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Die Magie des Filigranen

Die Schmuckbranche hat einige Krisen durchlebt, aber auch überlebt. Heute erstrahlt der Beruf des Goldschmiedes in neuem Glanz. Das Kunsthandwerk übt nach wie vor eine große Faszination aus.

Fotos: Anne Lommel

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Das lernt jedes Kind. Und es ist auch nicht alles Gold, mit dem Martine Schmit arbeitet. Silber, Palladium und Platin gehören auch dazu. Die Goldschmiedin schafft schlichte Kreationen, aber umso außergewöhnlichere. „Es soll Schmuck sein, den man nicht in jedem Geschäft oder bei jedem Juwelier kaufen kann, den man nicht überall sieht“, sagt sie. „Jeder Edelstein gibt mir Inspiration. Aus jedem Edelstein versuche ich, ein einzigartiges Schmuckstück zu fertigen.“ Seit 1999 arbeitet Martine Schmit als Goldschmiedin. Zuerst hatte sie ihr Juweliergeschäft an der hauptstädtischen Corniche. „Corniche Bijoux“ – den Namen hat sie auch beibehalten, als sie 2012 ins Centre Brasseur in die Oberstadt zog.

Es soll Schmuck sein, den man nicht in jedem Geschäft kaufen kann.

Wenn der Kunde den Laden betritt, wendet er sich den Ringen, Ohrringen und Colliers in der Auslage zu, ist er von der Faszination des Schmucks in den Bann gezogen. Von der anstrengenden Arbeit, die hinter jeder Kreation steckt, ist nichts zu erkennen, obwohl nur wenige Meter davon entfernt – im ersten Stock – vier Goldschmiede mit höchster Konzentration feilen, löten und bohren. Die Vier sitzen zusammen an einem jener typischen Tische von Goldschmieden mit je einer halbkreisförmigen Ausnehmung in der Tischplatte pro Arbeitsplatz. „Ein Goldschmiedebrett ist der Ort, an dem die Magie entsteht“, hat mir einmal ein alter Goldschmiedemeister gesagt. Die Gerätschaften und Werkzeuge des Kunsthandwerkers befinden sich in greifbarer Nähe. Zangen, Feilen, Bohrer, Lötkolben – das Instrumentarium, mit dem er sein Material bändigt, ist vielfältig.Einer der Goldschmiede, ein junger Belgier, begibt sich ans Brett. Er setzt eine Schutzbrille auf. Seine Augen sind auf ein Stück Hartholz gerichtet, das aus der Tischeinbuchtung herausragt. Es ist der Feilnagel, der Schauplatz ihrer Arbeit, das Zentrum ihres Mikrokosmos, auf dem sich alles abspielt, die Auflage für die Preziosen, im Laufe der Zeit allmählich abgeschliffen. Die vier Goldschmiede sitzen tief auf einem Stuhl oder Schemel, so dass sie sich auf Augenhöhe mit dem Werkstück befinden. Über ihnen ein sogenanntes Brett- oder Schoßfell aus Ziegenleder, in dem der wertvolle „Abfall“ landet, der beim Feilen und Sägen vom Feilnagel herunterfällt oder mit dem Brettpinsel vom Tisch gebürstet wird. Einst verwendeten die Goldschmiede statt des Pinsels oder der Bürste Hasenpfoten, deren Fell so weich ist, dass die Gold- und Silberreste damit aufgefangen werden konnten.
Für die einen ist die Arbeit des Goldschmieds die des Künstlers mit den wertvollsten Materialien oder wie die des Musikers. Für die anderen ist sie wie die des Schmiedes mit einem Amboss, einem Hammer und einem Brenner, nur in Kleinformat und weitaus filigraner. Statt der Kraft braucht der Goldschmied enormes Geschick und vor allem viel Geduld. Seine Verantwortung für das wertvolle Material ist immens. Würde ein Diamant oder ein anderer Edelstein zu Boden fallen: Der Verlust wäre unvorstellbar groß. Jede Unachtsamkeit kann teuer sein.
Wenn Martine Schmit von der Inspiration spricht, kann dies „die Natur sein, aber auch der Edelstein selbst“. Das Material, zu Beginn der Entstehung eines Schmuckstücks einfach und matt wirkend, gewinnt erst durch die Arbeit des Goldschmiedes seinen einzigartigen Wert. Zuerst fertigt er oder der Designer eine detaillierte Zeichnung des Schmuckstücks, je nach Kundenwunsch oder nach einer eigenen Idee. Manchmal kann sich ein Kunde erst mittels einer Zeichnung vorstellen, wie der fertige Ring aussieht. Danach geht es in die ausschließlich handwerkliche Produktion. Ein Goldschmied ist ein Handwerker durch und durch – und ein Kunsthandwerker noch dazu. Zwar gibt es Maschinen zur Serienproduktion, zum Beispiel von Ketten, aber nicht in einer kleinen Goldschmiedewerkstatt. Das Schmelzen, Hämmern, Sägen und in Form bringen, das Ziselieren und Granulieren – all das ist echte Handarbeit, bei der nicht nur Schweiß, sondern auch Herzblut vergossen wird.
Vielleicht war es genau jene Leidenschaft, die Martine Schmit zur Goldschmiedin werden ließ. Sie hatte zwei Jahre als Buchhalterin gearbeitet. Nachdem sie einen Abendkurs in Goldschmieden besucht hatte, war der Funke übergesprungen. Martine Schmit ging auf die Berufsschule in Namur, setzte ihre Ausbildung in Pforzheim fort und ging nach Bonn, um den Gesellenbrief zu machen. „Zuerst arbeitete ich halbtags und war auch noch Büroangestellte“, erzählt sie, „dann hatte ich immer mehr zu tun.“ Immer mehr Aufträge kamen. Ihre Passion wurde zum Beruf und zur Berufung.

Auf eine lange Tradition beruft sich „Schroeder Joailliers“. Das Juwelierhaus, das für die Fertigung von exklusiven Schmuckstücken und hochwertigen Uhren bekannt ist, besteht seit 1877 und geht auf den Gründer Lambert Schroeder zurück. Pierre Rossy, der das Unternehmen in der vierten Generation leitet, erzählt von den Gründertagen: „Lambert Schroeder hatte den Beruf des Juweliers in London gelernt, bevor er nach Amerika auswanderte“, sagt er. „Sein Geschäft, das er im Zentrum von Chicago gegründet hatte, wurde bei einem Großbrand völlig zerstört. So kehrte er wieder nach Luxemburg zurück und begann hier von vorn. Sein Sohn Ferdy Schroeder, der Graveur in Paris gelernt hatte, übernahm das Geschäft. Er hatte die schwierige Aufgabe, das Geschäft durch zwei Welktkriege zu führen.“ Pierre Rossy, der seinen Meistertitel in der Schweiz gemacht hatte, übernahm das Unternehmen vor 30 Jahren.
Er weiß, wie sich die Branche in den letzten Jahrzehnten verändert hat: „Schmuck und Uhren wurden mehr und mehr zu Markenartikeln. So hat auch das Marketing an Bedeutung gewonnen.“ „Schroeder
Joailliers“ folgte dieser Entwicklung und schuf eine eigene Marke mit den Kollektionen „Pas de Deux“ und „Schroeder Timepieces“. Neue Luxusmärkte im Nahen Osten sowie in China und Japan wurden erschlossen. Produziert wird jedoch vor allem in den Ateliers in Luxemburg und Paris, größere Stückzahlen werden in dem piemontesischen Städtchen Valenza hergestellt, das für seine Goldschmiedekunst bekannt ist.

Schmuck und Uhren wurden mehr und mehr zu Markenartikeln. So hat auch das Marketing an Bedeutung gewonnen.

Alle vier bis fünf Jahre bringt „Schroeder Joailliers“ eine neue Kollektion heraus, jedes Jahr entstehen zehn bis fünfzehn Neuheiten. „Ein gewisser Stil bleibt jedoch immer erhalten“, sagt Pierre Rossy. Der „Pas de Deux“ bleibt. In jedem Schmuckstück befindet sich ein Trapez. Während sich seine beiden Töchter um das Marketing beziehungsweise die wirtschaftlichen Belange kümmern, arbeiten für die Firma vor Ort zwei Goldschmiede und ein Zeichner. Die Entstehung eines neuen Schmuckstücks ist dabei vor allem ein Teamspiel zwischen Goldschmied, Zeichner und eben Pierre Rossy.
Eine weitere Veränderung hat der erfahrene Juwelier festgestellt: „Der Trend geht wieder mehr hin zu feinerem Schmuck sowie zu mehr Farbe“, sagt er. „Mineralien wie Malachit, Türkis, aber auch ein leicht rötliches Gold spielen eine größere Rolle.“ In Luxemburg habe die Zahl der Juweliere deutlich zugenommen. „Große Marken sind gekommen“, weiß Pierre Rossy. Namen wie Cartier, Chopard und Wellendorff haben längst Einzug erhalten im Großherzogtum. Doch „Schroeder Joailliers“ hat dem Ansturm der internationalen Konkurrenz standgehalten. „Wir laufen niemandem hinterher“, betont Pierre Rossy. „Wir wollen immer in bisschen anders sein.“
In dem kleinen Atelier von „Schroeder Joailliers“ ist derweil Lars Migge dabei ein Schmuckstück, das eine Kundin mitgebracht hat, zu reparieren. Migge ist seit etwa 20 Jahren Goldschmied. Seine Ausbildung zum Goldschmied und Fassermeister hat er ihn Paris und Pforzheim genossen. Dass die technische Entwicklung nicht vor seinem Beruf haltgemacht hat, weiß er zu schätzen. Er zeigt, wie heute mit Druckluft ein Stein gefasst wird oder ein Entwurf mit Hilfe eines 3D-Druckers entsteht. Vor ihm liegt die Zeichnung für eine neue Kreation. „3D hat vieles vereinfacht“, sagt Lars Migge, „und trotzdem kommt es noch immer auf Eigenschaften wie Geduld, Kreativität, Feingefühl und auf ein gutes Auge an.“Die Kontrolle der Steine, die Feinpolitur oder das Zusammenlöten der verschiedenen Elemente, ohne die Handarbeit ist der Beruf des Goldschmiedes nicht denkbar. Eine Belastung für den Körper, ist sich Lars Migge bewusst. Aber dafür praktiziert er zum Ausgleich Sportarten wie Laufen und Klettern.

Ricardo Vieira ist, wie so viele seiner Zunft, aus der Talentschmiede in Namur gekommen. Den Beruf des Goldschmiedes hat er jedoch von seinem Vater gewissermaßen in die Wiege gelegt bekommen. Dieser hat das Geschäft „Forge d´Or“ Anfang der 1990er Jahre gegründet. „Er hat mich sicherlich beeinflusst“, bestätigt Ricardo Vieira, der als Sänger nicht nur einen zweiten Beruf, sondern auch einen Ausgleich zur Konzentrationsarbeit hat. Viel Zeit verbringt der 35-Jährige mit Kundengesprächen. Die Arbeit des Goldschmiedes ist also nicht etwa nur die des verschwiegenen Filigrantüftlers in der Werkstatt. Die Gespräche mit den Klienten gehören ebenso dazu wie der Besuch internationaler Messen, die Orientierung an den aktuellen Trends.„Wir haben sehr viele treue Stammkunden, die in eines der Geschäfte in Mersch und in Ettelbrück kommen. Gerade ist jemand extra aus Roeser angereist“, fügt Ricardo Vieira hinzu. Der Service am Kunden ist auch eines der Erfolgsgeheimnisse, um in der Branche bestehen zu können. Denn Letztere hat in den vergangenen Jahrzehnten einige Krisen durchgemacht. Einige mittelständische Unternehmen der Schmuckindustrie hatten damit zu kämpfen. Ein Teil der Produktion wanderte nach Asien ab. Kleinere Goldschmiedebetriebe konnten sich behaupten, indem sie besonders gut auf Kundenwünschen eingingen oder Nischen bedienten. „Die Folgen der Finanzkrise hat man zu spüren bekommen“, so Ricardo Vieira, der mit seinem Atelier auch viel für Juweliere arbeitet. „Heute gibt es einerseits bei sehr teurem Schmuck eine Nachfrage – und andererseits bei eher billigem. Im mittleren Preissegment lag früher der Schwerpunkt.“

„La Forge d’Or“ ist ein Familienbetrieb. Auch Ricardo Vieiras Schwester und seine Cousine helfen mit. In der kleinen Werkstatt hinter dem Ladengeschäft arbeiten drei Goldschmiede auf Hochtouren. Einer davon, Ricardos Vieira Cousin Sergio, hat seine Ausbildung in Porto absolviert und ist seit 27 Jahren im Beruf. „Nach wie vor bin ich begeistert dabei“, sagt er lächelnd und stolz. Derweil zeigt der junge Philippe Geimer den Ring, an dem er gerade arbeitet. „Das Schöne ist, dass man mit etwas beginnt und dabei relativ schnell ein Resultat hat, vielleicht nach mehreren Stunden oder einigen Tagen“, sagt der 24-Jährige. An seine Ausbildung in Namur hat er ein zusätzliches Praktikum in Antwerpen, der Diamanten-Metropole, drangehängt.

Einige große Namen aus der Branche haben durch Innovation eigene Benchmarks gesetzt. So die Schmuckmanufaktur Wellendorff aus Pforzheim. Die Firma gibt es seit 1893, nach wie vor ist sie ein Familienbetrieb, wie so viele, die mit Juwelen groß geworden sind. Geleitet wird es heute in der dritten und vierten Generation. Die berühmten Kordeln aus 0,2 Millimeter dünnen Drähten 18-karätigen Goldes, aufgedreht um eine Spindel, versehen mit einer „Seele“ aus Gold und Ringen sind ein Markenzeichen, wie die Schmuckstücke, die einfachen Colliers mit Kordeln aus 160 Meter langem Golddraht oder mit Edelsteinen verziert, oder die Ringe mit bunt verzierter Kaltemaille. Wellendorff eröffnete Geschäfte unter anderem in Honkong, Peking, San Francisco und Tokio – und Luxemburg.
Der hohe Goldpreis hat das Goldschmiedehandwerk für viele interessant gemacht, die darin eine sichere Anlage sehen. Für Dominique Flammang war und ist es vor allem eine Kunst. Mit seinen neuen Kreationen schafft er immer wieder neue „spannende Effekte“, wie er sagt. Eine künstlerische Ader hatte der heute 65-Jährigen nach eigenen Worten schon als Kind. Zuerst ging es allerdings in eine andere Richtung. In jungen Jahren studierte er Musik am Escher Konservatorium und erhielt dort den ersten Preis mit der höchsten Auszeichnung in den Bereichen Trompete und Flügelhorn. Doch blieb der Künstler nicht in diesem Metier. Er beschloss, Uhrmacher zu werden. Mit der Meisterprüfung in der Tasche begann er bei dem Juwelier Paul Speller zu arbeiten. „Dieser sah in mir einen Schmuckdesginer und lehrte mich die Kunst der Schmuckherstellung“, erzählt Dominique Flammang. Nach zwei Jahren in Luxemburg folgte ein Jahr Design in München. „Dort lebte ich meine Passion aus“, erinnert er sich.en arbeiten zu können und aus altem oder geerbten Schmuck etwas völlig Neues und Individuelles zu realisieren“, sagt Dominique Flammang begeistert. Schmuck sei nicht zuletzt eine Frage der Individualität. „Jeder will individuell sein“, betont er. Dazu probiert er immer wieder neue Strukturen und Metallkombinationen durch Schmieden, Fräsen, Patinieren, Biegen, Ziehen, Stauchen, Ziselieren und Punzieren aus. „Ich bin immer am Experimentieren“, fügt er hinzu, „um mich nicht wiederholen zu müssen, denn Kunst ist doch unbegrenzt.“ Er arbeitet mit den verschiedensten Materialien und schafft damit eine Synthese – und einen eigenen Stil.
Alle sechs Wochen geht Dominique Flammang für ein paar Wochen nach Südfrankreich, wo er sich in St. Tropez, Marseille und der Provence seine Kreationen an seine Kunden übergibt. Es gehe nicht zuletzt auch darum, „Emotionen und Visionen zu verkaufen“, sagt der Goldschmied, der sich Gedanken darüber macht, wer seine Werkstatt einmal übernehmen wird. Er selbst strahlt noch die Begeisterung aus, die es für den Beruf des Goldschmiedes bedarf, jener Beruf im Dienste der Schönheit und der Exklusivität. Manchmal geht Dominique Flammang an Wochenenden in seine Werkstatt, einem alten, historischen Gebäude von 1827, um in Ruhe zu arbeiten. „Ich genieße dann die Stille“, sagt er. Oder er hört dabei Musik, während er fräst, schmiergelt, lötet und neue Preziosen erfindet. In seinem Mikrokosmos. In der Kunst.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: alommel

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