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Die Welt in Kugeln

Gegen alle Klischees vom gemütlichen Kugelwerfen mit mediterranem Flair hat sich Pétanque längst zum Leistungssport unter Profibedingungen gemausert. Luxemburg gehört mittlerweile zum erweiterten Kreis der internationalen Spitze.

Claudio Contardi ist hochkonzentriert. Wenn er die metallene Kugel wirft, lässt er sich von nichts und niemandem ablenken. Pétanque ist ein Präzisionssport. „Man muss die Ruhe bewahren“, sagt Massimo Santioni. „Einfach cool bleiben.“ Zusammen mit den anderen Trainingspartnern schaut er zu, wie Conrardis Kugel nah am Cochonnet landet, am „Schweinchen“ oder an der „Sau“, wie die Pétanque-Spieler die wesentlich kleinere Zielkugel aus Holz nennen. Santioni nickt anerkennend und wirft dann selbst. Nachdem alle Kugeln geworfen sind, nimmt Jean-Luc Bocci ein Maßband und misst den Abstand der Kugeln zum Cochonnet. Er ist an diesem Abend ins Boulodrome von Beles gekommen, um mit seinen Spielern Taktik zu trainieren. Während er die Szenerie nachdenklich beobachtet, diskutiert Paulo Serrano mit Contardi, Santioni und Patrick Mai, dem dritten und an diesem Abend jüngsten Spieler im Bunde, über die Spielsituation.

Pétanque macht zwar Spaß, wird aber auch sehr ernst genommen.

Bocci und Serrano coachen das Luxemburger Nationalteam, das zuletzt bei den Spielen der kleinen Ländern Ende Mai erfolgreich war, als Contardi und Santioni zwei Goldmedaillen – Ersterer in der Einzelwertung und beide zusammen im Doppel – holten. „Es war eine gute Gelegenheit, auf unseren Sport aufmerksam zu machen“, sagt Gérard Schneider, Präsident der Fédération Luxembourgeoise de Boules et de Pétanque (FLBP). Denn obwohl fast tausend, davon mehr als 800 in der Meisterschaft und 200 Freizeitspieler im Großherzogtum gemeldet sind und 18 Vereine in zwei Ligen gegeneinander antreten, obwohl in vielen Gemeinden zahlreiche Spieler in ihrer Freizeit Pétanque oder Boules spielen und die überdachte Anlage die beste Voraussetzung für Turniere und Trainingseinheiten bietet, führt die Sportart hierzulande nach wie vor ein Schattendasein. Das Image von den älteren Herren in Südfrankreich, die zwischen einem Glas Pastis und einem Zug an der Gitane eine ruhige Kugel schieben, haftet dem Sport an. Wer im Boulodrome die gewissenhaften Blicke von Bocci und Co. verfolgt, der weiß schnell: Pétanque macht zwar Spaß, wird aber auch sehr ernst genommen.

Davon kann Claudio Contardi erzählen. 2016 gehörte er zu dem Team der Luxemburger, die im Triplette – neben der Einzelwertung „Tête à Tête“ und dem Doppel „Doublette“ die dritte mögliche Formation – bei den Weltmeisterschaften in Madagaskar in der Vorrunde sogar den Gastgeber und späteren Champion sowie die Finalisten aus Benin schlugen. Vor 3.500 Zuschauern in der Halle von Antananarivo, einem Hexenkessel, hielten die Luxemburger dem Druck stand und gelangten bis ins Achtelfinale und auf den neunten Platz. „Die Zuschauer pfiffen uns aus, um ihrer Mannschaft einen Vorteil zu verschaffen, und versuchten, uns mit ihren Smartphones zu stören“, erzählt Contardi. „Ihr eigenes Team feuerten sie dagegen frenetisch an.“ Mit Luxemburg habe niemand gerechnet, erinnert sich Gérard Schneider. „Früher waren wir für die Spitzennationen wie Frankreich, Belgien oder Thailand als Gegner gleichbedeutend mit einem Freilos“, sagt der FLBP-Präsident. „Doch plötzlich hatten die richtig Schiss vor uns.“ Und Jean-Luc Bocci weiß: „Beim Pétanque kommt es sehr auf die mentale Verfassung des Spielers an. Er darf sich nicht auf die Psychospielchen seiner Gegner einlassen.“ Denn oft genug werden psychische Tricks angewandt, um die Kontrahenten zu verunsichern. Den Gegner zu studieren und zu kennen, seine Handlung zu antizipieren, ist eine Sache und eine wichtige Voraussetzung des Präzisionssports.

Die andere sind gute Nerven. Auf Genauigkeit kommt es genauso an wie darauf zu überlegen, was der Gegner als nächstes macht – „und auch darum zu wissen, mit wem ich es überhaupt zu tun habe“, so Contardi, „mit einem Rechts- oder Linkshänder, und welche Eigenheiten er hat“. Bei der Weltmeisterschaft Anfang Mai im spanischen Almería kam Contardi im Tête à Tête auf den fünften Platz, was er als großen Erfolg verbuchte. Im Spiel gegen den einstigen Weltmeister aus Thailand führte er 11:4 und verlor am Ende mit 11:13.

Mittlerweile habe sich Luxemburg einen Namen in der internationalen Pétanque-Szene erarbeitet, was nicht zuletzt auf die gute Infrastruktur zurückzuführen sei, betont Gérard Schneider, der zugleich stellvertretender Vorsitzender des Weltverbandes ist und einst Präsident des Europäischen Verbands war. Letzterer hat ein Büro direkt neben jenem der FLBP in Beles. Schneider ist in derselben Straße aufgewachsen, wo sich heute das 2011 fertiggestellte Boulodrome befindet. „Vor allem im Süden des Landes hat sich das Pétanque verbreitet, während anfangs die schickeren Europaparlamentarier der verwandten Sportart Boccia den Vorzug gaben. Als ich ein kleiner Junge war, spielten hier im Metzerlach ein paar Italiener“, erinnert sich der 62-Jährige. „Heute ist das Boulodrome der Nabel des Pétanque. Viele Franzosen aus dem Grenzgebiet sind hinzugekommen, die für einen Anstieg des Niveaus sorgten.“ Schneider nennt zudem auch die Unterstützung durch die Gemeinde in Sanem und das Sportministerium als Glücksfall für die Sportart in Luxemburg. „Vor allem die beiden Minister Jeannot Krecké und Romain Schneider taten viel für uns.“

„Wer an einem Wettkampftag von morgens bis abends voll konzentriert auf den Beinen sein muss, kann sich keinen Durchhänger erlauben.“ Gérard Schneider, FLBP-Präsident

Gegen das Klischee vom Pastis trinkenden Pétanque-Spieler spricht nicht nur die professionelle Führung der internationalen Föderationen und nationalen Verbände. Fast wäre der Sport olympisch geworden. Zum ersten Mal 2024 in Paris. In Frankreich, der Heimat des Pétanque, dem Land des Rekordweltmeisters. Doch der Traum so vieler Anhänger des Kultsports ging nicht in Erfüllung. Das Olympische Komitee ließ den Aufstieg zum Olymp scheitern. „Une catastrophe pour les jeux de boules“, zu denen auch das „jeu provençal“ und das „boule lyonnaise“ gehören, wurden Schneider und sein französischer Amtskollege Joseph Cantarelli in der Presse zitiert. Den Vorzug bekam Breakdance. „Sicherlich eine Enttäuschung“, sagt Schneider. Vielleicht war das Image ausschlaggebend dafür. Dabei sehe die sportliche Realität ganz anders aus. „Sie sehen bei den Wettkämpfen keinen Spieler, der trinkt“, betont der FLBP-Präsident. „Schließlich gibt es Alkohol- und Dopingkontrollen und kommt es auf körperliche Fitness an. Wer an einem Wettkampftag von morgens um acht Uhr bis abends und manchmal bis Mitternacht voll konzentriert auf den Beinen sein muss, kann sich keinen Durchhänger erlauben.“

Der Verbandschef weiß, von was er spricht: 1974 holte er seinen ersten luxemburgischen Juniorenmeistertitel, 1979 spielte er seine erste Weltmeisterschaft. Für die Olympischen Spiele war die Disziplin „Doppel Mixed“ vorgesehen, also ein Mann und eine Frau. Die Infrastruktur wäre in Paris auf den Champs de Mars prädestiniert gewesen, ebenso der Zuschauerzuspruch. „Vielleicht hakte es daran, dass unser Sport nicht fernsehgerecht und zu wenig spektakulär ist. Ein weiteres Problem: Eine Partie kann sich in die Länge ziehen und bis zu zweieinhalb Stunden dauern. Doch auch dagegen hatten die Verbände bereits Abhilfe geschaffen, indem sie eine zeitliche Begrenzung einführten. Dass die Sportart populär ist, hat sich längst bewiesen, weiß Schneider. Im nationalen Boulodrome, in dem ebenso für das mit wesentlich größeren und schwereren Kugel gespielte Boule die nötigen Felder sind, werden nicht nur die Meisterschaften in Bereichen Junioren, Espoir, Senioren und Veteranen sowohl für Männer als auch für Frauen ausgetragen. Zur Anlage kommen private Freundeskreise nach Feierabend genauso wie Betriebe mit ihren Belegschaften. Selbst Altenheime mieten die Felder, ebenso Gruppen von Menschen mit Behinderung. Pétanque ist außerdem leicht erschwinglich, man braucht keine spezielle Kleidung und muss für einen Set Kugeln nur einmal höchstens hundert Euro ausgeben.

Für die Cracks macht die Faszination ihres Sports aber noch mehr aus: „Es ist der enorme Zusammenhalt“, erklärt Schneider. „Zudem sind hier alle Alterskategorien. Hier kann man mit zehn, aber auch mit 75 Jahren antreten.“ Generationenübergreifend im besten Sinne ist seine Leidenschaft für Claudio Contardi. „Ich kam über meinen Vater dazu, der noch heute spielt“, sagt der 33-Jährige, der als Bankkaufmann arbeitet. So kommt es nicht selten vor, dass in einem Turnier Vater und Sohn die Kugeln werfen – pardon: aufnehmen, wie es heißt. Von den 18 Vereinen kommt mindestens die Hälfte aus dem Süden, allein vier sind aus Esch. Die sechs Klubs aus der ersten Liga sind allesamt aus dem Minett: Angeführt von Meister BP Riganelli aus Esch, gefolgt von Schifflingen, Düdelingen, Kayl, Beles-Metzerlach und Boule d´Or. Zwar zähle noch immer die Freundschaft unter den Spielern, weiß Jean-Luc Bocci, der auf 39 Jahre als Aktiver zurückblickt, „aber die Mentalität hat sich geändert.“ Contardi präzisiert: „Heute wird mehr geschossen als gelegt.“ Was nichts anderes bedeutet als eine aggressivere Spielweise, wenn die Kugel des Gegners mit einem Wurf „abgeschossen“ wird. „Andererseits wird eine Kugel, die gut liegt, verteidigt“, ergänzt Contardi. Er trainiert zwei bis drei Mal die Woche. Für die im September anstehende Europameisterschaft gilt es, die besten Drei aus einem Kreis von etwa acht, neun ungefähr gleichstarken Spielern herauszufiltern. „Allesamt haben sie ein richtig gutes Niveau“, sagt Gérard Schneider stolz. Die Qual der Wahl also. Das spricht für Qualität. Der Präsident lächelt und Jean-Luc Bocci nickt zufrieden. Die EM in Bulgarien kann kommen. Heute Abend haben sich die Spieler wieder nichts geschenkt. 12:12 heißt es im Doppel der Trainingspartner. Dann hebt Claudio Contardi die Kugel. Der 13. Punkt entscheidet. Aber nicht das Glück, sondern das Können.

Infos

Im Vergleich zu Boule – besser gesagt das Boule Lyonnaisse, aus dem sich das Jeu Provençal und schließlich das Pétanque entwickelte – gibt es bei Pétanque keine drei Anlaufschritte.
Gespielt wird mit „pieds tanqués“, geschlossenen Füßen. Möglich sind drei Formationen: tête à tête (ein Spieler gegen einen anderen mit drei Kugeln pro Spieler), doublette (zwei gegen zwei mit drei Kugeln pro Spieler) und triplette (drei gegen drei mit zwei Kugeln pro Spieler).
Das Spiel ist in Aufnahmen unterteilt. In jeder wird die Zielkugel geworfen, dann wirft der Spieler derselben Mannschaft eine Kugel. Am Ende einer Aufnahme bekommt die Mannschaft, deren Kugel am nächsten an der Zielkugel ist, die Punkte – und zwar so viele, wie sie Kugeln hat, die näher an der Zielkugel liegen. Eine Partei geht (außer das Zeitlimit ist überschritten) bis 13 Punkte.

Fotos: Isabella Finzi (Editpress)

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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