Home » Home » Die Kraft der Worte

Die Kraft der Worte

Ein gutes Gespräch, eine konstruktive Kritik, ein produktiver Streit. Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Doch immer weniger Menschen beherrschen diese Fähigkeit, meint Sprach- und Kommunikationstrainer Claude Lamesch.

Fotos: Tania Feller/Editpress, Aid-Box/MEV-Verlag

Was zeichnet eine gute Kommunikation aus?
Es gibt verschiedene Kommunikationsmodelle. Ich arbeite mit einem von Lingva Eterna, das auf drei Säulen basiert: Klarheit, Präsenz des Sprechers und Wertschätzung gegenüber sich selbst und gegenüber dem Gesprächspartner. In einer gelungenen Kommunikation arbeiten die drei Säulen zusammen. Fehlt eine der drei Säulen, ist die Kommunikation erschwert.

Können Sie ein Beispiel für eine erschwerte Kommunikation nennen?
Die sogenannte „Wischi-Waschi“-Sprache. Darunter fällt unter anderem der Gebrauch von Füllwörtern, die keine Aussagekraft haben. Ein beliebtes Füllwort ist „eigentlich“. Durch dieses Füllwort schwäche ich meine Aussage sowie meine Präsenz als Sprecher. Gleiches gilt für den Konjunktiv II. Viele Menschen haben diese Zeitform als Höflichkeitsform von ihren Eltern gelernt. Auf sprachlicher Ebene bleibt es eine Unwirklichkeitsform. Sie verwässert meine Aussage, sodass mein Gesprächspartner damit wenig anfangen kann. „Könntest Du mir bitte ein Glas Wasser geben“ klingt anders als „Bitte gib mir ein Glas Wasser“.

Kann man erfolgreiche Kommunikation erlernen?
Ja, und es ist wichtig, dass wir sie erlernen. Wir können unsere Sprache dadurch auf eine ganz andere Weise nutzen und gleichzeitig unsere Persönlichkeit entwickeln.

Inwiefern?
Wenn man seine Sprache verändert – und ich spreche hier aus eigener Erfahrung – dann wirkt sich dies auf die Lebensthemen aus. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Gebrauch von „müssen“. Dieses Verb hat eine große Wirkung. Es übt zum einen Druck aus – auf einen selbst und auf den Gesprächspartner –, und zum anderen bedeutet es, dass man fremdbestimmt ist. Wer häufig „müssen“ verwendet, vermittelt dadurch zudem die Botschaft, dass ihm das richtige Maß fehlt. Schließlich „muss“ man nicht alles machen.

„Man kann Sprache durchaus nutzen, um Ordnung in seine Gedanken zu bringen.“

Ihre Beratung geht demnach über das Kommunikationstraining hinaus?
Meine Arbeit beschränkt sich auf die rein sprachliche Ebene. Sie hat auch psychologische Auswirkungen. Ich gehe nicht wie ein Psychologe in die Tiefe der Geschichten ein. Ich achte auf die Sprache der Kunden und gebe ihnen daraufhin Empfehlungen, wie sie ihre Sprache und so ihr Leben ändern können. Es gibt bei dem von mir angewandten Konzept kein Richtig oder Falsch. Jedes Wort hat eine Wirkung – auf mich und auf den Gesprächspartner. Jeder Mensch hat die Wahl, ob diese Wirkung gut oder schlecht für ihn ist und ob er sie weiter benutzen möchte.

Wer zählt zu Ihren Kunden?
Das reicht querbeet von Menschen aus dem Berufsleben bis hin zu Privatpersonen, die sich entwickeln möchten oder sich in einer Krisensituation befinden. Zu Letzterem: Das Sprach- und Kommunikationskonzept von Lingva Eterna ist keine Therapie. Es bietet sich als komplementäre Hilfe an. Wenn ein Mensch in einer schwierigen Situation ist, merke ich das auch an seiner Sprache. Leute mit Burnout können die ordnende Kraft der Sprache für sich entdecken und nutzen.

Fördert eine klare Sprache auch strukturiertes Denken?
Ja, eine bewusste Sprache schafft Ordnung und fördert somit das strukturierte Denken. Das lässt sich an den Zeitformen gut verdeutlichen. Heutzutage sprechen die Leute überwiegend im Präsens beziehungsweise im Perfekt. Zeitformen wie Futur und Imperfekt werden leider immer weniger gebraucht. Dabei schaffen sie eine zeitliche Ordnung. Wenn man alles im Präsens sagt, hat man auch alles im Präsens im Kopf, was dort für ein großes Durcheinander sorgt. Gleiches gilt für die
Vergangenheitsform. Mit unserer Sprache können wir Sachen hinter uns lassen. Es ist ein Unterschied, ob ich sage „Letzten Urlaub hat es dauernd geregnet“ oder „Letzten Urlaub regnete es dauernd“. Wer Perfekt – die nicht vollendete Vergangenheit – statt Imperfekt – die vollendete Vergangenheit – benutzt, hält auf sprachlicher Ebene eine emotionale Verbindung zu dem Ereignis aufrecht.

„In Streitgesprächen spielt die Wertschätzung ebenfalls eine wichtige Rolle.“

Wie lange dauert das Coaching?
Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Die ersten Verhaltensergebnisse sind nach einigen Monaten erkennbar. Es braucht schließlich seine Zeit, um eine über Jahre hinweg geprägte Gewohnheit zu ändern. Umso wichtiger ist es, früh genug damit anzufangen. Es ist wichtig, dass Eltern und Pädagogen eine bewusste Sprache pflegen. Unsere Kinder nehmen diese Sprachmuster auf.

Hat die Kommunikationsfähigkeit in unserer Gesellschaft Ihrer Meinung nach eher zu- oder abgenommen?
Sie hat eher abgenommen. Das zeigt sich nicht zuletzt an der allgemeinen Tendenz zu unvollständigen Sätzen. Ob in der mündlichen oder in der schriftlichen Kommunikation, wir sparen aus Zeitgründen an der Sprache. Dadurch geht viel Klarheit und Präsenz verloren.

A propos Zeit: Sätze wie „ich habe keine Zeit“ oder „ich bin gestresst“ gehören doch mittlerweile zum guten Ton…
Genau durch solch einen Sprachgebrauch erzeugen wir Hektik und Druck. Außerdem zeugt es nicht von Kompetenz und gutem Zeitmanagement, wenn man ständig behauptet, keine Zeit zu haben. Dies gilt insbesondere für Führungskräfte.

Worauf sollten Führungskräfte bei ihrem Sprachgebrauch noch achten?
Sie sollten die Satzarten respektieren, sprich eine Aussage, Frage oder Aufforderung klar als solche formulieren, anstatt um den heißen Brei zu reden. Des Weiteren sollten sie auf ihre Stimmlage achten. Schreien ist beispielsweise eine Form von Gewalt. Ich rate Führungskräften, in jeder Situation wertschätzend zu bleiben. Dass die Sprache der Gewalt in vielen Bereichen verbreitet ist, trägt ebenfalls zu einem aggressiven Arbeitsklima bei, denn Sprache schafft Wirklichkeit. Formulierungen wie „Verkauf ist Krieg“ oder „wir sind an der Front“ machen die Tür auf für Mobbing, Burnout und Streitereien.

Wie übt man wertschätzend Kritik?
Zunächst sollte man das Konzept der drei A anwenden: anschauen, ansprechen, atmen. Indem ich mein Gegenüber namentlich anspreche, zeige ich ihm damit große Wertschätzung. Und diese Wirkung nimmt mein Gegenüber unbewusst wahr. Durch das Anschauen und die anschließende Atempause stelle ich den Kontakt her und erhalte Präsenz. Bevor man die Kritik äußert, sollte man diese in einen Kontext setzen, damit mein Gegenüber auch weiß, um was es geht. Das könnte in der Praxis folgendermaßen klingen: „Du hast den Bericht, um den ich dich gebeten hatte, erstellt. Dafür danke ich dir. Ich habe gravierende Fehler gefunden, bitte überarbeite den Bericht.“ Wenn die Kritik berechtigt ist, wird mein Gegenüber sie eher annehmen als wenn jemand sagt: „Was ist das denn für ein Mist? Erstelle einen neuen Bericht!“

Und wenn Kritik dennoch in Streit ausartet?
In Streitgesprächen spielt die Wertschätzung ebenfalls eine wichtige Rolle. Man kann die Meinung des anderen akzeptieren, auch wenn man anderer Meinung ist. Vorwürfe sollte man direkt ausbremsen. Das könnte folgendermaßen klingen: „Ich nehme deine Meinung zur Kenntnis und werde darüber nachdenken.“

Kann man Schlagfertigkeit ebenfalls erlernen?
Das ist eine automatische Folge des Kommunikationstrainings. Wir werden immer wieder in Situationen kommen, in denen wir falsch reagieren. Aus diesen Fehlern lernen wir. Das ist ein normaler und ständiger Entwicklungsprozess.

17.07Claude Lamesch: Der gebürtige Düdelinger, Jahrgang 1957, arbeitet hauptberuflich als Informatiker und seit 2014 nebenberuflich als Lingva-Eterna-Fachdozent und Coach.

Wie kann man sich auf ein wichtiges Gespräch wie zum Beispiel ein Bewerbungsgespräch vorbereiten?
Im Vorstellungsgespräch sind die ersten Sekunden besonders wichtig. Der wertschätzende Einstieg mit den drei A ist ratsam. Bei der Vorstellung der eigenen Person sollte man kurze, prägnante Sätze verwenden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Sprachmelodie. Ratsam sind sogenannte Bogensätze, die tief anfangen, hoch werden und dann auf den Punkt kommen. Sie haben eine beruhigende Wirkung und geben immer nur eine Information weiter. Bedanken Sie sich für das Gespräch bei der Verabschiedung.

Welche Rolle spielt die Körpersprache bei Ihrem Coaching?
Wir arbeiten nicht direkt mit der Körpersprache. Wenn wir unseren Sprachgebrauch ändern, hat dies implizit auch Auswirkungen auf die Körpersprache. Sie ist eine Konsequenz meiner Sprache und meiner Präsenz. Wer kein Selbstbewusstsein hat, hat eine Körpersprache, die dem entspricht. Da hilft auch keine Schulung, denn wenn meine Körpersprache etwas anderes sagt als meine innere Einstellung, dann merkt mein Gegenüber das unbewusst.

Lässt sich das Kommunikationstraining auch auf die geschriebene Sprache übertragen?
Ja. Ich achte beispielsweise in E-Mails auf eine korrekte Ansprache, auf ganze Sätze, erkläre den Kontext und bleibe wertschätzend.

Bleibt bei einem klaren Sprachgebrauch überhaupt noch Platz für Ironie und Sarkasmus?
Ironie und Sarkasmus sind das Gegenteil von Klarheit. Man sagt etwas, was man nicht wirklich meint, beziehungsweise man versteckt sich hinter etwas und sendet somit eine doppelte Botschaft aus. Demzufolge ist man wenig präsent. Außerdem kann die Wertschätzung fehlen, denn die Wirkung ist nicht immer positiv.

Wie wichtig ist es, zuhören zu können?
Zuhören ist in der Säule der Wertschätzung ein wichtiger Punkt. Wenn ich ein Gespräch führe, habe ich eine Führungsaufgabe. Wenn mein Gesprächspartner mich endlos mit Geschichten berieselt, die ich nicht hören möchte, ist es meine Aufgabe, das Gespräch wertschätzend abzubrechen.

Info: www.aktive-sprache.eu

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?