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Die Essenz des Ländlichen

Die französischen Departements Aveyron und Lozère bieten den Touristen mehr als nur Natur und Kultur. Auch Feinschmecker und Abenteuerlustige kommen auf ihre Kosten. revue war vor Ort und stellt Ihnen die Highlights vor.

Text: Anouk Plein (revue@revue.lu) / Fotos: Anouk Plein, Ryanair, Office de Tourisme

Im Süden Frankreichs, knappe 170 Kilometer von Montpellier entfernt, ist die Landschaft, so ursprünglich wie man sie kaum erwarten würde; die Menschen so einladend und freundlich, dass man sich sowohl in den prunkvollen Schlössern als auch in den authentischen Bauernhöfen familiär aufgehoben fühlt; die Kunsthandwerksstätten so offen, dass jedermann Einblick in ihre Geheimnisse erhält. Das alles spiegeln die Departements Aveyron und Lozère wieder.

Die Lebensart hier ist nicht nur eine bestimmte Weise zu Sein, sie stellt sich im Hinblick auf die stolz erhaltenen Traditionen eher als Lebenskunst in Verbindung mit der Natur dar. Dies spiegelt sich vor allem in dem gastronomischen Zweig wider, welcher, geprägt durch seine Naturverbundenheit fast ausschließlich lokale Produkte verarbeitet. Nicht nur, das etwas klassischere Traditionshaus Restaurant Baldy, in der beschaulichen Ortschaft Fondamente, stützt seine deftige Küche auf regionale sowie saisonale Produkte. Auch das berühmte Sternerestaurant Bras in Laguiole zeichnet seine gehobene Küche durch eigens angebaute Pflanzen aus, die typisch für die lokale Vegetation sind, und jeden Morgen von Sébastien Bras höchstpersönlich in Begleitung seiner Mitarbeiter abgeerntet werden. Die überaus rein gehaltene Rinderzucht des nahegelegenen Plateau d´Aubrac sorgt mit seinen mehr als 750.000 Tieren für eine angemessene Fleischzufuhr.

Das Plateau dient allerdings nicht lediglich den Rinderherden als reichhaltiges Weideland, es ist zudem ein regelrechtes Paradies für jeden Wanderer der die naturbelassenen Landschaften erkunden möchte, oder sogar dem Jakobsweg ein Stück durch die kleinen und charmanten Dörfchen folgen will. Sehenswert sind dabei vor allem der Wasserfall, genannt la „Cascade du Déroc“, welcher sich im Winter in einen eisigen Vorhang verwandelt, sowie die vereinzelten natürlichen Gletscherseen, welche schon vermehrt als Kulisse für Filmproduktionen dienten.

Die Lebensart hier ist nicht nur eine bestimmte Weise zu sein, sie stellt sich im Hinblick auf die stolz erhaltenen Traditionen eher als Lebenskunst in Verbindung mit der Natur dar.

Wie aus dem Bilderbuch: Estaing gehört zu den schönsten Dörfern Frankreichs.

Wie aus dem Bilderbuch: Estaing gehört zu den schönsten Dörfern Frankreichs.


Typisch: Die Landschaft des Aubrac ist fast baumlos und für Frankreich eher untypisch.

Typisch: Die Landschaft des Aubrac ist fast baumlos und für Frankreich eher untypisch.

Auch der handwerkliche Arm der lokalen Manufakturen findet seine Wurzeln in der Naturvielfalt. Die Produktionsstätte des bekannten „Sac du berger“ liegt im Wald verborgen und verarbeitet ausnahmslos Häute aus dem regionalen Schafbestand um die robuste und typische Tragetasche der immer noch aktiven Schäfer herzustellen. Zudem betreiben alle in der aveyronisch-lozèrischen Gegend ansässigen Handwerkskünstler eine sehr offene und transparente Firmenideologie.

Die „Forge de Laguiole“ die ihren Namen vom gleichnamigen Städtchen in der sie sich befindet ableitet, ist ein renommierter Hersteller kunstvoll gefertigter Messer und erlaubt jedem Besucher einen kostenlosen Rundgang durch die Manufaktur und damit Einblick in die einzelnen Produktionsschritte. Die gleiche Offenheit und Willkommenskultur erwartet den Reisenden in der etwas größeren Stadt Millau, die nicht nur für ihr imposantes Viadukt, sondern vielmehr noch für die Herstellung luxuriöser Handschuhe bekannt ist. Die Mitarbeiter der „Ganterie Fabre“, seit vier Generationen im Besitz der Familie Fabre, führen gerne jeden Besucher durch ihr Atelier und erklären die Verarbeitung des Leders zum hochwertigen Handschuh. Der überaus große Wert den der Tradition in den beiden Departementen zugedacht wird, übersetzt das Haus Fabre mit der Ausbildung des Nachwuchses, da es eines der einzigen Handwerke ist zu dem es keine spezielle schulische Ausbildung gibt. Auch die vor allem für das Modelabel Chanel arbeitende „Ganterie Causse“ erlaubt dem Interessierten Einblick in ausgewählte Produktionsschritte und bietet ein reichhaltiges und sehr kunstvolles Sortiment an fein gearbeiteten Handschuhen an.

Dennoch ist nicht einzig und allein die Natur eine Quelle der Inspiration, und nicht nur die minutiöse Weitergabe der bereits genannten Traditionen prägt die Menschen; sondern auch ihre Geschichte, welche sich vor allem, und am schönsten in den zahlreichen Schlössern und Burgen widerspiegelt. Das „Château de la Baume“ aus dem siebzehnten Jahrhundert thront auf 1.200 Metern Höhe über seine Umgebung und ist somit das höchstgelegene Schloss Frankreichs. Von außen düster anmutend, birgt das „Château de la Baume“ eine umwerfende Sammlung aus wertvollen Kunstgegenständen. Seit 1858 im Besitz der Familie Las Cases, den Nachfahren von Napoleons Memoirenschreiber, verfügt das Schloss über eine Räumlichkeit welche zur Gänze dem einstigen Kaiser gewidmet ist, und eine Sammlung verschiedener Relikte aus seiner Zeit im Exil in Sankt-Helena ausstellt. Die Bindung an die Geschichte zeichnet sich hier vor allem durch die bewusste Verweigerung einer Renovierung aus, alle vorhandenen Gemälde, die Wandteppiche sowie die Einrichtung befinden sich allesamt in ihrem ursprünglichen Zustand und erlauben dem Besucher somit das aufregende Gefühl eines Zeitsprunges in die Epoche des französischen Sonnenkönigs Louis XIV.

Für Naturliebhaber: Die Landschaften im Aveyron wissen zu faszinieren.

Für Naturliebhaber: Die Landschaften im Aveyron wissen zu faszinieren.

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Ganz anders interpretieren die Besitzer des „Château d´Orfeuillettes“ in Albaret Sainte-Marie, und des „Château de Labro“ in Onet-le-Château Tradition und Geschichte: Beide Häuser wurden kürzlich renoviert, sowie als hochklassige Hotels umfunktioniert, und begeistern die Übernachtungsgäste mit ihrer liebevollen Einrichtung. Während Ersteres in Zusammenarbeit mit einem Innenarchitekten designt wurde und mit Modernität und Stilsicherheit aufwartet, besticht das „Château de Labro“ durch eine klassischere Einrichtung, das Wesen des Schlosses unterstreichend.

Einen ausgesprochen abenteuerlichen Aufenthalt verspricht aber vor allem die „Annexe d´Aubrac“ in St. Chély d´Aubrac, ein Gästehaus mit unbeschreiblich dekadenter, sowie stellenweise wundervoll überladener Einrichtung, welche einen zugleich an eine klassische Jagdhütte und an die exzentrische Kulisse eines modernen Modeshootings denken lässt.

Ein weiteres, herausragendes Beispiel für die enge Verbindung zwischen Spuren vergangener Tage und dem Modernen bietet Rodez, die Hauptstadt des Aveyron. Ihre prunkvolle Kathedrale aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, sowie die historische Innenstadt, in welcher der Besucher den architektonischen Überresten der verschiedenen Epochen folgen kann, stehen im Kontrast zu dem „Musée de Soulages“ das dem zeitgenössischen, der abstrakten Malerei verfallenen Ortsansässigen Pierre Soulages gewidmet ist. Und dennoch verbindet sie die Tradition der Privilegierung der regionalen natürlichen sowie menschlichen Ressourcen.

Bewusst naturgebunden verschließen sich die Einwohner des Aveyron und der Lozère mitnichten dem Fortschritt, aber leben ihre Traditionen mit Bedacht.

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Author: Philippe Reuter

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