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Edito: Ab durch die Mitte

Passo dopo passo – „Schritt für Schritt“ informierte Matteo Renzi einst über sein Tausend-Tage-Programm. Pro Monat eine Reform hatte er angekündigt, als er 2014 im Alter von 39 Jahren das Amt des italienischen Ministerpräsidenten antrat. Auch wenn Renzi vor rund einem Jahr seinen Rücktritt einreichte, wurde er eine Art Role Model für andere Politiker.

Sie sind jung, dynamisch und erfolgreich. Und sie haben Charisma. Gemeint ist eine neue Generation von Politikern, die in den vergangenen Jahren Aufsehen erregte. Ob Emmanuel Macron, Justin Trudeau oder Sebastian Kurz – sie haben die Wähler für sich eingenommen. 1977, 1971, 1986 sind ihre Geburtsjahrgänge. Hinzu gekommen ist nun auch noch der deutsche FDP-Politiker Christian Lindner. Letzterer wird spätestens, seit er die Jamaika-Koalition platzen ließ, nicht mehr mit dem Schlagersänger Patrick Lindner verwechselt. Nicht zu vergessen ist ein weiterer Politiker dieser Kategorie, der noch vor den anderen die politische Verantwortung in seinem Land übernahm: Xavier Bettel, Jahrgang 1973.

Der Auftritt jener Riege junger Alphamänner hat erst einmal die weltweit grassierende Gefahr des Rechtspopulismus in den Hintergrund gerückt. „Lauter kleine Kennedys“ hat sie die Süddeutsche Zeitung dieses Jahr genannt. Eine politische Boyband. Eine Gruppe von Hoffnungsträgern. Doch für was stehen sie? Gibt es auch eine politisch übergeordnete Linie?

Allesamt sind sie Produkte der jeweiligen politischen Systeme ihrer Länder. Der älteste im Bunde, Kanadas Premierminister Trudeau, ist ein Erbe seine Vaters Pierre Trudeau, der selbst einmal Regierungschef des zweitgrößten Flächenstaates der Erde war und Galionsfigur der liberalen Partei. Renzis Aufstieg geht einher mit dem Wandel des Partito Democratico zum Sammelbecken der politischen Mitte Italiens. Und Macron als ehemaliges Mitglied des französischen Parti Socialiste gründete selbst seine erfolgreiche Bewegung „En Marche“ jenseits von links und rechts. Seit er als Frankreichs Präsident das Zepter schwingt, hat er gemäßigte Vertreter aller politischen Himmelsrichtungen um sich gesammelt.

Auch Christian Lindners Erfolg basiert auf Trümmern. Nachdem seine FDP 2013 aus dem deutschen Bundestag flog, galt die traditionsreiche liberale Partei bereits als politisch erledigt. Lindner hat sie wieder aufgemöbelt und sie zu seinem politischen Erfolgsvehikel gemacht. Weniger Inhalt als persönliche Marketingkiste mit einem Erfolgsrezept, das seinen Namen trägt: Lindner. Bei Kurz verhält es sich etwas anders: Als konservativer Außenminister einer Großen Koalition verschaffte er sich mit Positionen gegen Flüchtlinge ein Standing, das seine ÖVP reif für ein Bündnis mit den rechtspopulistischen Freidemokraten machte. Dafür musste er seiner Volkspartei erst einen neuen Anstrich verpassen.

Die europäischen Jung-Kennedys, außer Bettel, sind also aus den Überbleibseln von mehr oder weniger ramponierten Parteien auferstanden. Bis auf Kurz handelt es sich bei Macron und Co. um einen Haufen liberaler Pro-Europäer oder zumindest um Politikern, die eine neue Idee für Europa auf ihre Fahnen geschrieben haben, allen voran Macron, der dem alten Bündnis neues Leben einhauchen möchte. Ihr Weg ist weder links noch rechts, sondern ab durch die Mitte, „mittenrein ins Glück“, wie Patrick Lindners neues Album heißt, ohne sich zu sehr auf der Flucht nach vorne aufzureiben. Im Fußball würde man von einer „hängenden Spitze“ sprechen. Wie „Bambi“ Lindner – „Der Rückkehrer“ (FAZ) – und bald vielleicht auch Renzi verfügen sie über ausgeprägte Comeback-Qualitäten, also politisches Stehvermögen und können auch meistens gut miteinander: Macrons Partei „La République en marche“ neigt zur FDP als Partnerpartei auf europäischer Ebene; auch Lindner lobte den Franzosen nach dessen Wahl. Mit den liberalen Premiers Bettel und Charles Michel (vom belgischen Mouvement Réformateur) sieht sich Macron in einer „Koalition der Willigen“.
Nur Premier Bettel musste nicht durch eine parteipolitische Trümmerlandschaft klettern. Seine DP hat sich in der Luxemburger Politik stabil gehalten, auch wenn nach dem Aufstieg der blau-rot-grünen Koalition nicht alles glatt verlief. Bettels Regierung steht für eine ganze Reihe gesellschaftspolitischer Reformen, die das Land brauchte. Ob die jungen Musketiere Europa damit in die Zukunft führen können? Macron braucht starke Partner gegen die nationalistischen Ewiggestrigen. Die Liberalen haben jedenfalls nicht auf alles eine Antwort. Am wenigsten auf das tektonische Rumoren in den von sozialen Verwerfungen und zunehmender Heterogenität geprägten Gesellschaften des Kontinents.

Stefan Kunzmann

Journalist

Ressorts: Politik, Investigativ, Aktuelles

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Author: Martine Decker

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