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Digitale Athleten

Es ist ein Millionengeschäft. Im E-Sport kann man international richtig durchstarten. Theoretisch. Geht das auch in Luxemburg? Im Interview mit revue stehen die Gründer von „E-Sports Luxembourg“ Rede und Antwort.

Was wissen Sie über die Anfänge des E-Sports?
Jérôme Becker: Die Anfänge gehen auf die 1980er Jahre zurück. Durch den Computerspielklassiker „Pong“, der auf demselben Prinzip wie Tischtennis basiert, nur in digital – wurden Meisterschaften in den USA organisiert. Weitergeführt wurde dies dann durch einen weiteren, sehr bekannten Klassiker: „Tetris“. In Korea war E-Sport Ende der 1980er Jahre ebenfalls äußerst beliebt. Hier wurden unglaublich viele Turniere organisiert. Große Firmen haben die verschiedensten Teams und Spieler gesponsert. Ich persönlich denke, dass das erst 1998 in Europa ankam, als der Taktik-Ego-Shooter „Counter Strike“ zu einem Hit wurde. Ab diesem Zeitpunkt ging es steil bergauf.

Kann man E-Sport als Mannschaftssport bezeichnen?
Sven Cannivy: Unbedingt. Ich vergleiche es gerne mit Fußball – ohne Teamgeist funktioniert es nicht. In „Counter-Strike“ muss man sich darauf verlassen können, dass die Mitspieler ihre Aufgaben erledigen, wie etwa bei einem Angriff: Deckung geben, richtig kommunizieren, wenn man einen Gegner erblickt hat oder zur Hilfe eilen, wenn ein Mitspieler in der Unterzahl ist. Während bei herkömmlichen Sportarten die Kommunikation vor dem Spiel wichtig ist, ist beim E-Sport der schnelle und präzise Austausch währenddessen oft ausschlaggebend für den Erfolg. Das fördert das Tempo des Spiels und die Tatsache, dass ein einzelner Gamer nie das ganze Spielgeschehen überblicken kann. Den Überblick muss man sich als Team verschaffen, um das Spiel kontrollieren zu können. Allerdings gibt es auch „Stars“ im E-Sport, die dafür bekannt sind, brenzlige Situationen alleine meistern oder sehr gut mit einer bestimmten Waffe spielen zu können. Solche Momente haben aber eher selten einen gewichtigen Einfluss auf den Gesamterfolg.

Welche Eigenschaften muss man besitzen, um E-Sportler zu werden?
Sven Cannivy: Als Hobby reicht es, wenn es einem Spaß macht. Dafür stellen wir den Leuten gerne eine Plattform bereit. Im professionellen Bereich sind hohe Ansprüche an einen gestellt. Erst einmal muss man das Game überaus gut kennen, in all seinen Aspekten. Bei Computerspielen sind da keine Grenzen gesetzt, und das wird schon manchmal „mathematisch“. Körperliche Fitness ist wichtig, besonders um den Kopf zu unterstützen. Im Zusammenspiel mit der Motorik von Armen und Händen ist das ausschlaggebend für die individuelle Leistung. Wenn alles stimmt, erzielen Profispieler Reaktionszeiten von nur 100 Millisekunden. Das sind 100 Millisekunden, um etwas zu sehen, einzuschätzen (Freund oder Feind), die richtige Entscheidung zu treffen (ducken, springen, schießen) und Maus und Tastatur dementsprechend zu bedienen. Die Teamdynamik und -kommunikation ist wichtig. In professionellen Teams hat jeder seine Rolle – vom Captain bis zum „Ingame-Leader“, welcher situationsabhängig die Vorgehensweise vorgeben muss. Das kann zwischenmenschlich zusammenschweißen, aber auch anstrengend sein. Nicht umsonst finden mehr und mehr Sportpsychologen Aufträge in diesem Bereich.

Luxemburg ist klein. Wer gute Kontakte hat, hat gute Sponsoren. Sven Cannivy

Wie lange muss man täglich trainieren, um fit für ein Turnier zu sein, gar Pro-Gamer zu werden?
Sven Cannivy: Es gibt keine absoluten Zahlen. Laut Google verbringen Pro-Gamer wohl 30 bis 50 Stunden pro Woche mit einem Videospiel. Das habe ich selbst manchmal im Urlaub fertiggebracht, trotzdem bin ich kein Pro-Gamer. Ich zocke aus Spaß, und das tun wohl die meisten, die an unseren Turnieren teilnehmen. Noch haben wir die Kapazitäten, jeden willkommen zu heißen, der Freude am Wettstreit hat. Wer wirklich Pro-Gamer werden will und Talent hat, stellt sich die Frage überhaupt nicht, wie lange er trainieren muss. In so einem Fall ist es viel wichtiger, sich mit den richtigen Leuten in einem guten Team zusammenzufinden.

Eines Ihrer Hauptziele ist es, eine Community aufzubauen und die Gamer in Luxemburg zu bündeln. Wie gehen Sie dabei vor?
Sven Cannivy: Wir sind eine kleine Truppe, um die fünf Leute, und betreuen fast 1.500 Facebook-Follower sowie einen Discord- (eine Art Chat) und Game-Server. Darüber hinaus werben wir für andere Partnerorganisationen wie zum Beispiel unser Pendant in Ostbelgien (E-Sports East Belgium). Wir haben selbst keine Spieler unter Vertrag, sondern konzentrieren uns eher auf das Organisieren von Events. In unserer Community ist jeder willkommen, der sich mit elektronischem Sport anfreunden möchte. Wer aktiv mitarbeiten will, muss viel Zeit und Leidenschaft mitbringen, denn es gibt viel zu tun.

Momentan beschränken sich die Aktivitäten auf „Counter Strike: Global Offensive“ (CS:GO). Könnten in absehbarer Zeit weitere Online-Games hinzukommen?
Jérôme Becker: Unser Team ist sehr interessiert daran, neue Games in unser Turnier-Sortiment aufzunehmen. Doch es ist wie in jedem Verein ohne Gewinnerzielungsabsicht: Man muss Freiwillige finden, die sich gut genug mit einem Spiel auskennen, um etwas auf die Beine zu stellen, das gut beim Publikum ankommt. Wir wollen uns von unserer professionellen Seite zeigen, um von Partnern und potentiellen Sponsoren ernstgenommen zu werden.

Sie stecken gerade mitten in den Vorbereitungen für das „Luxmasters“-Turnier 2018.
Steve Cannivy: Wir arbeiten seit Dezember an dieser Edition. Wir wollten die Internet-Seite komplett überarbeiten und die Anmeldungsphase verlängern, um mehr Leute erreichen zu können. Man muss bedenken, dass wir letztes Jahr, bei unserer ersten Auflage, 23 Teams dabei hatten. Da eine Gruppe aus mindestens sechs Spielern besteht (fünf aktiven und einem Ersatzspieler), waren das fast 140 Gamer. Es war für uns ein enormes Erfolgserlebnis, so viele Leute erreicht zu haben. Natürlich wollen wir dieses Jahr wieder ähnliche Zahlen erzielen. Das Turnier hat eine dreimonatige Online-Phase. Das heißt, dass die Teams von Zuhause aus daddeln. Erst am 1. Dezember wird der Champion in den Finalspielen in der „Schungfabrick“ in Kayl/Tétange ermittelt. Momentan muss man sich noch damit zufrieden geben, dass man sich nach diesem Tag luxemburgischer Meister nennen darf, aber wir sind fleißig auf der Suche nach Sponsoren, um auch Preisgelder vergeben zu können.

Ab 1998 ging es in Europa steil bergauf. Jérôme Becker

Nehmen Pro-Gamer daran teil?
Jérôme Becker: Wir legen das Turnier auf Luxemburg aus. Das bedeutet, dass nur Luxemburger und Gebietsansässige bei diesem Wettbewerb an den Start gehen dürfen. Das „Luxmasters“ ist daher nur auf Amateure und Semiprofis ausgelegt. Unserer Kenntnis nach, gibt es momentan noch keine professionellen, luxemburgischen CS:GO-Spieler.

Jérôme Becker (l.), Sven und Steve Cannivy

Der Deutsche Olympische Sportbund erkannte E-Sport im Februar offiziell als Sportart an. Wünschen Sie sich, dass das Großherzogtum diesem Beispiel folgt?
Jérôme Becker: Wir haben Kontakt zu einem europäischen E-Sports-Beauftragten, der sich in Brüssel um diese Dinge kümmert. Das ganze Thema ist politisch angehaucht, weil es wie überall zwei Lager und verschiedene Auffassungen gibt. Meiner Meinung nach sollte E-Sport anerkannt werden, jedoch nicht als Sport an sich. Er sollte eigenständig gehandhabt werden, aber anerkannt. Von der Gesellschaft akzeptiert, sozusagen. Natürlich wünschen wir uns, dass unsere Politiker das Thema ansprechen werden. Wir würden ihnen sehr gerne als Ratgeber zur Seite stehen, um an dieser Entscheidung teilhaben zu können und zu helfen.

Das ‚Luxmasters‘ ist auf Amateure und Semiprofis ausgelegt. Jérôme Becker

Wie steht um die Szene hierzulande?
Jérôme Becker: E-Sport ist hier überaus beliebt. Man hört ständig von neuen Spielern, die sich zusammentun, um Teams oder sogenannte „Clans“ zu gründen. In Luxemburg selbst gibt es jedoch wenige, die davon leben können. Wir haben einen ziemlich guten „Starcraft 2“-Spieler im Land, der sich auf einem sehr hohen Niveau bewegt. Er nimmt regelmäßig an Turnieren im Ausland teil und wurde vor ein paar Monaten von einem professionellen E-Sport-Team unter Vertrag genommen. Bei „Starcraft 2“ gibt es eine spielinterne Liga. Die ist in verschiedene Schwierigkeitsgrade unterteilt. Je höher man in der Liga eingestuft wird, desto schwieriger sind die menschlichen Gegenspieler. Diese reichen von Bronze, Silber, Gold, Diamant, Meister bis hin zu Großmeister. Er spielt in letzterer und ist unter den Top 100 Europas zu finden.

Ohne Teamgeist funktioniert es nicht. Sven Cannivy

Und wie sieht es in Sachen Sponsoring aus?
Steve Cannivy: Luxemburg ist klein. Wer gute Kontakte hat, hat gute Sponsoren. Doch das allein reicht natürlich nicht. Man sollte für seine Idee einstehen und diese mit Herzblut ausfüllen. Dennoch ist es schwierig, Firmen zu finden, die einen dabei unterstützen. Wir persönlich gehen das gelassen an: Wenn die Unternehmen erst merken, wie weit dieser Kulturbereich unserer Gesellschaft gekommen ist, werden sie es sicherlich positiver sehen und den E-Sport unterstützen.

Sind Frauen in dieser Domäne immer noch unterrepräsentiert?
Sven Cannivy: Ja. Doch die Tendenz ist positiv, was vor allem daran liegt, dass die Gaming-Gemeinschaft jung und offen ist. Körperliche Eigenschaften spielen beim Gaming keine Rolle. Die Angebote in der Community sind zudem offen. Mir ist kein einziges Turnier oder Event in der luxemburgischen Szene bekannt, das nach Geschlechtern trennt. Im Vorfeld des „Luxmasters“ weisen wir sogar ausdrücklich darauf hin, dass Spieler jeden Geschlechts teilnehmen dürfen. Ein Team mit gemischtgeschlechtlichen Gamern hat sich bereits bei uns angemeldet.

Fotos: nightler.com, ESL 2017, ohishiftl/Fotolia

Zur Asbl
„E-Sports Luxembourg“ wurde vor rund zwei Jahren von drei Freunden ins Leben gerufen. Als Jérôme Becker, Steve und Sven Cannivy sich 2016 das „Counter Strike: Global Offensive“-Turnier in der Lanxess-Arena in Köln ansahen, waren sie davon fasziniert: Etwa 15.000 Besucher schauten den Profigamern dort zu, die um Preisgelder im sechsstelligen Bereich spielten. Also nahmen sie sich vor, den E-Sport in Luxemburg zu pushen und gründeten eine Asbl. Präsident Steve Cannivy (28) kümmert sich um Hardware, Netzwerk und Server-Administration. Vize-Präsident Sven Cannivy (26) ist Software-Developer und programmiert die Internetseiten. Jérôme Becker (27) ist Kassenwart und betreut die Presse sowie soziale Medien. Nach zwei Jahren ihres Bestehens haben sie bereits kleine Erfolge aufzuweisen. Mittlerweile besteht der Vorstand aus fünf Personen.

Für das „Luxmasters“-Turnier kann man sich noch bis zum 31. August anmelden. Weiter Infos unter www.luxmasters.lu.

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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