Die Verwendung von Cannabis zu medizinischen Zwecken hat eine jahrtausendealte Tradition. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist Cannabis indes weltweit verboten. Die Debatte über eine Legalisierung flammt jedoch regelmäßig neu auf. Gegenwärtig auch bei uns. Eine Bestandsaufnahme.
Traditionelle Medikamente helfen mir nicht und ich habe auch keinen Bock darauf, ständig Pillen zu schlucken, um meine Schmerzen und Depressionen zu bekämpfen“, erklärt Edgar Kohn. Der 1970 geborene Künstler ist schon zwei Mal an Krebs erkrankt und ein chronischer Schmerzpatient. Die Klassischen Medikamente helfen ihm nicht. Ein ausländischer Arzt verschreibt ihm seit mehr als vier Jahren Cannabis. „Den medizinischen Cannabis beziehe ich aus einer niederländischen Apotheke“, erklärt er. „Alle drei Monate habe ich das Anrecht auf 100 Gramm.“ Kohn raucht Cannabis oder nimmt es als Tinktur in Tropfenform ein.

Edgar Kohn, Krebspatient
Einer seiner Leidensgenossen, nennen wir ihn Steve Wagner (der Name wurde von der Redaktion geändert) , greift ebenfalls auf medizinisches Cannabis zurück, um seine Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz ADS, zu behandeln. „Rauchen ist eigentlich negativ konnotiert“, sagt er, „wobei mittlerweile herausgefunden wurde, dass es weitaus weniger gesundheitsschädlich ist als bisher immer dargestellt wurde.“ Rauchen sei zwar nicht die effizienteste Art und Weise, es einzunehmen, hätte aber den Vorteil, dass es direkter und schneller wirkt, so Wagner. „Die medizinische Dosis von Cannabis liegt zudem unter dem sogenannten High-Effekt. Dieser ist nichts als anderes als eine Überdosierung, die man nicht erreichen will.“
„ Traditionelle Medikamente helfen mir nicht und ich habe auch keinen Bock darauf, ständig Pillen zu schlucken, um meine Schmerzen und Depressionen zu bekämpfen.“ Edgar Kohn, Krebspatient
„Wenn jemand Schmerzen hat, will er keine 30 bis 45 Minuten lang warten, wie bei einer Tinktur“, sagt Edgar Kohn. Beim Inhalieren stellt sich die Wirkung nach rund fünf bis zehn Minuten ein. Seit 2012 ist Sativex (Anm. der Red.: pharmazeutisches Fertigpräparat auf Cannabisbasis in Sprühform) in Luxemburg erhältlich. Die medizinische Anwendung, die vor allem für Multiple-Sklerose-Patienten oder Spastiker vorgesehen ist, hat sich dabei aber zum größten Teil als unwirksam herausgestellt.
In Naturform hat Cannabis generell eine entspannende Wirkung auf den Körper und ist zudem stimmungsaufhellend. Nach dem Konsum von medizinischem Cannabis kann man alle Dinge des täglichen Lebens problemlos erledigen. Ein weiterer Vorteil, im Vergleich zu Morphium zum Beispiel, sei jener, so Edgar Kohn, dass die Dosis nicht ständig nach oben gesteigert werden müsse, sondern lediglich situationsbedingt angepasst werde. „Eine Toleranz gegenüber dem Produkt bildet sich nicht“, erzählt er weiter, „und man hat auch keine Entzugserscheinungen.“
In Luxemburg sieht sich Kohn indes als „Freiwild“ in Bezug auf strafrechtliche Verfolgung. „Dabei muss man einsehen, dass wir Cannabis nicht aus Spaß an der Freude zu uns nehmen“, betont er, „sondern aus gesundheitlichen Gründen. Wir sind also keineswegs als Drogenkonsumenten anzusehen. Wir werden aber wie Aussätzige behandelt und ständig diskriminiert.“ In Ländern, in denen Cannabis zugelassen ist, werde es sogar teilweise eingesetzt, um Menschen von ihrer Drogensucht zu befreien. „In dem, was Cannabis im Gehirn bewirkt“, sagt Kohn, „ist es eigentlich eine Antidroge.“

Dr. Claude Schummer, Generalsekretär der Association des Médecins et Médecins-Dentistes
Steve Wagner erzählt, wie er einmal von der Polizei wegen Besitzes eines Gramms Cannabis erwischt wurde. „Es war gleich das volle Programm“, erläutert er, „Handschellen an, ab aufs Revier und Körperdurchsuchung. Die Polizei hat meinen Fotoapparat und mein Handy kontrolliert.“ Weil er als regelmäßiger Cannabiskonsument bekannt ist, hat man ihm den Führerschein entgezogen. „Ich könnte mir während der Autofahrt Sativex in den Hals spritzen. Das wäre legal. Dabei hätte ich aber genau die gleiche Dosis THC im Blut.“
Edgar Kohn für seinen Teil hat sich im Jahr 2010 im Zuge der „Affäre Colombera“ bei der Drogenfahndung selbst angezeigt. „Ich kann nur sagen, dass mir eine ganze Menge Verständnis entgegengebracht wurde“, erinnert er sich. „Vielleicht aber auch, weil ich mich immer dazu bekannt habe und auch an die Öffentlichkeit gehe.“ Einig sind sich die beiden, dass Selbstanbau einen Fortschritt bedeuten würde. Ebenso müsse man gegen den Schwarzmarkt und die schwere Kriminalität vorgehen.
„ Cannabis kann durchaus eine heilende bzw. schmerzstillende Wirkung haben, allerdings stelle ich eine Tendenz zur Verharmlosung fest.“ Dr. Claude Schummer, Generalsekretär der Association des Médecins et Médecins-Dentistes
Im Regierungsprogramm der Gambia-Koalition steht zu lesen, dass „der Kampf gegen den Handel und den Konsum von Drogen nicht den gewünschten Erfolg hatte“. Der Konsum blieb hoch. Eine neue Präventionsstrategie, um die Bürger zu informieren und verantwortlich zu machen, sollte im Zentrum der Regierungspolitik stehen. Die Regierung, so steht es in ihrem Programm, werde die juristischen Dispositive untersuchen, um herauszufinden, welche Maßnahmen eine möglichst effiziente Wirkung erzielen.
Der Arzt und frühere ADR-Abgeordnete Jean Colombera gilt als einer der Verfechter der Cannabis-Therapie und stand bereits vor Gericht, weil er seinen Patienten ohne Genehmigung Cannabis zu therapeutischen Zwecken verschrieben hatte. „Es besitzt bei einer richtigen Dosierung keine Nebenwirkungen, was einen ganz großen Vorteil gegenüber den traditionellen Medikamenten darstellt“, erklärt der Allgemeinmediziner aus Vichten. „Nebenwirkungen gibt es nur, wenn eine Unverträglichkeit vorliegt. Dann kann man vielleicht etwas Herzrasen bekommen. Magenschmerzen, Kopfschmerzen oder Übelkeit hingegen, was klassische Nebenwirkungen bei traditionellen Medikamenten sind, gibt es jedoch nicht.“ Um einen effizienten Einsatz zu garantieren, müsse man immer den Wirkungsbereich des Cannabis betrachten, erklärt Colombera weiter. Cannabis sei vor allem gedacht, zu beruhigen. Es hilft bei Schmerzen und bei Depressionen. „Außerdem verursacht es bei richtiger Dossierung keine Abhängigkeit. Bei Medikamenten wie Xanax oder Temesta ist dies nicht der Fall.“

Entspannend: Die einen sind für die Freigabe von Haschisch und Marihuana, die anderen halten die Rauschmittel für gefährlich. Foto: ststoev/Fotolia
Als „alles eine Frage der Dosis“ bezeichnet es auch Dr. Claude Schummer, Generalsekretär der Association des Médecins et Médecins-Dentistes (AMMD) und wie Colombera Allgemeinmediziner. Extremer Konsum könne jedoch schädliche Folgen haben. Er weist darauf hin, dass Cannabis durchaus eine heilende bzw. schmerzstillende Wirkung haben kann. Schummer stellt eine „Tendenz zur Verharmlosung“ von Cannabis fest, einhergehend mit der gesellschaftlichen Gewöhnung und Enttabuisierung. Also alles eine Frage der Generation? Eine repressive Vorgehensweise gegen Konsumenten lehnt er jedenfalls ab, bezeichnet es aber als seine persönliche Sichtweise. Schummer verweist auf die orale Anwendung in Form von Tropfen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich meinen Patienten empfehle zu rauchen.“ Nicht zu vergessen sei allerdings, dass der Cannabis-Konsum zu Psychosen, Apathie und zur Abhängigkeit führen könne.
„ Man muss die Diskussion sachlich und differenziert angehen, schließlich sind die möglichen Schäden höher als bisher erwartet.“ Alain Origer, Drogenbeauftragter des Gesundheitsministeriums
„Cannabis wird sicherlich am häufigsten geraucht, wobei der Brenneffekt und das Einatmen nicht gut sind und ein Reizwirkstoff“, erklärt Jean Colombera. „Inhalieren, essen oder in Tropfenform einnehmen sind weitere Einsatzmöglichkeiten.“ Die Chancen einer Legalisierung hält er indes für eher gering und spielt dabei auf die Aussagen von Premierminister Xavier Bettel (DP) und Justizminister Félix Braz (Déi Gréng) an.

Alain Origer, Drogenbeauftragter des Gesundheitsministeriums
Letzterer schloss eine Legalisierung von Cannabis kürzlich aus, wies aber auch darauf hin, dass eine strenge Verfolgung der Konsumenten nicht mehr zeitgemäß sei. Kurz zuvor hatte ein aus mehreren politischen Jugendorganisationen bestehendes Aktionsbündnis einmal mehr die Freigabe von Haschisch und Marihuana gefordert.
„In der Diskussion um Cannabis werde vieles durcheinander geworfen und der medizinische Nutzen mit dem nicht-medizinischen Gebrauch miteinander vermischt“, kritisiert derweil Alain Origer, der Drogenbeauftragte des Gesundheitsministeriums. Auch er weist auf die Risiken hin. Zwar seien im medizinischen Bereich bestimmte Bestandteile von Cannabis, vor allem die Hauptwirkstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), unter anderem in der Schmerztherapie und bei der Behandlung chronischer Krankheiten wie Asthma und Multipler Sklerose hilfreich. Origer warnt aber wie Schummer ebenfalls vor einer Verharmlosung des nicht-medizinischen Konsums von Cannabis. Er verweist in diesem Zusammenhang auf rezente Studien.
„Man muss die Diskussion sachlich und differenziert angehen“, fordert der Drogenbeauftragte der Regierung . „Schließlich sind die möglichen Schäden höher als bisher erwartet.“ Besagte Untersuchungen hätten ergeben, dass der Konsum des Rauschmittels über eine längere Zeit zu einer psychischen Abhängigkeit, zur Demotivation und zu intellektuellen Defiziten führen könne. Origer unterscheidet Straßencannabis von den Medikamenten, die entwickelt werden, also von jenem Cannabis, das unter unterschiedlichen Bedingungen standardisiert wird.

Dr. Jean Colombera, Allgemeinmediziner und ehemaliger Abgeordneter
Aufgrund der zahlreich vorliegenden wissenschaftlichen Studien müsste man allerdings überlegen, eine andere Schiene zu fahren, meint Colombera. Andernfalls müssten Cannabispatienten auf den illegalen Markt zurückgreifen, wo sie dann unreines Cannabis erhalten. Die Angst, Cannabis würde in die Abhängigkeit führen, soll endlich über Bord geworfen werden, sagen die Befürworter einer Freigabe. „Warum sollte man, wenn traditionelle Medikamente nicht mehr wirken, nicht Cannabis verabreichen?“, sagt Colombera. „Um beispielweise die Nebenwirkungen einer Chemotherapie zu bekämpfen, ist Cannabis jedenfalls ein ideales Mittel.“
Fotos: Alain Rischard, Martine May, Didier Sylvestre (alle Editpress)








