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Die Vision als sinnliche Maschine

Renault hat in den letzten Jahren viel Geld und Arbeit in fortschrittliche Technologie, neue Modelle und strategische Allianzen investiert, die Rückkehr als einziges Werksteam eines Massenherstellers in die Formel 1 steht bevor, die Chinesen geifern nach Premium-Karossen und die Finanzen der Gruppe sind solide, erklärte anfangs der Woche Renault-Chef Carlos Ghosn in Monte Carlo. Der Moment sei also mehr als günstig, um jetzt einer lang verschollenen Schönheit aus der Normandie zu erlauben, der Welt ihre Aufwartung zu machen. Dann fielen die Hüllen im Blitzlichtgewitter und sie stand vor uns…

Fotos: Renault

Seit mehreren Jahren brodelt bereits mehr oder weniger vehement die Gerüchteküche bezüglich einer Wiederauferstehung der Alpine A110, der so genannten „Berlinette“ aus der Spätphase der „Trente Glorieuses“, ein sportliches Coupé mit 1,3, dann 1,6 und schließlich 1,8 Liter Hubraum, das in der „mémoire collective“ der Franzosen bleibende, um nicht zu sagen blendende Eindrücke hinterlassen hat.

Zwischen 1961 und 1977 wurde das schnittige, von Jean Rédélé gezeichnete Coupé gebaut. Es räumte 1976 nicht weniger als sechs Siege im ersten Jahr der Rallye-WRC ab und wurde von 1971 bis 1984 als Nachfolgemodell A310 von einem 1,6-Vierzylinder auf 2,6-Liter-V6 (ab 1977) aufgeplustert. Dann war Schluss und eine glorreiche Epoche, die der Welt zeigte, zu was „French Panache“ in einem leichten Negligee alles fähig ist, war definitiv vorbei. Außer einigen halbherzigen, wenn auch spektakulären Studien aus der Designabteilung, fürs zwischenzeitlich lädierte Image der Marke pünktlich vor diesem oder jenem Autosalon herausgeputzt, blieb es erst einmal beim immer unglaubhafteren Orakel einer stets bevorstehenden Renaissance.

Doch nun, knapp drei Wochen vor dem Genfer Autosalon, hatten die Mannen um Renault-CEO Carlos Ghosn anscheinend keine Geduld mehr und wollten der Welt das derzeit letzte Kapitel in diesem augenscheinlich von Michael Ende geschriebenen Märchen erzählen. Verabredet wurde sich in Monte Carlo, eine Handvoll Gerüchte wurden, um die Spannung ja nicht abflauen zu lassen, vorab gestreut. Vor besagter Konferenz konnten also schon die folgenden, noch nicht bestätigten Eckdaten festgehalten werden.

51_Alpine_VisionDie Gerüchte

Der Nachfolger des A110 sollte, so wurde behauptet, vermutlich auf den Namen A120 hören, sollte ab zirka 40.000 € zu haben sein und den von 1,6 l auf 1,8 l aufgebohrten Motor aus dem Clio RS sowie das siebengängige Doppelkupplungsgetriebe (EDC7) aus dem neuen Renault Talisman erhalten. Er sollte zirka 1.100 kg wiegen. In letzter Minute habe man sich mit Blick auf den Endpreis gegen die für eine schlankere Statur nötige, aber leider sehr teure Karbonfaser entschieden. So sollte ein Chassis aus Aluminium her, dazu ein paar aggressivere Turboschnecken, um die Leistung auf mindestens 250 PS im Basismodell anzuheben. Ein Jahr nach Startschuss sollte eine kräftigere Top-Version mit mindestens 300 PS folgen, denn die anvisierten Opfer dieser neuen Kraftschleuder mit Mittelmotor und Heckantrieb sollten keine Geringeren sein als der Porsche Cayman und der Alfa Romeo 4C. Da konnte man natürlich nicht diesbezüglich knausern.

54_Alpine_VisionUm die gesteigerte Leistungsausbeute des 1.8 TCe in den Griff zu bekommen, sollte dem überarbeiteten Kühltrakt besondere Aufmerksam gewidmet werden, was der Karosserie spektakuläre Lufteinlässe und Formen bescheren musste. Viel mehr war am letzten Dienstag bei Ankunft auf „the Rock“ nicht gewusst. Dann kam sie endlich, die Konferenz, und jetzt können wir nach den Mythen und Legenden endlich etwas erleichtert die Fakten schildern. Was ist also nun schlussendlich dran, an der Berlinette des 21. Jahrhundert?

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Die Fakten

Nun, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Der neue heißt nicht etwa A120 in Anlehnung an die Legende, sondern einfach Alpine Vision, denn genau das ist er, eine Vision und derzeit auch noch nicht mehr.

Carlos Ghosn legte sich gleich ins Zeug, wie ein Kampfaufruf vielmehr als eine Produktvorstellung klang seine Rede, wie ein Aufruf zu den Waffen zu greifen – es liegt bekanntlich in der DNA der Nation. „Wir müssen sichergehen schnell, wendig und voller Passion zu sein“, sagt der CEO zu einem Drittel als Erklärung in den Saal, zu zwei Drittel als Beschwörung an die eigenen Truppen.

Allerdings ist der Alpine Vision auch diesmal nur ein „Show Car“, denn die endgültige Version wird der hier zwar „zu 80 Prozent ähneln“, aber sie wird eine andere sein. Noch gäbe es einige Details zu klären, sei es auch nur wegen der bevorstehenden Homologation des Endprodukts. Ein Auto das Ende des Jahres noch einmal vorgestellt und ab 2017 zu den Händlern kommen soll. Will heißen, nicht alle 12.000 Händler weltweit, sondern nur jene, die die nötigen Kriterien erfüllen, wie Kompetenz, Infrastruktur, personelle und materielle Ressourcen sowie, vor allem, die unabdingbare Leidenschaft. Fazit: Böses Blut in der Renault-Community ist vorprogrammiert.

Verschwunden ist jetzt bereits die doppelflutige Auspuffanlage des zum 60. Geburtstag der Marke 2015 in Le Mans vorgestellten Prototyps „Alpine Celebration“. Dazu sagte uns Chefdesigner Antony Villain, dass ein Doppel-Auspuff derzeit zwar schwer „en vogue“ sei, aber ein Auspuff sei nun mal leichter als zwei, ergo… Denn der neue Alpine Vision sei nicht dazu erkoren, Supercars von der Übelholspur zu fegen. Die Vision sei eine der glatten, fließenden Formen, des geschwungenen Hüftbereichs, der breiten Radkästen im Sinne einer „Funktionalität, die auch schön sein muss“. Der Name Alpine sei eng verbunden mit dem Jagdrevier des Autos, den kurvenreichen Alpen, im Innern werde viel nacktes Metall zu sehen sein, denn das sei sowohl puristisch-ehrlich wie auch gewichtssparend, aber es handle sich hier um eine Melange aus Leichtigkeit, Sportlichkeit und Sensualität, ganz ohne jegliche Arroganz: „Ja, der Alpine, (auf Französisch heißt es Gott sei Dank „Die Alpine“) ist eine sinnliche Maschine, keine die von hinten heranprescht und jemand anderen zermalmen will. Nein. so ist sie nicht.“ PS: Auch betuchte Nicht-Rennfahrer im besten Alter sind wohlgemerkt als zukünftige Kunden in Zukunft ausdrücklich erwünscht, DNA hin oder her.

Alpine-Vizegeneraldirektor Bernard Ollivier schlug beim Interview ähnlich verliebte Töne in dezentem „bémol“ an: Der/Die Alpine bewege sich auf einem Markt der Nachfrage, nicht auf einem Markt des Angebots. Es sei eine Frage des Verlangens, und diese kühle Schönheit aus der Seine-Maritime werde zum Glück noch immer im Werk in Dieppe hergestellt, eine „sehr manuelle Fabrik, wo man noch mit den Händen arbeitet und sowieso nie etwas anderes als exklusive Sportler(innen) gebaut hat“. Das sei ihr enormer Vorteil, denn es handle sich ja nicht um eine schnöde Mégane-Konkurrentin. Wenn man jetzt also loslege, dann habe man kein Recht auf Fehleinschätzungen. Wobei die Frage nach einer eventuellen Kollaboration mit Lotus, nach der Trennung von Caterham, natürlich auf der Zunge brannte. Aber Ollivier wiegelte etwas verlegen ab: „Nein, wir haben alles im Haus was wir brauchen und.. also ja, nein, Lotus, die haben noch andere Sorgen…“. Zwischen den Zeilen hieß das so viel wie Lotus pfeift finanziell auf dem letzten Loch und wir brauchen sie und auch Caterham nicht für dieses Projekt, und schon gar nicht um als „Sugar Daddy“ den Karren aus dem Mist zu ziehen. Das hat Ollivier zwar nicht so gesagt, aber wir haben es zumindest so verstanden.

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Viele Fragen und etwas weniger Antworten

Aber zurück zum Alpine Vision. Wie viele davon sollen pro Jahr produziert werden ab 2017? Carlos Ghosn sagt er wisse es nicht, aber da man eine komplette Marke entstehen werden lasse, könne man sich langfristig sowieso nicht mit einem Modell begnügen. Aber erst einmal wolle man „die Seele von Alpine wieder einfangen“. Erst dann sehe man weiter.

Wird es ein Auto exklusiv für Europe werden? Die klare Antwort darauf war: nein! Erst baue man ein Auto als Aufhänger für ein ganzes Label, dann werde man mit dieser Marke aber auf jeden Fall global antreten und deshalb auch die Produkte nicht auf den Alten Kontinent beschränken. Das sei weder sinnvoll noch erstrebenswert.

Und wie heißen die Konkurrenten? Darauf wollte der CEO gar nicht erst eingehen, man werde leicht und wendig daherkommen, mit einem kleinen, umweltfreundlichen und turbogeladenen Vierzylinder auftreten, und dann müsse man sehen, wer das in dieser Preiskategorie ähnlich halte.
Also kamen wir dann doch endlich zum Preis und dem Antriebsaggregat? Nein, Fehlanzeige, das taten wir nicht, denn da die Identität des Motors weiterhin unter Verschluss gehalten wird – fest steht lediglich, dass es sich nicht um den Motor aus dem Clio RS handelt, sonst eine völlige Neuentwicklung sein soll ¬–, wäre es müßig über den Preis zu philosophieren. Dazu meinte der Renault-Chef augenzwinkernd, der Preis läge auf jeden Fall unterhalb der 80.000 Euro Einstiegspreis, die man derzeit für einen guten A110 aus den Sechzigern hinblättern muss. Eine manuelle Gangschaltung wird es, dem Trend der letzten Jahre bei Renault folgend, wohl nicht geben, auch wenn dies nicht ausdrücklich ausgeschlossen wurde.

Epilog: Die Vision nach der Vision

Zum Abschluss überraschte ein englischer Kollege dann noch mit der verblüffenden Frage, was der Herr Ghosn denn vom drohenden „Brexit“ der Briten aus der EU halte. Der Libano-Franco-Brasilianer lachte und schloss nach einer Sekunde der Überlegung mit den Worten: „Ich danke Ihnen für diese sehr sachdienliche Frage, also formulieren wir es mal so… ich würde es niemandem erlauben, mir zu sagen, dass ich jetzt mehr oder weniger Autos verkaufen darf, je nachdem ob Britannien in der Union bleibt oder nicht.“ Peng! Dann gingen die Lichter aus und die Messe war gelesen.

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Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Martine Decker

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