Home » Home » Die mit dem Feuer spielte

Die mit dem Feuer spielte

Volksmenge vor dem Palais anlässlich der Thronbesteigung von Marie Adelheid, 1912

Volksmenge vor dem Palais anlässlich der Thronbesteigung von Marie Adelheid, 1912

Zu Lebzeiten war Großherzogin Marie Adelheid nicht besonders beliebt. Wie bedeutend ihre kurze Herrschaftszeit dennoch war, zeigt die von Josiane Weber verfasste politische Biografie. Eine wahre Fleißarbeit.

1919 ist ein wichtiges Jahr für Luxemburg. Und gleichzeitig ein sehr schwieriges. Das Ende des Ersten Weltkrieges führt in ganz Europa zu revolutionären Zuständen. Auch hierzulande herrscht Aufruhr. Wegen ihrer freundschaftlichen Beziehungen zu Kaiser Wilhelm II. steht Großherzogin Marie Adelheid im Zentrum der Kritik. Und dabei sind der Monarchin nicht nur die sozialdemokratischen und linksliberalen Parteien feindlich gesinnt, auch beim Volk hat sie stark an Zuwendung eingebüßt. Zudem erhöht sich der Druck des Auslands. „The Grand Duchess deserves no sympathy“ lautet Großbritanniens Stellung zur Großherzogin. Ihr Rücktritt scheint unausweichlich.

Porträt von Großherzogin Marie Adelheid, um 1913

Porträt von Großherzogin Marie Adelheid, um 1913

Anfangs wehrt sich die junge Landesfürstin gegen den Thronverzicht. Benimmt sich unnachgiebig und fast wie geblendet. Obwohl sie scharf angegriffen wird, zeigt sie kein Einsehen in die vielen Verstöße, die sie gegen das demokratische System und das Luxemburger Nationalgefühl begangen hat. Hätte sie auf die gegen sie erhobenen Vorwürfe reagiert und sich verteidigt, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Doch Marie Adelheid ist sich des Ernstes ihrer ziemlich aussichtslosen Lage nicht wirklich bewusst, und als sie sich dessen endlich bewusst wird, ist es zu spät. Dass sie von der Regierung gezwungen worden sei, den Deutschen Kaiser zu empfangen, oder dass sie nichts von der Verlobung ihrer Schwester mit Kronprinz Rupprecht von Bayern gewusst hätte, will niemand ihr glauben. Am 11. Januar 1919 unterzeichnet sie schließlich die Abdankungsurkunde. Vier Tage später legt Prinzessin Charlotte den Eid auf die Verfassung in Schloss Berg ab. Auf Feierlichkeiten wird damals verzichtet.

Die Biografie beleuchtet Marie Adelheids politisches Handeln in der Zeit zwischen 1912 und 1919.

Seitdem ist mehr als eine Biografie über die umstrittene Regentin, die nach ihrem Rücktritt ins Exil gehen muss, erschienen. Allerdings konzentrieren sich die meisten Publikationen auf die religiös-karikativen und menschlich-psychologischen Aspekte ihres Lebens. Josiane Weber interessiert sich hingegen für das politische Handeln der jungen Landesfürstin – und gibt zu, dass ihre Recherchen kein einfaches Unterfangen gewesen sind. Was hauptsächlich auf die Quellen- und Archivlage Luxemburgs sowie die wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema zurückzuführen ist. Als die ehemalige Gymnasiallehrerin die Ausstellung „Luxemburg und der Erste Weltkrieg Literaturgeschichte(n)“ kuratiert, muss sie feststellen, dass es sich bei den meisten Studien über die großherzogliche Familie um hagiografische Werke handelt, die lediglich das Ziel verfolgen, die Mitglieder des Hofes in glanzvollem Licht erscheinen lassen.

Erbgroßherzog Wilhelm und Maria Anna von Braganza mit Prinzessin Marie Adelheid im Juli 1894 auf Schloss Berg

Erbgroßherzog Wilhelm und Maria Anna von Braganza mit Prinzessin Marie Adelheid im Juli 1894 auf Schloss Berg

Recherchen über die Luxemburger Geschichte seien stets kompliziert, erklärt die Autorin. Weil viele Bereiche noch verhältnismäßig unerforscht sind und weil aufschlussreiche Dokumente kaum aufbewahrt werden oder unauffindbar sind. Dazu kommt, dass wenige Staatsmänner ihre Memoiren verfasst haben. Es gibt zwar einige Augenzeugenberichte, die für ihre Arbeit an der Biografie von Bedeutung gewesen sind, aber die betreffenden Tagebücher von Dr. Michel Welter reichen lediglich bis März 1916, während die Aufzeichnungen von Auguste Collart und Nikolaus Welter sich auf die Zeitspanne von 1918 bis 1920 beschränken. Als die ausführlichste und bis heute für die Darstellung ihrer Persönlichkeit wichtigste Biografie bezeichnet Josiane Weber das Buch „Marie Adelaide Grand Duchess of Luxembourg“ der amerikanischen Schriftstellerin Edith O’Shaughnessy, das 1932 in London veröffentlicht wird. Der Biografin hätten u.a. private Briefe und Notizen der ehemaligen Landesfürstin zur Verfügung gestanden, und da sie zudem mit Verwandten Marie Adelheids sowie Diplomaten und Adligen korrespondiert hat, enthält die Publikation viele Anekdoten. Das ist bei ihrer Studie nicht der Fall. Und darum geht es Josiane Weber auch nicht. Im Vordergrund ihrer ungemein detailreichen wissenschaftlichen Forschung steht die politisch denkende Entscheidungsträgerin im Vordergrund, nicht die katholische Heldin und auch nicht das unschuldige Opfer republikanischer Intriganten.

Das Buch ist in drei große Teile gegliedert. Der erste Teil beschreibt die Anfänge ihrer Herrschaft bis zum Ausbruch des Ersten Krieges, der zweite handelt von der Großherzogin und ihrem Streben nach Macht sowie von den daraus hervorgehenden Staats- und Regierungskrisen, im dritten geht es um den Niedergang Marie Adelheids. In einem Epilog geht die Autorin zudem ihrem Leben nach der Abdankung nach. Alles in allem ist Josiane Weber mit dieser Biografie ein nahezu lückenfreies und höchst aufschlussreiches Porträt einer jungen Regentin gelungen, die sich nicht auf repräsentative Aufgaben beschränken wollte. Und daher muss es ihr nicht leidtun, dass der großherzogliche Hof sein Archiv und seine Bibliothek nicht der historischen Forschung zugänglich macht. Es gibt indes zu denken, dass Dokumente, die ein negatives Licht auf Mitglieder der großherzoglichen Familie werden könnten, absichtlich zurückgehalten und als private Papiere bezeichnet werden. Wie dem auch sei, nach der Lektüre von „Großherzogin Marie Adelheid von Luxemburg. Eine politische Biografie (1912-1919)“ hat man das Gefühl, die erste Großherzogin Luxemburgs genau zu kennen und sogar zu verstehen, weshalb die fromme junge Frau, die lieber in einem Kloster als in einem Palast gelebt hätte und nie heiraten wollte, zum Scheitern verdammt war.

Mehrere Regierungswechsel und Staatskrisen, Aufstände und Demonstrationen – die Bilanz der sechseinhalbjährigen Regentschaft Marie Adelheids ist desaströs.

Büro der Großherzogin im Palais, um 1930

Büro der Großherzogin im Palais, um 1930

Das letzte Kapitel, in dem Josiane Weber von den letzten Lebensjahren und der Krankheit der Großherzogin erzählt, ist – wie könnte es auch anders sein – das ergreifendste. In München stellt eine Gynäkologin den Beginn einer schweren Neurasthenie fest. Marie Adelheid wird immer lustloser, isst unregelmäßig oder gar nicht, schläft unruhig. Trotzdem setzt sie das begonnene Medizinstudium fort. Ab Mitte November wird sie bettlägerig. Den diagnostizierten Paratyphus hat sie sich bei den Kleinen Schwestern der Armen zugezogen. Eines Morgens soll sie ihre Mutter um die Erlaubnis gefragt haben, sterben zu dürfen. Am 24. Januar 1924 stirbt sie dann auch in Schloss Hohenburg. Im Brautkleid ihrer Schwester Antonia wird sie in einem mit weißen Rosen geschmückten Sarg aufgebahrt. Ihre Beerdigung findet ohne die Anwesenheit der Luxemburger Regierung statt.

In den Nachrufen auf die Lebzeiten harsch kritisierte Großherzogin überwiegen plötzlich Anteilnahme und Betroffenheit. „Sie war ein Opfer der Verhältnisse und vor allen Dingen ein Opfer ihrer Umgebung“, lautet das Fazit der Luxemburger Zeitung. Zur gleichen Schlussfolgerung kommt ebenfalls ihr einstiger Erzfeind Dr. Michael Welter, der sich in einer Folge von drei langen Artikeln (mit denen die Redaktion des Escher „Tageblatt“ sich übrigens nicht einverstanden erklärt) als ihr vehementester Verteidiger entpuppt. Es hätte wahrscheinlich sogar Maria Adelheid gewundert. Ihre letzte Ruhestätte findet sie in der Krypta der Luxemburger Kathedrale, in der sie – zusammen mit ihrer 1942 im Exil in New York verstorbenen Mutter – im Jahr 1947 beigesetzt wird.

Fotos: Privatsammlung, Charles Bernhoeft, Editions Guy Binsfeld

Cover-Marie-Adelheid-Kopie

Erschienen bei Editions Guy Binsfeld,

640 Seiten, mit rund 400 Abbildungen, 62 Euro.

Josiane-Weber-KopieJosiane Weber
1957 in Differdingen geboren, hat Geschichte und Germanistik studiert und bis 2017 als Gymnasiallehrerin gearbeitet. Von 2007 bis 2018 war sie zudem wissenschaftliche Mitarbeiterin am Luxemburger Literaturarchiv. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf der Luxemburger Geschichte und Literaturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Josiane Weber hat bereits zu diversen Themen Aufsätze und Bücher veröffentlicht. 2013 erschien „Familien der Oberschicht in Luxemburg (1850-1900): Elitenbildung und Lebenswelten“.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?