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Die Wortatlethen

Viermal im Jahr, einmal pro Jahreszeit verwandelt sich die Bühne im Kulturhaus Niederanven zum Austragungsort von Dichterwettstreiten. revue saß beim zweiten Poetry Slam für 2015 im Publikum und sprach backstage mit den Poeten und Moderatoren.

Fotos: Jean-Claude Ernst/Editpress, Kulturhaus Niederanven

„Den Applaus müssen wir aber noch üben“, ruft der Hamburger Poetry Slam-Star Michel Abdollahi dem Publikum zur Begrüßung entgegen. Neben ihm auf dem Sofa – das links auf der Bühne steht – sitzt Luc Spada, der zusammen mit ihm durch den Abend führen wird und bereits fleißig Drinks einschenkt. Nicht für sich oder seinen Co-Moderatoren, sondern für einige Auserwählte aus den Zuschauerreihen. Alkohol lockert bekanntlich nicht nur die Zunge, sondern auch die Muskeln.

Die Lachmuskeln werden spätestens durch die anschließenden Dialoge des Moderatoren-Duos trainiert. Entsprechend dem Format einer Late-Night-Show beziehen sie dabei auch das Publikum mit ein und nehmen kein Blatt vor den Mund. Die Stimmung steigt so langsam im Publikum, so dass der eigentliche Teil beginnen kann. Der Dichterwettstreit wird nach dem K.o.-System ausgetragen. In der Vorrunde tragen alle teilnehmenden Slammer nacheinander ihre Texte vor, wobei immer zwei gegeneinander antreten. Mittels Abstimmung – entweder wie an diesem Abend per Applaus oder alternativ durch eine Jury – wird das Teilnehmerfeld halbiert. Im Halbfinale tragen die restlichen Slammer einen neuen Text vor. Zuletzt bleiben zwei Teilnehmer übrig, die im Finale um den Poetry Slam-Sieg kämpfen.

Es wird gerappt, gebeatboxt und gesungen. Geschrien und geflüstert. Mit den Händeln gewedelt und Gesichter verzerrt.

Die Regeln sind immer die gleichen. Die Texte müssen vom Slammer selbst verfasst und selbst performt werden. Thematisch ist dabei alles erlaubt – von Satire bis Komödie bis hin zu tragischen oder kritischen Texten. Der Mimik und Gestik sind ebenfalls keine Grenzen gesetzt. Es dürfen jedoch keine Requisiten oder Verkleidungen eingesetzt werden, und der Vortrag darf das vom Veranstalter festgelegte Zeitlimit nicht überschreiten. An diesem Abend sind es sieben Minuten.

Den Anfang machen die Ehrengäste Dominique Macri aus Marburg und Dalibor Marković aus Frankfurt am Main, die 2014 als Team „Scheller“ die internationalen, deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Dresden gewonnen haben. Im Duett tragen sie einen Text über Beziehungsprobleme vor. Dass sie echte Profis und ein eingespieltes Team sind, wird an ihren symbolisch aufgeladenen Körperbewegungen klar, die sie teilweise synchron und teilweise ergänzend ausführen. Ihr gemeinsamer Auftritt fließt jedoch nicht in die Bewertung ein, denn an diesem Abend müssen sie wie die anderen Teilnehmer als Einzelkämpfer um die Gunst des Publikums ringen. Unter den geladenen Gästen sind auch die beiden deutschen Poetry Slam-Größen Alex Burkhard und Andy Strauß. Außerdem treten drei U20-Slammer aus Luxemburg auf – Fanny Rieth, Paule Daro und Bob Reinert.

Inhaltlich und formal könnten die Texte nicht unterschiedlicher sein. Gleiches gilt für die Performance. Es wird gerappt, gebeatboxt und gesungen. Geschrien und geflüstert. Mit den Händeln gewedelt und Gesichter verzerrt. Einige lesen ihre Texte ab, andere tragen sie frei vor. „Es tut manchen Text gut, sie abzulesen. Anderen nimmt man dadurch etwas. Das hängt auch davon ab, wie viel Performance man will und braucht“, sagt Dominique. Für Alex ist es eine Frage der Textform. Prosa lese er grundsätzlich immer vor. „Ich kenne zwar alle meine Prosatexte auswendig, aber das Publikum wäre meines Erachtens irritiert, wenn man Storytelling ohne Textblatt machen würde“, meint er.

Ob mit oder ohne Textblatt, Poetry Slam ist alles andere als eine einschläfernde Lesung. Und so lässt sich auch das Publikum von der lebendig vorgetragenen Literatur mitreißen. In einem Moment herrscht tosendes Gelächter, wenn Andy beispielsweise mit Märchenstimme die Geschichte von der Blumen ableckenden Bärbel erzählt oder Dalibor unter vollem Körpereinsatz über Geschlechterunterschiede witzelt. Im nächsten Moment wird es mucksmäuschenstill, weil Bob seinen Text über Kindstod oder Fanny ein Gedicht über die nachlassende Wirkung einer Antidepressionstablette vorträgt. Wiederum andere Texte – wenn Alex in seinem Gedicht beschreibt, wie man sich selbst unter guten Freunden einsam fühlen kann oder wenn Paule über das Erwachsenwerden philosophiert – regen zum Nachdenken an. So oder so ähnlich mag es sich Slampapi Marc Kelly Smith vorgestellt haben, als er Mitte der 80er in Chicago zum ersten Poetry Slam einlud. Der damalige Bauarbeiter wollte den Elfenbeinturm der Literatur sprengen und Lyrik zugänglicher machen.

„Applaus ist alles, sonst würde man nicht auf die Bühne gehen.“ Dalibor Marković, Poetry Slammer

Viele der Texte sind in der Ich-Form geschrieben. Als Zuschauer fragt man sich da natürlich, wie viel Wahrheit dahintersteckt. „Man kann davon ausgehen, dass die Hälfte gelogen ist“, glaubt Dalibor. Ein Slammer sollte auch nicht alles von sich preisgeben, so Dalibor weiter. Dominique sieht es nicht ganz so streng wie ihr Teampartner. Wichtig sei, dass man eine innere Distanz zu dem Text oder zumindest zum Publikum habe. Gleichzeitig räumt sie ein, dass selbst ihre ehrlichsten Texte immer ein wenig „Unfug“ beinhalten.

26.05

Das Publikum ist auch nach den Auftritten gefordert. In Sekundenschnelle muss es entscheiden, welchem Slammer es mehr Applaus schenkt. „Das ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn ein lustiger Text gegen einen ernsten antritt“, berichtet eine Zuschauerin. Bei manchen Bewertungen ist der Unterschied auch kaum herauszuhören. Eine Aufgabe, die den Moderatoren unterliegt. „Mit der Zeit hat man ein Ohr dafür, außerdem muss man auch ein Gespür für die Energie im Raum haben“, erklärt Co-Moderator Michel. Wie wichtig ist den Slammern der Applaus überhaupt? „Applaus ist alles, sonst würde man nicht auf die Bühne gehen“, meint Dalibor. Seine Teampartnerin stimmt ihm in dem Punkt zwar zu, ergänzt jedoch, dass sie mittlerweile gelassener damit umgehe. „Wenn ich mit der Performance zufrieden bin, die Leute den Text aber einfach nicht raffen, dann kann mir der Applaus egal sein“, erklärt Dominique.

Im Finale stehen sich schließlich Dominique und Paule gegenüber. Während Erstere mit einem Text „wider das Eintüten“ antritt, versucht die 16-jährige Paule das Publikum mit einem „weiteren sinnlosen“ Gedicht zu berühren – mit Erfolg. In der Geschichte der Poetry Slam-Veranstaltungen in Niederanven eine Premiere, denn bisher hat es noch kein luxemburgischer Teilnehmer ins Finale geschafft und somit auch noch nie gewonnen. Und so wird die standesgemäße Siegerprämie – eine Flasche Crémant – kurzerhand gegen ein nicht-alkoholisches Getränk ausgetauscht. Die Nachwuchs-Slammerin kann ihr Glück kaum fassen. Und die Zweitplatzierte? „Ich gönne Paule den Sieg, sie hat für ihr junges Alter bereits eine krasse Bühnenpräsenz. Wenn sie jetzt noch ihre Texte ein bisschen kürzt, dann wird die noch richtig wow.“

Die nächste Poetry Slam-Veranstaltung im Kulturhaus Niederanven findet am 30.10.2015 statt, weitere Infos unter: www.khn.lu

Kurzinterview: Moderator und Organisator der Veranstaltung Luc Spada

26.05Wie werden die Teilnehmer ausgewählt?
Nach meiner Lust. Wichtig ist mir dabei eine gute Mischung aus Frauen und Männern, Lyrik und Prosa, ernsten und lustigen Themen. Ein Teil der Plätze wird über eine offene Liste vergeben, auf der sich interessierte Poeten aus der Region eintragen können. Pro Slam erhalten wir in der Regel bis zu drei Anmeldungen. Außerdem werden immer sechs Poeten eingeladen, die ich privat kenne und deren Arbeit ich mag.

Was sind beliebte Themen?
Liebe und Reisen – sowohl durchs Leben als auch durchs Land. Eigentlich das Leben von vorne bis hinten. Es gibt auch verpönte Themen wie Bahn-Texte oder „neulich habe ich geträumt“-Texte. Politik wird hingegen eher selten thematisiert und wenn, dann meist indirekt. Kein Vergleich jedenfalls zu Amerika, wo die Poeten in ein paar Minuten ihrem ganzen Politikfrust freien Lauf lassen. Ich persönlich würde mir mehr politische Texte wünschen.

Wie ausgeprägt ist Poetry Slam in Luxemburg? Gibt es eine Poetry Slam-Szene?
Noch nicht sehr, das dauert wohl noch ein paar Jahre. Die Veranstaltungen sind zwar immer voll oder meistens sogar ausverkauft, und das Interesse seitens der Theater ist auch durchaus vorhanden. Denen, die mich fragen, muss ich jedoch manchmal absagen, weil sie kein Budget oder nicht genug zur Verfügung stellen. Außerdem fehlt es an Nachwuchs. Es gibt hierzulande meines Erachtens exakt zwei Leute, die slammen oder geslammt haben. Einer davon bin ich – von einer Szene kann also keine Rede sein.

Slammen Sie immer noch?
Nein, ich habe eine Pause eingelegt. Zum einen trete ich nicht gerne im Wettbewerb auf, und zum anderen bereitet mir das Organisieren und Moderieren zurzeit mehr Spaß.

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Author: Philippe Reuter

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