläre Slalom zum ersten Mal olympisch wurde, war er qualifiziert.

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Herausforderung mit Spaßfaktor: 35 Jahre nach seinem ersten WM-Einsatz will das Urgestein des Cercle Nautique Diekirch Erny Klares sein altes Holzpaddel gar nicht mehr zur Seite legen.

Herausforderung mit Spaßfaktor: 35 Jahre nach seinem ersten WM-Einsatz will das Urgestein des Cercle Nautique Diekirch Erny Klares sein altes Holzpaddel gar nicht mehr zur Seite legen.

Auf dem damals eigens angelegten Augsburger Eiskanal finden noch heute große internationale Wettbewerbe statt, und auch Romain Engels war oft dort. 1972 erlebte er die olympische Premiere allerdings vor Ort im Rollstuhl. Ein Auto hatte ihn im Januar auf dem Zebrastreifen erwischt und ihm das Becken, den Arm und die Schädelbasis gebrochen. 1973 nahm er aber schon wieder an der kompletten Coupe d‘Europe teil. „D‘Erausfuederung, fir mat enger gudder Technik d‘Waasser ze beherrschen“ faszinierte ihn einfach zu sehr und wenig später übernahm er das Amt des Nationaltrainers. In seinem Kielwasser paddelte sich ein knappes Dutzend einheimischer Sportler zu internationalem Format, doch die Bedingungen waren nicht leicht: Täglich trainierten sie auf dem Wasser, zudem dreimal die Woche Circuittraining im INS, zweimal im Monat an einem Wehr in den Niederlanden und einmal im Monat ging es auf die Olympiastrecke in Augsburg. „D‘kënstlech ugeluechte Kanäl an Naturstrecken mat Steng- a Betonselementer woren international d‘Rettung vum Kajak“, urteilt Romain Engels.

Modern times: Nicht nur auf dem Diekircher Kanal haben die Freizeitsportler in ihren robusten Plastikbooten derzeit Oberwasser.

Modern times: Nicht nur auf dem Diekircher Kanal haben die Freizeitsportler in ihren robusten Plastikbooten derzeit Oberwasser.

In den späten Siebzigern blühten auch Pläne für eine nationale Slalomstrecke und Anfang der Achtziger zusätzlich für eine Regattastrecke auf den Remerscher Baggerweihern auf. Das damals an der Diekircher „Al Schwemm“ gebaute Wehr mit der hölzernen Fußgängerbrücke diente als Einstieg in eine Strecke, die letztlich nie verwirklicht wurde. „Mir hate Leit a keng Streck“, erinnert sich Erny Klares. „Mer wore gutt opgestallt, an et huet ee sech misste richteg dru ginn, fir an d‘WM-Equipe ze kommen.“ Seit den dreißiger Jahren fand am Diekircher Bootshaus insgesamt über fünfzig Mal ein renommierter internationaler Slalomwettkampf statt, und mühsam kanalisierten Jahr für Jahr die Diekircher hierfür eine Naturstrecke mit aufgeschichteten Steinwällen. Dennoch wechselten nach 1983 Erny Klares und auch sein stärkster nationaler Konkurrent Nico Peters zur Abfahrtsdisziplin.

Bei jenem Training fällt die komplexe und zeitaufwändige Technikkomponente größtenteils weg. Auch hörte Romain Engels 1982 als Nationaltrainer auf, da er beruflich mit dem Aufbau des hauptstädtischen „Service des Sports“ stark eingebunden war. Obwohl sich anschließend der Diekircher Rekordlandesmeister Henri Geller noch mit aller Kraft dagegenstemmte, geriet der Slalomsport nach und nach in einen ständigen Abwärtsstrudel, der mit der weiterhin gültigen Verordnung über ein jährliches Paddelverbot vom 1. April bis zum 30. September auf den meisten luxemburgischen Gewässern eigentlich auf den gesamten Kajaksport übergriff.

„Erausfuederung, fir mat enger gudder Technik d‘Waasser ze beherrschen.“ Romain Engels

Dabei fasziniert dieser naturnahe Sport auf dem Wasser, wie nicht zuletzt der riesige Andrang auf das Atelier des Verbandes beim jährlichen Spillfest des COSL beweist. Seit 1992 hat sich Kajakslalom trotz jeweils teuer zu errichtender Infrastruktur, die zumeist für Training, Wettkampf und touristische Angebote weiter genutzt wird, als eine der spektakulärsten, „jungen“ Disziplinen fest bei Olympischen Spielen etabliert. Bereits zur Jahrtausendwende sollte eigentlich auch in Diekirch ein solcher moderner, kleiner Kanal entstehen. Mit dem Bau eines völlig neuen Wehres zum Hochwasserschutz ließ sich eine Kajakstrecke erst jetzt zu vertretbaren Mehrkosten verwirklichen. Wie sinnvoll ein (allerdings nicht exklusiv für den Wettbewerb gebauter) Wildwasserkanal für eine Sportart ist, die derzeit niemand im Land mehr im Wettkampf bestreitet, will ich nicht beurteilen. Schließlich bin ich als aktiver Paddler im Diekircher Verein parteiisch und vielleicht findet sich ja schon bei der offiziellen Eröffnung an diesem Freitagabend oder der „Journée nationale“ am 5. Juni die Nachwuchshoffnung für eine Trendumkehr im nationalen Kajaksport.

IMG_2032Für ein schnelles Damals-Heute-Foto kreuzt Erny Klares jedenfalls ewig durch die Strömungen und die vielen Wasserspritzer können ein breites Grinsen nicht aus seinem Gesicht spülen. „Wat wäert ech muer Muskelkater hunn“, jammert er, nachdem er fest an seinem alten Holzpaddel gezogen hat und nicht mehr aus dem Kanal wollte. „Mir hunn deemols de Fehler gemaach, datt mer just Slalom gepaddelt sinn“, gibt er der neuen Mannschaft im Diekircher Bootshaus noch mit auf den Weg. „Weltmeeschter wi den Tony Prijon sinn awer och mat der Plastikbiidchen an d‘Alpe gaangen.“ So habe jener im schwersten Wildwasser die Fähigkeiten für seine Slalomtitel verbessert. Die derzeitigen wenigen Paddler im Diekircher Verein gehen den umgekehrten Weg: Mit mittlerweile technisch enorm verbesserten „Plastikschüsseln“ erobern sie die letzten Jahre europaweit spannende Wildwasserflüsse. Um zwischendurch ihre Technik zu verbessern, paddeln sie auf künstlichen Strecken und müssen mit dem neuen Kanal nun nicht mehr ständig nach Augsburg, Basel oder Nancy reisen.

„Al Schwemm“: Mit der neuen Fußgänger- und Radfahrerbrücke, sowie der für Freizeit- und Wettkampfsport gedachten Wildwasseranlage will die Sauerstadt ihr touristisches Angebot verbessern.

„Al Schwemm“: Mit der neuen Fußgänger- und Radfahrerbrücke, sowie der für Freizeit- und Wettkampfsport gedachten Wildwasseranlage will die Sauerstadt ihr touristisches Angebot verbessern.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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