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„Ech lieben dech“

Wenn es um Jugendsprache geht, werden Erwachsene gleich hellhörig. Und fürchten Verrohung und Verfall. Dabei ist die Kommunikation unter Jugendlichen vor allem eins: ungeheuer kreativ.

Fotos: Uni Luxemburg, Pixabay

„Man telefoniert doch heutzutage nicht mehr“, sagt meine 18-jährige Tochter. Sie klingt ziemlich amüsiert, ihr Ton fällt zum Ende des Satzes hin ab. Eigentlich müsste noch ein „Mensch, Mama“ folgen, aber das verkneift sie sich verständnisvoll. Meine Frage, wieso sie dann ein 500-Euro-teures Smartphone mit sich herumträgt, verkneife ich mir wiederum. Die Antwort kenne ich ja: So ein Handy ist mehr als ein Telefon, es ist Kommunikationsassistent, Informationsquelle und Zeitvertreib. Ein Leben ohne Smartphone? Undenkbar. Aber nicht, um irgendwo anzurufen.

Kommunikation unter Jugendlichen läuft zu einem überwiegenden Teil digital und schriftlich ab. Heutzutage wird gechattet und gewhatsappt, geteilt und geliked, und persönliche Pinnwände in sozialen Netzwerken werden mit Bildern und Mitteilungen verziert. Dass es dabei inhaltlich nicht immer um hochwichtige Themen geht, lässt viele Eltern verzweifeln. Sie hätten gerne, dass ihre Kinder die Zeit sinnvoller verbringen. Doch so unsinnig oder überflüssig diese Art der Kommunikation auch erscheinen mag – sie erfüllt trotzdem einen wichtigen Zweck.

„Diese Chats haben eine soziale Funktion, sie dienen der Beziehungspflege“, sagt Luc Belling. „Von Außenstehenden wird das nicht gut verstanden, doch den Jugendlichen ist die Gruppenzugehörigkeit sehr wichtig. Sie wollen zeigen, dass sie Teil einer Gruppe sind und stehen deshalb mit ihrer Peergroup immerzu in Kontakt, auch wenn sie sich schon den halben Tag in der Schule gesehen haben.“ Im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Uni Luxemburg hat der Sprachwissenschaftler über das Kommunikationsverhalten von Jugendlichen geforscht, vor allem über den Umgang mit Luxemburgisch als Schriftsprache im Alltag.

Jugendsprache lässt bei vielen Erwachsenen die Alarmglocken klingeln.

„Luxemburgisch ist ein spezieller Fall, weil wir diese Sprache ja vor allem mündlich sprechen und sie in der Schule kaum gelehrt wird. Das ist der Unterschied zu anderen Ländern, in denen man Jugendkommunikation untersucht. Die haben ihre Ausgangssprache mit einem Regelwerk, das in der Theorie alle kennen.“ Da in der Schule fast ausschließlich auf Deutsch und später Französisch geschrieben wird, sind es auch die beiden Sprachen, die federführend sind – sowohl im offiziellen Schriftverkehr als auch in den Medien. Lediglich der private Briefverkehr sei schon lange auf Luxemburgisch geschrieben worden, erzählt Luc Belling. Doch dazu hatten die Forscher kaum Zugang. Durch die digitalen Medien, vor allem in den sozialen Netzwerken, haben sie jetzt viel Material bekommen.

Zwei Schulklassen mitsamt ihrem Kommunikationsverhalten hat Belling unter die Lupe genommen, eine mit 13- bis 14-Jährigen, die andere mit 17- bis 18-Jährigen. Die Untersuchungen wurden im Osten des Landes durchgeführt. Die Mehrheit der Schüler und Schülerinnen kamen aus luxemburgischem Elternhaus oder hatten einen portugiesischen Hintergrund, in dem auch Luxemburgisch gesprochen wird. Belling kam zu unterschiedlichen Ergebnissen: Einige, die sich mit denen aus vergleichbaren internationalen Forschungen decken, und andere, die wiederum sehr Luxemburg-spezifisch sind.

Ganz allgemein und länderübergreifend tendieren Jugendliche in ihrer Kommunikation zu Abkürzungen. Und zur Übernahme von Anglizismen. Gerne auch zu einer Kombination aus beidem: OMG (Oh My God), LOL (Laughing Out Loud), BFF (Best Friends Forever), TMTS (Too Much Too Soon) sind nur ein paar Beispiele für eine ganze Fülle an Ausdrücken, die international benutzt und verstanden werden. „EDO“ (Ech dech och) und „EDM“ (Ech dech méi) sind die luxemburgischen Versionen davon.

pokemon-1553995Ein ebenfalls internationaler Trend, dem allerdings nicht nur Jugendliche, sondern alle Nutzer digitaler Medien folgen, ist der Gebrauch von Emoticons, kleinen Bildern, mit denen der Nachricht ein besonderer Ton beigefügt wird. Viele Nachrichten bestehen gar ausschließlich aus Smileys und ähnlichen Bildern. Außerdem schreiben die Jugendlichen wie sie sprechen, meint Belling. „Wie sie miteinander reden, geht eins zu eins in die Schriftlichkeit über. Chats oder auch SMS sind also im Prinzip mündliche Reden, die lediglich schriftlich ausgeführt werden. Da werden keine vollständigen Sätze mehr gebildet, da werden nur noch die Informationen vermittelt, die nötig sind. Wenn diese dann auch noch gekürzt werden, sieht das sehr verwirrend aus. Da hat man dann eine Reihe von Nachrichten, in denen nur noch vereinzelte Wörter oder Buchstaben stehen.“

Hinzu kommt die Tendenz, nicht nur abzukürzen, sondern alle Wörter klein zu schreiben und ihnen zudem eine phonetisch orientierte Schreibweise zu geben. Wenn dann also eine Endung auf -er mit einem -a geschrieben wird, haben Nicht-Eingeweihte Schwierigkeiten, überhaupt etwas zu verstehen. Was bei vielen Erwachsenen die Alarmglocken klingeln lässt. „Jugendsprache hat häufig eine negative Konnotation und wird mit Sprachverfall gleichgesetzt. Aber das stimmt nicht. Jugendliche gehen sehr kreativ mit Sprache um“, sagt Luc Belling.

Dass die Jugendlichen Ton und Stil sehr wohl ändern können, das hat der Sprachwissenschaftler auch erforscht. „Wir haben auch ihren Umgang mit Lehrern und Eltern in E-Mails untersucht. Sie können ganz klar wechseln und wissen auch ganz genau, wem sie wie schreiben“, erzählt er. „Ich habe keinen Fall gesehen, in dem sich bei den eingesetzten Schreibstrategien im Ton vergriffen wurde.“

„Diese Chats haben eine soziale Funktion, sie dienen der Beziehungs-pflege.“ Luc Belling, Sprachwissenschaftler

Besonders auffällig und für den Sprachwissenschaftler äußerst interessant in der Kommunikation luxemburgischer Jugendlicher ist deren Mehrsprachigkeit. Denn zu den bereits erwähnten Anglizismen kommen immer noch mindestens die drei Landessprachen hinzu, oft sogar noch weitere wie Portugiesisch oder Spanisch. Dabei werden einerseits Passagen aus beliebten Fernsehserien oder Musikstücken zitiert, andererseits aber auch eigene Kreationen hergestellt.

l-bellingOder beides miteinander vermischt. „Auffällig ist die große sprachliche Vielfalt, die die Jugendlichen besitzen. Da wird innerhalb einer Nachricht zwischen den Sprachen gewechselt, was dagegen spricht, dass es sich um einen Sprachverfall handelt. Man braucht schon hohe kognitive Fähigkeiten, um die Sprachen so zu mischen, dass sie trotzdem verständlich bleiben“, sagt Belling. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund beziehen viele Ausdrücke ihrer Muttersprachen mit ein, was der Sprachwissenschaftler als „identitäre Marker“ bezeichnet. Obwohl sie mehrere Sprachen fließend sprechen und Schriftsprache auf Deutsch und Französisch gelernt haben, ist es doch ihre Muttersprache, in der geschrieben wird.

Aber auch im Umgang mit der luxemburgischen Sprache sind junge Leute kreativ. Die langjährige Gewissheit, dass Luxemburgisch zu den rückständigen Sprachen gehört, weil man in ihr nicht „Ich liebe dich“ sagen kann, wurde erfolgreich außer Kraft gesetzt. „Ech lieben dech“ oder sogar „Ech liken dech“ zu sagen, ist gar kein Problem mehr. Und schlimm ist es auch nicht, denn: Sprache verändert sich – das war schon immer so. Und die Jugend ist für einen großen Teil dieser Veränderung verantwortlich. Das war auch schon immer so – vor fünfzig Jahren genauso wie heute.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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