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Die Wolken lichten sich

In Kolumbien wirken die Schrecken der Vergangenheit noch nach. Denn lange haben Drogen- und Guerillakriege in dem Andenstaat gewütet.

Der Frieden bleibt dabei fragil, was nicht zuletzt auch die aktuellen Proteste befeuerte. Und trotzdem hat sich über die Jahre hinweg ein sichereres und offeneres Land etabliert, das zunehmend Menschen in seinen Bann zieht.

21. November 2019. Ein tosender Lärm, der unter anderem durch das Aufeinanderschlagen von Kochtöpfen, Pfannen und Löffeln hervorgerufen wird, ist von den Straßen der größten Städte Kolumbiens zu vernehmen – der „cacerolazo“, eine lautstarke Form des Protests. Denn der wachsende Unmut in der kolumbianischen Bevölkerung gegenüber der konservativen Führung des Präsidenten Iván Duque hat sich in einem Generalstreik entladen. Angeprangert werden vor allem die geplanten wirtschafts- und sozialpolitischen Reformen sowie die Nichtumsetzung des 2016 geschlossenen – und 2019 aufgelösten – Friedensvertrages mit der ehemaligen FARC-Guerilla. Während mehrere tausend Menschen überwiegend gewaltfrei in den Städten des Landes demonstrieren, wartet Leila van Nieuwenhuyze die Tumulte in Medellín sicherheitshalber in ihrer Jugendherberge ab. Zusammen mit ihrem Freund ist die luxemburgische Studentin der Kultur- und Sozialanthropologie seit einigen Wochen auf Urlaubsreise durch Kolumbien.

„Schon seit mehreren Tagen kocht die Stimmung auf den Straßen. Trotzdem blieb es bislang relativ friedlich. Und doch spürt man den Verdruss der Menschen und ihren Willen, politisch einen Wandel herbeizuführen – wie es momentan in etlichen südamerikanischen Ländern der Fall ist. Natürlich hat man da als Außenstehende Respekt vor der Situation“, erzählt die 24-Jährige aus Esch-sur-Alzette. Die seit Ende November andauernden Proteste, die größten Massendemonstrationen der letzten Jahre im Land, forderten bislang vier Menschenleben und mehr als 500 Verletzte. Obwohl inzwischen ein nationaler Dialog initiiert und somit eine der Hauptbedingungen des Streikkomitees vom Präsidenten erfüllt wurde, bleibt die Angst der Kolumbianer bestehen, wirtschaftlich und sozial abzurutschen und es seinem Nachbarn Venezuela gleichzutun. Mindestens genauso groß ist aber die Furcht vor einem Rückfall im Friedensprozess. Die Geschichte des Landes hat nämlich seit fünfzig, hundert, ja zweihundert Jahren aus einer verheerenden Serie aus Aufständen, Staatsstreichen und Bürgerkriegen bestanden.

Typisch kolumbianische Wachspalmen im Valle del Cocora-Nebelwald, nahe bei Salento, Quindío.

Typisch kolumbianische Wachspalmen im Valle del Cocora-Nebelwald, nahe bei Salento, Quindío.

Dabei ist es erst drei Jahre her, dass die marxistische FARC-Guerilla und die damalige Regierung ein historisches Friedensabkommen unterzeichneten, das inzwischen wieder teilweise aufgelöst wurde. Dem längsten bewaffneten Konflikt Lateinamerikas konnte dadurch zumindest vorübergehend ein Ende gesetzt werden. Ebenfalls unvergessen, auch mehr als zwei Dekaden nach dem Tod des berüchtigten Drogenbosses Pablo Escobar, sind die Gräuel des Kokainkrieges – woran allerdings auch popkulturelle Darstellungen wie die Netflix-Serie „Narcos“ und der boomende Drogentourismus ihren Anteil haben. Angesichts dieser Tatsachen wundert es daher nicht, dass Kolumbien nach wie vor ein Image anhaftet, das hauptsächlich von Krieg, Drogen und Elend geprägt ist. Dennoch ist das nur die eine Seite der Medaille.

„Die Entwicklung, die das Land durchgemacht hat, ist äußerst beeindruckend. Kolumbien hat sich in kürzester Zeit von einer durch Gewalt erschütterten Nation zu einem sichereren und besseren Ort gemausert. Das ist vor allem den jungen Generationen zu verdanken“, betont Francine Lippert. „Besonders der pazifistische Zusammenhalt, der bei den aktuellen Bewegungen manifestiert wurde, verdient volle Beachtung, gerade in einem Land mit einer Geschichte wie Kolumbiens. Dies ist ein starkes Zeichen für die Abkehr gegenüber der gewaltvollen Vergangenheit. Auch in schweren Situationen lassen sich die Menschen ihren Glauben an das Gute nicht nehmen – genau das habe ich damals schon zu meiner Zeit in Kolumbien erfahren“, erzählt die 56-jährige Luxemburgerin. Damals, das war von 1987 bis 1993, war die gebürtige Niederkornerin als Krankenschwester für Médecins Sans Frontières in dem südamerikanischen Land im Einsatz.

Salento in frühen Morgenstunden.

Salento in frühen Morgenstunden.

„Anfangs haben wir in den Armenvierteln um Bogotá, dort also, wo es die Menschen am Nötigsten hatten, Gesundheitsposten eröffnet. Die Idee war dabei, die Gemeinschaft vor Ort zu unterstützen und sie in unsere Arbeit miteinzuweihen. So blieben die Menschen zum einen autonom, zum anderen wurde aber ebenfalls gewährleistet, dass wir ‚willkommen‘ waren und unsere Hilfe auch wirklich gebraucht wurde“, berichtet die ehemalige MSF-Mitarbeiterin. Mit 24 Jahren entschied sich Francine Lippert, ihr geregeltes Leben und ihre Krankenschwestertätigkeit in der Heimat hinter sich zu lassen und mit der Hilfsorganisation MSF nach Kolumbien zu reisen. Als sie 1987 dort ankam, ohne genaue Vorstellungen über ihre Arbeit oder ihr Leben vor Ort, erwartete die Krankenschwester ein von jahrzehntelangen Bürgerkriegen gebeuteltes Land, das seit 1983 zudem von Drogenkartellen und Guerillakämpfen beherrscht wurde.

Francine Lippert von 1988-1990 mit MSF in Bogotá; Arbeit mit Straßenkindern.

Francine Lippert von 1988-1990 mit MSF in Bogotá; Arbeit mit Straßenkindern.

„Wir waren mittendrin im Geschehen. Die Straßenkinder, die wir versorgten, waren unter katastrophalen Bedingungen in den Slums um Bogotá aufgewachsen. Ursprünglich entstanden diese Gebiete, weil Menschen aus dem ganzen Land wegen der Guerillakämpfe ihre Heimat zurücklassen mussten und sich dann am Stadtrand ansiedelten“, erzählt Francine Lippert. Dann seien da noch die vielen Entführungen, Morde und Anschläge gewesen, die sie in den Jahren des Narco-Terrors hautnah miterlebt habe, erinnert sich die Luxemburgerin. Regelmäßig wurden Kinder von den Guerillas aus Schulen entführt und als Soldaten rekrutiert. Ständig verschwanden Menschen. Autobomben gingen unweit der Einsatzstellen in die Luft. Inmitten dieser unwirklichen Szenarien zu arbeiten, setzte der jungen Krankenschwester natürlich enorm zu: „Ich denke heute noch: Wenn mir damals jemand zuvor erklärt hätte, was alles genau auf mich zukommen würde, wäre ich niemals nach Kolumbien gegangen.“

Dennoch stand für Francine Lippert in dieser Zeit nie wirklich zur Debatte, etwas anderes als ihre Arbeit zu tun, betont sie: „Wir hatten einen Job zu erledigen und viele Menschen waren davon abhängig. Zudem genossen wir immer auch einen gewissen Schutz in den Vierteln, weil die Leute uns kannten und unsere Arbeit schätzten. Trotz kleinerer Bagatellen ist uns glücklicherweise nie etwas Schlimmeres passiert.“ Darüber hinaus gab ihr der scheinbar nie enden wollende Optimismus der Menschen, die sie versorgte, Kraft weiter zu machen. „Auch die Ärmsten der Ärmsten haben in ihrer noch so miserablen Lage stets nach vorne geschaut und selbstständig versucht, einen Weg aus ihrem Elend zu finden.“

Francine Lippert, 2018, vor der Ludothek in Armenia, Quindío, ein von Enfants de l’Espoir ko-initiiertes Projekt.

Francine Lippert, 2018, vor der Ludothek in Armenia, Quindío, ein von Enfants de l’Espoir ko-initiiertes Projekt.

Nach dem Ende ihres Dienstes für die medizinische Hilfsorganisation ließ sich die junge Freiwillige nicht davon abhalten, noch sechs weitere Jahre in Kolumbien zu verbringen. Sie engagierte sich fortwährend gegen die Missstände im Land, gründete 1991 sogar eine Nichtregierungsorganisation (NGO) mithilfe von Kollegen aus Luxemburg – die Geburtsstunde der luxemburgischen Vereinigung „Enfants de l’Espoir“, die bis heute mehr als 50 Projekte und etliche Patenschaften zwischen den beiden Ländern realisiert hat. Obwohl die seit den 1990er Jahren gestiegenen Hilfsmaßnahmen und Projekte wie die von Francine Lippert dem Land viel geholfen haben, hat der bewaffnete Konflikt nichtsdestotrotz tiefe Wunden bei den Menschen hinterlassen. Heute, mehr als 50 Jahre nach Beginn und drei Jahre nach Ende des bewaffneten Konfliktes, gibt es fast keinen Kolumbianer, der selbst oder dessen Verwandtschaft nicht in irgendeiner Form mit den Schrecken der Vergangenheit in Kontakt gekommen ist.

Yulieth Panesso in Kolumbien.

Yulieth Panesso in Kolumbien.

So ebenfalls die 37-jährige Kolumbianerin Yulieth Panesso, die es im Jahr 2000 wegen der Aussichten auf eine bessere Ausbildung nach Luxemburg zog. Seitdem lebt und arbeitet die zweifache Mutter im Großherzogtum und ist dankbar dafür, dass ihren eigenen Kindern die negativen Seiten einer Kindheit in einem Land wie in ihrer ausgebeutelten Heimat erspart geblieben sind. Denn die lebensfrohe Frau aus dem Norden Kolumbiens musste so einige Situationen als Kind miterleben, die niemand in diesem Alter erfahren sollte. „Eines Tages haben wir einen Familienausflug im Auto entlang der nördlichen Küste unternommen. Als mein Vater kurz stoppte, weil vor uns auf dem Straßenrand ein Wagen hielt, zögerte er kurz, entschied sich dann aber weiterzufahren. Die Autoinsassen waren allesamt tot. Womöglich eine Falle der Guerillas, um die anhaltenden Menschen auszurauben – Anfangs der 1990er Jahre leider keine Seltenheit“, erinnert sich Yulieth Panesso.

Wie die in Luxemburg lebende Kolumbianerin haben viele ihrer Landsleute aufwühlende Geschichten über die Zeiten des Konfliktes zu berichten. Neben der erlebten Gewalt scheint aber zugleich die uneingeschränkte Zuversicht ein ständiger Begleiter in der Biographie eines Kolumbianers zu sein – ob in Bogotás Armenvierteln der 1980er Jahren oder bei den relativ friedlichen Kochtopf-Protesten anno 2019. Und auch wenn die rezenten Unruhen sowie Entwicklungen wie der Narco-Tourismus, Jugendarbeitslosigkeit und die anhaltende Korruption den Andenstaat auf eine harte Probe stellen mögen, die Menschen im Land schauen nach vorne.

Zu Recht. Denn Kolumbien geht es so gut wie nie zuvor – zumindest ökonomisch betrachtet. Das südamerikanische Land schreibt seit 15 Jahren eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte und zieht auch mit einem fragilen internen Frieden zunehmend Auslandskapital an. Das weiß und erlebt auch Alexander Kelsey jeden Tag: „Das Gesicht des Landes hat sich enorm verändert. Kolumbien ist sicherer geworden, hat seine Infrastruktur ausgebaut und die Lebensstandards für viele Menschen haben sich verbessert. Die Untaten und die Gewalt, für die das Land einst stand, sind nicht komplett verschwunden, konzentrieren sich heute aber nur noch in wenigen, schwer zugänglichen Regionen“, schildert der 29-jährige Lehramtsstudent aus Armenia, Quindío, dem für Kaffee und seinen ländlichen Charme bekannten zentralen Westen.

Unweit davon befindet sich das Department von Antioquia, dessen politisch-wirtschaftliches Herz Medellín ist. Das einstige Sorgenkind des Landes ist heute zu Kolumbiens Vorzeigestadt mit internationalem Prestige aufgestiegen. Dabei galt die boomende Metropole mit knapp drei Millionen Einwohnern vor 30 Jahren, als Sitz des berühmt-berüchtigten Medellín-Kartells, noch als „Mordhauptstadt der Welt“. Dort, wo damals kein Tag ohne Leichenfunde verging, reihen sich heute öffentliche Bibliotheken, namentliche Institutionen und luxuriöse Shopping-Center aneinander. Das Armenviertel Santo Domingo, das vor einem Jahrzehnt täglicher Schauplatz für tödliche Auseinandersetzungen zwischen Guerilleros war, wurde inzwischen durch eine moderne Gondelbahn aufgewertet, die den Bewohnern einen komfortablen Anschluss an das urbane Metrosystem erlaubt. Nicht zu vergessen das Viertel El Poblado, das sich besonders bei der lokalen Elite und ausländischen Touristen an großer Popularität erfreut.

Im internationalen Tourismus liegt ohnehin eine der größten Chancen für das Land. Davon ist auch Alexander Kelsey überzeugt, der seit einigen Jahren als Rezeptionist in einem bei Rucksackreisenden beliebten Hostel in der Kaffeeregion arbeitet. „Kolumbien hat sich zuletzt besonders als Reisedestination etabliert, zum Teil auch dank des Friedensabkommens und sinkender Kriminalitätsraten. Es ist äußerst geschätzt unter jungen Reisenden, die hier mehr als zufrieden sind. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Die meisten erfreuen sich dabei an der landschaftlichen Vielfalt des Landes, an seinen unzähligen Nationalparks und an der kolumbianischen Lebenslust“, erläutert der Rezeptionist.

Leila und ihr Freund Laurin Mosetig in der Tatacoa-Wüste, Kolumbien.

Leila und ihr Freund Laurin Mosetig in der Tatacoa-Wüste, Kolumbien.

Bestätigen kann das Leila van Nieuwenhuyze, die luxemburgische Backpackerin, die nach ihrer sechswöchigen Reise durch das Land vergangenen Dezember wieder in Luxemburg gelandet ist – sicher, gesund und an unzähligen Erfahrungen reicher. „Bis auf die Streiks und einem minimal kritischen Moment ist die Reise reibungslos verlaufen. Kolumbien hat mit seinen bunten Landschaften und herzhaften Menschen so viel zu bieten. Ich würde auf jeden Fall nochmal in das Land reisen – dann aber für längere Zeit und mit verbessertem Spanisch im Gepäck“, erzählt die Luxemburgerin und lacht.

Ähnlich sieht es auch die nunmehr seit 20 Jahren in Luxemburg lebende Yulieth Panesso. Obwohl es sie nach wie vor enttäuscht, wenn Leute mit einer Mischung aus Vorurteilen und Mitleid auf ihre Herkunft zu sprechen kommen, ist die heutige Ettelbrückerin froh, dass die Menschen überhaupt und mehr denn je positiv über ihr Heimatland reden. Als professionelle Reiseberaterin freut sie sich dafür umso mehr, wenn sich Kunden nach einem Kolumbientrip bei ihr erkundigen. „Auch aus Luxemburg zieht es zunehmend Menschen nach Kolumbien“, weiß sie. „Denn dort erwartet die Besucher vor allem eine unvergleichliche Biodiversität – nach Brasilien die weltweit zweithöchste – und die einzigartige Gastfreundschaft und Lebensfreude seiner Bewohner.“

Trotzdem ist sich die Kolumbianerin aber auch der Schattenseiten dieser Entwicklungen bewusst. „Leider ist der Drogentourismus zu einem großen Problem herangewachsen. Rauschgift ist in den Städten inzwischen überall und günstig zu erwerben, wovon vor allem junge ausländische Reisende profitieren. Dagegen muss seitens der Politik mehr gemacht werden“, führt die Angestellte eines luxemburgischen Reiseveranstalters aus. Sie plädiert dafür, den Tourismus in Kolumbien besser und vorsichtiger zu verwalten, um eben einen für Land und Leute schädlichen Reiseverkehr zu verhindern.

Auch wenn der Frieden in Kolumbien nach wie vor nicht ganz abgesichert ist, scheinen sich seine Bewohner nicht beirren zu lassen. Sie halten weiterhin an der Vision einer besseren Zukunft fest, zeigen der Welt und den Besuchern das großartige Potenzial ihres facettenreichen Landes und protestieren weiter – friedlich, mit Kochtopf und Löffel.

Calarca, Quindío, Kaffeegegend Kolumbiens.

Calarca, Quindío, Kaffeegegend Kolumbiens.

Text: Jesse Dhur // Fotos: Jesse Dhur (4), Francine Lippert (2), Yulieth Panesso, Leila van Nieuwenhuyze

Author: Philippe Reuter

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