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Die Hüter des Waldes

Eine Delegation des Klima-Bündnis Lëtzebuerg ist nach Ecuador gereist und hat Sarayaku besucht. Das Dorf im Amazonastiefland steht symbolisch für den Kampf der Indigenen gegen Ausbeutung und Zerstörung des Regenwaldes.

Fotos: Romain Becker, Caroline Calmes, Isabel Pitz

Der Weg nach Sarayaku führt über den Río Bobonaza. Lange Zeit war das kleine Dorf im ecuadorianischen Teil des Amazonas-Tieflandes nur mit dem Boot zu erreichen. Die 1.200 Einwohner vom Volk der Kichwa versuchen, im Einklang mit dem Regenwald zu leben. Der Wald bedeute für sie wie für die anderen indigenen Völker Amazoniens das Leben: „Kawsak Sacha“, der „lebende Wald“, erklärt Eriberto Gualinga.

Eriberto Gualinga ist Filmemacher und für die Kommunikation der indigenen Dorfgemeinschaft zuständig.

Eriberto ist nicht nur der Sohn des Schamanen Don Sabino Gualinga, sondern ein Filmemacher, der seine Dokumentarfilme weltweit auf Festivals zeigt. Zudem ist er zuständig für die Kommunikation der kleinen Gemeinschaft nach außen. Kaum einer kann die „Kosmovision“ der Kichwa von Sarayaku besser erklären als Eriberto. Er beschreibt, wie jeder Naturraum, ob Sumpf, Berg oder See, eine Seele hat – eine Art höheres Wesen, das sein Herr und Hüter ist – und wie alle Berge und großen Bäume miteinander über ein Netzwerk kommunizieren. So haben die Völker Amazoniens „eine Lebensweise entwickelt, die geprägt ist vom Zusammenleben mit der Natur“, sagt Eriberto. „Es handelt sich keineswegs um eine romantische Liebe zur Landschaft und zur Schönheit der Natur, sondern um eine Verinnerlichung in ihren Herzen und im Geiste.“

Der Regenwald im Osten Ecuadors beherbergt eine einzigartige Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Die Kichwa von Surayaku führen ein Leben in Einklang mit der Natur. Das indigene Volk ernährt sich von den eigenen Gärten im Regenwald sowie vom Jagen und Fischen. Für die Kichwa ist die Erde ihre Mutter und der „lebende Wald“ der Ort, „aus dem wir unsere körperliche und geistige Kraft, unsere Stärke und unsere Gesundheit schöpfen“. Doch das Paradies ist bedroht. Die Klimaveränderungen sind deutlich zu spüren. Der Wasserpegel auf dem Bobonaza ist extrem niedrig. Und die Erdölförderanlagen rücken in Richtung Sarayaku vor. Internationale Konzerne wetteifern um die Ölquellen. Das umstrittene Öl ist auch der Grund, warum das Dorf heute mit Air Sarayaku über eine eigene kleine Fluglinie verfügt. Es ist die erste indigene Fluglinie der Welt. Vor ein paar Jahren gewann die Dorfgemeinschaft nach einem mehr als zehn Jahre andauernden Rechtsstreit vor dem Interamerikanischen Gerichtshof gegen den ecuadorianischen Staat. Dieser hatte die Lizenz zur Erdölförderung an den argentinischen Konzern Companía General de Compustibles (CGC) vergeben, was die Zerstörung des Regenwalds bedeutet hätte. Sarayaku wurde ein Schadensersatz von 1,3 Millionen US-Dollar zugesprochen. 300.000 Dollar
wurden zum Grundkapital der gemeinsamen Dorfbank und für 610.000 Dollar wurde die Fluglinie aufgebaut. Die Gemeinschaft verfügt nun über eine Satellitenschüssel und hat eine eigene Website. Eine Solaranlage sorgt für Strom, der die Energie für den Betrieb eines Internetcafés liefert.

Der Río Bobonaza ist nicht nur Transportweg, sondern eine der Lebensadern für die Einwohner von Sarayaku. Allerdings ist der Wasserpegel auf dem Fluss gesunken.

Vom 3. bis 12. März dieses Jahres hat sich eine Gruppe von 14 Personen aus luxemburgischen Gemeinden des Klima-Bündnisses sowie von der Action Solidarité Tiers Monde (ASTM) und einem RTL-Kamerateam auf den Weg nach Sarayaku gemacht, um sich von der dortigen Situation zu überzeugen. Denn Sarayaku, das in der Kichwa-Spracheso so viel wie „Mais-Wasser“ oder „Mais-Fluss“ heißt, ist zum Symbol für den Widerstand indigener Völker im Amazonas geworden. Die Kichwa haben sich clever angelegt. In Sarayaku gibt es mittlerweile sechs Primärschulen und eine Sekundarschule. Außerdem verfügt die Gemeinde über ein Universitätsprogramm in Zusammenarbeit mit den Universitäten von Cuenca und Lleida. Zudem hat der Ökotourismus für das Dorf an Bedeutung gewonnen. Es ist ein ungleicher Kampf, den die Kichwa seit Jahren gegen die übermächtige Erdölindustrie mit Parlamentspetitionen sowie vor Gericht führt, ein Duell „David gegen Goliath“. Schon einmal hatten sie sich erfolgreich gegen die Ölförderung in ihrem Gebiet gewehrt, als sie 1989 Bohrungen des heute zur britischen BP gehörenden Konzerns ARCO verhinderten. Danach wurde den Kichwa ein Gebiet von etwa 130.000 Hektar zugesprochen.

Die Bodenschätze blieben allerdings in Besitz des ecuadorianischen Staates. Die Regierung hat das Gebiet zur Erdölförderung unterteilt. Immer wieder versuchten Erdölfirmen wie Agip oder CGC seither in das Land zu kommen. Bei der Kommission für Menschenrechte wurde eine Klage gegen CGC von der Gemeinde Sarayaku eingereicht.

Die Rechte, auf die sich die Einwohner von Sarayaku dabei beziehen, sind die in der Verfassung garantierten „kollektiven Rechte“. Sie werden zudem durch das Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern von 1989 (ILO 169) geschützt, das Ecuador ratifiziert hat. Es regelt den Schutz der indigenen Völker und deren Land. Für Großprojekte, die auf ihrem Land geplant sind, muss die Zustimmung der Indigenen eingeholt werden. Jedes Land, das die Konvention ratifiziert stärkt das Gewicht dieses Rechtsinstruments. „Die Konvention ist ein wichtiges Rechtsinstrument.

Die Einwohner leben in bescheidenen Verhältnissen, verfügen aber über Internet und eine Fluglinie.

Sie spielt eine Schlüsselrolle beim weltweiten Schutz der Wälder, der Artenvielfalt und des Klimas,“ sagt Dietmar Mirkes von der ASTM. Mittlerweile besteht große Hoffnung, dass Luxemburg die Konvention endlich ratifiziert. Die Regierung habe sich dafür ausgesprochen, der Staatsrat habe keine Einwände, erklärt Mirkes. Vielleicht ist es im Herbst so weit. Dabei stellt sich die Frage, warum Luxemburg so lange gebraucht hat, während mehr als 20 Staaten schneller waren, die ILO 169 rechtskräftig zu machen.

Als der Interamerikanische Gerichtshof das Selbstbestimmungsrecht der Indigenen bestätigte, hieß es auch, dass der Sprengstoff in den Erdölfördergebieten beseitigt werden musste, den die CGC zur seismischen Voruntersuchung platziert hatte. Die Ölfirma wurde mit 20 Millionen Dollar entschädigt. Die Dynamitstangen sind noch immer im Boden. In den Förderregionen nördlich von Sarayaku ist die Luft mit Schadstoffen hoch belastet, so dass viele Einwohner an Atemwegserkrankungen leiden. Das Abwasser, das im Erdreich versickert, ist voller Schwermetalle. Alle paar Tage bricht eine Pipeline. Zahlreiche Familien leben direkt neben den Ölquellen, die Kinder baden in den verseuchten Flüssen und bekommen davon Hautausschläge. In jeder Familie gibt es mehrere Personen, die an Krebs erkrankt sind. Eine Studie der Organisation Acción Ecologica ergab, dass die Sterberate in den Erdölfördergebieten mehr als doppelt so hoch ist wie in der Hauptstadt Quito. Der Ausbeutung der Bodenschätze Amazoniens fallen immer mehr Flächen an Regenwald zum Opfer. Umweltschützer kritisieren diese Politik des „Extracivismo“, das heißt der Förderung des Exports von Rohstoffen, um Einnahmen für den Staatshaushalt zu erzielen.

Extraktivismus bzw. Neo-Extraktivismus steht vor allem für den Raubbau und wurde in den vergangenen Jahren insbesondere von den neuen rechtsgerichteten Regierungen Lateinamerikas im Zusammenspiel mit internationalen Konzernen praktiziert. Jüngstes Beispiel: Die brasilianische Regierung will ein wichtiges Naturschutzgebiet im Amazonas-Regenwald verkleinern. Doch auch die wenigen verbliebenen linken Regierungen sind nicht grün. Der ecuadorianische Präsident Rafael Correa versuchte 2007 mit seiner Yasuní-ITT-Initiative, die Erdölreserven im Yasuní-Nationalpark unter der Erde zu lassen und forderte die internationale Gemeinschaft auf, sein Land für die ausgebliebenen Einnahmen zu entschädigen. Für das Klimaschutzprojekt sollten die Industrieländer 3,6 Milliarden Dollar bezahlen. Luxemburg hatte eine Million zugesagt und an einen UN-Treuhandfonds überwiesen. Doch die Initiative wurde 2013 als gescheitert erklärt. Das Geld war nicht zusammengekommen, Ecuador hat Luxemburg sein Geld zurücküberwiesen.

„Es handelt sich keineswegs um eine romantische Liebe zur Landschaft und zur Schönheit der Natur.“ Eriberto Gualinga

Einerseits ist Ecuador nach wie vor progressiv durch seine fortschrittliche Verfassung als ein „sozialer Rechtsstaat mit sozialer Gerechtigkeit“ sowie der Anerkennung der Rechte der Natur und der Vision des „Buen Vivir“, entlehnt aus der Philosophie der Indigenen. Andererseits hat nicht zuletzt eine verschärfte Wirtschaftskrise dazu geführt, dass die Regierung dem staatlichen Ölkonzern grünes Licht gab, im Nationalpark Yasuni Erdöl zu fördern, die Förderung begann im September 2016. Ende des vergangenen Jahres schickte Präsident Rafael Correa die Armee in die südliche Provinz Morona Santiago, um den Bau einer Mine gegen das indigene Volk der Shuar durchzusetzen, das sich dagegen wehrte. Er verbot zudem die Nichtregierungsorganisation „Acción Ecológica“, welche die Shuar unterstützte. Nach weltweiten Protesten zog Correa dieses Verbot zurück. Rohöl ist das wichtigste Exportprodukt Ecuadors, das größte Importprodukt des Landes ist raffiniertes Öl. Eine Abkehr von der Rohstoffpolitik Rafael Correas ist nicht zu erwarten. Im April 2017 wurde Lenin Moreno von der bisherigen Regierungspartei Alianza PAÍS zu seinem Nachfolger gewählt. Er soll Correas Politik fortsetzen.

Wie es für die Indigenen im Amazonas-Tiefland weitergeht, ist ungewiss. Eines ist sicher: Die Kichwa aus Sarayaku werden nicht aufgeben. Eriberto Gualinga geht mit dem Anliegen, den Regenwald als Lebensgrundlage für sein Volk zu schützen, auf Reisen. Der „lebende Wald“ darf nicht sterben. „Das Leben unserer Vorfahren und unser eigenes Dasein sind verknüpft mit den Seen, den Bäumen und den Bergen“, sagt er. „Wenn diese Verbindungen zerstört werden, stirbt die Seele und verebbt das Leben aller Völker.“

Der Film „Der Gesang der Blume“ über die Indigenen von Ecuador wird am 15.9.2017 um 20 Uhr 30 im Steinbruch Härebësch bei Koerich gezeigt. Ehrengäste sind unter anderem Umweltministerin Carole Dieschbourg und Eriberto Gualinga. Der Eintritt ist frei. Anmeldung bis 11.9. bei Mirador (Tel. 26393408) oder mirador@anf.etat.lu

Stefan Kunzmann

Journalist

Ressorts: Politik, Investigativ, Aktuelles

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Author: Philippe Reuter

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