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Dicke Luft

Der Werteunterricht kommt. Die Frage, ob es allerdings eher ein mutierter Religionsunterricht statt eines neutralen Fachs wird, steht mehr denn je im Raum. Im September (revue 38/2014) hatten wir an dieser Stelle unter dem Titel „Ein Light-Produkt“ bereits diese Vermutung geäußert. Wir besitzen natürlich keine hellseherischen Fähigkeiten, aber schon damals konnte man aus den durchsickernden Informationen heraus erahnen, welche Entwicklung das Projekt höchstwahrscheinlich nehmen würde.

Spätestens nach dem Unterzeichnen der Konvention zwischen dem Staat und den Kirchen war die Marschrichtung vorgegeben. Die katholische Kirche hätte eine derart bittere Pille wie das Wegfallen des Religionsunterrichts nämlich sonst nie und nimmer so handzahm und fast wortlos geschluckt, hätte die Regierung den Religionsgemeinschaften kein gewaltiges Mitspracherecht garantiert.

In einem fünfseitigen Rahmendokument unter dem Titel „Leben und Gesellschaft“ wird unter anderem über die Zielsetzung des neuen Fachs reflektiert. Erstaunlicherweise wird in diesem Rahmendokument, welches zur Ausarbeitung des zukünftigen Programmes dienen soll, dem Unterrichten von religiösen Werten eine gewichtige Rolle zugeteilt.

„Die schlimmsten Befürchtungen der Ethiklehrer wurden nicht nur erfüllt, sondern um Längen übertroffen. Großzügig ist man den Forderungen des Bistums und der Religionslehrer nachgekommen, während die Vorschläge, Warnungen und Forderungen der Ethiklehrer, aber auch der laizistischen Vereinigungen, gänzlich ignoriert wurden“, kommentierten dann auch die vier Ethikprofessoren, welche an der Arbeitsgruppe zur Ausarbeitung des Werteunterrichts beteiligt sind, das Rahmendokument. Wenn man das Arbeitspapier durchliest, kann man schnell denselben Eindruck gewinnen. Religionen- statt Religionsunterricht lautet scheinbar die Devise.

Und die vier Ethikprofessoren haben anscheinend den Finger in die Wunde gelegt. Anders kann man die übereifrige und panisch anmutende Reaktion des Bildungsministers Claude Meisch (DP) kaum verstehen. Dieser ließ die vier Mitglieder mundtot machen, indem er ihnen nach Veröffentlichung ihrer Stellungnahme angeblich mit Disziplinarverfahren drohen ließ und ihnen anschließend öffentlich einen Maulkorb verpasste, welcher auch noch nach der offiziellen Vorstellung des Dokuments gilt. Begründung: Die betroffenen Ethikprofessoren würden in einem Arbeitsverhältnis zum Ministerium stehen und dürften deshalb keine öffentliche Kritik üben.

Religionen- statt Religions- unterricht lautet scheinbar die Devise.

Auf diese Art und Weise Kritiker zum Schweigen zu bringen ist, neben der Tatsache, dass dies undemokratisch ist, für einen konstruktiven Prozess in Bezug auf das neue Fach so produktiv wie Öl in ein Feuer zu gießen, das man löschen will.

Was Claude Meisch und sein Team im Bildungsministerium mit dieser Nicht-Diskussionskultur erreichen wollen und können ist fraglich. Oder ging es dem Bildungsminister einfach nur darum, ein Machtexempel zu statuieren? Schließlich stehen noch eine Menge von Reformen im Schulwesen und die Verhandlungen vor dem Schlichter über das Sparpaket im Raum. Und wieso darf, wenn die mitarbeitenden Ethikprofessoren mundtot gemacht werden, der Schweizer Experte Jürgen Oelkers, der ebenfalls an der Ausarbeitung des Fachs beteiligt sein wird, seine Ansichten in der Presse ausbreiten? Interessant ist auch, dass sowohl die LSAP als auch „déi gréng“ bei ihren jeweiligen Kongressen am Wochenende es für nötig empfanden, ihre Parteibasis in Sachen Werteunterricht zu besänftigen.

So oder so, das politische Kalkül von Claude Meisch, sich mit dem Image des großen Modernisierers im Schulwesen zu profilieren, könnte nicht ganz aufgehen. Zumindest in Bezug auf das neue Fach Werteunterricht, hat Meisch jedenfalls schon jetzt eine Menge Kredit verspielt.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Georges Noesen

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