Dabei ist der Wolf nichts anderes als ein Raubtier, wie andere Raubtiere eben auch. Er jagt, wenn er Hunger hat und frisst seine Beute. Menschen gehören nicht zu seinem Beuteschema, Rinder nur äußerst selten. Lieber jagt er Rehe, Wildschweine oder auch kleinere Säugetiere wie Hasen, Kaninchen und sogar Mäuse. Zwar wird ihm oft die Tendenz nachgesagt, kranke und schwache Tiere zu töten, so ganz bestätigen möchte Laurent Schley dies aber nicht: „Wölfe jagen im Rudel. Und sie jagen sicherlich die Tiere, die am einfachsten zu bekommen sind, meist sind das die Schwachen oder Jungen. Doch man sollte das nicht romantisieren. Wenn er ein anderes Tier erwischen kann, sagt er auch nicht ‚Nein‘.“
Für den natürlichen Kreislauf ist ein Raubtier wie der Wolf nachweislich förderlich. Gerade in den Ardennen und bis in die Eifel hinein gäbe es eine zu hohe Wilddichte, betont Schley. Durch die Abwesenheit natürlicher Feinde konnten sich sowohl das Rehwild als auch die Wildschweine fast ungestört ausbreiten. Was langfristig zu Schäden im Ökosystem führt. Wildschweine, die Ackerboden und Grünland zerstören, und Rehe, die Wälder abgrasen und dabei Jungpflanzen und somit auch den Lebensraum für Kleintiere vernichten, sind zum Normalfall geworden. Die Kosten für die Aufforstung und in der Landwirtschaft, um diese Schäden zu beheben, sind immens.
Der Wolf würde Bewegung ins Spiel bringen. Denn das Wild in den Ardennen ist nicht nur zahlreich geworden, sondern durch das Fehlen von Feinden auch noch faul. Mit einem Wolf als Jäger müssten Rehe und Wildschweine ihre Sinne trainieren und wären mehr in Bewegung. Die Qualität des Wildfleisches würde sich verbessern. Ein Gesichtspunkt, der für Jäger interessant sein dürfte.
„Wenn man vom Wolf spricht, schlagen die Emotionen hoch.“ Dr. Laurent Schley, stellvertretender Direktor der Naturverwaltung
Die Angst, einem Wolf zu begegnen oder gar von ihm angegriffen zu werden, könne Schley zwar nachvollziehen, trotzdem hält er sie für unbegründet. „In Europa gibt es nur sehr wenige Nachweise von Angriffen auf Menschen, meist von Wölfen, die Tollwut hatten“, erklärt Schley. Wie alle wilden Tiere meiden auch Wölfe den direkten Kontakt zu Menschen und seien längst weg, wenn man in ihre Nähe kommt. „Wie oft haben Sie beim Spaziergang schon Wildschweine oder Füchse gesehen?“ fragt Schley.
Dass sich die Population der Wölfe innerhalb so kurzer Zeit erholt, hat auch Forscher und Naturschützer erstaunt. Für Laurent Schley ist das ein Zeichen für die gute Anpassungsfähigkeit der Tiere. Auf das Argument, der Wolf würde in unserer Gegend keinen Lebensraum finden und somit nicht mehr hierher gehören, reagiert der Wissenschaftler gelassen. „Wir werden es ja sehen“, sagt er, „wenn es keinen Lebensraum gibt, dann kommt er erst gar nicht zurück.“
Einige Jahre wird es vielleicht noch dauern, bis die Wölfe auch in unsere Region zurückkehren. Wer sich zuvor schon einmal mit ihnen vertraut machen möchte, kann dies im Wolfspark im saarländischen Merzig tun, wo die Tiere zwar in Gehegen eingesperrt sind, dadurch aber die Nähe zu Menschen kennen und sich nicht verstecken. Dort übrigens hat der Fotograf Jean-Luc Brausch auch die hier abgebildeten Fotos der europäischen Wölfe gemacht. Mit etwas Glück wird man im Wolfspark Zeuge eines ganz besonderen Konzerts: Als würden sie einen Kanon singen, stimmen die Wolfsrudel mit- und nacheinander das Heulen an. Wunderschön und ergreifend zugleich.
