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Die Fiktion des Realen

„Ich lag also in der Badewanne in diesem schrecklichen Hotel.“ Das sind die Worte von Hunter S. Thompson. Der amerikanische Schriftsteller erzählte in einem Interview, abgedruckt in dem Buch „Kingdom of Gonzo“, von seiner Schreibblockade Ende der 60er Jahre. Er sollte einen Artikel über das berühmte Pferderennen in Kentucky schreiben, brachte aber nichts zustande. Also riss er einfach die Seiten aus seinem Notizbuch und schickte sie an das Magazin „Scanlan’s Monthly“. Eine neue Form von Journalismus war geboren: Gonzo – ein Synonym für „außergewöhnlich“ und „verrückt“. Bereits der zuvor entstandene New Journalismus hatte die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur verschoben und auf literarische Stilmittel zurückgegriffen. Thompson ging noch weiter. Die echte Wahrheit lag bei ihm zwischen Fakten und Fiktion. Oder anders gesagt: Wenn es keine Story gibt, dann erfinde sie!

Die Grenze zur Fiktion überschritt in den 90er Jahren auch der Schweizer Journalist Tom Kummer, lange Zeit Reporter des damals stilprägenden Zeitgeistmagazins „Tempo“ und freier Autor namhafter Zeitungen und Zeitschriften. Als herauskam, dass er Interviews mit Prominenten nicht selbst geführt, sondern erfunden oder aus vorhandenem Material neu zusammengesetzt hatte, löste er einen Skandal aus. Kummer rechtfertigte sich, indem er seine Vorgehensweise „Borderline-Journalismus“ nannte. Dabei war er nichts anderes als ein dreister Fälscher. Bis vor wenigen Jahren handelte sich Kummer immer wieder Plagiatsvorwürfe ein.

Dann Claas Relotius. Der für seine Reportagen mehrfach ausgezeichnete Journalist des Magazins „Der Spiegel“ hat zahlreiche seiner Geschichten ganz oder zum Teil erfunden, Personen und Szenen ebenso wie Details oder ganze Storys. Leser, Vorgesetzte und Wettbewerbsjurys brachte er mit seinen Sprachbildern ins Schwärmen. Nachdem er aufgeflogen war, ging sein Arbeitgeber an die Öffentlichkeit. Ein großer Schaden für den „Spiegel“, ein Schlag ins Gesicht für jeden akribisch recherchierenden, der Wahrheit verpflichteten Journalisten, eine Niederlage riesigen Ausmaßes für einen ganzen Berufsstand.

Erzählen ist nicht Lügen. Auch zur Schönschreiberei gehört Recherche.

Doch hierbei gilt zu bemerken, dass der Skandal um Relotius auf einem fruchtbaren Nährboden gedieh: Von einer „Kultur des Geschichten-Erzählens“ wird gesprochen, von einer Philosophie der guten Story auf Teufel komm raus. Nicht zuletzt „Der Spiegel“ muss sich seit Längerem nicht nur den Vorwurf der tendenziösen Berichterstattung gefallen lassen, sondern dass er seinen Lesern suggeriere, seine Journalisten seien unmittelbare Zeugen eines Geschehens oder hätten Informationen aus erster Hand. Wieder einmal steht also der Journalismus am Pranger, nicht etwa die stets dem Verdacht des Unseriösen ausgesetzte Boulevardpresse oder das vielgescholtene Privatfernsehen, sondern der allseits hochgepriesene sogenannte Qualitätsjournalismus. Nicht zuletzt ist es vor allem Wasser auf die Mühlen jener, die in den vergangenen Jahren immer wieder von „Lügenpresse“ gesprochen haben. Sicherlich war 2018 kein einfaches Jahr für den Journalismus, wie auch vergangene Woche beim Neujahrsempfang des Premierministers zu hören war. Aber der Fall Relotius hat gerade noch gefehlt.

Unter Generalverdacht stehen die „Schönschreiber“, wie die Reporterin Alexandra Rojkov jene Journalisten nennt, die lange, fast literarische Texte schreiben. In Verruf geraten auch das „Storytelling“. Das szenische, subjektive Schreiben gerate zu recht unter Druck, sagte kürzlich der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in einem Interview. Zwar seien literarische Stilmittel wie das Beschreiben einer Atmosphäre oder ein dramaturgischer Aufbau durchaus erlaubt, „aber die Inhalte müssen stimmen“. Erzählen ist nicht Lügen. Auch zur Schönschreiberei gehört Recherche. Und die Grenze zwischen Journalismus und literarischer Fiktion darf nicht überschritten werden. Ebenso muss es Kontrollmechanismen geben. Pörksen fordert eine Debatte über die „narrative Verführung“ im Journalismus. Letzterer ist auch Robert Menasse erlegen. Der österreichische Schriftsteller, im vergangenen Jahr auch in der revue für seinen Roman „Die Hauptstadt“ gelobt, wird neuerdings gebrandmarkt, weil er Zitate des einstigen EWG-Präsidenten Walter Hallstein nicht wörtlich übernommen hat. Er geriet auf der Grenze zwischen Fakten und Fiktion ins Stolpern. Einen „schlampigen Zitierer“ nannte ihn seine Halbschwester und Kollegin Eva Menasse. Schlampig war auch Hunter S. Thompson. Er sagte, der Gonzo-Journalismus sei nichts weiter als eine „Schlamperei“. Doch seine Geschichten sind unvergesslich.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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