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Die Allrounderin

Alte Wolle, Seidenpapier aus Japan, kranke Baumhüllen – vor Brigitte Stoffel ist kein Material sicher. Derzeit stellt die sehr vielseitige und vor allem mutige Künstlerin im Naturparkzentrum in Esch/Sauer aus.

Neugier ist ihr Antrieb. Vor keiner Herausforderung hat Brigitte Stoffel Respekt. Und wenn sie etwas nicht wirklich zu beherrschen meint, gibt sie so lange keine Ruhe, bis sie es meistert. Früher hat sie gemalt. Zuerst mit Aquarellfarben, dann mit Acryl. Heute ruhen die Pinsel. „Et ass wéi mam Pianospillen. Wann een net reegelméisseg übt, verléiert een de Geste. Ech misst elo nees wochelaang molen, fir rëm eranzekommen.“ Dazu ist sie indes nicht bereit. Weil sie erstens etwas anderes vernachlässigen müsste, und zweitens sei ihr Hunger nach Neuentdeckungen immer noch viel zu groß.

Im Flur des Wohnhauses in Bonneweg, in dem Brigitte Stoffel im Erdgeschoss ein Atelier für – wie sie es ausdrückt – kleinere Arbeiten hat, steht eine wunderschöne Skulptur aus Ulmenholz. Eine seltene Baumart, die seit Jahrzehnten aus den Wäldern und Parks Mitteleuropas verschwunden ist. Woran zwei Käfer und ein Pilz verantwortlich sind. Und auch der Mensch. „Ech kéint Iech eng ganz Geschichte iwwert dee Bam zielen“, aber wollten wir uns nicht vielmehr über die derzeitige Ausstellung im Naturparkzentrum in Esch/Sauer unterhalten? Stimmt. Also legt Brigitte Stoffel ganz einfach einen Schalter um und erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass sie aus kardierter Wolle, die sie vor dem Müll gerettet hat, und altem Kupferdraht filigrane Skulpturen geschaffen hat, die nun in der Galerie Duchfabrik durch den Raum schweben. Es hätte mit ihrer Liebe für Dinge zu tun, die nicht mehr gebraucht werden. Sieht sie ein Stück krankes Holz, vergilbte Landkarten oder eben nicht mehr brauchbare Wolle, weiß sie fast augenblicklich, wie sie diese (Roh)stoffe in etwas Schönes verwandeln könnte. „Alles beginnt mit dem Sehen“ – der Untertitel der Ausstellung muss demnach nicht erklärt werden.

Durch das Verweben und Flechten von Kupferdraht und kardierter Wolle hat Brigitte Stoffel filigrane Skulpturen geschaffen, die im Raum schweben.

Das Beeindruckende an ihrer Kunst ist das Aufeinandertreffen höchst widersprüchlicher Materialien. Indem Brigitte Stoffel sperriges Metall in weiche Textilien flicht, häkelt oder verknotet, entstehen scheinbar verletzliche Installationen, die sich im Raum zu einem stabilen Ganzen entwickeln und von einer Magie getragen werden, die man nicht erwartet hätte. Die Künstlerin spricht derweil von Mutationen und davon, dass sich die Materialien mitunter gegen ihre Veränderung wehren. Aber dabei stets gewinnen. Als die Verantwortliche der Galerie Duchfabrik ihre Abschlussarbeit an der Kunstakademie in Arlon sah, war sie derart begeistert, dass sie Brigitte Stoffel unbedingt ausstellen wollte. Zusammen mit der Deutschen Katrin Knape, die aus Wollfasern Mauern baut und aus Stoff und Papier Fassaden und Landschaften entstehen lässt. Beide Künstlerinnen ergänzen sich nahezu perfekt.

Aufmacher-Expo-KopieVon der Leichtigkeit ihrer Werke ist übrigens auch Théid Johanns begeistert. „Ech maachen dëst Joer fir d’éischt bei der Gruppenausstellung vum Cueva-Kollektiv mat“, so die Künstlerin. Allerdings wird sie im November nicht die textile Arbeit zeigen, die den Cueva-Mitbegründer auf sie aufmerksam gemacht hat, sondern drei Gemälde und drei Holzskulpturen, die noch nie in Luxemburg gezeigt worden sind. In den kommenden Tagen wird Brigitte Stoffel sich den Raum genauer anschauen, der ihr im Bâtiment 4 des Escher Domaine Schlassgoart zur Verfügung steht, und dann entscheiden, wie sie diesen gestalten wird. „E Raum ass net einfach nëmmen e Raum. E Raum muss eppes ze soen hunn. Dofir muss een als Kënschtler eens ginn mat ëm.“

Eine weitere wesentliche Rolle im Schaffen von Brigitte Stoffel spielt Originalität. Egal, ob sie mit Holz, Wachs oder Wolle arbeitet, stets sucht sie nach etwas, das sie selbst überrascht. „Et ass schued, datt ech net mat Konscht grouss gi sinn, well haut kann ech mir keen Dag ouni virstellen.“ Früher, als sie noch gearbeitet und sich um eine Familie zu kümmern gehabt hat, hätte sie um jede Stunde freie Zeit zum Kunstmachen kämpfen müssen. Heute hat die Kunst Vorfahrt. Neben ihrer Werkstatt in Bonneweg teilt sie sich ein zweites Atelier mit anderen Künstlern im belgischen Udange. „Do schaffen ech virun allem u grousse Stécker. Entweder am Fräien oder an der Scheier, déi eis zur Verfügung steet.“ Vor anstrengender körperlicher Arbeit hätte sie sich noch nie gescheut. Allerdings kann sie sich auch vorstellen, sich in den kommenden Jahren ausschließlich der textilen Kunst zu widmen. Würde passen, denn die Ausdrucksmöglichkeiten in dieser Kunst sind geradezu enorm und daher genau das Richtige für jemanden, der nicht müde wird, sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Brigitte Stoffel und Katrin Knape (im Hintergrund)

Brigitte Stoffel und Katrin Knape (im Hintergrund)

„Rien n’est permanent, sauf le changement.“ Dieses Zitat von Heraklit hat sich die Künstlerin als Leitmotiv für die Ausstellung „Textile Metamorphosen“ ausgesucht. Es trifft in gewisser Hinsicht auch auf ihre Person zu. Brigitte Stoffel will auf keinen Fall steckenbleiben. Veränderung ist ihr wichtig. Weiterkommen. Neues entdecken. Sich von nichts und niemandem bremsen lassen. „Ech ka mir dat an der Pensioun elo leeschten.“ Dass Atelier und Zuhause verschiedene Adressen haben, hätte seine Vorteile. „Alles kënne stoen ze loossen fir den aneren Dag virun ze fueren, wou een opgehal huet“, hat nichts mit Luxus zu tun, sondern dient der Kreativität. Davon hätte die Allrounderin aber auch ohne ein eigenes Reich zum Kunstmachen mehr als genug. Sie sei halt ein neugieriger Mensch. Und wahrscheinlich tut es ihr im Herzen weh, wenn etwas achtlos weggeworfen werden. Eine bewusste Recycling-Künstlerin ist sie jedoch nicht. Dass sie oft mit Materialien arbeitet, die niemand mehr haben will, ist eher Zufall. Ein Zufall, der sich zu einer Konstante im Werk von Brigitte Stoffel entwickelt hat. Aber davon will sie bestimmt nichts wissen. Schließlich sei ihre künstlerische Entdeckungs- und Erkundungsreise noch lange nicht zu Ende. 

Fotos: Véronique Mathay (Naturpark Öewersauer)

Bis zum 20. September in der Galerie Duchfabrik des Naturparkzentrums in Esch/Sauer, geöffnet von 10-18 Uhr, ab September von 10-12 und von 14-18 Uhr, mittwochs geschlossen.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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