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Drahtseilakt

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist in letzter Zeit wieder angestiegen, vergangene Woche sogar rasant. Diese Zunahme ist weder auf die Schulen noch auf die Berufswelt zurückzuführen. Sowohl in den Bildungseinrichtungen als auch an den Arbeitsplätzen wurde im Zuge der schrittweisen Lockerungen weitestgehend auf die Einhaltung der Hygieneregeln geachtet. Dies gilt ebenso für die meisten Restaurants und Cafés. Es waren vielmehr private Partys mit teils hundert oder mehr Gästen, die sich in „Superspreading Events“ verwandelten.

Premierminister Xavier Bettel und Gesundheitsministerin Paulette Lenert wiesen daher mit gutem Grund darauf hin, dass die Pandemie alles andere als vorbei ist. Eine zweite Welle wird erwartet. Wer dachte, nach dem Lockdown wieder unbeschwert den Sommer voller Partys genießen zu können, hat sich getäuscht. Zwangsläufig sollen die Regeln für den privaten Bereich wieder verschärft werden.

Die schrittweise Aufhebung der Restriktionen in Gesellschaft und Wirtschaft verlief behutsam. Paulette Lenert sprach von einem Drahtseilakt. Den einen Kritikern gingen die Lockerungen nicht schnell genug, den anderen wiederum erschienen sie verfrüht. Doch sie waren gerechtfertigt und nötig. Denn einen längeren Shutdown würde eine Volkswirtschaft auf Dauer nicht verkraften, und ein zweiter Shutdown wäre eine (noch größere) ökonomische Katastrophe. Umso wichtiger ist es, alles zu tun, um einen weiteren Anstieg der Neuinfektionen einzudämmen. Der Virologe Claude Muller plädierte im „Tageblatt“-Interview für „radikale Maßnahmen gegen Leute, die alles im Lockdown von der Allgemeinheit Erkämpfte so leichtfertig und gewissenlos aufs Spiel setzen“.

Freiheit ist eng verknüpft mit Vernunft und Verantwortung.

Es war sicherlich wichtig, die Frage nach der Vereinbarkeit der Ausgangs- und Bewegungseinschränkungen mit den gesetzlich garantierten individuellen Freiheitsrechten aufzuwerfen. Auch „darf die Freiheit der Pandemie nicht zum Opfer fallen“, wie Martin Klingst im April in seiner Kolumne für die „Zeit“ betonte. Allerdings erfordert die durchaus wichtige Diskussion über die Grenzen der Freiheit eine begriffliche Definition: Um welche Freiheit geht es?

Freiheit ist nicht einfach nur das Fehlen von äußeren Hindernissen und Einschränkungen. Sie ist nicht damit gleichzusetzen, tun und lassen zu können, was ein Individuum möchte. Denn Freiheit hat, wie bereits angedeutet, Grenzen. Zu unterscheiden ist zwischen einer „negativen“ Freiheit „von“ Zwängen und einer „positiven“ Freiheit „zu“ etwas. In der Tat brauchen wir beide Seiten der Freiheitsmedaille, wie der Philosoph Isaiah Berlin vor gut einem halben Jahrhundert eindrucksvoll darstellte: Die eine, „negative Freiheit“ betrifft die Sicherung der Privatsphäre gegen staatliche oder gesellschaftliche Eingriffe, die andere, „positive Freiheit“ die der politischen Selbstbestimmung. So ist die „negative Freiheit“ das Prinzip des Rechtsstaats und die „positive“ das Prinzip der Demokratie. Geraten beide miteinander in Konflikt, zieht Isaiah Berlin die Erstgenannte vor. Dagegen behauptet der kanadische Philosoph Charles Taylor in seiner Kritik des neuzeitlichen Individualismus, dass dieser Freiheitsbegriff nicht aufrechtzuerhalten sei. Freiheit als „eine Praxis steuernder Kontrolle über das eigene Leben“ sei nicht einfach verfügbar, sondern bestehe in der „Fähigkeit, die wir zu verwirklichen haben“. Mit mehr Freiheit geht stets eine größere Verantwortung einher. Sie bedeutet nicht ein uneingeschränktes Handeln, sondern vernunftgebundenes Handeln. Diese Verknüpfung von Freiheit und Vernunft spielte in der Philosophie bereits bei Immanuel Kant wie auch bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel eine Rolle. Jürgen Habermas spricht in seinem neuesten Werk von „vernünftiger Freiheit“.

Selbst der berühmte Song „Fight for Your Right to Party“ von den „Beasty Boys“ aus dem Jahr 1986 war nicht als reine Freiheitshymne für Party Animals gedacht, sondern nahm diese auf die Schippe. Im Zusammenhang mit dem Ende des „État de crise“ geht es um mehr als um das „Recht auf Party“: Es geht um die Gesundheit und das Leben der Menschen sowie um die wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Kohäsion. Ohne all dies wäre es um die individuelle Freiheit schlecht bestellt.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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