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Die Nimmermüde

Müsste in Luxemburg ein Botschafter für Aquarellmalerei ernannt werden, Olga Dadasheva wäre die richtige Person. Seit Jahren bemüht sich die gebürtige Russin, diese Kunst aus ihrem Schattendasein zu befreien.

Olga Dadasheva redet wie ein Wasserfall. Wir haben uns auf einen Tee in einer Konditorei verabredet, weil ihr kleines Atelier derzeit nicht vorzeigbar sei. Weil sie in den letzten Wochen und Monaten kaum mehr Zeit zum Aufräumen gehabt hätte. Und weil es auch viel zu laut wäre. Wegen Straßenbauarbeiten, die längst abgeschlossen sein müssten. Aber der plötzliche Wintereinbruch, die kalten Temperaturen, fast wie in ihrer Heimat, die sie vor 15 Jahren verlassen hat. „Pour changer la vie.“ Die Künstlerin wird im Verlauf unseres Gesprächs mehrmals völlig übergangslos von einem Thema auf das andere überwechseln. Auf private Fragen antwortet sie indes stets und konsequent ausweichend. Nicht sie solle im Mittelpunkt der Reportage stehen, sondern die Malerei. Genauer gesagt: die Aquarellmalerei.

Einen dicken Ordner hat die gebürtige Russin, die in Moskau u.a. Design studiert und in einem Modehaus gearbeitet hat, mitgebracht. Darin sind eine Unzahl von Diplomen und Wettbewerbsauszeichnungen fein säuberlich in Plastikhüllen nach Datum und Wichtigkeit klassifiziert geordnet. Besonders stolz ist Olga Dadasheva auf ihre Teilnahme im vergangenen Jahr am „Fabriano in Acquarello“-Festival in Italien. Als sogenannter Country Leader einer mehrköpfigen Delegation in Luxemburg lebender Aquarellmaler. Das Großherzogtum sei zum ersten Mal bei diesem international bekannten Event vertreten gewesen, und daher sei es für sie eine ganz besondere Ehre gewesen, in die Marken zu reisen. Von den Erfahrungen und Eindrücken, die sie dort hätte sammeln können, würde sie heute noch profitieren. Auch in menschlicher Hinsicht. „J’aime partager mon savoir. J’aime aussi aller toujours plus loin.“

Für Olga Dadasheva ist die Aquarellmalerei weder langweilig noch altmodisch, sondern eine Huldigung an die Vielfalt.

Der bestellte Holundertee ist längst kalt geworden. Olga Dadasheva hat kein einziges Mal daran genippt. Stattdessen schwärmt sie weiterhin von dieser besonderen Gemeinschaft von Aquarellkünstlern, die alle anscheinend nur ein Ziel verfolgen: das Malen mit Wasserfarben zu rehabilitieren. Immerhin hätte sich diese Technik, die weder langweilig noch altmodisch sei, seit Jahrhunderten kontinuierlich entwickelt. Während Albrecht Dürer und Rembrandt Aquarelle vor allem zu Studienzwecken oder zur Vorbereitung von Ölgemälden verwendeten, führte der englische Maler William Turner die Aquarellmalerei im 19. Jahrhundert zu technischer Meisterschaft. Später schufen u.a. Eugène Delacroix, Paul Cézanne und Emile Nolde eigenständige Kunstwerke mit wasserlöslichen Farben. „Chaque œuvre raconte une histoire. La vie du peintre, ses rêves ou son travail“, betont Olga Dadasheva und sucht auf ihrem Handy nach ihren rezenten Arbeiten.

Die Stadt Luxemburg in blassen Blautönen, die ineinander zu verlaufen scheinen. Bunte Elefanten, denen sie in Wirklichkeit nie begegnet ist. Harmonische Stillleben mit Blumen. Naturbilder. Immer wieder Landschaftsbilder. Die Künstlerin liebt es, draußen zu sein. Wenn das Wetter es erlaubt, packt sie ihre Malutensilien in einen Einkaufscaddy und macht es sich auf der Corniche oder einem anderen schönen Aussichtspunkt in Luxemburg-Stadt bequem. Auch auf Auslandsreisen hat sie stets einen Block Papier, Pinsel und Farben mit dabei. Becher und Wasser lassen sich meist vor Ort organisieren. „Pour peindre, je n’ai pas besoin d’un grand atelier.“ Im Freien dienen ihr die eigenen Knie als Schreibtischunterlage. Und falls sie mit dem Fahrrad unterwegs ist und ein schönes Motiv entdeckt, macht sie Fotos, um nicht zu vergessen, was sie gesehen hat. Olga Dadasheva ist erfrischend unkompliziert. Lediglich was die Erklärung der verschiedenen Grundtechniken der Aquarellmalerei betrifft, geht sie erbarmungslos ins Detail.

Beim Lasieren wird die stark mit Wasser verdünnte Farbe auf den trockenen Malgrund aufgetragen, und da diese sehr schnell trocknet, lässt sie sich im Nachhinein gut übermalen. Die Lasur, die sich durch scharfe Ränder auszeichnet, könne sowohl eine farbsteigernde als eine farbdämpfende Wirken haben und verlange eine hohe Präzision. Dann gäbe es noch die Verlauf- und die Nass-in-Nass-Technik. Bei ersterer wird die Farbe mit einem mit klarem Wasser angefeuchteten Pinsel gleichmäßig auslaufend verteilt. Bei letzterer wird in eine noch feuchte Farbe hineingemalt, wodurch die Farben ineinanderlaufen. Es gäbe Aquarellisten, die den Einsatz der Nass-in-Nass-Technik ablehnen, weil sie unkontrollierbar sei, Olga Dadasheva sieht in ihr indes die Herausforderung, den Umgang mit Malgrund, Farbe und Pinsel beherrschen zu lernen. In weiteren Varianten dieser Grundtechniken kennt sie sich selbstverständlich gleichermaßen gut aus, aber bevor sie in ihrer Begeisterung erneut ausholt beginnt, steht die Kellnerin an unserem Tisch. Schichtwechsel.

Menschen, die eine ausgeprägte Neigung zur Schwärmerei haben, können andere ziemlich prompt vereinnahmen. Olga Dadasheva ist ein solcher Mensch. Ihr Enthusiasmus ist ansteckend, und so schämt man sich bereits nach der ersten Viertelstunde, dass man die Aquarellmalerei als Hobbymalerei abgetan hat und nicht sonderlich traurig darüber gewesen wäre, wenn sie weiterhin ein Schattendasein geführt hätte. Davon will Olga Dadasheva selbstverständlich nichts wissen. Sie wird weiterhin eine Lanze für alle Aquarellisten der Welt brechen wollen, und da sie sich im Ausland und vor allem in der Großregion bereits einen Namen gemacht hat, wird sie fast ununterbrochen zu diversen Salons eingeladen. Nicht nur als mitmachender Künstler, sondern zudem als Jurorin. Mit dem Unterrichten in Freizeitkursen hat sie vor Kurzem hingegen aufgehört. Die Zeit würde ihr wortwörtlich davonlaufen.

Seit 2010 nimmt Olga Dadasheva regelmäßig an internationalen Salons teil und heimst eine Auszeichnung nach der anderen ein.

Dass sie die Aquarellmalerei erst – und dank ihres Lehrers Jean-Benoît Dominicy – im Jahr 2007 kennen und schätzen gelernt, ist angesichts ihrer Perfektion fast nicht zu glauben. Für sie wird diese sehr klassische Maltechnik nie unmodern werden, weil das Malen mit Wasserfarben mit Raum und Tiefe, mit Frische und Transparenz sowie mit Fantasie und Emotionen zu tun hat. Olga Dadasheva empfindet ihre Bilder als eine gefühlvolle Reaktion auf ihre natürliche Umgebung. Als eine Reise zu sich selbst und in Erinnerungen. Ungemein wichtig ist ihr das Licht, das in ihren Bildern zum Ausdruck kommt und deren Stimmung charakterisiert. Die Aquarellmalerei hätte viele Gesichter, so die Künstlerin. Und daher sei die Behauptung „jeder kann malen“ falsch. Theorie und Praxis müssten sich ergänzen. Talent allein würde nicht reichen. Nur wer bestimmte Farbwirkungen sicher erfassen und Farbe genau ausmischen kann, wird Erfolg haben. Allerdings spielt auch der Faktor Spaß eine Rolle. „Il faut se laisser surprendre par l’aquarelle. Toujours et toujours.“ Mittlerweile ist auch der zweite Tee längst nicht mehr warm.

Fotos: Privatarchiv Olga Dadasheva

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

Comments (1)

  1. Dadasheva Olga says:

    Merci beaucoup à la journaliste Gabrielle Seil pour magnifique article autour de l’aquarelle!
    Grand merci pour son attention et le temps consacré au ce sujet!
    Je remercie mon pays Luxembourg, la beauté de laquelle nous donne l’envie de l’honorer!
    Aquarelle au Luxembourg est en train de sortir de l’ombre et elle commence son parcours international. Et c’est merveilleux!
    Dans notre Grand-duché je supporte les aquarellistes-débutants et je travaille beaucoup pour unir les aquarellistes expérimentés de notre pays.
    Nous intégrons activement Luxembourg dans le réseau des communautés internationales de l’aquarelle!
    Je suis heureuse de pouvoir participer au développement mondial de l’aquarelle et d’y apporter ma contribution personnelle.

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