Die Rückkehr des Wolfes

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Seitdem der Wolf europaweit geschützt ist, hat sich sein Bestand erstaunlich gut erholt. Mittlerweile ist er sowohl in Deutschland als auch in Frankreich wieder heimisch und wurde sogar im Saarland gesichtet. Da ist der Weg nach Luxemburg nicht weit.

Fotos: Jean-Luc Brausch (3), privat

Als Dr. Laurent Schley als junger Biologe seine ersten Vorträge über Wildtiere hielt, rechnete er damit, dass sich in unseren Gefilden früher oder später wieder Wölfe ansiedeln würden. Fünfzig Jahre könne es zwar noch dauern, meinte er damals, doch mit großer Wahrscheinlichkeit würden die Rudeltiere wohl auch in den Großraum der Ardennen zurückkehren. Heute, fünfzehn Jahre später, muss er zugeben, sich geirrt zu haben. „Es sieht nämlich so aus, als würden sie schon sehr viel früher kommen“, sagt er und lächelt.

LS_Jean-Marc-BERG-(2)Für Laurent Schley, stellvertretender Direktor der Naturverwaltung, wäre die Rückkehr des Wolfes ein Grund zur Freude. „Jedes Puzzleteil, das im Ökosystem wieder hergestellt wird, ist positiv für das ökologische Gleichgewicht“, erklärt er. Bislang hat es zwar hierzulande noch keine Anzeichen dafür gegeben, doch die Chancen auf eine Rückkehr des Wolfes stehen nicht schlecht. Die Meldungen über wachsende Populationen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz häufen sich. Einzelnachweise gab es bereits in Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland und den Niederlanden. Und aus den Vogesen wurde im vergangenen Jahr über die Geburt frei lebender Welpen berichtet. All dies belegt die erneute Ausbreitung eines Tieres, das in Europa am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gezielt gejagt wurde, bis es fast vollständig ausgerottet war.

Durch einen EU-weiten Beschluss wurde der Wolf 1992 unter Artenschutz gestellt. Seitdem konnten die wenigen Überlebenden ihren Bestand sichern und sich geografisch ausbreiten. Auf der Suche nach neuem Lebensraum können Wölfe bis zu tausend Kilometer weit wandern. „Wenn man die Wölfe einfach in Ruhe lässt und sie nicht jagt, dann geschieht die Ausbreitung ganz von selbst“, sagt Schley, „sie sind sehr anpassungsfähig.“ Forscher gehen von einer gesamteuropäischen Population von mittlerweile zwölf- bis achtzehntausend Tieren aus, wobei die meisten in osteuropäischen Ländern und Nordspanien leben.

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Der letzte luxemburgische Wolf wurde 1893 im Wald bei Olingen erlegt, ausgerechnet von einem Obergerichtsrat mit Namen Wolff. Es soll ein Freudenfest für die damalige Bevölkerung gewesen sein. Verständlich, denn das Verhältnis des Menschen zum Wolf ist seit Jahrhunderten durch Angst und Vorurteile geprägt. Spätestens mit den Märchen der Gebrüder Grimm wurde jedem Kind beigebracht, dass der Wolf ein hinterhältiges, blutrünstiges und verschlagenes Monster sei. „Rotkäppchen-Syndrom“ nennt Laurent Schley es.

Wie alle wilden Tiere meiden auch Wölfe den direkten Kontakt zu Menschen.

„Im Prinzip bekommt niemand mit, wenn eine Tierart neu oder wieder auftaucht. Doch wenn man vom Wolf spricht, schlagen die Emotionen hoch. Wir sind ja alle mit dem negativen Image des Wolfes aufgewachsen“, sagt Schley. Jeder weiß zwar, wie fahrlässig die Übertragung menschlicher Charaktereigenschaften auf Tiere ist, doch manche Vorurteile sitzen eben tief.

Der Wolf

Der Wolf (Canis Lupus): Ein Raubtier, das bis zum 19. Jahrhundert auf der gesamten Nordhalbkugel lebte und dann gezielt ausgerottet wurde. Seit etwa zwanzig Jahren steht er unter internationalem Schutz. Seitdem erholt sich sein Bestand.

Revier und Rudel: Wölfe leben meist in einem festen Revier im Rudel, das in der Regel aus Eltern mit ihren Jungen besteht. Sie werden mit zwei Jahren geschlechtsreif, dann werden die Männchen aus dem Rudel gejagt und gehen auf die Suche nach einem Weibchen und einem eigenen Revier. Damit wird Inzucht vermieden.

Wanderschaft: Wölfe können über Hunderte von Kilometern wandern, bis sie ein geeignetes Revier gefunden haben.

Lebenserwartung: Freilebende Wölfe werden etwa zehn bis dreizehn Jahre alt, in Gefangenschaft bis zu siebzehn Jahre. Die Sterblichkeitsrate von Jungtieren bis zu zwei Jahren ist hoch.

Jagdverhalten: Wölfe jagen im Rudel und verfolgen ihre Beute über kurze Strecken mit hoher Geschwindigkeit. Ihre bevorzugte Nahrung sind Wild- oder kleinere Säugetiere.

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Dabei ist der Wolf nichts anderes als ein Raubtier, wie andere Raubtiere eben auch. Er jagt, wenn er Hunger hat und frisst seine Beute. Menschen gehören nicht zu seinem Beuteschema, Rinder nur äußerst selten. Lieber jagt er Rehe, Wildschweine oder auch kleinere Säugetiere wie Hasen, Kaninchen und sogar Mäuse. Zwar wird ihm oft die Tendenz nachgesagt, kranke und schwache Tiere zu töten, so ganz bestätigen möchte Laurent Schley dies aber nicht: „Wölfe jagen im Rudel. Und sie jagen sicherlich die Tiere, die am einfachsten zu bekommen sind, meist sind das die Schwachen oder Jungen. Doch man sollte das nicht romantisieren. Wenn er ein anderes Tier erwischen kann, sagt er auch nicht ‚Nein‘.“

Für den natürlichen Kreislauf ist ein Raubtier wie der Wolf nachweislich förderlich. Gerade in den Ardennen und bis in die Eifel hinein gäbe es eine zu hohe Wilddichte, betont Schley. Durch die Abwesenheit natürlicher Feinde konnten sich sowohl das Rehwild als auch die Wildschweine fast ungestört ausbreiten. Was langfristig zu Schäden im Ökosystem führt. Wildschweine, die Ackerboden und Grünland zerstören, und Rehe, die Wälder abgrasen und dabei Jungpflanzen und somit auch den Lebensraum für Kleintiere vernichten, sind zum Normalfall geworden. Die Kosten für die Aufforstung und in der Landwirtschaft, um diese Schäden zu beheben, sind immens.

Der Wolf würde Bewegung ins Spiel bringen. Denn das Wild in den Ardennen ist nicht nur zahlreich geworden, sondern durch das Fehlen von Feinden auch noch faul. Mit einem Wolf als Jäger müssten Rehe und Wildschweine ihre Sinne trainieren und wären mehr in Bewegung. Die Qualität des Wildfleisches würde sich verbessern. Ein Gesichtspunkt, der für Jäger interessant sein dürfte.

„Wenn man vom Wolf spricht, schlagen die Emotionen hoch.“ Dr. Laurent Schley, stellvertretender Direktor der Naturverwaltung

Die Angst, einem Wolf zu begegnen oder gar von ihm angegriffen zu werden, könne Schley zwar nachvollziehen, trotzdem hält er sie für unbegründet. „In Europa gibt es nur sehr wenige Nachweise von Angriffen auf Menschen, meist von Wölfen, die Tollwut hatten“, erklärt Schley. Wie alle wilden Tiere meiden auch Wölfe den direkten Kontakt zu Menschen und seien längst weg, wenn man in ihre Nähe kommt. „Wie oft haben Sie beim Spaziergang schon Wildschweine oder Füchse gesehen?“ fragt Schley.

Dass sich die Population der Wölfe innerhalb so kurzer Zeit erholt, hat auch Forscher und Naturschützer erstaunt. Für Laurent Schley ist das ein Zeichen für die gute Anpassungsfähigkeit der Tiere. Auf das Argument, der Wolf würde in unserer Gegend keinen Lebensraum finden und somit nicht mehr hierher gehören, reagiert der Wissenschaftler gelassen. „Wir werden es ja sehen“, sagt er, „wenn es keinen Lebensraum gibt, dann kommt er erst gar nicht zurück.“

Einige Jahre wird es vielleicht noch dauern, bis die Wölfe auch in unsere Region zurückkehren. Wer sich zuvor schon einmal mit ihnen vertraut machen möchte, kann dies im Wolfspark im saarländischen Merzig tun, wo die Tiere zwar in Gehegen eingesperrt sind, dadurch aber die Nähe zu Menschen kennen und sich nicht verstecken. Dort übrigens hat der Fotograf Jean-Luc Brausch auch die hier abgebildeten Fotos der europäischen Wölfe gemacht. Mit etwas Glück wird man im Wolfspark Zeuge eines ganz besonderen Konzerts: Als würden sie einen Kanon singen, stimmen die Wolfsrudel mit- und nacheinander das Heulen an. Wunderschön und ergreifend zugleich.

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Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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