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Die fette Betty & ihre Crew

Der „Fat Betty Run“ ist mittlerweile vielen Leuten hierzulande ein Begriff. Doch wer steckt hinter dieser „Running Crew“ – und wie kam es dazu?

Der „Fat Betty Run“. Klingt erstmal etwas ulkig und ist es dann am Ende auch. Den ein oder anderen wird es dennoch überraschen, dass an den fest fixierten Donnerstagabenden keine übergewichtige Frau namens Betty auf sie wartet. Denn wer sich an irgendeinem der vergangenen Donnerstage der letzten drei Jahre in die Richtung des „Independent Café“ in der Hauptstadt verirrt hat, der wird wissen: Das ist gar keine fette Betty, sondern vier durchaus verrückte Typen – Guido, Yves, Dan und Stéphane. Sie haben die „Running-Crew“ vor nun mehr drei Jahren gegründet. Dabei wollen sie weitaus mehr sein als nur eine Gruppe, die sich zum Laufen trifft.

Fat-Betty-Run-20---004-KopieBei meiner Ankunft in ihrer „zweiten Stube“, wie Guido das „Independent Café“ nennt, war mit ihm selbst und Yves die Hälfte der Protagonisten bereits vor Ort und schlürfte ein nicht-alkoholisches Kaltgetränk. Die Ankunft des dritten Mannes, namentlich Dan, wurde mir auf „gleich“ versprochen. Prognosen zum Erscheinen von Stéphane wollte keiner geben, lediglich ein „der ist immer zu spät“, und ein kurzes, fast schon jugendliches Lachen folgte. Dass die Männer eine außergewöhnliche Gruppendynamik haben, wie ich sie eigentlich nur aus der eigenen Studienclique kenne, wird vom ersten Moment an klar. Insider-Witze, gefolgt von immer wieder mehr oder weniger kontextlosem Lachen. Man versteht zwar nicht immer alles, aber eines steht fest: Die Jungs machen und haben Spaß.

„Stéphane und ich kennen uns schon sehr lange, vor allem aus vergangenen Party-Nächten“, setzt Yves zum Versuch an den Grundstein dieser heutigen Dynamik irgendwie zu legen. „Wir machen also heute genau das Gegenteil von dem, was wir damals gemacht haben. Zumindest ich, er nicht“, erneut lacht die Gruppe los. Stéphane kann zu seiner Verteidigung nichts sagen, er ist noch nicht da. Dan und Stéphane fanden über einen Aufruf in den sozialen Medien zusammen. Was erstmal wie eine schlechte Romanze aus dem 21. Jahrhundert klingt: Dan wollte zu seinem 38. Geburtstag 38 Kilometer laufen und suchte Leute, die mitlaufen wollen. Stéphane war ohne langes Zögern dabei.

Wann genau dieses Trio auf Guido traf, löst eine erste kleine Meinungsverschiedenheit aus. Nach kurzen Diskussionen einigen sie sich darauf, dass man sich zwar aus vorherigen Rennen kannte, aber der entscheidende Moment beim ING Marathon 2015 war. Das war damals der erste offizielle 42-Kilometer-Lauf für Guido (der beim Lauf von Stéphane begleitet wurde) – und „da waren immer wieder diese zwei Typen am Rande der Strecke, die mächtig Stimmung gemacht haben“, so Guido. „Wir waren beide verletzt und konnten nicht mitlaufen“, erklärt Dan die Situation. „Wir haben uns so vorbereitet, dass wir möglichst viele Punkte an der Strecke hatten, zu denen wir fahren konnten, um die Läufer anzufeuern, das müssen so ungefähr 30 gewesen sein.“

Wie wichtig das Lachen den Jungs ist, kann man eigentlich nicht oft genug sagen.

Doch nicht nur Guido hatte sich nach dem Marathon die Gesichter der beiden lautstarken Männer eingeprägt. Auch ein gewisser Joe Kelly, Musiker und Extremsportler, der nur ein wenig vor Guido lief, kann sich mit großer Wahrscheinlichkeit heute noch an die beiden erinnern. „Ihr schon wieder“, soll er bei einem ihrer letzten Stopps am Streckenrand genörgelt haben. Basierend auf diesem Zusammenschluss, gab es schon einige Jahre vor „Fat Betty“ eine inoffizielle Gruppierung. Damals tourte das Vierergespann durch die ganze Welt, um an Läufen jeglicher Distanz teilzunehmen. „Es ist schwer, ein Erlebnis hervorzuheben, weil wir eigentlich jedes Mal, wenn wir zusammen sind, einen Heidenspaß haben“, konstatiert jeder der Vier im Laufe des Gespräches mindestens einmal. Es war dann auch auf genau diesen Reisen, egal ob in Kopenhagen oder Hamburg, wo die Männer immer wieder mit diesem Konzept der „Running Crew“ konfrontiert wurden. Menschen, die sich treffen, nicht nur um gemeinsam zu laufen, sondern auch um im Nachhinein ein paar gemütliche Stunden miteinander zu verbringen.

Fat-Betty-Run-20---011-Kopie„Das hat uns hier in Luxemburg gefehlt. So entschieden wir, die Betty ins Leben zu rufen“, erinnert sich Guido zurück. Es soll zwar zu dem Zeitpunkt bereits einige Laufgruppen gegeben haben, doch standen dort überall der Wettbewerb und die Leistung im Vordergrund. „Wir wollten natürlich das Laufen in den Vordergrund stellen, weil es verbindet und man richtig viel Spaß dabei hat. Aber genauso wichtig war uns, dass man im Anschluss noch ein wenig Zeit bei einem (oder zwei) Bier miteinander verbringt.“

So hat man nach den wöchentlichen Läufen schon die eine oder andere Uhrumdrehung im „Independent Café“ verbracht und auch bereits so einiges erlebt. „Wenn die Tische hier reden könnten“, sagt Dan und erntet für den Spruch lautstarke Lacher seiner Kollegen. Doch Dan ist nicht nur nebenberuflicher Witzbold. Er ist auch der Urheber des Namens. „Wir lassen die Leute oft gerne raten, wie der Name zustande kam“, erklärt Yves. Die Annahme, es sei ein Lauf für Übergewichtige, ist der Klassiker. In Wirklichkeit stammt der Name aus Steinsel. Dort gibt es einen Hügel namens „Décke Bierg“, der ganze 23 Prozent Steigung hat. „Aus Dick wurde Fett und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damals das Lied ‚Black Betty‘ von Ram Jam im Ohr hatte“, erinnert sich Dan an die Geburtsstunde der „Fat Betty“.

Hätte es kein Corona gegeben, so wäre seit dem ersten Lauf 2017 kein einziger „Fat Betty Run“ am Donnerstag, ganz egal bei welchem Wetter, ausgefallen. Das ist nicht nur mit organisatorischem Aufwand verbunden, sondern in erster Linie mit einer gewissen Liebe zum Sport. Während Guido und Dan etwas normalere Wege hin zum Laufsport nahmen, sind die Geschichten von Yves und Stéphane etwas ungewöhnlicher. „Der Grund, wieso ich mit dem Laufen angefangen habe, war meine Scheidung“, sagt er direkt hinaus, ziemlich prompt, nachdem auch er endlich den Weg in ihre „zweite Stube“ gefunden hatte. Yves war übergewichtig: „Mit 29 Jahren brachte ich 154 Kilo auf die Waage und das Herz fing an Probleme zu bereiten.“ Daraufhin hat sich das Leben von Yves komplett gewendet und nach einer anfänglichen Phase in der vor allem das Radfahren sein Leben bestimmte, war es das Schaffen seiner ersten zehn Kilometerstrecke, das ihn mit dem Lauf-Virus infizierte.

„Es ist schwer, ein Erlebnis hervorzuheben, weil wir eigentlich jedes Mal, wenn wir zusammen sind, einen Heidenspaß haben.“
Dan, Guido, Stéphane & Yves sind sich einig

Heute, auch nach dem langwierigen Corona-Lockdown, zählt die „Running-Crew“ nicht weniger Teilnehmer als sonst. „Es kann gut und gerne vorkommen, dass wir 50 Leute dabei haben“, sagt Yves etwas stolz vor sich hin. Das habe sich damals eigentlich relativ eigendynamisch entwickelt, der Name in Kombination damit, dass man überall Sticker verteilt hat, hat dazu geführt, dass man recht schnell viele Leute auf sich Aufmerksam machen konnte. „Was mir richtig gut gefällt, ist das Multikulturelle bei unseren Läufen. Wenn man da manchmal, hört wie viele verschiedene Sprachen gesprochen werden, das ist schon cool“, so Yves weiter. Es soll sogar öfter vorkommen, dass Touristen sich der Gruppe anschließen und den zehn Kilometer langen Lauf durch die Hauptstadt als Sightseeingrunde genießen. „Man erlebt die Stadt ganz anders und dazu auch noch gratis“, erklärt Guido. Doch selbst in der Hauptstadt lebende Läufer hätten beim „Fat Betty Run“ bereits den ein oder anderen Platz gesehen, den sie so davor nicht kannten.

Um beim „Fat Betty Run“ dabei sein zu können, muss man nichts bezahlen. Einzige Vorrausetzung ist, dass man in der Lage ist, zehn Kilometer in einer Stunde zu laufen. Wobei dies scheinbar auf den ersten Blick viele Menschen ausschließt, haben die Jungs selbst andere Erfahrungen gemacht: „Ich weiß von Leuten, die extra trainiert haben mit dem Ziel, bei uns mitlaufen zu könne. Dass wir der Grund sein können, dass Leute sich so motivieren ist schon krass“, erklärt Yves während Dan einwirft, dass das Lachen solcher Menschen nach den geschafftem Lauf dann immer eine der schönsten Momente sei.

Wie wichtig das Lachen den Jungs ist, kann man eigentlich nicht oft genug sagen. Während des Gesprächs wurden die mehr oder weniger seriösen Antworten nämlich immer wieder durch Lachanfälle oder fast schon pre-pubertäre Schulterschläge unterbrochen. Die Crew vom „Fat Betty Run“ ist gerade auch basierend auf ihrem Humor nicht jedermanns Geschmack. Aber läuft man mit ihnen auf einer Wellenlänge, kann man nicht nur körperlich fit bleiben, sondern auch richtig viel Spaß dabei haben.

Text: Daniel Baltes / Fotos: Georges Noesen

Author: Martine Decker

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