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„Die Psychiatrie hat ein Image-Problem“

Man hört es oft: Die Suizidrate in Luxemburg sei eine der höchsten der Welt. Dabei liegt sie im offiziellen europäischen Vergleich im unteren Drittel, weit hinter Belgien und Frankreich und knapp hinter Deutschland. Dr. Mark Ritzen, Direktor der Ettelbrücker Psychiatrieklinik CHNP, meint, dass die Dunkelziffer aber durchaus höher sein könnte.

Immer wieder wird behauptet, die Suizidrate in Luxemburg sei so hoch. Was sagen Sie dazu?
Die Statistik zeigt, dass Luxemburg nicht überdurchschnittlich viele hat. Doch um zu wissen, wie viele es tatsächlich gibt, müsste die Dokumentation entsprechend korrekt sein. Wenn ein Mensch stirbt, wird leider nicht immer ausreichend geprüft, das ist nicht nur in Luxemburg so, sondern überall. Sind Unfälle vielleicht selbstverschuldet oder durch Suizidalität intendiert worden? Gab es eine Intoxikation, die beabsichtigt war, um das Leben zu beenden? Es gibt also sicherlich eine Dunkelziffer.

Wie sieht es mit Suizidversuchen aus?
In jüngerem Alter gibt es mehr Suizidversuche als Suizide, in fortgeschrittenem Alter ist es genau umgekehrt. Es gibt viele Hypothesen darüber, warum das so ist. Vielleicht hat der appellative Charakter bei Jugendlichen einen höheren Anteil.

Das bedeutet, dass die auf sich aufmerksam machen wollen.
Genau. Sie wollen Aufmerksamkeit und zum Ausdruck bringen, dass es ihnen sehr schlecht geht, ohne dass sie tatsächlich mit dem Leben abschließen möchten. Bei 70- oder 80-Jährigen, die vielleicht eine Krebserkrankung haben, ist dieser appellative Charakter kaum da. Der Suizid ist eine zielgerichtete Handlung.

Welche sind die Ursachen dafür, dass Menschen ihr Leben beenden?
Suizid ist ein sehr komplexes Problem. Einerseits gibt es einen gesellschaftlichen Kontext: Welche Werte werden gelebt, wieviel Offenheit und Toleranz ist da, wie fördernd und fordernd ist die Gesellschaft, usw? Inwiefern bietet die Gesellschaft die Möglichkeit, dass man als Person, mit seine spezifischen Wertvorstellungen, Kompetenzen und Erwartungen Teil davon sein kann? Andererseits gibt es bei den Betroffenen selbst eine ganze Reihe möglicher Ursachen, die sowohl mit dem psychischen als auch mit dem sozialen und körperlichen Befinden sowie auch Erwartungen diesbezüglich zusammenhängen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch Einsamkeit als Risikofaktor hervorheben. Zudem können eine ganze Reihe psychischer Störungen, wie auch Suchterkrankungen zu erhöhten Suizidraten führen.

Oft gehen Erkrankungen mit Suizid einher. Welche sind das?
Zum Beispiel die Schizophrenie und selbstverständlich die Depression. Über drei Viertel der Menschen, die sich umbringen, erfüllen die klinischen Kriterien einer Depression, sie leiden in einem erheblichen Ausmaß unter Initiativlosigkeit, Traurigkeit, Müdigkeit und wochenlanger Schlaflosigkeit. Außerdem körperliche Erkrankungen, die mit weitreichenden körperlichen Einschränkungen einhergehen. Zudem Krebs- oder neurologische Erkrankungen.

Gibt es soziale Faktoren?
Sicher. Ich bin davon überzeugt, dass das Risiko für jegliche Pathologie, egal ob psychische oder somatische Erkrankungen, geringer ist, wenn man nicht alleine ist. Einsamkeit ist einer der größten Risikofaktoren für Morbidität und Mortalität. Vielleicht gefährlicher als Rauchen.

Verschiedene Aspekte der psychiatrischen Versorgung in Luxemburg müssten verbessert werden. Dr. Mark Ritzen, Direktor CHNP

mark_ritzen_2019-KopieBahnt sich ein Suizid an? Gibt es Anhaltspunkte?
Ein aktiver Rückzug aus dem sozialen Leben kann ein Vorzeichen von Suizidversuchen sein. Dieser Rückzug manifestiert sich zum Beispiel bei Freizeitaktivitäten, aber auch auf der Arbeit oder im familiären Umfeld. Darüber hinaus kommt es vor, dass sich eine Person in der Phase vor dem Suizid häufiger und immer konkreter mit Gedanken und Bildern diesbezüglich auseinandersetzt. Oft gibt es auch eine thematische Einengung auf bestimmte, in der Regel als negativ erlebte Lebensereignisse. Durch diese fortschreitende Einengung vergessen Menschen häufig, die Vielseitigkeit ihres Lebens zu sehen. Dass sie nicht nur die Person sind, die eine Erkrankung hat, oder nicht nur die Person, die Schulden hat, sondern auch jemand, der Fähigkeiten und Talente hat.

Kann da nur die Psychiatrie helfen?
Natürlich kann sie das! Leider werden aber auch noch immer viele Menschen von der Psychiatrie abgeschreckt. Die institutionelle Psychiatrie steht oft zu weit weg vom Alltag, vielleicht auch, weil sie sich seit Jahrzehnten selbst so definiert hat. Die Psychiatrie hat immer noch ein Image-Problem.

Welches Image sollte die Psychiatrie Ihrer Meinung nach haben?
Sie sollte in der Gesellschaft als glaubhafter Sparring-Partner einen Platz haben und niedrigschwellig für Menschen da sein, die psychische oder psychosoziale Probleme entwickeln. Dabei spielen nicht nur Psychiater eine Rolle, sondern auch Psychologen, Pflegekräfte, Co-Therapeuten und andere, die im psychiatrischen Bereich aktiv sind.

Dieses Haus hier in Ettelbrück ist doch so etwas wie eine Endstation, oder?
Nein, keineswegs. In den letzten fünf bis zehn Jahren sind immer mehr Leute, übrigens aus allen gesellschaftlichen Schichten, mit sehr unterschiedlichen und durchaus behandelbaren psychischen Beschwerden zu uns gekommen. In den Köpfen der Menschen ist die Psychiatrie im Allgemeinen sicherlich beladen, auch unsere Klinik in Ettelbrück. Doch wir wenden uns mehr den Patienten zu, die eine heilbare Erkrankung haben und die sich nach einer Behandlung wieder vielseitig an der Gesellschaft beteiligen können.

Wie sehen Sie die Psychiatrie im Land?
Verschiedene Aspekte der psychiatrischen Versorgung in Luxemburg müssten verbessert werden. Es gibt zum Beispiel relativ lange Wartelisten und zu wenig Transparenz – welche Art der Behandlung bekomme ich genau wo? Für Patienten ist das momentan überhaupt nicht ersichtlich. In der Medizin versucht man auch an sogenannte Stepped Care-Prinzipien festzuhalten. Das bedeutet für die Psychiatrie, dass man zum Beispiel einen Patienten so lange es geht ambulant behandeln möchte. Das Angebot der ambulanten Psychotherapie ist allerdings zu gering. Eine Lösung wäre hier möglicherweise die ambulanten psychotherapeutischen Leistungen von psychologischen Psychotherapeuten auch entsprechend zu vergüten.

Hat die fehlende Transparenz Auswirkungen auf die Therapie?
Zu uns kommen regelmäßig Patienten mit sehr gut behandelbaren Erkrankungen wie Depression, Angst- oder Panikstörungen, die schon relativ lange damit herumlaufen, ohne dass sie jemals eine störungsspezifische und evidenzbasierte, also laut Literatur wirksame Behandlung, bekommen haben.

Wenn Sie sagen, dass bestimmte Therapien in der Literatur als wirksam oder unwirksam beschrieben werden, dann muss das ja nicht heißen, dass es so bleibt. Jüngstes Beispiel ist die Hormontherapie bei Frauen in den Wechseljahren. Erst hieß es, die sei schlecht und würde Krankheiten fördern, dann wurde alles widerlegt und gesagt, die Therapie sei gut und unbedenklich, jetzt heißt es plötzlich wieder, Hormontherapie fördert Brustkrebs. Was denn nun?
Natürlich – da muss man aufpassen. Man kann da schnell in eine unnötige Polemik geraten. Wir wissen aber tatsächlich, dass für die Effizienz einer Therapie die Chemie zwischen Therapeuten und Patienten ein sehr wichtiger Faktor ist. Trotzdem sind laut Literatur aber bestimmte Arten der Intervention bei bestimmten Störungsbildern besonders wirksam und das muss unbedingt berücksichtigt werden: Wenn ich einen Patienten mit einer Borderline-Störung habe, der 15 Jahre behandelt wurde, ohne jemals von „Achtsamkeit“ oder DBT (dialektische Verhaltenstherapie, Anm. d. Red.) gehört zu haben, dann ist das schon sehr bedenklich. Oder wenn ich seit zehn Jahren eine Depression habe, ohne auch nur jemals kognitive Verhaltenstherapie probiert zu haben, dann denke ich, hätte man den Patienten zumindest darauf hinweisen müssen.

Sagen Sie das, weil Sie Verhaltenstherapeut sind?
Das Umgekehrte gilt auch. Wenn ich als kognitiver Verhaltenstherapeut nach acht oder zehn Sitzungen feststelle, dass es nichts bringt, wäre es schon ratsam, ein anderes Verfahren auszuprobieren. Das ist allerdings schwierig zu finden. Patienten könnten in so einem Fall natürlich von dem Therapeuten erwarten, dass er sie zu jemand anderem schickt, aber Therapeuten wissen hier nicht, was die anderen Therapeuten genau anbieten, weil es keine ausreichende Transparenz gibt. Natürlich kennt man immer die eine oder den anderen und weiß, welche Verfahren die anwenden, aber eine Übersicht, eine Liste, auf der steht, wer was macht, gibt es in Luxemburg nicht.

woman-1006100-KopieWas ist bei der Behandlung von Menschen wichtig, die einen Suizidversuch unternommen haben?
Selbstverständlich muss man versuchen, sich ein Bild der unterliegenden Ursachen zu machen und diese zu behandeln. Dabei muss man authentisches Interesse zeigen, denn es bringt nichts, wenn ich nur mechanisch die Suizidalität abklopfe, ich muss auch daran interessiert sein, wie sich jemand am Leben beteiligt, ob er in Kontakt zu anderen steht, ob er seine Hobbys wieder aufgenommen hat, ob er die Ressourcen hat, Schönheit zu sehen, usw. Wenn wir dann spüren, dass der Wahrnehmungsradius größer wird und es wieder Hoffnung und vielleicht sogar Freude gibt, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Ist es nicht legitim, wenn sich jemand das Leben nehmen möchte? Schließlich sollte es doch so sein, dass man über sein Leben selbst bestimmen sollte.
Man muss trennen zwischen Freitod und Suizid als Folge von heilbaren oder vielleicht heilbaren Erkrankungen. Wenn jemand eine schwere Depression hat, ist oft die Steuerungs- und Kritikfähigkeit nicht mehr integral gegeben. Wenn man infolge einer hormonellen Störung nur noch schwarze Gedanken und Schuldgefühle hat und nur noch den Wunsch zu sterben, dann glaube ich, dass es auch legitim ist, wenn eine Psychiatrie paternalistisch ist und versucht zu helfen. Wenn jemand, der sein Leben gelebt hat und der frei von psychischen Störungen ist, seinem Leben ein Ende setzen möchte, dann hat die Psychiatrie als Disziplin keine Funktion mehr. Die Rolle, die wir in dem Fall aber als Gesellschaft haben, ist dann vielleicht die, zu überlegen, ob man demjenigen trotz allem noch einen Wert vermitteln könnte, für den es sich lohnt, zu leben.

Was passiert mit den Angehörigen?
Eine professionelle Begleitung kann sehr hilfreich sein. Oft geht es dabei aber auch um eine existentielle Frage, um eine Sinnfrage. Wenn man das ganz nüchtern betrachtet, muss das aber nicht unbedingt immer von der Psychiatrie gemacht werden. Das können Menschen – Freunde, Bekannte, Familie – oft sehr gut auch ohne psychiatrische Begleitung untereinander tun.

In manchen Familien ist ein Suizid ein unvorstellbares Drama, das kaum zu beheben ist. Dr. Mark Ritzen, Direktor CHNP

Bleibt so ein Trauma innerhalb einer Familie bestehen?
Das hängt von den Beziehungen ab, die untereinander bestanden. Es ist etwas anderes, wenn die Familie schon seit Jahren wenig Kontakt zueinander hatte als wenn sie sehr eng miteinander war. In manchen Familien ist ein Suizid ein unvorstellbares Drama, das kaum zu beheben ist. Es entsteht ein unvorstellbarer Schmerz, der wahrscheinlich bis zum Lebensende bleibt.

Wohin kann das führen?
Es besteht das Risiko, dass durch diesen unvorstellbaren Schmerz alles andere in den Hintergrund rückt und die Familie sich nur noch damit auseinandersetzt. Dabei vergessen die Menschen, dass es für ihr eigenes Leben und ihre psychische Gesundheit total wichtig ist, nach gewisser Zeit den Faden wieder aufzunehmen und sich am Leben zu beteiligen.

Viele Familien haben Schuldgefühle…
Das ist so. Man stellt sich natürlich Fragen wie, „Was hätte ich anders tun können?“ „Hätte ich nicht vorher mit ihr oder ihm sprechen müssen?“ Schuldgefühle in diesem Zusammenhang sind sehr menschlich und es kann hilfreich sein darüber zu sprechen, auch mit dem Ziel, die eigene Rolle vielleicht etwas anders zu sehen, zu relativieren, zu präzisieren. Aber was ist realistisch? Bei den meisten Suiziden ist es doch so: Wenn zwei Minuten vorher jemand daneben gestanden hätte, um zu reden, wäre der Suizid wahrscheinlich nicht passiert. Oder eine Stunde früher. Oder zwei Tage früher. Nur die Frage ist doch, wie weit man gehen kann? Wie schützend darf oder soll ich sein? Wo fängt die Autonomie, die Freiheit des Anderen an?

In Bezug auf Prävention hat sich in Luxemburg in den letzten Jahren viel getan. Wie beurteilen Sie das?
Es gibt den Nationalen Suizidplan und eine ganze Reihe an Projekten, die bis Ende 2019 umgesetzt werden. Informationskampagnen, Flyer, Broschüren. Veranstaltungen. Von Seiten des Ministeriums wird viel unternommen. Kann man so tatsächlich die Zahl der Suizide verringern? Ich weiß es nicht. Es ist ethisch natürlich nicht vertretbar, nichts zu tun. Man muss alles tun, um die Menschen herauszufiltern, die suizidgefährdet sind. Aber man braucht dafür auch wissenschaftliche Studien. Das macht es so schwierig. Suizid ist ja ein extrem trauriges Ereignis. Wenn es um Prävention geht, gibt es vor allem bei den Jugendlichen einen Ansatzpunkt. Gerade bei ihnen kann man noch vermitteln, dass das Leben schön sein kann.

Wie wichtig ist Weiterbildung für Lehrer?
Da besteht wirklich ein Ansatzpunkt, was das Wohlbefinden von Jugendlichen anbelangt. Viele unserer Patienten, auch im Erwachsenenalter, haben in der Vergangenheit Mobbing erlebt. Das ist sehr traumatisierend, diese empfundene Ausgrenzung, das Nichtdazugehören. Wer solche Erlebnisse hatte, hat es oft sehr schwer, auch in der Zukunft mit anderen in Kontakt zu kommen. Präventionsarbeit für Suizid muss deshalb auch vor allem da ansetzen.

Fotos: CHNP, Netflix

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Als das gleichnamige amerikanische Jugendbuch 2007 erschien, wurde es schnell zum Bestseller, doch erst mit der Netflix-Serie erlangte die Geschichte um den Suizid der 17-jährigen Hannah Baker weltweit absoluten Kultstatus. Was auch daran liegt, dass viele besorgte Stimmen laut wurden, die auf den sogenannten Werther-Effekt hinwiesen. Dieser besagt, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Suiziden, über die berichtet wird, und der tatsächlichen Suizidrate. Kritiker und Jugendschutzverbände konnten nach wochenlangen Eingaben erreichen, dass die ursprüngliche Szene, in der sich Hannah die Pulsadern aufschneidet, von Netflix um drei Minuten gekürzt wurde. Eine Entscheidung, die in Zeiten des Internets und den darin zu findenden Inhalten zumindest fragwürdig bleibt.

Die meisten Zuschauer konnten der Serie viel Gutes abgewinnen, weil sie schonungslos zeigt, welche Auswirkungen Gruppenzwang und fehlende moralische Instanz auf jeden einzelnen haben können. Vor allem die ersten beiden Staffeln sind empfehlenswert, in der dritten entfernt sich die gesamte Story von ihrer ursprünglichen Handlung. Die Darsteller sind mittlerweile Superstars, eine vierte und letzte Staffel ist angekündigt.

Bei Fragen zum Thema oder wenn Sie selbst Suizidgedanken haben, stehen diverse Dienste und Beratungsstellen zur Verfügung:
Kanner- und Jugendtelefon, Tel.: 116 111
SOS Détresse, Telefonseelsorge, Tel.: 45 45 45
Erzéiongs- a Familljeberodung, Tel.: 46 000 41
Netzwerk für Suizidprävention: www.prevention-suicide.lu

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Philippe Reuter

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