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Drifting

Viel Weiß, noch mehr Details und jede Menge Interpretationsfreiheit. Sophie Jungs Ausstellung „They Might Stay the Night“ lädt zum Verlorenwerden ein.

Auf dem Boden liegen alte Matratzen. Von der Decke hängen seltsame Objekte. Aus einem Mantel ragt ein Besenstiel. Unter einer Metallhaube lugen zwei Füße hervor. Über einem roten Sessel ist eine Art Haut gespannt. Auf einem umgedrehten Pappkarton ist ein Miniaturwohnzimmer inszeniert. Ballerinaschuhe ragen in den Himmel, wo ein winziges Flugzeug zu sehen ist. Einem Plüschtier wird mit einer Mullbinde das Maul gestopft. Mein Begleiter macht eifrig Fotos. Jede Installation nimmt er mit seinem Handy genau unter die Lupe. Kurzum: Er ist begeistert. Sehr sogar. Allerdings bekomme ich auf meine Frage, was die Künstlerin mit ihrer chaotisch anmutenden Sammlung skurriler Gegenstände bezwecken will, welche Geschichte ihre Ausstellung erzählt und warum in den einzelnen Räumen Spiegelfolie verlegt worden ist, als Antwort lediglich ein „Hm“. Mehr nicht.

Der Begleittext zu They Might Stay the Night hilft auch nicht wirklich weiter. Bevor die Covid-19-Pandemie den Luxemburger Kunstbetrieb lahm gelegt hat, war geplant gewesen, dass Sophie Jung an den Wochenenden vor Ort sein würde, um ihr Werk zu kommentieren. Jetzt ist die Ausstellung zwar verlängert worden, der Besucher indes auf sich gestellt (und ein wenig verloren). Doch genau das ist gewollt. Man soll sich alle möglichen Gedanken machen und nach Zusammenhängen suchen, sich bestenfalls mit anderen austauschen und sich von einer allgemeingültigen Wahrnehmung verabschieden. Früher ist die zwischen London und Basel pendelnde Künstlerin vor allem als Live-Performerin geschätzt worden, die – wie es bei der Ausstellung „The Bigger Sleep“ im Kunstmuseum in Basel der Fall war – in weißem Tüll zwischen ihrem ausrangierten und neu zusammengesetzten Mobiliar umherflaniert und Textfragmente von Raymond Chandler zitiert.

Für die Ausstellung im hauptstädtischen Casino-Forum d’art contemporain hat sie hingegen entschieden, keine aktive Rolle mehr zu spielen, so sehr sie das Rampenlicht auch genossen hat. Stattdessen sollen die Skulpturen im Vordergrund stehen. Sie selbst spricht in diesem Zusammenhang von ihren Kreaturen, zu denen sie ein ganz besonderes Verhältnis hat. Manche Dinge besitzt sie seit Jahren. Andere hat sie vor der Müllabfuhr gerettet. Wiederum andere sind erst vor kurzem von ihr entdeckt worden. Was alle gemeinsam haben: eine Art Einzigartigkeit. Wozu sie früher gedient haben, ist für das Verständnis der Ausstellung nicht von Belang. Was weitaus wichtiger ist, ist die Einstellung des Betrachters. Neutra soll sie sein. Man soll Sophie Jungs phantasievollen Welt ohne Voreingenommenheit entgegentreten und dabei nicht erwarten, dass man den roten Faden, den die Künstlerin trotz vermeintlichem buntem Durcheinander gesponnen hat, auf dem Silbertablett serviert bekommt. Schließlich steht man selbst darauf. Und ist Teil des Ganzen, oder?

Wozu die alltäglichen Gegenstände, die Sophie Jung neu zusammensetzt, früher gedient haben, spielt für das Verständnis ihrer Kunst keine wesentliche Rolle.

„Hm.“ Mein Begleiter ist alles andere als überzeugt. Die diversen Anspielungen seien ihm zu vage, die Inszenierungen mitunter zu surreal. Er würde kein Script erkennen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Dennoch hätte die Ausstellung ihren Reiz. Und dann fotografiert er weiter. Die Aufnahmen, die wir uns zu Hause noch einmal anschauen, spiegeln nichts von dem wider, was wir vor Ort gesehen haben. So dekadent oder verführerisch einzelne Objekte oder Körper wirken, nur im Raum können sie einen gewissen Zauber und ihre eigensinnige Sprache entwickeln. In diesem Sinne ist They Might Stay the Night eine Performance (ohne Performer). Eine Art Kopfkino, das ohne Action auskommt. Ein riesiges Puzzle, dessen Teile nicht willkürlich verstreut worden sind. Im Gegenteil. Sophie Jung hat sich vor Beginn der Ausstellung umfassend mit den Räumlichkeiten des Kunsthauses beschäftigt und genau geprüft, welches Werk wohin passt, welche Installationen miteinander verbunden werden können und welche sich farblich ergänzen. Es geht der 2019 mit dem Manor Kunstpreis ausgezeichneten Künstlerin demnach ebenfalls um eine gewisse Ästhetik. Wobei der glänzende Boden eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Alles wird reflektiert. Man befindet sich in einer Spiegelwelt, in der nichts scheint, wie es ist.

Das sei doch das Interessanteste, meint mein Begleiter. Wie oft er die aufeinander gestapelten Stühle fotografiert hat, von denen drei seltsame Rohre in ein Drahtgemetzel führen, habe ich nicht nachgezählt, aber auf jedem Bild sieht diese Installation anders aus. Daher sollte man sich auf keinen Fall von der Komplexität der Ausstellung abschrecken lassen, sondern die einzelnen Werke auf sich wirken lassen. In dem Moment wird man sich ihrer Vielfalt und dessen bewusst, dass eine giftgrüne Matratze mehr ist als eine giftgrüne Matratze.

Fotos: Lynn Theisen

Bis zum 25. Oktober im Casino Luxembourg. Täglich geöffnet (außer dienstags) von 10-18 Uhr, www.casino-luxembourg.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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