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Eric’s Car Corner – Die Schönheit und das Biest

Neulich schwelgten Onkel Jürgen und ich über die wunderbare gemeinsame Testfahrt im Rolls-Royce Ghost Series II (siehe autorevue 12/2014), als ich ihm gestand, dass ich die englische Edelkarosse bei mehr als zweihundert Sachen auf der Überholspur in Alemannia mit der „Nonchalance einer Mae West im Seidennegligee“ verglichen hatte, weil mir gerade nichts treffenderes einfiel. Alle Männer sind Schweine, sagte sein Blick, allerdings behielt er das Urteil für sich und stimmte diplomatisch Kopf nickend zu: Wenn es um des Mannes liebstes Spielzeug geht, sind die Frauenvergleiche, egal wie unzutreffend und blöd, nie weit vom Schuss.

Tiere, die Kraft und Geschwindigkeit symbolisieren, stehen bei Autonamen bekanntlich hoch im Kurs, aber wenn es richtig an die Substanz geht, ans Limit der Vorstellungskraft (der Männer, wohlgemerkt), wenn die automobilen Kreationen den Bogen derart überspannen, dass die Herren der Schöpfung mit ihrem kümmerlichen Latein am Ende sind und Brehms Tierleben keine Erklärungsmuster mehr hergibt, dann müssen Frauenvergleiche her. Denn einen Tiger, das verstehen sie zur Not noch, die Deppen. Viper, Mustang, Kobra, Jaguar, Kaiman, all diese Geschöpfe sind mit Stuhl und Peitsche zu bändigen, dann rollt Mann die Ärmel hoch und trommelt auf der Brust, aber irgendwann ist Schluss mit lustig und die Gefühle geraten derartig in Wallung, dass schwereres Metapher-Geschütz aufgefahren werden muss.

Immerhin hatten wir den Rolls, dieses kolossale, für seinen Reisekomfort unendlich besser bekannte Dickschiff der Superlative auf eine kleine, unscheinbare Rennstrecke in Lothringen chauffiert, um die viel weniger bekannten – und deshalb umso erwähnenswerten – dynamischen Qualitäten des edlen Briten unter Beweis zu stellen. Mae West, die Mutter aller „blonde bomb shells“ lag auf der Hand, denn die raubte nicht nur den Männern den Verstand, sondern verfügte als Amerikanerin auch über ein Vokabular, das geradezu aus einer Werbebroschüre der englischen Edelschmiede entsprungen zu sein schien: Zitate wie „Ich mag Zurückhaltung, wenn sie nicht zu weit geht“, „Ich habe Kurven nicht entdeckt, ich habe sie nur aufgedeckt“, „Sex ist Emotion in Bewegung“ oder „Ich spreche zwei Sprachen: Körper und Englisch“ passten dem „Baby Roller“ einfach wie angegossen. Als wir schweißgebadet die Limousine in Windhof abgegeben hatten, und ich den Cadillac eines alten Freundes kreuzte (siehe Bild), da fühlte ich mich in meiner These bestätigt, denn die überdimensionalen, von Artilleriegranaten des Zweiten Weltkrieges inspirierten Chrom-Torpedos an den Stoßstangen der General-Motors-Produkte der 1950er wurden vom Erfinder Harley Earl zwar nie selbst so genannten, waren im Volksmund aber schnell als „Dagmar Bumpers“ bekannt. Und Dagmar war, wie könnte es anders sein, eine vollbusige Fernsehansagerin dieser Zeit. Das Tierreich hatte diesem stilistischen Exzess einfach nichts zu bieten.

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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