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Die Wunderpflanze?

Cannabis haftet der Ruf eines Rauschgifts an. Doch die heilsamen Wirkungen der Pflanzenextrakte, vor allem des Cannabidiols (CBD), werden weltweit zunehmend anerkannt. Wann kommt es in Luxemburg zur Neubewertung?

Fotos: revue-Archiv, Philippe Reuter (6), eldadcarin, ststoev (beide Fotolia), Jean-Paul Ernst (Editpress)

J.S. hat seit 34 Jahren Multiple Sklerose (MS). An CBD-angereicherten Hanfextrakt ist er vor rund drei Jahren zufällig gekommen. Bekannte mit neurologischen Erkrankungen hatten ihm davon berichtet und gesagt, dass es ihnen mit den Tropfen besser ginge. Der Extrakt hilft auch J.S.. Seitdem er morgens und abends vier bis sechs Tropfen nimmt, braucht er zudem weniger blutdrucksenkende Mittel, und auch die Psoriasis, seine Schuppenflechte, ist verschwunden. Der Haken: Er muss das Produkt aus eigener Tasche bezahlen. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht. Beim Mundspray Sativex, einem synthetischen Cannabis-Präparat, das man auch in Luxemburgs Apotheken bekommt, ist dies anders.

Alexander B. ist 37 Jahre alt. Ein bösartiger Hirntumor wurde 2012 bei ihm festgestellt. Es folgten eine Operation, Chemotherapie und Bestrahlungen. Nach der Operation hatte er eine halbseitige Gesichtslähmung. „Er hat sich zurück ins Leben gekämpft“, erzählt seine Mutter. Trotzdem bekam er mehrere rezidive Tumore. Durch ein Hirnödem kam es zu einem kompletten Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Ende letzten Jahres wurde wieder ein Tumor festgestellt, eine erneute Chemotherapie sollte folgen. Dann wurde seine Mutter auf das Cannabidiol aufmerksam. „Seit der Einnahme hatte er keinerlei Infektionskrankheiten, und seine Gedächtnisleistung hat sich erheblich verbessert“, berichtet seine Mutter, die sich sicher ist, dass der Cannabis-Extrakt sein Immunsystem stärkt. „Für uns ist CBD eine große Hoffnung.“

„Die Cannabis-Pflanze steht mit ihren breit gefächerten Wirkungen über den Medikamenten.“Nicolas Wagener, Ex-Polizist und Gründer von „Eveil Santé“

phr_3292Der pensionierte Polizist Nicolas Wagener ist überzeugt davon, dass Cannabis eine breit wirkende Heilpflanze ist. Nachdem er Jahre lang unter ADHS gelitten und seinen Körper 13 Jahre mit starken Medikamenten wie Frisium, Fluoxetin und Valproinsäure belastet hatte, versuchte er es mit einem Cannabis-Extrakt. Später reiste er nach Kalifornien, traf Wissenschaftler und züchtete seine eigene Pflanze, die „ACDC“ (22 CBD), die er sich in den USA patentieren ließ. Wagener, der regelmäßig Forschungskongresse besucht und dort für sein Erzeugnis wirbt, nennt das CBD ein „Allzweckmittel“ für Patienten mit ADHS, chronischen Entzündungen, Migräne, Asthma, Arthritis, Epilepsie oder bakteriellen Darminfektionen. In Laborergebnissen meint der Gründer von „Eveil Santé“ nachgewiesen zu haben, das Wachstum von Krebszellen unter Einfluss seiner Pflanze stoppen zu können.

Cannabis ist zwar in Luxemburg noch immer nicht legal, gegen Wageners Pflanze ist rechtlich jedoch nichts einzuwenden. Sie hat den vorgeschriebenen THC-Wert von unter 0,2 Prozent. Die Polizei führt regelmäßig Kontrollen bei ihm durch.

phr_3925phr_3926Ob die Heilkräfte von Cannabis wirklich so umfassend sind wie Wagener nahelegt, müssten weitere Studien ergeben. Dass es jedoch sinnvolle medizinische Nutzungen gibt, wird selbst vom Drogendezernat der Polizei Luxemburg anerkannt. Der Chefkommissar der Kriminalpolizei der Rauschgiftabteilung Ralph Kohn und sein Kollege Raymond Herbrink sind sich sicher, dass das CBD Krankheiten bekämpfen kann: „Aus polizeilicher Sicht ist es uns egal, ob ein Kranker Morphium oder CBD verschrieben bekommt.“ Allerdings warnen sie davor, herumzuposaunen, dass Cannabis eine Wunderpflanze ist: „Wenn es falsch angewendet wird, kann es auch dramatische Folgen haben.“ Es ginge nicht darum, das Kiffen zu legalisieren. Ein Arzt werde sicherlich keine Joints verschreiben, sondern medizinisches Cannabis.

„Aus polizeilicher Sicht ist es uns egal, ob ein Kranker Morphium oder CBD verschrieben bekommt.“ Ralph Kohn und Raymond Herbrink, Rauschgiftabteilung der Krimalpolizei

Trotzdem scheint es nicht weit hergeholt, Cannabis als Pflanze mit einzigartigen Fähigkeiten zu bezeichnen. Immerhin ist Hanf eine der ältesten und vielfältigsten Kulturpflanzen. Sie ist widerstandsfähig, kommt fast ohne Dünger- und Pflanzenschutzmittel aus, ist damit umweltschonend und liefert Rohstoffe, Fasern und Öle. Als Rauschmittel ist sie aber auch eine Droge, bei der zwischen den Cannabinoiden Cannabidiol und Tetrahydrocannabinol (THC) unterschieden werden muss. 1963 war es dem israelischen Wissenschaftler Raphael Mechoulam gelungen, aus rund 1.000 Substanzen der Cannabis-Pflanze das Cannabidiol (CBD) zu isolieren. Er wies nach, dass es einen therapeutischen Effekt auslöst und dabei kaum psychoaktiv wirkt. Ein Jahr später isolierte er auch das bewusstseinsverändernde THC. Dreißig Jahre später entdeckte Mechoulam dann die Rezeptoren, die, zusammen mit endogenen chemischen Komponenten, den Endocannabinoiden, im menschlichen Körper das „Endocannabinoid-System“, ein wichtiges biochemisches System bilden. Letzteres ist an einer Vielzahl von physiologischen Funktionen beteiligt, unter anderem einer Regulierung des Immunsystems.

Zwei paar Schuhe: Das Rauchen von Cannabis als Droge unterscheidet sich fundamental vom medizinischen Gebrauch.

Zwei paar Schuhe: Das Rauchen von Cannabis als Droge unterscheidet sich fundamental vom medizinischen Gebrauch.

In den USA, den Niederlanden oder Israel wird CBD längst zu Therapiezwecken eingesetzt. So etwa in der Behandlung von Trauma-Patienten, bei MS und anderen neurologischen Krankheiten wie in der Krebstherapie, wenngleich bei letzterer komplementär, vor allem, wenn die Krankheit bereits weit fortgeschritten ist. In Deutschland kam es dieses Jahr auf Geheiß des obersten Verwaltungsgerichtes zu einem Durchbruch bei der Nutzung von Cannabis. Einem MS-Patienten wurde die Erlaubnis zum Anbau von Cannabis (bis zu 100 Pflanzen) für den medizinischen Eigenbedarf erteilt. Zudem kündigte die zuständige Behörde an, in ähnlichen Fällen weitere Genehmigungen zu erteilen.

Luxemburgs Gesundheitsministerium ist hingegen noch wenig aufgeschlossen – eine Haltung, die insgesamt gegenüber „alternativen“ Heilansätzen besteht. Noch steht die Bekämpfung von Cannabis als Droge im Vordergrund. Der Konsum wird hierzulande nicht mehr strafrechtlich verfolgt, bleibt aber strafbar. Der medizinische Gebrauch von Cannabis ist zwar seit einer Gesetzesänderung von 2012 möglich. De facto ist aber nur das Präparat Sativex in Apotheken erhältlich. Vielleicht ist die Zurückhaltung aber auch Ausdruck der Sorge, dass langfristig durch die Einnahme von Hanf-Extrakten so manche Medikamente wegfallen könnten und die Pharmaindustrie sich ins eigene Bein schießen würde, wenn CBD erlaubt würde. Immerhin erlaubt die Gesetzgebung den Anbau von Cannabis-Sorten, die einen THC-Gehalt unter 0,3 Prozent aufweisen. Die Forschung rund um Hanf ist hierzulande in vollem Gange, doch meist hinter verschlossenen Türen.

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phr_0663Personen, die in Luxemburg Hanfextrakte nehmen möchten, beziehen diese nicht mehr wie früher aus dem Ausland, sondern zum großen Teil über den Bauern Norbert Eilenbecker. War es vor Jahren nur der Arzt Jean Colombera, der die heilende Wirkung vom CBD in Luxemburg erkannte, so gibt es mehr und mehr Ärzte, die ihren Patienten zu Hanfblüten-Extrakt raten. Die Dunkelziffer derjeniegen, die in Luxemburg CBD-Präparate zu sich nehmen, dürfte hoch sein. Eilenbecker, der vor 22 Jahren damit begann, industriellen Hanf anzubauen, hat die Vielseitigkeit der Pflanze erkannt und weiß auch um ihren medizinischen Nutzen. Mit seinen zehn Hektar Hanf-Feldern im Ösling, deren THC-Wert bei seinen Pflanzen unter 0,3 Prozent liegt, ist der Bauer hierzulande Pionier. Zusammen mit André Steinmetz betreibt er die Firma Cannad‘Our. Einige ihrer Hanf-Produkte wie Öl und Tee sind in einigen Supermärkten bei den Naturprodukten erhältlich.

phr_0680phr_0678Unterstützt wird der Bauer durch den Leiter der Abteilung Toxikologie des Laboratoire National de la Santé (LNS), Serge Schneider, in dessen Laboren er seine Produkte kontrollieren lässt. Gemeinsam mit André Steinmetz, der seit Jahren die Wirkung von CBD erforscht, ziehen sie an einem Strang und erhoffen sich, mit ihren Forschungsergebnissen die Ministerien zu einem Kurswechsel zu bewegen. Man brauche die Droge Cannabis ja nicht zu erlauben, aber es sei „ein Verbrechen, schwerkranken Menschen ein Produkt vorzuenthalten, das quasi keine Nebenwirkungen habe und ihnen hilft“, meinen die Forscher. Auch sie pochen darauf, die Heilpflanze von der Droge zu unterscheiden. „Mit einem THC-Gehalt von unter 0,3 Prozent gibt es keine berauschende Wirkung. Das ist unmöglich“, bekräftigt der Leiter der Drogenabteilung des LNS, Serge Schneider. „Es ist wie bei Alkohol. Damit es eine berauschende Wirkung gibt, braucht es fast 0,4-0,5 Promille. Um mit Cannabis eine psychotrope Wirkung zu erzielen, braucht man 3-5 Prozent THC! Unsere Gesetzgebung liegt zehn Mal unter diesem Wert.“ Ein bisschen verhält es sich wie mit der Coca-Pflanze, die in Bolivien noch immer landläufig bei Müdigkeit von Indigenen gekaut wird. Die leicht stimulierende Wirkung des Coca-Blatts im Tee gegen Übelkeit ist eben nicht vergleichbar mit der High-Society-Droge Kokain. Erst durch ihre Verarbeitung wird die Heilpflanze Coca zur Droge.

„Es ist ein Verbrechen, schwerkranken Menschen ein Produkt vorzuenthalten, das quasi keine Nebenwirkungen hat und ihnen hilft.“ André Steinmetz und Dr. Serge Schneider, Leiter der Drogenabteilung des LNS

Im Jahr 1972 wurde in den USA die erste Ausnahme genehmigt, Cannabis medizinisch zu nutzen. „Ein Patient, der einen grünen Star hatte, bekam die Erlaubnis, Cannabis bei sich anzubauen“, erinnert sich Serge Schneider. Und doch weigert sich die Schulmedizin beharrlich, die Wirkung von CBD anzuerkennen. „Bei vielen Ärzten ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Verwendung von Cannabis bei einem Teil der Konsumenten therapeutisch angezeigt oder aus medizinischer Sicht sinnvoll ist, noch nicht angekommen. Die Konsequenzen sind für die Betroffenen oft schwerwiegend“, berichtet Franjo Grothentermen, Vorstand der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente (IACM). Oft müssten sich Patienten, die CBD einnehmen, für ihre „Drogenabhängigkeit“ rechtfertigen.

Die heilsame Wirkung von Hanf-Extrakten ist unbestritten, strittig ist lediglich, wo sie wie stark wirken. Mit Blick auf den US-amerikanischen Biochemiker Dennis Hill, der behauptet, seinen weit fortgeschrittenen Prostatakrebs mit Cannabidiol geheilt zu haben, warnt André Steinmetz vor zu kühnen Behauptungen. Zu der Aussage, dass Cannabis tatsächlich Krebs heilt, will sich der Forscher nicht hinreißen lassen. Das könne man so noch nicht sagen. Es gäbe aber Menschen, die Cannabis begleitend zu einer Chemotherapie nehmen würden. Oft seien die Ärzte dann verwundert und fragten bei Besserungen regelmäßig, was der Patient genommen habe. Gerade Patienten, die eine Chemotherapie machten, vertrügen die Therapie viel besser, wenn sie zusätzlich Hanfextrakte nehmen, so Steinmetz.

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Vielseitige Pflanze: Im Ösling gewinnt die Firma Cannad‘Our aus dem Anbau von industriellem Hanf, Öl und Tee.

Die meisten Studien deuten zudem darauf hin, dass der Cannabis-Extrakt CBD aus der Pflanze besser wirke als pures THC. Beispiele seien MS-Patienten und Personen mit Migräne. Es gäbe jedoch auch Menschen, bei denen der Cannabis-Extrakt kaum eine Wirkung zeige oder gar nicht wirke. Und bei etwa einem Prozent verschlimmerten sich die Symptome, räumt Schneider ein. Die grundsätzlich positive Wirkung sei aber nachgewiesen. Nicht zuletzt hat Schneider das CBD an sich selbst getestet und festgestellt, dass es den Blutdruck und den Cholesterinspiegel senke. „Hanfextrakte wirken auch bei Tieren“, erzählt Norbert Eilenbecker. Er habe von einer Frau gehört, die Arthrose hatte und viele Schmerzen in der Schulter. Sie hatte eine Katze, die sie immer aufs Fensterbrett hob. Irgendwann habe sie ihrem Haustier auch ein paar CBD-Tropfen verabreicht. Heute springt die Katze allein aufs Fensterbrett.

André Steinmetz vergleicht die Cannabinoide gar mit Vitaminen. Cannabinoide brauche der Körper ebenso wie Vitamine. Der menschliche Organismus produziere selbst keine Vitamine, weswegen man diese beispielsweise über Obst und Gemüse einnehme. Bei Cannabinoiden sei dies etwas anders. Normalerweise produziere der menschliche Organismus selbst genügend Endocannabinoide. Allerdings kann deren Produktion alter-, stress-, oder umweltbedingt abnehmen, was zu chronischen Entzündungen und Schmerzen führen könne. „Die Einnahme von Hanf-Cannabinoiden kann in diesem Fall das defiziente Endocannabinoid-System wieder aktivieren. Daher auch das breite Wirkungsspektrum der Hanf-Cannabinoide wie CBD“, erläutert Steinmetz.

„Hanf könnte eine Art Cremant werden. Es ist eine vielversprechende Alternative.“ Nobert Eilenbecker, Bauer

Eilenbecker, Schneider und Steinmetz hoffen, dass es bald zu einem Umdenken kommt. Zumindest im Landwirtschaftsministerium habe man ihnen zugehört und erkannt, welches Potenzial in der Pflanze stecke – sowohl, um Menschen mit gesundheitlichen Problemen weiterzuhelfen wie auch ökonomisch: „Hanf könnte eine Art Cremant werden. Es ist eine vielversprechende Alternative etwa zur Milch, auf der die Bauern über Monate sitzenbleiben“, sagt Eilenbecker. Die Zuständigkeit für eine medizinische Zulassung liegt aber nicht beim Agrar-, sondern beim Gesundheits- und Justizministerium. Dort wird gemauert. „Dabei ist das Ganze realisierbarer, als Schrott aus dem All zu holen“, gibt Steinmetz schmunzelnd zu bedenken.

Auch in puncto Nation Branding wäre es für die Luxemburger Regierung, die nicht müde wird, ihre Modernität zu beschwören, sicherlich ein Schritt nach vorn. Nicht zuletzt wäre die Zulassung von Cannabis als Heilpflanze auch wirtschaftlich attraktiv. Wirft man einen Blick auf Regionen, in denen Cannabis legalisiert wurde, wie etwa 2014 im US-amerikanischen Bundesstaat Colorado, kann man sehen, wie der Staat von den Steuereinnahmen prosperiert. Es geht eben nicht um einen Freibrief fürs Kiffen, sondern um eine sinnvolle medizinische Nutzung: „We can make it happen!“

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Author: Philippe Reuter

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