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Die Katzensitter

Zu Hause ist es am schönsten. Besonders für verwöhnte Miezen, die gerne auf die Tierpension verzichten, wenn Herrchen verreist. Weltweit erobern Nannys für Katzen die Metropolen. Auch in Luxemburg bieten Catsitter mittlerweile neue Betreuungsmöglichkeiten. Eine echte Notwendigkeit oder nur ein Trend, der dem Stubentiger schnurzegal ist?

„Wer ist von Adel und hat ein süßes Näschen? Wer trinkt nur Sahne aus zauberhaften Gläschen? Wer lebt dort nach fürstlichem Gesetz? Naturellement, die Aristocats.“ Das Lied aus dem bekannten Disney-Klassiker aus dem Jahre 1970 fasst eigentlich perfekt zusammen, was heute für viele Haustiere zur Normalität geworden ist: Menschliche Bedürfnisse, die Herrchen auf sein Vierbeiner projiziert hat. Eine Entwicklung der Beziehung zwischen Mensch und Tier, die von der gesellschaftlichen Veränderung beeinflusst wird und sich im Laufe der Jahrzehnte verengt hat.

Aus dem Nutztier wurde ein festes Familienmitglied, das nach menschlichen Maßstäben behandelt wird. Wie bei einer Mutter-Kind-Beziehung, kann dies schlussendlich zu einer Überforderung der Versorgung führen. Kein Wunder also, dass Herrchen Trennungsängste verspürt, wenn er doch eigentlich nur sorgenfrei, ohne die geliebte Hauskatze, verreisen will. Keine Überraschung, dass in unserer heutigen Gesellschaft neue Nachfragen entstehen. Ob diese allerdings von vornherein als unnötig oder sogar überflüssig bezeichnet werden müssen, darüber lässt sich streiten.

Fanny Schlesser ist stolze Besitzerin zweier Siamkatzen und hatte, wie viele ihrer Bekannten, regelmäßig mit demselben Problem zu kämpfen: Wohin mit den Stubentigern während der Urlaubsreise? „Ich habe mich auf die Suche nach einer Betreuung gemacht“, erinnert sie sich. „Ich habe aber nicht die passende Person gefunden und die angegebenen Preise waren auch viel zu teuer.“ So kam die junge Frau auf die Idee, eine professionelle Katzenbetreuung anzubieten. Man spricht auch von Catsitting oder von einer Nanny, die sich während ihrer Abwesenheit um die Pflege Ihrer Katze kümmert. Eine Art Ersatz-Herrchen.

„Wir geben der Katze natürlich regelmäßig frisches Futter und sorgen für ein sauberes Katzenklo“, erklärt Fanny Schlesser. „Aber unsere Zielsetzung geht noch viel weiter.“ Die Katzenbetreuerin verbringt Zeit mit dem Tier, spielt und streichelt was das Zeug hält. Ein Hausbesuch dauert mindestens eine halbe Stunde, je nach Bedarf. „Wir geben ihnen Liebe, damit sie sich nicht so einsam fühlen.“

„Katzen sind ortsgebundene Tiere. Sie in einer Tierpension unterzubringen oder mit in den Urlaub nehmen, löst bei ihnen Stress aus.“ Fanny Schlesser, Katzenbetreuerin

Dass Katzen Grundbedürfnisse haben, ist jedem klar. Doch Einsamkeit? Wir Menschen können uns einsam fühlen, das steht fest. Aber ob das bei völlig unabhängigen Felidae der Fall ist, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht immer einig. 2015 haben Alice Potter und Daniel Simon Mills, britische Forscher der „University of Lincoln“ in Großbritannien, herausgefunden, dass Katzen keine besondere Bindung zu ihrem Besitzer haben oder zumindest gibt es keine klaren Zeichen, die das Gegenteil behaupten. Wie war das schon wieder? Ah ja… Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal. In einem Test mit zwanzig Hauskatzen, erforschten die beiden britischen Forscher, was passiert, wenn der Besitzer sich von seiner Katze trennt und sie alleine in einem Raum zurücklässt. Ihre Beobachtungen sind klar. Die Katzen haben keine besondere Reaktion und freuen sich auch nicht besonders, wenn ihr Besitzer wieder auftaucht. Fazit: Katzen brauchen niemanden, um ein Gefühl der Sicherheit zu haben. Trotzdem möchten Alice Potter und Daniel Simon Mills klarstellen, dass dies nicht bedeutet, dass Stubentiger keine Bindung zu ihrem Herrchen haben.

„Katzen sind ortsgebundene Tiere“, erklärt die Katzenbetreuerin. „Sie in einer Tierpension unterzubringen oder mit in den Urlaub zu nehmen, löst bei ihnen Stress aus.“ Da Katzen sesshafte Reviertiere sind, führt der Anblick der Reisebox bei vielen Samtpfoten zu Panik und Angst. Katzen bleiben halt lieber in ihrer gewohnten Umgebung… egal ob mit oder ohne Herrchen. Denn schlussendlich ist es wahrscheinlich der Besitzer, der am meisten beruhigt werden muss.

„Ich schicke bei jedem Hausbesuch ein Foto der Katze per SMS an die Besitzer.“ Naomy, Catsitterin

„Ich schicke bei jedem Hausbesuch ein Foto der Katze per SMS an die Besitzer“, verrät Naomy. Die 21-jährige Studentin gehört zu den mittlerweile 350 Catsitterinnen, die für Fanny Schlesser landesweit im Einsatz sind. Alle gehen noch zur Schule und haben zwischen 16 und 27 Jahre. 99 Prozent sind Mädchen. „Ich selbst habe keine Katzen und das war für mich die Gelegenheit, trotzdem mit den Tieren in Kontakt zu kommen. Dazu gibt es dann auch noch ein bisschen Taschengeld“, erzählt die Uni-Studentin begeistert. Zwölf Euro die Stunde verdient sie mit dem Job. „Bis jetzt hatte ich nur positive Erfahrungen und diese Beschäftigung ist richtig spannend“, erinnert sie sich. „Außer einmal. Da hatte ich eine Begegnung mit einer Katze, die nicht froh mit fremden Menschen war. Sie hat mich sogar angefaucht. Angst hatte ich aber nicht.“

Um Catsitter zu werden, ist keine besondere Ausbildung erforderlich. Nur Katzenliebhaber sollte man sein. Fanny Schlesser vermittelt Sitter und Kunden je nach Wohnort. Diese geografische Nähe soll Vertrauen verschaffen. „Meine Katzenbetreuerin kommt aus demselben Dorf“, erklärt Simone Haan. „Wir haben uns einmal getroffen und mein erster Eindruck war sehr positiv. Sie war sehr nett und freundlich.“ Es wird geraten, den Katzenbetreuer mit dem Tier vertraut zu machen und alle nötigen Informationen im Voraus zu besprechen. Die 35-jährige Simone hat früher ihre Nachbarn regelmäßig gebeten, sich um ihre Hauskatze zu kümmern, wenn sie verreiste. „Irgendwann hatte ich dann ein schlechtes Gewissen.“ Die Catsitterin war die perfekte Alternative, obwohl der Service sie für zehn Urlaubstage ungefähr 200 Euro gekostet hat. „Unsere Kunden bemerken auf jeden Fall einen Unterschied, wenn sie nach dem Urlaub nach Hause kommen“, betont Fanny Schlesser. „Das Tier ist weniger gestresst, als wenn man es alleine gelassen hätte.“

Während des Interviews schleichen die Siamkatzen der Katzenbetreuerin um uns herum. Besonders der vierjährige Rufus ist sehr neugierig. Schüchtern ist er nicht und legt sich, während ich mit seiner Herrin im Gespräch bin, über seine gesamte Körperlänge vor mich auf den Tisch. Sofort kommt mir das Siamesen-Lied aus dem Disney-Film „Susi und Strolch“ in den Kopf: „Wir sind Siamesen und zwar echte. Wir behandeln andere wie Knechte. Jetzt schauen wir uns erst mal um in diesem Haus, und wir suchen uns das beste Plätzchen aus.“ Schnell wird klar, dass Rufus und Fanny ein sehr enges und vertrautes Verhältnis haben. „Ich liebe Katzen über alles“, erklärt Fanny begeistert. Man sieht es nicht nur, man spürt es auch. Ihre große Zuneigung für die Stubentiger hat sich auf jeden Fall gelohnt. Seit der Gründung ihrer Firma im September 2017, hat sie Ende 2018 schon erste Gewinne erzielt, jeden Tag melden sich neue Kunden bei ihr. Neuerdings wird ihr Betreuungsservice auch den ACL-Mitgliedern angeboten. „Es ist nicht das Hauptziel, von meiner Firma zu leben“, sagt die Katzenbetreuerin. „Ich habe einen anderen Beruf. Es ist eine Leidenschaft, kein Business.“

Fotos: Anne Lommel (Editpress)

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Martine Decker

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