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Durchgeknallt

Das Théâtre grand-ducal beginnt die neue Spielzeit mit der Inszenierung einer Amok-Komödie. „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje erzählt vom Zusammenprall mehrerer Kulturen und davon, dass mit Gewalt nichts zu erreichen ist.

Fotos: Jean-Marc Turmes

Sie rotzen und kratzen sich am Schnitt. Sie quatschen und fluchen laut ins Handy und rücken sich für Selfies in Pose. Kurzum: Diese pubertierenden Schüler sind nervtötend, und die Lehrerin in ihrer Mitte hat nicht den Hauch einer Chance, sich Gehör zu verschaffen. Geschweige denn Autorität. Erst als einem der Jugendlichen eine Pistole aus dem Rucksack fällt, ändert sich die Situation. Frau Kelich nimmt die Waffe an sich, nicht jedoch aus Angst oder Verantwortungsbewusstsein, sondern um Druck ausüben zu können. Was auch hervorragend klappt. Nach ersten Warnschüssen verwandelt sich die Horde unverschämter Problemklässler in kuschende Zuhörer.

In Jean-Paul Lilienfelds Film „La journée de la jupe“, auf dem das Theaterstück basiert, spielt Isabelle Adjani die gleichermaßen ratlose und verzweifelte Lehrerin, die ihre Schüler als Geiseln nehmen muss, damit sie mit ihnen „Die Räuber“ durchpauken kann. Damit endlich alle mal Ruhe geben und sich auf den Text konzentrieren. In „Verrücktes Blut“, das Regisseur Jean-Paul Raths für das Théâtre grand-ducal (TGD) auf Luxemburger Verhältnisse übertragen hat, übernimmt Sabine Rossbach die Rolle der Lehrkraft, und das sehr glaubwürdig. Vor allen in den Momenten, in denen sie ihre Schüler mit deren eigenen Schimpfwörtern anblafft: „Fresse halten!“ Und wenn sie sagt, dass sie keinen Muckser hören will, sind alle sofort still. So viel zur Macht einer Revolverträgerin.

„Verrücktes Blut“ ist eine Zustands-beschreibung. Eine Lösung für die Zukunft bietet das Stück nicht.

Dass Jean-Paul Raths sich für seine Inszenierung des Stücks, das am freien Theater Ballhaus Naunystraße in Berlin von Schauspielern und Schauspielerinnen mit Migrationshintergrund entwickelt wurde, gegen Schillers Drama und stattdessen für Shakespeares Lustspiel „Der Widerspenstigen Zähmung“ für den Theaterkurs entschieden hat, hat einerseits damit zu tun, dass diese frühe Komödie aus dem elisabethanischen Zeitalter von der Daseinsberechtigung von Frauen handelt. Andererseits passt der englische Autor hierzulande besser als der deutsche. Dabei geht sowohl der eine als der andere den Jugendlichen so ziemlich am Arsch vorbei.

Musa, der Super-Macho (Paul Robert), will als Fußballer reich und berühmt werden. Was also soll er bitteschön mit Theaterkultur anfangen? Auch die anderen sind während des Unterrichts gehörig genervt. Schönling Ferit (Basil Prange) spielt unentwegt mit dem Handy. Hasan (Zemir Kuč) schläft immer wieder ein. Sogar im Stehen. Bastian (Sebastian Kunzler) rückt mit dem Stuhl hin und her. Latifa (Hedda Engel) und Mariam (Sabrina Gérard) schauen gelangweilt in weite Ferne. Trotzdem gibt Frau Kelich so schnell nicht auf. Anfangs beschränkt sie sich noch darauf, ihren Schützlingen die richtige Aussprache von „Ich“ und „Vernunft“ beizubringen. Später wird auch sie ausfallend.

Regisseur Jean-Paul Raths (rechts unten) hat das Stück auf Luxemburger Verhältnisse übertragen.

Die Autoren Nurkan Erpulat und Jens Hillje betonen, dass es in dem Stück nicht um die Schüler geht. Es ginge auch nicht um die Lehrer oder die Schule im Allgemeinen. Stattdessen geht es in „Verrücktes Blut“ um den Blick auf all das. Es geht also um das Publikum. Doch wie wird dieses Publikum reagieren, wenn es dabei zusehen muss, wie eine Lehrerin mit einer Schusswaffe in der einen und einem Reclam-Heftchen in der anderen Hand ihre Schüler dazu zwingen will, die Existenz von Kultur wahrzunehmen? Werden sie lachen über Sätze wie: „Dafür kommst du in den Knast, du Schlampe“? Oder werden sie peinlich berührt sein von der Gewalt und den Beschimpfungen, die – wie Jean-Paul Raths sich versichern ließ – keineswegs übertrieben sind? Für ihn ist der „Clash“ der Kulturen das Interessanteste. Dieses Aufeinanderprallen verschiedener Religionen, Mentalitäten und Ausdrucksweisen. Obwohl das Großherzogtum nicht mit Deutschland oder Frankreich zu vergleichen ist, was die Immigrations- und Bildungspolitik betrifft, sei er entsetzt über den Rassismus, der in den letzten Jahren verstärkt aufkeimt.

Parallel zum Klassenzimmer-Horror erschafft Jean-Paul Raths in seiner Inszenierung eine Nebenwelt ohne Brutalität.

Wer den Film „La journée de la jupe“ gesehen hat, wird vielleicht enttäuscht feststellen, dass eine Menge Action und Nebenfiguren für die Theaterfassung auf der Strecke bleiben musste. Im Gegenzug wird man hingegen überrascht sein, wie toll die Spannung, der Hass und die Angst vor einer Eskalation auf die Zuschauer übergreifen. Es gibt in der Tat kein Entziehen, keine Distanz. Man sitzt mittendrin und begreift rasch, wie aussichtslos verfahren die ganze Situation ist. „Ech hu mir allerdings e puer Fräiheeten erlaabt“, betont der Regisseur. Gemeint ist eine Art Nebenwelt. Eine zweite Realität, in welcher alle friedlich zusammenleben und von Brutalität keine Rede ist. Der Alltag in den Klassenzimmern sieht hingegen anders aus: Mobbing, Prügeleien, Obszönitäten, Erniedrigungen sind an der Tagesordnung. Der reinste Horror.

An einer Schule voller Problemkinder ist es für Lehrer nicht leicht, Shakespeare zu unterrichten.

„Verrücktes Blut“ macht indes Spaß. Die jungen Schauspieler, von denen die meisten lediglich als Mitglied eines Schüler- oder Amateurtheaters Erfahrung haben, spielen mitreißend. Sabine Rossbach hat sich von dieser jugendlichen Begeisterung einfach anstecken lassen. Und auch wenn im Verlauf des Abends Klischees so oft bestätigt und wieder zerschlagen werden, bis man sich seiner eigener Meinung nicht mehr sicher ist, besticht das Stück – trotz aller Schwere – durch eine besondere Leichtigkeit. In Deutschland hat es seinen 2011 begonnenen Siegeszug durch die Stadttheater noch nicht abgeschlossen. In Luxemburg müsste es auf der Bühne jedes Lyzeums aufgeführt werden. Derart wichtig sind die behandelten Themen.

Premiere ist am 28. September um 20 Uhr im Trifolion in Echternach. Weitere Vorstellungen am 21. Oktober im „Käerjenger Treff“ und in Planung.

Author: Philippe Reuter

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