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Die Chronik der Woche Nr.17: Dialog von Loch Ness

Vom „Extrem-Couching“, wie ein Sportmediziner das Abhängen auf dem Sofa gleich nach Feierabend genannt hat, kann in der Politik, momentan keine Rede sein. Sie dreht – in Bob Jungels Windschatten – am Rad. Zuletzt lief sich vor allem die DP warm.

Fotos: Isabella Finzi, Julien Garroy, Fabrizio Pizzolante, Alain Rischard (alle Editpress), unsplash.com

Finaler Rettungsschuss – Gerüchteküche

Bei dem Autofahrer, der in der vorvergangenen Woche auf seiner Flucht in Bonneweg erschossen wurde, handelte es sich um einen 51-Jährigen Niederländer, der der Polizei bereits aufgrund mehrerer Verkehrsdelikte und in derDrogenszene bekannt gewesen war. Es hat mehr als eine Woche gedauert, bis Näheres über die Identität des Mannes bekannt gegeben wurde. Er war in Bonneweg in seinem Auto von einem Polizisten erschossen worden, als er nicht stoppen wollte und auf den Beamten zuraste. Die toxikologischen Untersuchungen darüber, ob der Fahrer Alkohol, Drogen oder Medikamente zu sich genommen hatte, lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Momentan brodelt es vor allem in der Gerüchteküche.

Artenvielfalt – Einzigartige Herausforderung

In Sachen Umweltschutz hat die Organisation natur&ëmwelt einen Forderungskatalog an die wahlkämpfenden Parteien gestellt. Eine intelligentere Landesplanung, ein Fünftel der Landesfläche für die Biolandwirtschaft, Schluss mit gefährlichen Pestiziden, eine Verbesserung der Wasserqualität, ein umfassenderes Monitoring bei den Natura-2000-Naturschutzgebieten und mehr Einsatz für die Artenvielfalt gehören zu den Hauptforderungen. Denn wie bisher, das sollte in der Politik angekommen sein, kann es nicht weitergehen. Eine einzigartige Herausforderung.

Zahl der Woche: 73

73 Prozent Beschäftigungsquote will Luxemburg im Jahr 2020 erreichen. Nach der aktuellen Statistik hat es bisher 71,5 Prozent erreicht.

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DP-Nationalkongress – Blaue Handschrift

Die Liberalen geben sich staatstragend. Als hätten sie die im Vorwahlkampf üblichen Punchs nicht nötig, wurde beim DP-Nationalkongress im hauptstädtischen „Tramschapp“ erst gar nicht auf die politischen Gegner eingedroschen, sondern vor allem das eigene Regieren in höchsten Tönen gelobt und als Erfolgsmodell gepriesen. Claude Lamberty (links), der neugewählte Generalsekretär der Partei, hob die blaue Handschrift der Regierung hervor. Und Premierminister Xavier Bettel bescheinigte Finanzminister Pierre Gramegna, vorbildliche Arbeit geleistet zu haben. Bei so viel Lob muss man sich Zeit lassen. Dazu passt die „Zeitsouveränität“, von der Parteipräsidentin Corinne Cahen (Mitte) sprach. Die Ministerin meinte damit aber, dass die Menschen Arbeit und Familie besser miteinander vereinbaren können.

Gefängnismitarbeiter – Gefahr hinter Gittern

Während zurzeit die französischen Gefängnisse und die dortigen Haftbedingungen Thema am Straßburger Gerichtshof für Menschenrechte sind, ist es hierzulande das Knastpotenzial, das sich an die Öffentlichkeit wendet. Wer im Gefängnis arbeitet, soll besser geschützt werden. Zudem sollen Vollzugsbeamte eine bessere Ausrüstung erhalten. Dies fordert die Association des Agents Pénitentiaires (AAP). Die
Gewerkschaft der Gefängnismitarbeiter reagiert damit auf Drohungen und Gewaltaufrufe gegen Vollzugsbeamte in den sozialen Netzwerken. Die Zahl der Gefängnismitarbeiter, die Opfer von Gewalt würden, nehme stetig zu. Hinweise auf geplante Gewalttaten bis hin zum Mord sind im Umlauf.

Mythen – Dienstags in Bermuda

Die sogenannten Bürger-Dialoge, eine Diskussionsreihe, die Xavier Bettel (DP) am Freitag eröffnete, sind den Bürgergesprächen von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron nachempfunden. Bei dieser Gelegenheit, über Europa zu sprechen, verglich der Premier eine Finanztransaktionssteuer mit dem Ungeheuer von Loch Ness: Jeder spreche darüber, aber keiner habe sie bisher gesehen. Nicht mehr gesehen wurden übrigens angeblich viele Flugzeuge und Schiffe, die im Bermuda-Dreieck verschwanden. Ähnlich verhält es sich mit Bettels Rede zur Lage der Nation. Sie fand – wenn nicht eine Tonpanne oder ähnliches passiert ist – am Dienstag statt. Da die revue am Montagabend Redaktionsschluss hat und mittwochs erscheint, ist dieser Wochentag eine Art publizistisches Bermuda-Dreieck für uns. Bald nicht mehr: Denn ab nächster Woche erscheint die revue jeden Freitag. Aber nicht in Bermuda-Shorts.

Europäische Kommission – Schutz für Whistleblower

Sie sind „Hinweisgeber“ – und sie sind stille Helden, obwohl sie Whistleblower genannt werden. Ihre Rolle wirkt diskret, obwohl sie für die Institutionen und Unternehmen, für die sie gearbeitet haben, illoyal und indiskret erscheinen. Für die einen sind Leute wie Antoine Deltour (Foto rechts im Januar im hauptstädtischen Café Indies) Helden, für andere Verräter. Nun sollen Informanten, die schwere Missstände aufdecken, künftig EU-weit geschützt werden. So will es die Europäische Kommission. Viele Whistleblower haben Angst vor Vergeltung. Brüssel will mit einer Richtlinie Mindeststandards für ihren Schutz festlegen. Dazu sollten die EU-Staaten sicherstellen, dass in Unternehmen „interne Kanäle und Verfahren für die Berichterstattung und Weiterverfolgung von Berichten“ eingerichtet werden, hieß es in der Süddeutschen Zeitung.

Caritas-Almanach – Soziale Kohäsion steht auf dem Spiel

Die zwölfte Auflage des Caritas-Sozialalamanach hat den sozialen Zusammenhalt als zentrales Thema – und sein Verhältnis zum Wachstum. Letzteres muss hinterfragt werden: Ermöglicht es die gesellschaftliche Kohäsion oder gefährdet es diese zunehmend? Der Almanach 2018 wirft, so kurz vor der Rede zur Lage der Nation, nicht nur Fragen auf, sondern bietet Lösungsvorschläge. Eine Gewissheit ist, dass in einem bevölkerungsmäßig schnell wachsenden Land – laut Statec im Januar 602.005 Einwohner – wie Luxemburg die soziale Kohäsion und das Wachstum in einer gegenseitigen Wechselwirkung zueinanderstehen. „Wir brauchen deshalb den sozialen Kohäsionsplan“, fordert Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs. Dieser Plan bestehe aber seit 2014 nicht mehr, kritisiert die frühere CSV-Ministerin. Caritas-Sprecher Robert Urbé wies darauf hin, dass Armut und soziale Ungleichheit hierzulande seit 2004 gestiegen sind.

Gewerkschaften – Noch mehr Schutz

Arbeitnehmer können innerhalb von zwei Jahren 78 Wochen krank geschrieben sein, ohne dass sie um ihren Job bangen müssen. Darauf einigten sich Sozialminister Romain Schneider (LSAP) und der OGBL. Das verspricht mehr Schutz. Bisher gilt eine 52-Wochen-Regelung. Der LCGB fordert, dass diese ersatzlos gestrichen wird. Apropos Gewerkschaften: Wegen der Parlamentswahlen werden die Sozialwahlen von Herbst 2018 auf Frühling 2019 verschoben.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: alommel

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