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Die Saat sprießt weiter

Nach dem Ceed 5-Türer 2018, einem Fließheck, und sofort danach dem Stationwagon, einem Kombi, schießt Kia 2019 die dritte Abhandlung in Form eines Shooting Brakes nach, ein Kombi mit einem Coupédach. Im Klartext, es gibt jetzt minimal weniger Platz, dafür aber unendlich mehr Lifestyle. Das ist keine koreanische Milchmädchenrechnung, das ist der Lauf der Dinge.

Text: Eric Netgen / Fotos: Kia

Der beim Autosalon in Paris 2018 vorgestellte ProCeed wurde in Europa entworfen (das R&D-Team sitzt in Frankfurt am Main) und entwickelt, ebenso gebaut und soll, auch wenn er außerhalb dieser Grenzen nicht unbedingt Machina non grata sein soll, doch vor allem auf dem Alten Kontinent seine eher anspruchsvolle Kundschaft finden. Nirgendwo sonst auf dem Globus sind die Kunden derart pingelig was Verarbeitungsqualität und technische Finessen ihres Automobils angeht, an keinem anderen Ort sind die Straßen anspruchsvoller, mit Kurven anstatt Geraden, und die Anforderungen an Leistung und Geschwindigkeit derart selbstverständlich. Bitter arm sind die meisten Europäer im globalen Vergleich auch nicht, das ist ein Bonus.

Das wissen auch die Koreaner. Darüber hinaus sind die Gewinnmargen bei einem Shooting Brake um einiges höher als dies bei einem traditionellen Kombi der Fall ist, weil nämlich mondäne Ästhetik fast ausnahmslos teurer zu stehen kommt als bodenständige Funktionalität. Aus diesem Grund wird es den ProCeed ausschließlich in den hochwertigen Ausstattungsebenen „GT-Line“ und „GT“ geben. Letztere stellt die potentere Version dar. Womit wir bei den Motorisierungen wären.

Gebaut wird das rassige Häppchen im Kia-Werk im slowakischen Zilina. Trotz dem nicht bis in die letzte Ritze ausgeschlachteten Sparpotenzial kommt auch der aufgeladene ProCeed in den Genuss der traditionellen 7-Jahres- und/oder 150.000-km-Garantie. Ein Shooting Brake mit Hatch-Klappe aus dem C(2)-Segment mit fünf Türen und fünf Sitzen, das Beste von allem?

Die Motorisierung bei Markteinführung begreifen einen Ein-Liter-Benziner (1.0 T-GDI) mit drei Zylindern und 120 PS, exklusiv an ein Sechs-Gang-Schaltgetriebe geflanscht, einen 1.4 T-GDI mit 140 PS mit Sechsganggetriebe (M6) oder Sieben-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (DCT7), dann noch einen 1.6 T-GDI mit 204 PS, den es ausschließlich als GT mit entweder M6 oder DCT7 gibt, und auf Seiten der Selbstzünder einen 1.6 CRDi mit 136 PS mit M6 oder DCT7. Wenn man die beiden großen 1,6-Liter-Motoren miteinander vergleicht, fällt auf den ersten Blick auf, dass der Benziner dem Diesel Leistungsmäßig weit überlegen ist (204 PS ab 6.000 Umdrehungen, anstatt 136 PS ab 4.000 U/min), in Sachen Drehmoment trotz seiner Baumweise sehr gut mit dem Diesel mithält, bietet er doch 265 Newtonmeter ab 1.500 Umdrehungen, wo der bautechnisch eigentlich überlegene Selbstzünder mit 280 Nm ab 1.500 U/min (mit manuellem Getriebe) bzw. 320 Nm bei 2.000 U/min (mit DCT7) nur marginal mehr Kraft auf die Vorderräder stemmt. Alle Motoren sind Vierventiler, alle sind sie Euro 6d TEMP-kompatibel. Die ProCeed sind für Vorderradantrieb ausgelegt, mit entsprechend quer eingebautem Frontmotor, von einer elektrisch unterstützten Zahnstangenlenkung mit einer 12,7:1-Übersetzung geleitet, do dass der Wagen mit einem 10,6 m großen Wendekreis um die Ecke zirkelt.

Es gibt neun Außenfarben, Rot, Orange und Blau, dann ein tiefes Schwarz und diverse Abstufungen von Weiß (2) und Grau (3), wie das in unserer dem Wiederverkaufswert hörigen Leasing-Welt seit Jahren die Norm darstellt. Auf einem Radstand von 2,65 m stehend, bietet der ProCeed ein Ladevolumen das sich von 594 auf 1.545 Liter erweitern lässt. Die Rückbank lässt sich nur beim GT im Verhältnis 40:20:40 umlegen, die Ladekante ist relativ tief angesetzt, das Abdeckungsrollo kann im Kofferraumboden verstaut und die Einkaufstüten an einem Haken aufgehängt werden. Die GT-Line rollt auf 17-Zoll-Rädern daher, die stärkeren GT sind mit 18 Zoll gestiefelt. Im Innern finden wir ordentliche Sitze mit viel Seitenhalt bei der Sportversion und zahlreiche Ablagen für Krimskrams und Getränkeflaschen. Die Geräuschdämmung ist gut, das Cockpit und die Instrumente nicht zu verspielt, sondern eher sachlich und seriös.

Die Serienausstattung der GT-Linie ist angemessen aber nicht wirklich stattlich, bietet neben den mittlerweile unumgänglichen elektronischen Hilfen wie Antiblockiersystem und Stabilitätskontrolle auch eine Berganfahrhilfe, einen Spurhalteassistenten, einen schlüssellosen Zugang und einiges mehr. Die darüber platzierten GT-Modelle bieten erst den Toten-Winkel-Assistenten, eine Verkehrsschildererkennung, oder den automatischen Parkassistenten, die 40/20/450-Sitze, das geheizte Lenkrad und die elektrischen Sitze mit Memory-Funktion. Der ProCeed ist marginal länger (+5 mm) und flacher (-43 mm) als der fünftürige Ceed oder der Sportswagon, die Bodenfreiheit wurde um 5 mm auf 135 mm herabgesetzt. Der Radstand blieb unverändert. Das coupéartig abfallende Heckfenster liegt flacher im Rahmen als beim Kombi oder dem Fließheck, die horizontalen Linien im Heck, mit den zwei weit nach außen verlegten Auspuffblenden, steht breit und geduckt auf der Straße. Ein Nachteil: die Rücksitze mussten tiefer eingebaut werden, wegen der abfallenden Dachlinie, so dass der Ausstieg für lange Zeitgenossen etwas schwieriger wird.

Schneller Keimling

Das Fahrwerk wurde auf der Nordschleife getrimmt, dann auf den feucht schimmernden Poltergeist-Pisten und bedrohlich schlingernden Landstraßen im Spießbraten-Bermudadreieck zwischen Frankfurt, Koblenz und Idar-Oberstein wie Trommelsteine poliert – es sei nebenbei bemerkt, dass die Bremsen natürlich aus Scheiben bestehen. Das Lenkrad ist etwas prätentiös nach unten abgeflacht, lässt sich in der Höhe und Tiefe verstellen, die optionale Doppelscheibenkupplung bringt dem Topmodell mit 204 PS ein Zusatzgewicht von lediglich 27 kg. Das Leergewicht beträgt bei beiden nur recht schlanke 1.336 kg (M6) bzw. 1.363 kg (DCT7).

Das Fahrwerk entpuppt sich als stramm, aber nicht unangenehm hart, die guten Bremsen packen ordentlich zu und selbst nach mehreren Runden auf der Rennstrecke nahe Barcelona, dem Parcmotor Castellolí, macht sich kein Fading bemerkbar. Die verbesserte Lenkung lässt jetzt viel weniger Untersteuern zu und wirft den ProCeed beherzter und zielstrebiger auf seinen Michelin Sport 4 in die Kurve. Ein Schwachpunkt, wenn auch keine Tragödie, ist die etwas nachdenkliche Doppelkupplung, die nicht auf Anhieb versteht was der Fahrer von ihr will. Auch der Handschalter ist nicht von der allerknackigsten Art. Aus der Kurve heraus beschleunigte der ProCeed etwas zu zäh, vor allem auf der Rennstrecke, doch für den Alltagsgebrauch müsste es reichen. Der Klang im Sportmodus ist kernig, allerdings wird er größtenteils in der Stereoanlage eingespielt. Die meisten Zeitgenossen wessen es nicht wissen und auch nie herausfinden.

Die Basispreise des ProCeed reichen von 27.935 € für den 1.0 T-GDi GT Line M6 mit 120 PS, über den 1.4 T-GDi GT Line M6 mit 140 PS ab 28.902 € (M6) bzw. 30.159 € (DCT7), über den 136 PS starken Diesel als GT-Line mit M6 für 30.256 € oder DKG7 für 31.513 €, bis zum GT für 34.704 € (M6) bzw. 35.961 € (DCT7). Zum einfacheren Verständnis des „Mehrwerts“, muss man wissen, dass der Schlüssel bei Kia wie folgt funktioniert: Ein GT-Line Fünftürer +1.499 € = Stationwagon +965 € = Shooting Brake. Wer vom 5-Türer direkt auf den Shooting Brake umrechnen will, muss für diesen Sprung also gleich +2.465 € hinzurechnen. Beim GT gibt es in Abwesenheit des Kombis nur ein Upgrade vom 5-Türer auf den Shooting Brake, und das kostet +2.707 €. Es gibt freilich auch diverse Packs, mit denen man seinen ProCeed schmücken kann. Bei der GT-Line kostet ein Pack ADAS mit dem adaptiven Abstandshalter 957 € (allerdings nur in Verbindung mit dem automatischen Getriebe), beim GT nur 667 €, ein Pack Smart mit diversen elektronischen Hilfen wie der Erkennung von toten Winkeln und Verkehrsschildern kostet in der GT-Line 1.682 €, und ein Panoramadach in beiden Linien 822 €.

Insgesamt stellt der neue ProCeed einen gelungenen Kompromiss dar. Er ist zwar noch nicht ganz in der Premium-Klasse angekommen, falls er das überhaupt will, aber die Mischung stimmt: sportlich aber nicht beinhart, bequem aber nicht langweilig, gut ausgerüstet aber keineswegs überfrachtet. Ein Koreaner eben.

+ Dynamische Silhouette
+ Sport-Modus im GT
+ Viel Platz, gut verarbeitet
+ Mehr Fahrdynamik, bessere Lenkung
+ LED-Beleuchtung rundum
+ Gute Dämpfer schlucken einiges an Schlagloch

Kompromisse bei der Raumausbeute
Kaum Durchblick im Rückspiegel
Nicht das schnellste DKG auf dem Markt
Handschalter könnte knackiger sein

ProCeed GT 1.6 T-GDI

1.591 cm3
150 kW/204 PS @ 6.000 U/min
265 Nm @ 1.500-4.500 U/min
*7,6 (**7,5) s 0-100 km/h
*230 (**225) km/h

Preis: *34.704 € / **35.961 €
Verbrauch: *6,8 (**6,2) l/100 km
CO2: *155 (**142) g/km g/km

(*) mit M6-Schaltgetriebe
(**) mit DCT7-Doppelkupplungsgetriebe

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Martine Decker

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