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Die Letzten ihrer Art

Das belgische Oostduinkerke ist der einzige Ort der Welt, an dem sich eine jahrhundertealte Form der Fischerei erhalten hat: das Krabbenfischen zu Pferd. Aus dem einstigen Broterwerb ist heute eine beliebte Touristenattraktion geworden.

Stürmisches Wetter ist an der belgischen Nordseeküste keine Seltenheit. Sogar in den Sommermonaten kann es vorkommen, dass das graue Meer gefährliche Wellen schlägt und die Feriengäste in warmen Pullovern und unter Heizstrahlern auf ein Einsehen des Wettergottes hoffen. „Het is me hetzelfde“, meint Jan. Soll heißen: Es ist ihm wurscht, ob es regnet und windet. Er wird sein Pferd trotzdem durchs Wasser führen und sein breites Netz über die Sandbänke ziehen. Der junge Mann ist nämlich Krabbenfischer. Nicht von Beruf, eher aus Leidenschaft und weil die jahrhundertealte Tradition auf keinen Fall sterben darf.

Bis ins Jahr 1502 lässt sich die Pferdefischerei zurückverfolgen. Doch irgendwann wurde das ungewöhnliche Handwerk, das früher auch in Frankreich und Großbritannien betrieben wurde, zu mühsam und unrentabel. Erst seit die „Paardenvissers“ im Dezember 2013 auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurden, gibt es ein Comeback. Und nun satteln die Krabbenfischer ihre Brabanter nicht nur zur eigentlichen Hochsaison zwischen September und Dezember sowie zwischen Mai und Mitte Juni, sondern auch im Sommer. Dass die Beute dann nicht besonders üppig ausfällt, spielt keine Rolle. Der kommerzielle Fang lohne schon lange nicht mehr, erklärt Jan. Die Shrimps – an guten Tagen können bis zu 50 Kilogramm aus dem Meer geholt werden – werden meist in der eigenen Familie verwertet oder an Freunde und Bekannte verteilt. Lediglich am letzten Juniwochenende, wenn die Tradition der Pferdefischerei mit den Krabbenfesten ihren jährlichen Höhepunkt erreicht, darf jeder sich davon überzeugen, dass frisch gefangene Garnelen wahre Leckerbissen sind.

Seit 2013 ist die Krabbenfischerei zu Pferd als immaterielles UNESCO-Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

Rund drei Stunden sind die Fischer gewöhnlich unterwegs. Eine leuchtend gelbe Öljacke, hohe Stiefel und ein Südwester schützen vor dem Ärgsten. Die Pferde, die eigens für das Krabbenfischen ausgebildet und trainiert werden, sind den meteorologischen Launen ungeschützter ausgesetzt. Es dauert ungefähr ein Jahr, bis man den Kaltblütern beigebracht hat, wie sie ins Meer gehen sollen und wie das Fischen funktioniert. Vertrauen sei sehr wichtig, weiß Jan. Vor allem weil der Brabanter die Nordsee nicht von Natur aus liebt. Acht Meter ist das Netz breit, das den Sand nach Garnelen durchkämmt. Darin bleiben natürlich auch kleine Fische und Quallen hängen, die sogleich wieder ins Wasser zurückgeworfen werden. Die Krabben selbst werden derweil gründlich gereinigt und in Plastikkörben in den Ort gebracht – falls es sich bezahlt macht.

Früher haben sich die Bauern der Umgebung mit der Krabbenfischerei ein Zubrot verdient. Wenn ihre Pferde nicht auf den Feldern oder für Transportaufgaben gebraucht wurden, wurden sie halt vor ein Fischernetz gespannt. Auch Frauen durften damals mithelfen, allerdings nur zu Fuß. Die berittene Fischerei war stets Männern vorbehalten. Auch darüber kann Jan heute nur lachen. Er liebt seinen Job, genießt die Ruhe und das Einssein mit dem Pferd. Wie die anderen Fischer ist er stolz darauf, dass die jahrhundertealte Tradition, die Teil der Kultur der Menschen an der Nordseeküste ist, in Oostduinkerke fortgesetzt wird und dass den „Paardenvissers“ sogar ein Denkmal im Ort gesetzt wurde.

Foto: Thierry Martin

Wann die Krabbenfischer unterwegs sind:
www.oostduinkerke.com / www.paardevissers.be

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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