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Die Stille entdecken

„Verplante Kindheit” nennen Wissenschaftler heute die Terminhetze, denen Kinder vermehrt ausgesetzt sind. Die Folge: Viele Kinder klagen schon über stressbedingte Störungen. Die Entspannungspädagogin Annette Jaffke verrät, wie Kinder wieder zur Ruhe kommen.

Fotos: V&P Photo Studio/Fotolia, François Aussems/Editpress

Wir leben in einer Zeit, in der viele Erwachsene unter Zeit- und Leistungsdruck stehen und sich gestresst fühlen. Sind Kinder davor gefeit?
Zu unserem Alltag gehört heute ein gewisses Maß an Stress. Ohne Stress wären wir nicht leistungsfähig. Es gilt ein gewisses Gleichgewicht zwischen positivem, anregendem Stress und negativem Stress zu halten. Je jünger das Kind ist, desto sensibler reagiert es auf die emotionalen Befindlichkeiten der Eltern. Wichtig sind Rituale und feste Regeln im Tagesablauf, damit Kinder einen sicheren Rahmen haben, der nicht mit Stress besetzt ist. Eltern sollten Kindern helfen, ihren Lernalltag so zu strukturieren, indem sie gemeinsame Lern- und Hausaufgabenzeiten einplanen und dabei auch Pausen und Freizeitaktivitäten beachten. Die Freizeitaktivitäten sollten aber keine zusätzliche Quelle für Stress und Termindruck werden. Kinder brauchen zur Entspannung auch Zeiten, in denen sie nichts tun und faulenzen. Eltern sollten mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie bei sich selbst für Ausgeglichenheit sorgen und Mechanismen zur Stressbewältigung entwickeln, die sie auch ihrem Kind weitergeben können.

Inwieweit unterscheidet sich ein Entspannungstraining für Kinder von einem für Erwachsene?
Kinder können sich nicht wie Erwachsene zwei- bis dreimal täglich die Formeln des autogenen Trainings oder der progressiven Muskelentspannung aufsagen. Das gedankliche Sprechen würde sie überfordern. Damit Kinder sich trotzdem tief entspannen können, ist es sinnvoll, die Entspannung in Fantasiereisen, Entspannungsgeschichten, Stilleübungen, Atemübungen, Mandala malen und Massagen einzuteilen. Der spielerische Umgang mit Entspannung ist wichtig. Entspannung sollte als etwas Selbstverständliches wahrgenommen werden – als etwas, das alle brauchen und können.

„Entspannungsübungen helfen Kindern, von Anspannung auf Ruhe umzuschalten.“

Warum ist Entspannung für Kinder so wichtig? Kann ein Spaziergang in der Natur das nicht mehr leisten?
Wenn ein Kind den ganzen Tag über von einer Aktion zur nächsten hetzt und sich keine Pause gönnt, ist es abends nervös und aufgedreht. Es kann nicht einschlafen, obwohl es müde und erschöpft ist. Die Gedanken kommen nicht zur Ruhe. Oft erkennen Erwachsene nicht ihr natürliches Bedürfnis nach Ruhe und Besinnlichkeit und animieren Kinder stets zu neuen Aktionen. Geschieht dies über einen längeren Zeitraum hinweg, werden die Kinder immer zappeliger und unruhiger. Wichtig ist es, für ein tägliches Pendeln zwischen Bewegung und Entspannung zu sorgen, damit die Kinder wieder zurück zu ihrer Mitte finden und ihr körperliches und geistiges Gleichgewicht aufrecht erhalten können. Es muss nicht unbedingt ein Entspannungstraining sein. Ein Spaziergang in der Natur, ein Spielplatz, mit Freunden spielen, ein Buch lesen, Musik hören, faulenzen, malen – das alles kann sehr wohl für Entspannung sorgen. Es gilt zu beobachten, was dem Kind gut tut.

Was bewirkt die Entspannung bei Kindern und auf das Lernen in der Schule bezogen?
Befindet sich ein Kind im Dauerstress, gelingt es ihm schwer, zuzuhören, Aufgaben zu bewältigen, Neues zu lernen, Ideen zu entwickeln, Probleme auszuhalten oder zu lösen. Wichtig ist es, für das Kind eine Auszeit zu schaffen, um sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, um sich zu stabilisieren, um Erlebtes und Gelerntes zu verarbeiten. Nach der Entspannung ist es offener für neue Infos, kann sich besser konzentrieren, sich mit seinem Gegenüber friedlich auseinandersetzen und so auf Dauer gesünder bleiben. Entspannungsübungen helfen Kindern von Anspannung auf Ruhe umzuschalten. Hier werden Stressbotenstoffe, die zu Lernblockaden und Konzentrationsproblemen führen können, gedrosselt. Serotonin und Dopamin werden verstärkt ausgeschüttet. Sie bewirken im Körper eine innere Ruhe und Zufriedenheit und spielen in Bezug aufs Lernen eine wichtige Rolle. Durch regelmäßiges Entspannungstraining werden mentale Fähigkeiten gefördert, Lernen und gute Konzentration werden möglich.

Was sind die häufigsten Stress-Symptome?

Viele Kinder fühlen sich unter Stress unwohl, sind nervös oder ängstlich. Andere ziehen sich zurück, sind teilnahmslos, leiden unter Appetit-, Schlaf- und allgemeiner Lustlosigkeit sowie Kopf- und Bauchschmerzen. Auch aggressives Verhalten kann eine Folge von Stress sein. Bleibt die Stressreaktion kurzzeitig, wie durch eine schwierige Klassenarbeit, ist das normal. Problematisch wird es erst, wenn die Symptome länger anhalten.

„Wichtig sind Rituale und feste Regeln im Tagesablauf, damit Kinder einen sicheren Rahmen haben, der nicht mit Stress besetzt ist.“

Wie läuft eine Stunde ab? Mit welchen Techniken arbeiten Sie?
Das Trainingsprogramm beinhaltet acht Sitzungen (je eine Stunde) und zwei Elterngespräche. Schwerpunkte sind das Kennenlernen und das Einüben einzelner Entspannungstechniken, wie das autogene Training und die progressive Muskelentspannung, die das Kind zu Hause oder in der Schule selbst umsetzen kann. Das Training hilft dem Kind, seine innere Balance zu finden und sich emotional wie auch mental sicherer und stärker zu fühlen. Mithilfe der Entspannung unterstütze ich das Kind dabei, Stress besser wahrzunehmen, ungünstige Bewältigungsstrategien zu erkennen und günstige Verarbeitungsstrategien aufzubauen. Beim Training kommt auch das Stressmännchen „Pitti Stressig“ zum Einsatz. Er ist eine Art Leitfigur und funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie die Stresswaage in der Verhaltenstherapie. Er symbolisiert das innere Gleichgewicht und hilft den Kindern, sich zu öffnen und sich mitzuteilen. In Zusammenarbeit mit den Eltern und dem Lehrer oder Erzieher wird mit dem Kind nach Lösungsmöglichkeiten für sein Stressempfinden gesucht und ressourcenorientiert gearbeitet.

Für welche Kinder ist das Training geeignet?
Das Entspannungstraining richtet sich an Schulkinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren, die an den Folgen von Stress leiden. Die Förderung der Stressbewältigungskompetenzen kann schon im Kindesalter einen wichtigen Beitrag zur Krankheits- und Gesundheitsprävention leisten. Studien haben bestätigt, dass Blutdruck, Atmung, Durchblutung von Organen wie Gehirn, Herz oder Nieren durch Ausübung von Entspannungstechniken verbessert werden können. Andere Untersuchungen konnten nachweisen, dass die Anwendung von Entspannungstechniken einen erholsamen Schlaf fördert und Stress- und Angstsituationen mit mehr Gelassenheit begegnet werden kann.

Wenn ein Kind unter ADHS leidet: Wird es durch das Entspannungstraining ruhiger?
Wichtig ist es, die passenden Methoden zu finden, die zum Kind und auch der Situation passen. Gerade Kinder mit großem Bewegungsdrang können sich oft über körperaktive Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung besser auf Ruhe einlassen als über eine mentale, konzentrative Entspannungstechnik wie das autogene Training. Es ist wichtig, Kinder in ihrer Befindlichkeit abzuholen und Entspannungsübungen flexibel und ohne Leistungs- und Erwartungsdruck anzubieten.

Annette Jaffke

Fotos--Entspannung-Jaffke

Die Luxemburgerin, 41, ist ausgebildete Erzieherin und hat eine Fortbildung als Entspannungspä-
dagogin und Psychagogin gemacht. Sie arbeitet teils selbstständig als Psychagogin und Entspannungspädagogin im „Institut fir Psychologesch Gesondheetsfërderong“ (IPG) in Bartringen und teils als Erzieherin in einem Therapiezentrum. Annette Jaffke hat eine Tochter, der sie regelmäßig Entspannungsgeschichten vorliest. Sie ist zudem Vize-Landesmeisterin im Triathlon (Langdistanz) und wendet Entspannung vor Wettkämpfen an.

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Was halten Sie von Kinder-Yoga?
Yogaübungen sind für Kinder besonders geeignet, da sie Tiere, Pflanzen oder andere Erscheinungen der Natur nachempfinden. Die Übungen vermitteln den Kindern ein besseres Körpergefühl, was ihr Selbstvertrauen stärkt. Die Konzentration auf die Übungen hilft Kindern, sich auf sich selbst zu konzentrieren, in Kontakt mit sich zu kommen und somit ihre Gedanken und Gefühle zu entfalten.

Gibt es Kinder, die sich nicht auf Entspannungsangebote einlassen können?
Ja, solche Kinder gibt es. Entspannungstraining soll keine Disziplinierungsmaßnahme sein. Es soll Spaß machen. Hier gilt es, mit den Eltern gemeinsam zu schauen, welche Ressourcen ihr Kind hat und dem Kind andere Wege anzubieten, bei denen es Ruhe und Ausgeglichenheit findet. Manche Kinder bauen überschüssige Energien gut durch Sport ab, andere legen sich hin, hören ihre Lieblingsmusik oder malen. Eltern sollten beobachten, wie ihr Kind Stress abbaut und es darin bestärken.

Wie können Kinder im Alltag zu Hause am besten entspannen?
Kinder verarbeiten Stresssituationen oft spielerisch. Am besten sollten Eltern ihrem Kind Freiräume schaffen. Damit wecken sie die Lust am Neuen, am Ausprobieren, an der Fantasie, mit der das Kind neue Spiele erfindet. Und das geht nicht unter Zeitdruck und Fremdbestimmung.

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Author: Martine Decker

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