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Donnerlittchen

Der Marlboro-Mann, dieser Lasso schwingende Kümmerling, wollte der behaarten Hälfte der Weltbevölkerung 45 Jahre lang das Gegenteil verklickern, aber richtige Männer wussten damals wie heute: ohne Filter muss es sein!

Fotos: Jaguar Land Rover

Selbst im Reich der steifen Oberlippe hat man das erkannt und dem „Sound Symposer“, diesem Trojanischen Pferd der akustischen Kriegsführung, im neuen Jaguar F-Type SVR kurzerhand Hausverbot erteilt. Ungefilterter, natürlicher Sound aus dem Klappenauspuff aus Titan wird ohne jeglichen künstlichen Geschmacksverstärker aus der Dose generiert, dazu ist die Drückposaune 3,8 Kilo leichter als eine konventionelle Abgasanlage aus Stahl und unterstützt die Performance des Extrem-SUV durch weniger Rückstau der Abgase. Unter der martialisch gewölbten Haube wummert und bollert der bestens bekannte Fünflitervauacht mit Kompressor-Unterstützung.

Aktive Bilstein-Dämpfer sorgen für mehr Grip unter dem Zwei-Tonnen-Moloch, die Federraten wurden deshalb vorn um 30 Prozent härter ausgelegt, hinten um 10 Prozent, als das beim F-Pace V6 S der Fall ist. 21-Zoll-Räder sind Standard, als Option gibt es 22 Zoll. Hinten sind die Reifen und die Spur breiter ausgefallen. Der Antrieb ist bewusst hecklastig ausgelegt, der F-Pace SVR kann nie mehr als 50% seines Drehmoments auf die Vorderachse stemmen, im Gegenzug aber bis zu hundert Prozent auf die Hintersachse spülen. Im Dynamik-Modus werden das Ansprechverhalten, die Gasannahme und die Schaltvorgänge schneller abgewickelt. Die Lenkung könnte noch etwas strammer sein, als sie das selbst in Dynamik-Modus ist. Die starken Bremsen bändigen den Vorwärtsdrang des 2-Tonnen-Geräts gekonnt, allerdings sollte man nach zahlreichen harten Bremsvorgängen den glühenden Scheiben etwas Atempause gönnen, sonst wird das Bremspedal auf einmal länger und länger.

Im Innern sieht es so aus wie man sich das bei JLR erwartet. Die Verarbeitung ist gut aber nicht unendlich pingelig, die Sitze mit den integrierten Kopfstützen sind anschmiegsam und das Cockpit insgesamt sachlich. Beim Jaguar-Infotainment wurden in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht, der Platz und Stauraum ist in beiden Reihen großzügig, auch wenn der Platz zwischen den beiden Einzelsitzen im Fond nicht als ein vollwertiger Sitzplatz anzusehen ist. Die Knöpfe für die Fensterheber sind ergonomisch schlecht weil zu hoch an der Türbrüstung platziert. Warum das so und nicht anders ist — man hätte sie ja am Mitteltunnel anbringen können — weiß vermutlich nicht einmal der Kuckuck.

Besser aussehen als der gewöhnliche F-Pace darf der Kraftmeier aus der Spezialabteilung der „Special Vehicle Operations“ so ganz nebenbei natürlich auch. Vier Auspufftüten, größere Lufteinlässe links und rechts vom Kühlergrill, ein paar SVR-Logos… Anstatt mit übertriebenem Speed-Blingbling wartet er mit nicht auf Anhieb sichtbaren Perlen unter dem Blechkleid auf: Im Zusammenspiel mit einem elektronischen Differential an der Heckachse sorgt ein komplexes Aerodynamik-Paket für mehr Abtrieb, eine bessere Kühlung der heiß laufenden Komponenten sowie ein stabileres Fahrverhalten bei hoher Geschwindigkeit. Die Achtgangautomatik hat den glitzernd-runden Salzsteuer auf der Mittelkonsole eingemottet und setzt nun auf klassiche Schaltwippen aus massivem Aluminium am Lenkrad. Die Knöpfe, Hebel und Schalter, das Lenkrad selbst, wurden ohne Umwege aus dem Jaguar-Fundus entnommen.

Eigentlich sollte die dritte Jaguar-Abhandlung aus den Special Vehicle Operations (SVO)  bereits ein Jahr früher an den Start gehen, doch kann kamen Probleme mit den Zulieferern und die daraus resultierenden Probleme mit der Qualitätskontrolle sowie die durch das Brexit-Phantom verursachten finanziellen Sorgen den Briten in die Quere, also wurde der Stapellauf nach hinten verschoben. Die Warterei hat sich allerdings gelohnt. Der F-Pace SVR ist, falls man sich für solch ein Auto-Format überhaupt begeistern kann, ganz sicher eines der beeindruckendsten SUV auf dem Markt. Wer den Drang verspürt, in der Öffentlichkeit seine Autowahl rational und politisch korrekt zu begründen, der sollte sich schleunigst woanders umsehen, denn “Sinn” ergibt dieser SVR in einer einzigen Spur. Und das ist die Überholspur.

+ Drehmomentstarker V8 mit bärigem Klang
+ Trotz der Masse unerhört agil in den Kurven
+ TFT-Display und verbessertes Infotainment
+ Sehr schöne Sitze mit tollem Steppmuster

Lenkung könnte straffer in “Dynamic” sein
Schlecht platzierte Knöpfe der Fensterheber
Arschkarte beim Nachhaltigkeitswettbewerb
 Basispreis schon knapp sechsstellig

Technische Daten:
F-Face SVR 5.0 V8

Ab 99.310 €
11,9 l/00 km
272 g/km

5.000 cm3
405 kW/550 PS @ 6.000-6.500 U/min
680 Nm @ 2.500-5.500 U/min
4,3 s 0-100 km/h
283 km/h

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Eric Netgen

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