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Die mit Steinen spricht

Vier Wochen lang arbeitet die Berliner Bildhauerin Birgit Knappe an einer zweiteiligen Schiefersteinskulptur im Hof des Wiltzer Schlosses. „revue“ durfte der Künstlerin in Residenz beim Handschleifen über die Schulter schauen.

Fotos: Leslie Schmit

Sie nennt die Steine „spezielle Kerlchen“. Was heißen soll, dass sie nicht leicht zu bearbeiten sind. Wegen ihrer Härte. „Aber sie sind wunderschön.“ Ausgesucht wurden sie von Paul Bertemes im Steinbruch der Firma Rinnen in Consthum. Der Kurator von „ARTWiltz“ kennt Birgit Knappe schon länger und weiß ziemlich genau, welches Ausgangsmaterial die Berlinerin für ihre Bildhauerwerke bevorzugt. Etwas Kompaktes sollte es sein. Schiefersteine aus den Ardennen, denen sie eine neue Persönlichkeit verleihen würde.

„Eigentlich brauchen die Steine mich gar nicht. Sie sind schon schön genug. Ich komme lediglich dazu.“ Birgit Knappe, Steinbildhauerin

Und nun stehen im Hof des Schlosses von Wiltz zwei Brocken, deren Geschichte die Künstlerin freilegen will. „Mit meiner Arbeit versuche ich, den Steinen eine neue Persönlichkeit zu geben.“ Dabei geht sie recht behutsam vor. Während der eine Stein bei unserem Besuch noch unberührt ist, sind bei dem anderen bereits Treppenstufen zu erkennen. Ein „Motiv“, das öfters in den Arbeiten der 1955 in Schleswig-Holstein geborenen Künstlerin vorkommt. Birgit Knappe sei eine überaus leidenschaftliche und darüber hinaus sehr erfolgreiche Symposiums-Teilnehmerin, erklärt Paul Bertemes. Ihre meist monumentalen Steinskulpturen finden sich über ganz Europa verstreut: Italien, Frankreich, Portugal, Tschechien sowie Israel. Und nun wird es auch ein Werk in Luxemburg geben. Dessen Standort steht übrigens schon fest. Die fertige Arbeit wird ab Ende August auf dem Rasen zwischen dem Schlosshof und der Festivalbühne zu Hause sein.

„Ein wundervoller Platz“, schwärmt Birgit Knappe. Nach vier Auflagen von „ARTWiltz“, bei denen Künstlerinnen und Künstler aus Luxemburg und der Großregion in der Wiltzer Oberstadt ausstellten, erhielt das Projekt in diesem Jahr eine neue Form: die Künstlerresidenz. Vier Wochen lang wohnt die Berlinerin in einem von „Coopérations“ zur Verfügung gestellten Gästezimmer mit Küche und arbeitet tagsüber in ihrem offenen Atelier im Schlosshof. „Ein Nine-to-five-Job“, scherzt die Bildhauerin, doch wer ihr beim Handschleifen zuschaut, wird rasch feststellen: Das ist nicht nur Präzisions-, sondern vor allem Knochenarbeit. Daher sei sie froh, dass es in diesem Sommer nicht zu schwülwarm sei. Der Regen macht ihr nichts aus. Zumal sie hin und wieder gern eine kurze Pause einlegt, etwas Abstand nimmt, ihre Arbeit betrachtet, die Steine auf sich wirken lässt.

Skulpturen im öffentlichen Raum verändern sich dauernd. Mit dem Licht, den Jahreszeiten, der Umgebung.

„Eigentlich brauchen die beiden Steine mich gar nicht. Sie sind schon schön genug“, so Birgit Knappe. Trotzdem nimmt sie ein Zwiegespräch mit ihnen auf. Dialog sei ihr mit was auch immer sehr wichtig. Und so stört es sie auch nicht, wenn Vorbeikommende spontan inne halten und sich mit ihr unterhalten möchten. Dann legt sie die Schleifmaschine für ein paar Minuten beiseite. „Beim Arbeiten mit Steinen geht sowieso nichts zack, zack.“ Stattdessen geht es um eine Art von Entschleunigung. Einen anderen Umgang mit Zeit. Man lernt, Geduld zu haben. Sich auf das Innenleben des Steins zu konzentrieren, seinen Charakter herauszuschälen, gegebenenfalls seine Zartheit zu entdecken.

Birgit Knappe spricht von Steinen wie von Menschen, und wenn sie am Arbeiten ist, entsteht zwischen ihr und den Steinen tatsächlich eine Beziehung. Paul Bertemes vergleicht das Werden einer Skulptur derweil mit dem Schälen einer Orange. Sowie die Haut verschwunden ist, wird die Frucht sichtbar. Beim aktuellen „ARTWiltz“-Projekt wird diese Frucht nie dieselbe sein, denn Skulpturen im öffentlichen Raum verändern sich dauernd. Mit dem Licht, den Jahreszeiten, der Umgebung. Und zudem wird die Umgebung anders wahrgenommen. „Dat ass eppes immens Spannendes.“

Neben dem Bearbeiten von Steinen widmet sich die Bildhauerin, die einige Zeit an der Humboldt-Universität in Berlin gelehrt hat, auch der Malerei und Zeichnungen. Ihre Ausstellung „Insomnium – Schlaflosigkeit“ (2013) zeigte ausschließlich Tonplastiken und Bilder, die auf musikalische Kompositionen von Detlev Glanert entstanden sind und sich mit deren Rhythmen auseinandersetzen. Atmosphäre sei ihr wichtig, betont Birgit Knappe. Im Wiltzer Schlosshof sei diese nahezu perfekt. Die alten Mauern, das junge Kunstprojekt, die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft – das alles passt zum Konzept der Künstlerin. Ursprünglich wollte sie in der Ardennenhauptstadt eine „besitzbare“ Skulptur schaffen. Nun wird es eine fast „begehbare“. In erster Linie wird es indes eine „betrachtbare“ Arbeit sein, die die bereits bildschöne Kulisse des Schlosshofs noch attraktiver gestalten wird.

Bis zum 20. August kann man miterleben, wie ein Kunstwerk entsteht. Am 22. September um 18 Uhr findet die offizielle Einweihung von Birgit Knappes Skulptur in Anwesenheit der Künstlerin im Hof des Schlosses von Wiltz statt, www.mediart.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressorts: Kultur, Kunst, Land & Leute

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Author: Martine Decker

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