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Dress Codes

Gottfried Keller hat Recht gehabt. Kleider machen Leute: vom Taufhemd bis zum Trauerflor. Genau davon erzählt die angenehm unspektakuläre Ausstellung „Um angemessene Kleidung wird gebeten“ im Simeonstift in Trier.

Auf die Frage, was Zen sei, beschreibt Stylistin Jane Tidbury in ihrem Buch über das neue Wohngefühl eine bestimmte Szenerie: Man solle sich vorstellen, an einem Strand zu stehen und vom Anblick und den Geräuschen des Meeres derart fasziniert zu sein, dass alle anderen Gedanken keine Bedeutung mehr haben. In diesem Augenblick würde einem die Schönheit eines flüchtigen Eindrucks bewusst – ein auf dem Wasser glitzernder Sonnenstrahl, das Muster der auf dem Sand ausrollenden Wellen… Obwohl man diesem Bild vielleicht schon hundert Mal begegnet ist, in genau dieser Sekunde würde man es mit neuen Augen erfassen, so als sähe man es zum ersten Mal. Das ist Zen.

Over- oder underdressed – Mode verrät viel über ihre Träger.

Und nun noch eine tolle Erfahrung: Man muss nicht unbedingt an die belgische Küste oder ans Mittelmeer reisen, um in eine andere entspannte Welt einzutauchen. Es reicht eine Fahrt nach Trier. Dort hat der Modedesigner und Textilrestaurator Ralf Schmitt dem Stadtmuseum Simeonstift eine Auswahl von mehr als 100 Kleidern und Accessoires aus 250 Jahren Modegeschichte für eine ganz besondere Ausstellung zur Verfügung gestellt. Von Taufkleidern, die bis ins späte 20. Jahrhundert häufig aus Brautkleid und Brautschleier der Mutter angefertigt wurden, bis zu Totenhemden, die in christlichen Kulturen schwarz sein sollen – „Um angemessene Kleidung wird gebeten“ besticht einerseits durch die wertvollen Modelle der Privatsammlung und andererseits durch deren schlichte Inszenierung.

Klare Linien, strenge Schlichtheit, keine niedlichen Dekorationen. Jane Tidbury wäre begeistert von der Art und Weise, wie offen und unprätentiös die Ausstellungsräume gestaltet worden sind. Nichts Überflüssiges lenkt den Blick des Besuchers ab. Man konzentriert sich voll und ganz auf die eleganten Formen und reinen Farben der ausgestellten Objekte. Fühlt sich mit ihnen fast schon verbunden. Allerdings geht es bei dieser Ausstellung – trotz eines unbestreitbaren Wohlbefindens – nicht um Meditation oder gar Erleuchtung, sondern um das Thema Mode. Ob over- oder underdressed, Kleider verraten viel über die Persönlichkeit der Träger und soziale Konventionen. So gilt die Französische Revolution von 1789 als wichtiger Wendepunkt der europäischen Gesellschaft und der Mode. Bis zu diesem Zeitpunkt folgte die Herrenbekleidung nämlich royalen Vorbildern, mit teuren und hochwertigen Seidenstoffen in ziemlich auffälligen Farbtönen. Durch die zunehmende Industrialisierung und die steigenden beruflichen Anforderungen wurden Hosen und Jacken, Westen und Hüte mehr und mehr vereinfacht und gewissermaßen uniformiert. Überlebt hat indes der dreiteilige Anzug in Schwarz. Er ist nach wie vor Sinnbild für schlichte Eleganz und vielseitige Zweckmäßigkeit.

Der Untertitel der Ausstellung lautet „Mode für besondere Anlässe von 1770 bis heute“. Im Scheinwerferlicht stehen daher festliche Kleider, handgefertigte Unikate und ikonische Designentwürfe von u.a. Dior oder Vivienne Westwood. Die zehn verschiedenen Stationen führen von Babykleidung zum letzten Schick bei Trauermode und abschließend zum Roten Teppich, auf dem einst Kaiser und Könige das modische Zepter in der Hand hielten, während heute Medienstars und –sternchen eine übergeordnete Rolle als Fashion-Vorbilder haben. Selbstverständlich sind das Cocktailkleid von Heinz Oestergaard, das um 1854 aus Seidenorganza gefertigt wurde, oder das mit Glasperlen gefranste Tanzkleid aus den 1920er Jahren, in dem man heute noch eine tolle Figur auf jedem Fest machen würde, schöner anzusehen als der schmutzige „Blaumann“ aus Baumwolle, der um 1985 getragen wurde, aber museales Sammeln und Ausstellen ist immer Auswahl, wie Museumsdirektorin Dr. Elisabeth Dühr betont.

Anhand von Damen-, Herren- und Kinderkleidern aus vier Jahrhunderten zeigt die Sonderausstellung den Wandel der Mode bis in die heutige Zeit.

Als das Trier Stadtmuseum Simeonstift 2007 neu ausgerichtet wird, wird erstmals ein Textilkabinett eingerichtet, das sich Modeentwicklungen vergangener Jahrhunderte widmet, Trachten des Eifel- und Hunsrückraums sowie bürgerliche Mode und dazugehörige Accessoires vereint – und Kleidung trotz ihres extrem fluiden Charakters zu einem kulturhistorisch interessanten Ausstellungsgegenstand macht. „Es ist ein großer Glücksfall, dass eine äußerst qualitätsvolle Privatsammlung aus Trier die Möglichkeit zu dieser Ausstellung bot, die wir mit eigenen Stücken ergänzen konnten“, so Dr. Elisabeth Dühr. Ihr zufolge ist Mode ständig in Bewegung. „Um angemessene Kleidung wird gebeten“ lädt derweil zum Innehalten ein. Zen eben.

In zurückhaltenden und lichtdurchfluteten Räumen kann man atmen. Das Mudam bietet solche Räume. Das ehemalige Stift aus dem 11. Jahrhundert ist zwar weniger luftig konzipiert, dennoch fühlt man sich nicht eingeengt. Zumindest nicht in der ziemlich großzügigen Atmosphäre der Mode-Ausstellung. „Zen strebt nach einer fließenden Umgebung, die von einem reduzierten und doch raffinierten architektonischen Rahmen zusammengehalten wird“, schreibt Jane Tidbury. Besser kann man die Stimmung, die den Museumsbesucher begleitet, nicht zusammenfassen. Während die ausgestellte Mode Nahrung für die Sinne bietet, bietet die Gestaltung der Räume Freiheit für den Geist. Klingt esoterisch, ist es hingegen ganz und gar nicht. Zum Augenschließen und Meditieren ist die Ausstellung nämlich viel zu sehenswert.

Fotos: Philippe Reuter

Bis zum 6. Oktober im Stadtmuseum Simeonstift in Trier (direkt neben der Porta Nigra), geöffnet von dienstags bis sonntags von 10-17 Uhr, www.museum-trier.de

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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