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Die Welt ist ein Ei

Die Beziehungen zwischen Nord und Süd werden spätestens seit den Zeiten des Kolonialismus als Abhängigkeitsverhältnis gedeutet – politisch und wirtschaftlich. Zu einem echten Konflikt wurde es im Laufe der Entkolonialisierung jener Länder, die zumeist auf der Südhalbkugel der Erde liegen und die heute unabhängig sind. Die sogenannten Brics-Staaten, benannt nach den Anfangsbuchstaben der aufstrebenden Schwellenländer, von denen zwei immerhin auch in der südlichen Hemisphäre liegen, haben gezeigt, dass die alte Dominanz der nördlichen Industrieländer nicht mehr zutrifft. Der Süden hat sich emanzipiert.

In der schönsten, aber auch einer der rauesten Mannschaftssportarten hat diese Emanzipation schon längst stattgefunden: im Rugby. Bei acht Weltmeisterschaften in der Rugby Union (dem 15er Rugby) holte nur einmal ein Team aus dem Norden den World Cup. Und dieses Mal ist ausgerechnet im Geburtsland des Rugby, in England, keine europäische Mannschaft ins Halbfinale gekommen. Australien, Neuseeland, Südafrika und Argentinien, die Teams der Rugby Championship des Südens haben neue Maßstäbe gesetzt. Schon bei der WM vor acht Jahren in Frankreich schrieb eine neuseeländische Zeitung: „Jemand muss den Arzt holen. Der Rugby der nördlichen Hemisphäre ist krank.“

Verkehrte Welt also: Der Süden leistet dem Norden Entwicklungshilfe.

Zu viel Muskelkraft und Athletik statt der dynamischen, flüssigen Passspiele und überfallartigen Vorstöße der eingespielten Mannschaften aus dem Super Rugby und der Championship – die Ursache, die der englische Guardian gefunden zu haben glaubt, erklärt nicht alles. Zwar würden auf den britischen Inseln nur Kolosse gefördert, wie es heißt, was aber nicht ganz stimmt. Denn auch die Abwehrschlachten und Scrums (Gedränge) der Australier und Argentinier sind Weltklasse, nicht nur ihre Punktsammler wie der blitzschnelle Südafrikaner Bryan Habana, Australiens „Mr. Versatile“ Adam Ashley-Cooper, der argentinische Top-Scorer Nicolás Sánchez oder der Neuseeländer Dan Carter, der bestbezahlte Spieler der Welt, sind Spitze. Und Frankreich kam mit der richtigen Mischung immerhin drei Mal ins Finale und hat die wohl reichste Liga der Welt – aber keine erfolgreiche Nationalmannschaft mehr. Dort spielen mehr und mehr Stars aus dem erfolgreicheren Süden.

Verkehrte Welt also: Der Süden leistet Entwicklungshilfe. Australische, neuseeländische und südafrikanische Rugby-Trainer sind die Entwicklungshelfer. Luxemburg ist dafür ein gutes Beispiel, denn hierzulande prägte der Neuseeländer Marty Davis jahrelang den Rugbysport. Unter seiner Führung schafften die großherzoglichen XV den Aufstieg und sind in der Weltrangliste im Mittelfeld. In ihrer Division geben sie den Ton an. Vor ein paar Tagen fegten sie die Steinblöcke aus Österreich mit 34:6 vom Platz. Demnächst geht es im altehrwürdigen Josy-Barthel-Stadion gegen die Serben, wobei eines klar ist: Am Ende gibt es freundschaftliche Shakehands oder respektvollen Beifall für den Gegner in diesem von einem besonderen Teamspirit geprägten Sport. So heißt es nicht zu Unrecht: „Fußball ist ein Gentleman-Spiel, das von Hooligans gespielt wird, und Rugby ein Hooligan-Spiel, das von Gentlemen gespielt wird.“

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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